Zuhören statt abhören

Münchner Politiker reisen nach Bosnien, um sich über das Zusammenleben mit Muslimen und die Ausbildung von Imamen zu informieren

Von Monika Maier-Albang

Nur einmal in diesen vier Tagen rutscht dem Penzberger Imam Benjamin Idriz eine Bemerkung heraus, die etwas bitter klingt. Es ist der zweite Abend in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Der Großmufti von Kroatien, Sefko Omerbasic, hat eine achtstündige Anfahrt von Zagreb auf sich genommen, um die Delegation aus München in Sarajevo treffen zu können. Politiker aller Landtagsfraktionen und des Münchner Stadtrats sind hierhergekommen, um sich ein Bild zu machen, wie eine mögliche Ausbildung von Imamen und islamischen Religionslehrern in München künftig aussehen könnte. Zusammengetrommelt hat die Reiseteilnehmer Münchens grüner Bürgermeister Hep Monatzeder; die Ursprungsidee aber stammt von Benjamin Idriz, der in München ein "Zentrum für Islam in Europa" aufbauen will.

Gerade hat Omerbasic davon berichtet, welche Rechte der Staatsvertrag in seinem Land der muslimischen Minderheit zusichert. Obwohl nach seiner Rechnung nur etwa zwei Prozent der Kroaten Muslime sind, habe die Eheschließung durch eigens bestellte Imame Gültigkeit; es gebe Seelsorger in Gefängnissen und beim Militär, eine Islamische Fakultät sei in Zagreb im Aufbau, der Staat zahle die Gehälter der islamischen Religionslehrer und Imame besäßen eine gewisse Immunität: Vor einer Festnahme müsse die oberste muslimische Instanz im Land, also er, angehört werden, erzählt der Großmufti. In dem Moment kann sich Benjamin Idriz einen leisen Anflug von Galgenhumor nicht verkneifen: "Bei uns werden sie abgehört."

Falscher Verdacht

Der Penzberger Imam ist seit dem vergangenen Sommer bemüht, seine Reputation wiederherzustellen. Damals hatte das bayerische Innenministerium ihn als verkappten Islamisten öffentlich vorgeführt. Dann stellte sich heraus, dass das belastende Schreiben, das Verfassungsschützer offenbar auf seinem PC abgefangen und ihm zugeordnet hatten, gar nicht von Idriz stammte. Dennoch stehen Mitarbeiter des Innenministeriums dem Imam und Vorstand der Penzberger Gemeinde nach wie vor skeptisch gegenüber. Idriz wiederum besucht seit Monaten Politiker und lädt sie in die Moschee nach Penzberg ein, um dort geleistete Integrationsarbeit zu zeigen, für die er von zahlreichen CSU-Politikern Dankesschreiben erhalten hat. Auf Einladung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung hat er im Dezember sogar in Wildbad Kreuth gesprochen. Er will Vertrauen aufbauen - und für sein Projekt werben.
Seine Vision ist ein "Zentrum für Islam in Europa - München" (ZIEM), eine Stätte, an der die Religionen miteinander ins Gespräch kommen sollen und wo die Integration der Muslime unter anderem dadurch vorangebracht werden soll, dass Imame in deutscher Sprache und mit wissenschaftlichem Anspruch ausgebildet werden. Was der Penzberger Imam beweisen will, ist, dass man Europäer, überzeugter Demokrat - und ein guter Muslim sein kann. Dass ein "Euro-Islam" nicht die Absicht hat, Europa zu islamisieren, sondern dass diese Religion ein ergänzender, befruchtender - und ein längst gelebter Teil Europas ist.

In Bosnien, das soll die Reise auch vermitteln, sind Juden, Christen, Muslime über Jahrhunderte meist gut miteinander ausgekommen. Und trotz des Krieges, der das Land zwischen 1992 und 1995 verwüstete, funktioniere das Zusammenleben wieder, sagt der Weihbischof von Sarajevo, Pero Sudar. Wenn auch nicht mehr auf die "natürliche, selbstverständliche Art" wie zuvor.

Die Reise nach Sarajevo zum Auftakt des neuen Jahres hat die Stelle für Interkulturelle Arbeit im Münchner Sozialreferat organisiert. Gefolgt sind der Einladung von Bürgermeister Hep Monatzeder Politiker aus dem Münchner Stadtrat und aus den Landtagsfraktionen - parteiübergreifend. Von der SPD nahmen Yasar Fincan und Isabell Zacharias teil, von der CSU der Münchner Fraktionschef Josef Schmid und Martin Neumeyer, der in der CSU-Landtagsfraktion die Arbeitsgruppe "Integration und Islam" leitet. Die Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen, Margarete Bause, und die grüne Stadträtin Demirel Gülseren reisten mit, Nadja Hirsch und Georg Barfuß für die FDP, Michael Piazolo für die Freien Wähler. Wissenschafts- und Sozialministerium hatten je einen Abgesandten geschickt, ebenso das Bundesamt für Migration, Eugen-Biser- und Hanns-Seidel-Stifung, Münchner Muslimrat und der Muslimische Elternverein der Landeshauptstadt. Evangelische Landeskirche und Münchner Erzbistum waren mit ihren Referenten für Interreligiösen Dialog vertreten. Nur zwei Angefragte hatten darauf verzichtet, mitzukommen: die Israelitische Kultusgemeinde - und das Innenministerium.

