27. März 2007, 11:24 Uhr Von Emiliano Bos
Balkan
Die letzte Reise der Opfer des Kosovo-Kriegs
In New York ringt die UN um die Unabhängigkeit des Kosovo. Vor der Entscheidung kehren hunderte Serben noch einmal zurück, um ihre Toten nach Hause zu holen. Währenddessen warten viele Kosovaren noch immer darauf, ihre Kriegsopfer überhaupt beerdigen zu können.
Foto: APSerbische Nationalisten demonstrieren gegen die Unabhängigkeit des Kosovo

Die schwarzen Grabsteine aus glänzendem Granit stehen im kniehohen, trockenen Unkraut, als habe sie dort jemand vergessen. Die Sonne scheint, und trotzdem liegt das Gräberfeld in einem fahlen Licht. Vielleicht, weil Blumen und Kränze fehlen, ewige Lichter, Menschen. Nur an einem einzigen Grab machen sich ein paar Männer zu schaffen. Auf dem kleinen Holzkreuz davor steht in kyrillischer Schrift: Stana Kostic, 1935-1999. Neben dem Kreuz steht ihr Witwer, Krulislav Kostic, 73. Sie waren 40 Jahre verheiratet. Weiterführende links
Ahtisaari empfiehlt unabhängiges Kosovo Einige Tage, nachdem die ersten Bomben der Nato auf das Kosovo fielen, hatte sie einen Herzinfarkt. Er beerdigte sie auf dem christlich-orthodoxen Friedhof am Rande von Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, und verließ das Land einige Monate später. Zusammen mit ihm gingen mehreren Zehntausend andere Serben. Jetzt kommen viele ein letztes Mal zurück, um ihre Toten zu holen. Nach dem Exodus der Lebenden folgt nun jener der Toten. 2006 haben schon sechs Familien ihre verstorbenen Angehörigen aus Pristina nach Serbien umbetten lassen. Dieses Jahr waren es bereits drei. Weitere zehn Serben werden in Pec aus der Erde geborgen. Schlagworte
Kosovo Balkan Serbien Albanien UN-Sicherheitsrat „Warum sollte ich meine Frau auf diesem Stück Land zurücklassen?“, fragt Krulislav Kostic und schaut zu, wie ein Totengräber seinen Spaten in die trockene, fahle Erde treibt. An Rande des Friedhofs warten bereits zwei Angestellte einer Beerdigungsfirma. Krulislav Kostic glaubt nicht an die Zukunft des Kosovo, die demnächst vom UN-Sicherheitsrat beschlossen werden soll. Zumindest nicht an eine Zukunft für die Serben in dem Land, dessen ethnischer Konflikt schätzungsweise 10.000 Todesopfer forderte, auf beiden Seiten.
Zwei Stunden dauert die Exhumierungs-Zeremonie
Zur Exhumierung sind auch zwei Polizisten erschienen, ein Funktionär der Stadtverwaltung und ein Amtsarzt. Alle sind Albaner. Alle unterhalten sich während der zweistündigen Zeremonie auf Serbisch. Es ist die Sprache eines Landes, das eigentlich nur noch auf den Fotos und in Erinnerungen wie denen von Krulislav Kostic existiert. Kostic lebt heute in Mladenovac in Serbien, zusammen mit seinen drei Kindern. „44 Jahre habe ich in Pristina gelebt, 38 Jahre im Heizkraftwerk von Obilic gerabeitet“, sagt er. Er findet, „zu Titos Zeiten“ sei das Zusammenleben besser gewesen. „Mein Chef war Albaner, wir verstanden uns gut und sind oft zusammen einen trinken gegangen.“ Von seiner Zeit im Kosovo bleiben ihm 310 Euro Rente im Monat „und ein Fotoalbum, das ich jeden Abend vor dem Schlafengehen durchblättere. So kann ich wenigstens in der Erinnerung in meine Heimat zurückkehren.“ Stana Kostic tritt ihre allerletzte Reise im Zinksarg in einem roten Ford Transit der Beerdigungsfirma Skorpjon von Zoran Radosalje an. Auf diese Weise die letzte Verbindung zur Heimat zu kappen, ist nicht ganz einfach. Die Umbettung kostet rund 500 Euro und erfordert eine Menge komplizierter Amtsgänge. Doch das Geschäft mit den Hinterbliebenen kennt keine ethnischen Grenzen. In Pec sind es Albaner, die den Transport der serbischen Leichen organisieren. Haxhi Zeqiri leitet die Firma „Dardania”, sie ist benannt nach dem alten Name des Landes. Die heutige Regierung von Pristina würde diesen Namen gern auf die Nationalfahne des Kosovo bringen.
