Bergoglio bei seiner ersten Messe (am 14. März): Christliche Wahrheit attraktiv



Der Vatikan bestreitet "mit aller Deutlichkeit", dass der Papst zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur Verstöße gegen die Menschenrechte gebilligt habe. Kritiker hatten entsprechende Vorwürfe erhoben. Franziskus selbst hielt eine Audienz mit den Kardinälen - und geriet dabei kurz ins Stolpern.

Rom - Der Vatikan hat Anschuldigungen gegen den Papst "mit aller Deutlichkeit" zurückgewiesen. Kritiker hatten Franziskus vorgeworfen, die Menschenrechtsverletzungen der argentinischen Junta in den siebziger und achtziger Jahren gebilligt zu haben. Vatikansprecher Federico Lombardi sagte, die Anschuldigungen stammten von linken Kräften, die der Kirche schaden wollten.

Kritiker werfen dem neuen Papst vor, er habe während der Diktatur von 1976 bis 1983 Mitbrüder nicht ausreichend geschützt, die sich der Junta widersetzten. Außerdem wird Franziskus vorgeworfen, er habe nicht ausreichend Stellung bezogen zur Komplizenschaft der Kirche mit dem Militär. Franziskus soll zwei Jesuiten nicht vor der Verschleppung durch das Militär geschützt haben. Bergoglio selbst sagte, er habe sie vor den Gefahren gewarnt und bei der Militärjunta für sie vorgesprochen, aber wenig Einfluss gehabt. Die zwei Jesuiten - einer von ihnen der in einem Exerzitienhaus in Oberfranken lebende Franz Jalics - wurden nach fünf Monaten Haft und Folter freigelassen.Jalics hat sich inzwischen mit Bergoglio versöhnt. Er habe sich mit Bergoglio getroffen, sagte der Sprecher der deutschen Jesuiten-Ordensprovinz. Jalics unterhielt sich demnach mit Bergoglio über die Geschehnisse - Jahre nach der Befreiung und nachdem er Argentinien verlassen hatte. "Danach haben wir gemeinsam öffentlich Messe gefeiert und wir haben uns feierlich umarmt. Ich bin mit den Geschehnissen versöhnt und betrachte sie meinerseits als abgeschlossen", heißt es in der Mitteilung Jalics.
Zur genauen Rolle Bergoglios während der Inhaftierung könne er heute keine Stellung beziehen, so Jalics. Er wünsche "Papst Franziskus Gottes reichen Segen für sein Amt".
Audienz mit Kardinälen
Am Vormittag hielt der neue Papst eine erste Audienz mit den Kardinälen. Er knüpfte dabei an die Worte des alten Papstes an. Franziskus betonte die Bedeutung von Brüderlichkeit und Kollegialität, der Notwendigkeit, an einem Strang zu ziehen. "Jeder kann die Gegenwart Gottes in seinem Handeln ausdrücken", sagte er. In seiner letzten großen Messe am Aschermittwoch hatte auch Benedikt XVI. auf die Bedeutung der Gemeinschaft innerhalb der Kirche hingewiesen und Rivalitäten angeprangert.
Franziskus hat von Benedikt eine Kirche geerbt, die mit vielen Problemen zu kämpfen hat - unter anderem Misstrauen und Missgunst in den eigenen Reihen, wie die Veröffentlichung von Geheimdokumenten in der Vatileaks-Affäre offenbarte. Es waren nicht böse Mächte von außen, die der Kirche schadeten. Es waren ganz offenbar Menschen aus dem innersten Führungszirkel.
So ist es wenig verwunderlich, dass der neue Papst die Kardinäle bei ihrem Zusammentreffen an diesem Freitagmorgen auf den Zusammenhalt eingeschworen hat. Zuletzt hatte die Kirche sich vor allem mit einem beschäftigt: sich selbst.
Die Skandale der vergangenen Jahre und die Papst-Zentrierung hatten ihre Botschaft aus dem Blick geraten lassen. Auch dieses Problem benannte der neue Papst: Er stellte die Gemeinschaft und den Glauben an Christus in den Mittelpunkt, sprach von der "Schönheit der kirchlichen Realität". Franziskus ermunterte zur Verkündung des Glaubens. Die christliche Wahrheit sei attraktiv, sagte er. Die Kirche müsse Jesus Christus zu den Menschen bringen und die Menschen zu Jesus Christus.
Auf Deutsch zitierte der Papst während der Audienz Hölderlin: "Es ist ruhig das Alter und fromm." Das Alter sei der Sitz der Lebensweisheit, sagte er und appellierte an die überwiegend älteren Kardinäle, den Austausch mit jüngeren Generationen zu suchen. "Wie einen guten Wein, der reift, sollten wir die Botschaft an die jungen Menschen weitergeben."
Zu Beginn der Audienz war Franziskus kurz aus dem Tritt geraten und gestolpert. Er konnte sich aber schnell wieder fangen und stürzte nicht.
AP/ Vatican TV
Stolpernder Papst: Franziskus hat sich sofort wieder gefangen