Dabei birgt schon der Besuch in der jüdischen Gemeinde in Sarajevo eine erste Überraschung. Eine Pförtnerin sitzt am Eingang, sonst bewacht hier niemand die Synagoge und das kleine Gemeindezentrum, das zur Mittagszeit kostenlos Essen an rund 40 bedürftige Gemeindemitglieder ausgibt. Zudem unterhält die Gemeinde ein "Home-Care-Programm", das 500 Menschen, darunter auch viele Muslime, in Sarajevo versorgt - dank eines finanzkräftigen jüdischen Sponsors aus den USA. Seit 500 Jahren sei man Teil dieser Stadt, sagt der Gemeindevorsteher Boris Kozimjakin. Und man lebe hier "wie alle anderen Bürger auch" - Bedrohung oder Schmierereien an den Wänden habe es seit Ausbruch des Krieges in Gaza nicht gegeben. Und dann sagt Kozimjakin etwas, das für Münchner Ohren ungewohnt klingt: Die Juden in Sarajevo hätten während der Belagerung der Stadt in den 90er Jahren genauso gelitten wie die Muslime. "Wir können das Leid der zivilen Opfer in Gaza also gut nachvollziehen". Die Gemeinde bete dafür, dass die Kämpfe aufhören. "Was dort passiert, ist nicht hinnehmbar."

An den Krieg vor der eigenen Haustür fühlen sich dieser Tage, da das russische Gas ausbleibt, ohnehin viele Menschen in Sarajevo erinnert. Wer keine Elektroradiatoren ergattert hat, muss in seiner Wohnung frieren. Auch im Empfangszimmer des Großmuftis von Bosnien-Herzegowina, Mustafa Ceric, rattert eine alte Heizung. Ceric erzählt erst einmal einen Witz - und erklärt den verblüfften Zuhörern dann begeistert Adenauers Verständnis vom Staat-Kirche-Verhältnis. Der in Deutschland für seine Integrationsbemühungen geschätzte und mit Ehrungen überhäufte Ceric bekleidet innerhalb der islamischen Welt das einmalige Amt des "Reis ul-Ulema", des "Führers der Gelehrten". Der österreichische Kaiser Franz Joseph I. schuf das Amt 1878, weil er einen Ansprechpartner in der größten Bevölkerungsgruppe des Landes haben wollte. Von Anfang an war der Reis ul-Ulema der höchste religiöse Führer, gleichzeitig aber auch politischer Repräsentant der Muslime von Bosnien-Herzegowina, die seit dem Balkan-Krieg auch in der Stadt Sarajevo die Mehrheit stellen. Denn die meisten der orthodoxen Serben leben jetzt im zur Republika Srpska gehörenden Ost-Teil der Stadt.

Die Muslime in Deutschland, so das Credo von Ceric, brauchen einen Repräsentanten. "Damit sie jemanden haben, der für sie spricht." Man solle dies nicht als Bedrohung begreifen, sondern als Chance, "ein Gegengewicht zu radikalen islamischen Stimmen". Dabei weiß Ceric um die Stolpersteine auf dem Weg zur Institutionalisierung: die Zersplitterung der deutschen Muslime in unzählige Vereine, die um den Verlust ihrer eigenen Souveränität fürchten, die vielen Herkunftsländer, mit denen sich vor allem die erste Zuwanderergeneration identifiziert. "Richtet euren Blick auf die zweite und dritte Generation", empfiehlt Ceric den deutschen Gästen. Er hält es offenbar für ratsam, dass der deutsche Staat mit sanftem Druck den Muslimen zu ihrem Glück verhilft. Als sein Amt damals vom österreichischen Kaiser eingeführt worden sei, seien auch "80 Prozent der Muslime dagegen" gewesen, sagt Ceric. Heute sei das Amt voll akzeptiert.
Nun mag das Amt heute zwar unumstritten sein, der Amtsinhaber ist es nicht. Vor allem säkulare Bosnier halten Ceric vor, dass er sich zu stark in die Politik einmischt und seinen großen Einfluss nun auch nach außen durch den Bau einer teuren neuen Dienstsitzes dokumentieren möchte. Kurz nach Weihnachten gingen in Sarajevo Tausende auf die Straße, um dagegen zu protestieren, dass die muslimische Verwaltungsdirektorin der Kindergärten den Weihnachtsmann aus den staatlichen Kindertagesstätten verbannt, dafür aber islamische Unterweisung eingeführt hatte. Eine Neuerung, für die die Demonstranten Ceric verantwortlich machten. Das parteipolitisch unabhängige Wochenmagazin Dani karikierte den Großmufti denn auch mit weißem Rauschebart. Ceric nimmt solche Kritik einerseits gelassen hin: In seinem Empfangsraum steht gerahmt eine andere Dani-Karikatur. Nur: Interviews gibt er der Zeitschrift nicht.