Eine Brücke als Epizentrum des Hasses
Mitrovica. Auf dem Balkan sind Flüsse und Brücken immer auch Symbole. Eines des geschichtsträchtigsten ist die Brücke von Mitrovica. Im Kosovo-Konflikt war sie das Epizentrum des Hasses. Erst umkämpft, später verbarrikadiert und dann lange durch gepanzerte Militärfahrzeuge der Franzosen bewacht. Die Brücke führt über den Fluss Ibar, der die Stadt teilt: in Mitrovica-Nord und Mitrovica-Süd. In einen Stadtteil, in dem mit Dinar bezahlt wird wie in Belgrad und die Zeitungen auf Kyrillisch erscheinen. Und in einen Teil, wo man mit Euro bezahlt und sich auf Albanisch informiert. Dazwischen ist nichts. Außer dem Fluss und der Brücke. Die Brücke wird momentan von der internationalen Gemeinschaft saniert, wenn auch nach einem eigenwilligen Entwurf. Zwei enorme, in sich gewundene Betonbänder ziehen sich nun darüber, die nachts angestrahlt werden wie die Bühne eines Rockkonzerts. Heute gibt es hier nur noch normale Polizeikontrollen. Auch die serbischen Posten sind verschwunden, die am nördlichen Ende Wache schoben für den Fall eines albanischen Angriffs. Doch der Fluss bleibt die „informelle“ Grenze zu Serbien. „Der Plan der Vereinten Nationen ist nur der erste Schritt, danach wird ein Groß-Albanien geschaffen“, prophezeit düster Milan Ivanovic, der Direktor des serbischen Krankenhauses in Mitrovica-Nord. Sein Arbeitsplatz ist gleichzeitig Parteibüro, Fahnen und Transparente stapeln sich. Eines trägt die Aufschrift „Serbian army in Serbian Kosovo“. „Im vergangenen Januar haben die radikalen und nationalistischen Parteien die Wahlen zum Lokalparlament haushoch gewonnen, indem sie die Angst der Menschen ausnutzten“, sagt Oliver Ivanovic, ein Vertreter der moderateren Serben im Kosovo, und fügt hinzu: „Es gibt Leute, die die Stabilität im Kosovo nicht wollen, zum Beispiel Kriegsveteranen, die aus der Politik und der Wirtschaft ausgeschlossen wurden. Oder auch junge Politiker wie Albin Kurti“. Der ehemalige Studentenführer war im Februar bei Auseinandersetzungen mit der Polizei festgenommen worden. Seine Organisation „Selbstbestimmung“ fordert den sofortigen Abzug der Unmik.
Viele albanische Familien leben mitten im Feindesland
Nach dem Plan der UN soll die neue „Grenze“ des Kosovo durch Mitrovica verlaufen. In Mitrovica-Nord und Umgebung wohnen heute rund 50.000 Serben, weitere 60.000 leben in Enklaven überall im Land. In Mitrovica soll es künftig zwei Verwaltungen geben, eine albanische und eine serbische – eine offene Wunde mitten in Europa. Nach dem UN-Plan soll der albanische Stadtteil im Süden auch Gebiete jenseits des Flusses einschließen, die bisher zum serbischen Stadtgebiet gehören. Allerdings gehören dazu wiederum nicht die „drei Türme“, drei graue Plattenbauklötze, die auch Symbole des Kosovo sind: Bis heute leben darin viele albanische Familien, sozusagen mitten im „Feindesland“, in schlimmen Zeiten hinter Stacheldraht. Viele von ihnen bereiten sich nun darauf vor, auszuziehen. „Meine Nachbarn habe ihre Wohnung schon verkauft“, sagt Florent Hysenas. 35.000 Euro hätten Serben für die Wohnung bezahlt, weit mehr als der übliche Marktpreis. Möglich, dass solche Käufer aus Belgrad bezuschusst werden, wo man an homogenen serbischen Vierteln im Kosovo interessiert ist. Doch das ist schwer zu beweisen. Auch im Viertel „Mala Bosna“, Klein-Bosnien, steht eine Handvoll Häuser in der serbischen Zone zum Verkauf. Bisher leben hier auch Albaner, Bosnier, Kroaten und Türken. Manche wollen bleiben. „Wir leben hier schon immer mit Serben und das ohne Probleme“, sagt Najm Saiti, 26. Er ist arbeitslos, so wie gut 60 Prozent aller Kosovaren. Die Arbeitslosigkeit gehört zu den Aspekten, die alles Kosovaren vereinen, egal welcher Herkunft. Gracanica. Es fehlt an Arbeit, aber nicht an Waffen. Laut Unmik sind im Kosovo bis heute rund 350.000 bis 400.000 illegale Handfeuerwaffen im Umlauf. 