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Neue Fahnen, neuer Wind

Erstellt von Rehana, 10.04.2007, 22:03 Uhr · 7 Antworten · 1.075 Aufrufe

  1. #1
    Rehana

    Neue Fahnen, neuer Wind

    Ein Besuch im Kosovo, zwischen Armenhaus und junger Nation

    Feuerwerk über dem Himmel Montenegros. "Damit endet definitiv Jugoslawien“, fasst der Belgrader Politologe Dusan Janjic einen denkwürdigen Tag zusammen. Die Unabhängigkeit Montenegros ist wohl tatsächlich das definitive Ende aller großserbischen Träume. Die Feiern in Podgorica lassen Europa aufatmen, denn auch die serbische Minderheit nimmt das zwar demokratische legitimierte, für die serbische Minderheit aber provokative Ergebnis an. Die Sorgen waren berechtigt, noch frisch sind die Erinnerungen an traumatische Bilder nationalen Größenwahns und religiöser Verfolgung in der Region. Jetzt scheinen schon wieder die „Traumstrände“ an der Adria mit dem Versprechen sorglose Ferientage das Bild vom romantischen Balkan zu bestimmen. Tatsächlich hat das kleine Land mit seinen hübschen Buchten im Vergleich zu seinen Nachbarn noch relativ günstig wirkende wirtschaftliche Koordinaten. Nur, der Balkan ist groß und eignet sich weiß Gott noch nicht überall für die bunten Seite der Tourismusmagazine.

    Die Wahrheit ist, das - wie es die Zürcher Zeitung formulierte - „schwarze Loch“ Balkan ist noch immer recht fern einer politischen und ökonomischen Ordnung. Neben der politischen Lähmung Bosniens drängt vor allem die Kosovofrage auf Lösung, auch wenn es wenig Zweifel gibt, dass auch der Kosovo bald unabhängig werden wird. Das politische Selbstbestimmungsrecht läßt natürlich gar keine andere Schlußfolgerung zu. In Prishtina ist jedenfalls die Entschlossenheit zu spüren, dass eine gemeinsame, staatliche Zukunft mit den Serben nicht denkbar ist. Die Muslime in der Region könnten dabei - neben den politischen Bemühungen der europäischen Union - ein wichtiger politischer und geistiger Faktor sein, so mitwirken, dass der radikale Nationalismus in Zukunft auf keiner Seite eine Chance hat. Bei nüchterner Betrachtung wird man zugestehen müssen, dass die islamische Lebenspraxis die heißblütigen Emotionen des nationalen Gefühlsleben eher mäßigt.

    Sechs Verhandlungsrunden haben Serben und Albaner in Wien absolviert, um die Zukunft der abtrünnigen südserbischen Provinz Kosovo endlich zu regeln. Doch beide Seiten berichten, dass sie sich nicht einmal in winzigen Detailfragen angenähert haben. "Sackgasse", "unüberbrückbare Gegensätze", "unvereinbare Standpunkte" sind sich die zerstrittenen Lager wenigstens in dieser Analyse einig. Westliche Diplomaten beschreiben die Wiener Verhandlungen unter Vermittlung der Vereinten Nationen, zu der beide Seiten nicht mal einflussreiche Politiker geschickt haben, als "Gespräch von Gehörlosen". Es wird also nach der Logik des Westens, eher eine relative, eher eine von außen verordnete Unabhängigkeit geben und natürlich - wie man unter vorgehaltener Hand flüstert - eine totale wirtschaftliche Abhängigkeit. Nationale Unabhängigkeit ist im 21. Jahrhundert eben eine relative Größe.

    Das Kernproblem aller im „Armenhaus Europas“ lebenden Menschen ist also trotz allem nationalen Pathos in erster Linie ökonomischer Natur. Die Arbeitslosigkeit im Kosovo beträgt zum Beispiel bis zu 80 Prozent und das Schicksal ökonomischer Perspektivlosigkeit teilen junge Serben, Bosnier und Albaner gleichermaßen. Eine hörbare Debatte um die naheliegende Aufnahme der Balkanländer (und damit auch der europäischen Muslime) in die Europäische Union gibt es im Gegensatz zum Gezeter über die Aufnahme der Türkei nicht. Das politische Brüssel hat Mühe, eine politisch glaubwürdige Vision für die Region zu entwickeln. Schneller ging es bei der ökonomischen Integration. Vor dem langwierigen Prozeß der politischen Einigung haben in Südosteuropa aktive „Global Players“ längst geräuschlos und im Handstreich die entscheidenden Filetstücke der Tourismusindustrie, der Banken und Medien übernommen.

    Abu Bakr Rieger

  2. #2
    Rehana
    Die Verhandlungen in Wien sind nun also in der entscheidenden Phase. Wen wundert es, daß so etwas dauert. Am Verhandlungstisch müssen die Strukturen eines jahrhundertealten Freund-Feind Verhältnisse aufgelöst werden. Im Kosovo gibt es unzählige neue und alte Symbole dieser geschichtlichen Spannungen. In Mitrovica kann man bis heute noch die letzte geteilte europäische Stadt besichtigen. Die Stadt wird durch den Fluß Ibri in zwei Hälften geteilt; auf der einen Hälfte leben Serben und eine kleine Enklave Bosnier, auf der anderen Seite die Albaner. Nur die Friedhöfe der Stadt folgen nicht der absurden Logik der ethnischen Teilung: der muslimische Friedhof befindet sich auf der serbischen Seite, der orthodoxe Friedhof auf der albanischen. Die moderne Brücke zwischen den unter Spannung stehenden Stadtteilen wird kaum benutzt, und das am Ufer gelegene, ursprünglich gemeinsam genutzte städtische Kulturzentrum ist geschlossen.