Debatten während des KonklavesFranziskus ist 76 Jahre alt, 2010 erholte er sich nur langsam von einer Grippe. Beobachter rechneten Erzbischof Bergoglio auch deshalb nicht zum engeren Kreis der Papabili: Seine Gesundheit galt als angeschlagen. Man zweifelte an seiner Kraft und seinem Mumm, die Reformen innerhalb der Verwaltung des Heiligen Stuhls anzugehen.
Tatsächlich waren Gesundheit und Alter des Erzbischofs Thema während des Konklaves. "Das war wirklich eine Frage für die Kardinäle, nachdem ein Papst aus Gründen des Alters und fehlender Kraft zurückgetreten ist", sagte der französische Erzbischof Jean-Pierre Ricard. Man habe diskutiert, ob man nicht einen jüngeren Papst wählen solle. Die Kardinäle hätten sich aber an die Geschichte erinnert "und an Päpste wie Johannes XXIII., die im hohen Alter gewählt wurden und deren Pontifikate richtungweisend für die Zukunft der Kirche waren". Papst Franziskus war als jungem Mann bei einer Operation ein Teil eines Lungenflügels entnommen worden. Dies sei aber keine Beeinträchtigung im täglichen Leben, teilte der Vatikan mit.
Benedikt habe die Kirche bereichert
Die Wahl des Argentiniers zeichnete sich im Konklave offenbar schnell ab. "Es hat sich jenseits aller Spekulationen im Vorfeld im Konklave eine eigene Dynamik entfaltet. Es hat keine großen Diskussionen mehr gegeben", sagte der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki der "Passauer Neuen Presse". Die Wahl sei keine Überraschung gewesen, bestätigte auch der spanische Kardinal Carlos Amigo. "Seine Persönlichkeit war bei den Zusammenkünften der Kardinäle sehr präsent, und sein Name wurde häufig genannt." Es heißt, Bergoglio sei wegen seiner Bescheidenheit im Kreis der Kardinäle sehr beliebt gewesen.

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Franziskus ist der erste Jesuit, der das Amt des Papstes übernimmt. Pomp und Personenkult sind ihm fremd. In seiner Heimat Buenos Aires verzichtete er auf den Bischofssitz und wohnte stattdessen in einem Apartment. Bergoglio reagierte im Konklave laut Kardinal Amigo auf seine Wahl, indem er humorig sagte: "Möge Gott euch vergeben, was ihr getan habt."Bergoglio galt bereits 2005 als Favorit für die Papstwahl, auf ihn sollen damals viele Stimmen entfallen sein. Zugunsten Joseph Ratzingers zog er sich schließlich zurück und ermöglichte so die Wahl Benedikts XVI. Schon in seinen ersten Auftritten machte Franziskus deutlich, welche große Bedeutung er seinem Vorgänger beimisst: Er betete für ihn auf der Benediktionsloggia und dankte ihm auch nun in der Audienz. "Wir spüren, dass Benedikt in unseren Herzen eine Flamme entzündet hat", sagte Franziskus. Benedikt habe die Kirche mit seinem Glauben, seiner Demut und Milde bereichert.
In den kommenden Tagen will Franziskus seinen Vorgänger in der Residenz Castel Gandolfo besuchen. Benedikt XVI. hatte angekündigt, sich nicht einmischen zu wollen - trotzdem dürfte seine Präsenz das Pontifikat mit prägen. Beobachter gehen davon aus, dass Franziskus den Austausch mit Benedikt suchen wird.

Vatikan weist Anschuldigungen gegen Papst zurück - SPIEGEL ONLINE