600 deutsche Soldaten sind jüngst zu den ohnehin schon 16.000 Kfor-Soldaten gestoßen. Rund um Pristina wurden Posten verstärkt, sie stehen in einem Viertel mit neuen, großen Einkaufszentren. Angeblich werden hier auch Erlöse des Drogenhandels gewaschen. Acht Kilometer vor der Hauptstadt bewachen Kfor-Soldaten in der serbischen Enklave Gracanica das historische orthodoxe Kloster aus dem 14. Jahrhundert. Seit 1999 sind mehr als 150 religiöse Stätten im Kosovo zerstört worden. „Haben Sie die Kirche gesehen? Acht Jahre nach dem Krieg wird sie immer noch von Soldaten bewacht“, empört sich die serbische Politikerin und Ärztin Rada Trajkovic, die in Gracanica wohnt. Am Kiosk vor dem Kloster werden zwischen Heiligenbildchen auch Fotos der serbischen „Kriegshelden“ verkauft: Ratko Mladic und Radovan Karadzic, seit zwölf Jahren gesucht wegen Kriegsverbrechen in Bosnien. Das kommentiert sie nicht. „Das Problem des Kosovo“, sagt Rada Trajkovic, „ist nicht die Unabhängigkeit, sondern die Kultur der Illegalität von bewaffneten Gruppen wie der UCK, die inzwischen Teil einer legalen Regierung sind. Wir müssen begreifen, dass das ethnische Prinzip der Vergangenheit angehört“. Was das bedeutet, kann man tagtäglich beim Bäcker von Gracanica erleben: Bibo Lekaj, 35, ist Albaner. Seine Kunden sind Serben, und das war schon immer so, seit sein Vater Nik die Bäckerei vor 30 Jahren gründete. In dem Gärtchen neben dem Laden hat er einen kleinen Holzofen gebaut, darum stehen Tischchen mit karierten Decken. Das Schweinefleisch, das Bibo Lekaj grillt, kommt aus Serbien. „Aus der Vojvodina“, sagt er stolz, „von dort kommt das beste Fleisch aus ganz Ex-Jugoslawien“.
Vater der Unabhängigkeit
Pristina. „Vater der Unabhängigkeit des Kosovo“ steht auf dem überlebensgroßen Porträt des 2006 gestorbenen ehemaligen Präsidenten Ibrahim Rugova. Es hängt an einem Haus am Mutter-Teresa-Platz in Pristina. In der Hauptstadt des Kosovo gilt die Unabhängigkeit schon als abgemacht. Etwas weiter liegt der Bill-Clinton-Boulevard. Die Straße trägt den Namen zu Ehren des Politikers, der aus Sicht der Kosovo-Albaner 1999 das Land mit Nato-Bomben „befreite“. Die Straße dominieren momentan riesige Plakate mit großem, roten „R“ auf weißem Grund. Dazu der Schriftzug: „Me Ramushin“ („wir sind für Ramush“). Die Werbekampagne ist für den Ex-Premier Ramush Haradinaj, der im Untersuchungsgefängnis in Den Haag sitzt. Dort wird ihm wegen Kriegsverbrechen der Prozess gemacht. Der ehemalige Kämpfer der UCK, der Befreiungsarmee des Kosovo, steht im Verdacht, sein Vermögen mit Waffen- und Benzinschmuggel gemacht zu haben. Noch sind längst nicht alle Verbrechen im Kosovo aufgeklärt und werden es wohl auch nie sein. „Wenn Serbien offiziell um Entschuldigung bittet, könnten wir als UCK es auch tun, obwohl wir eine Guerilla waren und nicht offizielle Truppen des Staates“, stellt Bajram Rexhepi in Aussicht. Er war der erste Regierungschef des Kosovo nach dem Konflikt und ist ebenfalls einstiger UCK-Kämpfer. Dass das Kosovo bereit sei für die Unabhängigkeit, sieht auch Shkelzen Maliqi so, prominenter Schriftsteller und politischer Beobachter in Pristina: „Die UN hat uns geholfen, Regeln und Infrastruktur wieder herzustellen“, sagt er und fügt hinzu: „Wir sind das jüngste Land Europas.“ Der Satz hat einen doppelten Sinn. Von den schätzungsweise knapp zwei Millionen Einwohnern sind ein Drittel unter 15 Jahre alt, nur sechs Prozent über 65 Jahre. Rund 400.000 Kosovo-Albaner leben als Flüchtlinge und Emigranten im Ausland. 2000 Personen werden immer noch vermisst. Von vielen bleiben wohl nur noch Fotos, wie die 297 Bilder, die am Sitz des Präsidenten hängen und dort langsam verblassen. Eines von ihnen zeigt Sokol Berisha aus Gjakova im Südwesten des Kosovo, er wäre im Juni 50 Jahre alt geworden. Während die Serben ihre Toten ausgraben und in neue Gräber legen, warten viele Kosovaren nach wie vor darauf, ihren Verwandten überhaupt beerdigen zu können.