Das Amt des Reis, das Ceric gern europaweit eingeführt sähe, taugt wegen der politischen Verquickung also wohl nur bedingt als Vorbild für Deutschland. Umso interessanter ist die Arbeit der Islamisch-Theologischen Fakultät von Sarajevo, die sich nach Kräften bemüht, ihre Studenten nach europäischem Standard - und unabhängig von der Einflussnahme islamischer Autoritäten - auszubilden. Die Fakultät, deren Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, ist seit 2004 formal-rechtlich Teil der staatlichen Universität Sarajevo und damit ebenso strukturiert wie die Theologischen Fakultäten in Deutschland. Nicht nur dies sei europaweit einzigartig, sagt der Religionswissenschaftler Stefan Schreiner von der Universität Tübingen, die seit einem Jahr mit der bosnischen Uni kooperiert. Schreiner hebt auch hervor, dass die Fakultät sich von Anfang an am Bologna-Prozess, also an der Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens beteiligt habe - und das, obwohl Bosnien-Herzegowina nicht Teil, sondern Protektorat der EU ist.
Die Fakultät bietet nach einem achtsemestrigen Studium einen Bachelor in islamischer Theologie sowie in islamischer Religionspädagogik an. Zudem gibt es einen sechs Semester dauernden Studiengang für Imame und Prediger, Hatiben genannt. 1996 beschloss die islamische Gemeinschaft von Bosnien-Herzegowina, dass alle Imame einen akademischen Abschluss haben müssen. Auch Imame, die bereits im Berufsleben stehen, müssen sich nachqualifizieren. Männer und Frauen studieren in dem schönen neomaurischen Gebäude am Rande der Altstadt von Sarajevo gemeinsam. Die Frauen werden nach Abschluss ihres Studiums meist Religionslehrerinnen oder gehen als Religionsgelehrte in islamische Einrichtungen. Viele der hier ausgebildeten Imame wandern allerdings, weil sie in Bosnien keine Anstellung finden, in die "Diaspora" aus, wie es Dekan Ismet Busatlic ausdrückt: nach Kroatien, Slowenien, Österreich, Deutschland, aber auch in die USA und nach Australien.

Keine Einflussnahme

Die Professoren der Islamisch-Theologischen Fakultät beteuern, dass weder der Großmufti noch irgendwelche ominösen saudischen Geldgeber, nach denen die Reiseteilnehmer fragen, Einfluss auf die Studieninhalte nehmen. Der Emir von Katar habe zwar den Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Gebäudes finanziert, "aber das war"s dann auch", sagt der Dekan. Die meisten der knapp 30 ordentlichen Professoren haben einen Abschluss sowohl an einer bedeutenden islamischen als auch an einer europäischen Universität. Zum Curriculum gehört eine Einführung in jüdische und christliche Theologie, gehalten von jüdischen und christlichen Gastprofessoren. Die Fakultät bietet zudem einen Vier-Monatskurs in "Islamic-Studies" in englischer Sprache an, der sich unter den ausländischen Diplomaten in der Stadt großer Beliebtheit erfreut. Der Tübinger Professor Schreiner preist die Fakultet islamskih nauka in Sarajevo denn auch als "bedeutendste Stätte höherer islamischer Bildung, Ausbildung, Forschung und Lehre" in Europa. Schade sei nur, dass sie in der "westlichen Welt" praktisch kaum wahrgenommen werde. Aber das kann sich ja ändern. Der Koran-Experte Enes Karic jedenfalls, der an der Fakultät lehrt, ist derzeit Allianz-Gastprofessor an der Universität München (LMU).

Am Ende der Reise stehen keine greifbaren Beschlüsse. Die Politiker wollen sich erst "rückkoppeln" mit der eigenen Partei. Dass der Staat sich Gedanken machen muss über eine Hochschulausbildung für Imame, dass auch er eine Bringschuld hat beim Thema Integration, darin sind sich jedoch alle einig. Er stehe dem Projekt von Idriz und der Ausbildung von Imamen in München an sich "sehr aufgeschlossen gegenüber", resümiert CSU-Mann Josef Schmid. Nun müsse man das Projekt mit "Realitätssinn und Gründlichkeit" vorantreiben.
Bürgermeister Monatzeder will zeitnah zu einem Treffen ins Rathaus einladen, wo Idriz Gelegenheit erhalten soll, sein Projekt vorzustellen. Danach will man die wirklich schwierigen Fragen angehen: Wollen wir ein modifiziertes Konzept? Wer übernimmt die Trägerschaft - und, vor allem: wer zahlt?

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