    Die Albaner werfen den französischen Truppen vor, den ethnischen Konflikt in der Stadt angeheizt zu haben, um die geteilte Stadt in den Verhandlungen als Faustpfand für serbische Forderungen instrumentalisieren zu können. Das ist nur Eines von vielen Beispielen unterschiedlicher Geschichtsschreibung in dieser Region. Auf dem Rückweg von Mitrovica nach Pristhtina fährt man durch das berühmte Amselfeld. An dem Denkmal für die sagenumwobene Schlacht zwischen Osmanen und Serben hatte Milosevic in den späten 80er Jahren den nationalistischen Wahn losgetreten. Heute bewacht ein schwer bewaffnetes Kontingent junger slowakischer Soldaten den schlichten, herrenlosen Turm. Nur ein Kilometer weiter befindet sich das Grabmal von Sultan Murat. Eine alte Frau hält die Tradition ihrer Familie wach und "bewacht" heute alleine die gerade mit türkischem Geld frisch renovierte Anlage. Für diesen Dienst an der Geschichte wurde sie noch vor einigen Jahren von den Serben davongejagt und ihr Mann verprügelt.

    Bei meinem Besuch im Kosovo war ich überrascht, wie schön dieses kleine Land, eingerahmt von schneebedeckten Bergen, ist. Das alte Städtchen Prizren ist dabei zweifellos auch eine Perle des Islam in Europa. Die osmanische Architektur verkörpert neben Schönheit, auch das für den Islam eigentlich typische, innewohnende Maß. Wichtiger als die territoriale Raumbeherrschung war in den alten Provinzen das Netz freier Märkte und Handelswege. Im Jahr 1893 gab es in Prizren noch 1348 Handwerksgeschäfte, die 124 verschiedene Gewerke ausübten. Heute wird hier praktisch nichts mehr produziert. Die Gründung der Prizren Liga (1878) in der Stadt erinnert an die folgenreiche Hochzeit von Nationalismus und Islam und kennzeichnet den Einbruch der politisch geprägten Moderne und ihrer Systeme.

    In Prizren wird beinahe überall Deutsch gesprochen. Die starke Präsenz der Bundeswehr ist in der schönen Stadt nicht zu übersehen und zeigt, dass die Wirrungen der Geopolitik nicht stumpfen berechenbaren Gesetzen folgen. Die Armee hat bei Muslimen und bei der Stadtverwaltung einen ausgesprochen guten Ruf. Das Verhältnis ist aus albanischer Sicht denkbar einfach: Man ist den deutschen Truppen dankbar. Die Erinnerungen an die serbischen Aggressionen sind noch frisch, und darüber hinaus haben die deutschen Soldaten ohne große Worte die marode Infrastruktur der Stadt repariert.

    In einem Gespräch mit dem bosnischen Gesundheitsminister Sadik Idrizi, Vetretern von NGO's und Imamen in Prizren geht es um die schwierige soziale Situation und die Frage ob islamische Institutionen Angebote und Lösungsvorschläge unterbreiten können. Der Gesundheitsminister sieht im Islam natürlich nicht nur eine von Natur aus gesunde Lebenspraxis, sondern auch eher als Teil der Lösung, als etwa Teil des Problems. Die soziale Kompetenz der Muslime könnte in Zeiten, in denen 37 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, durchaus noch von Interesse sein. Natürlich lebt auch die islamische Gemeinschaft im Kosovo mit eher kargen Mitteln, aber man bemüht sich überall im Lande, so weit es eben geht, eine konstruktive Rolle zu spielen.

    Der Mufti des Kosovo, Naim Trnava, sitzt zwar in einem relativ neuen Gebäude; mit großzügigen Spenden aus den Vereinten Emiraten erstellt, die finanziellen Spielräume der Gemeinschaft sind dennoch eher bescheiden. Auf dem Land verdient ein Imam im Kosovo vielleicht 150 Euro im Monat. Die muslimische Gemeinschaft war aber nicht immer arm oder gar von Spenden abhängig. In den Archiven hat die Gemeinschaft umfangreiche Unterlagen über den alten Besitz der islamischen Stiftungen ausgegraben. Der Mufti hofft, dass diese Besitztümer den Muslimen eines Tages zurückgegeben werden. Die serbische Regierung in Belgrad hat gerade, wenn auch eher als ein taktisches Manöver, umfangreiche Besitztümer der orthodoxen Kirchen im Kosovo erstmals zurückgegeben.

    Wer nach Filmstoff sucht oder nach Romanvorlagen Ausschau hält findet im Kosovo einige Inspiration. Absolut „hollywoodreif“ ist zum Beispiel die Geschichte von Ramush Haradanij, der sich vom muskulösen Türsteher einer Schweizer Disco, zum mutigen Widerstandskämpfer verwandelte und schließlich nach einem Jurastudium zum fintenreichen Premier aufstieg, um dann anschließlich, unter der Anklage von angeblichen Kriegsverbrechen, monatelang in einer muffigen Zelle in Den Haag zu verschwinden. Der beliebte Politiker Haradanij bereitet sich heute nach seiner vorläufigen Entlassung in Prishtina auf sein Comeback vor und organisiert die mehrere Millionen Euro teure, komplizierte Verteidigung in Den Haag. Während verschiedene europäische Geheimdienste ihm und der politischen Führungsriege ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausstellen, vertraut die amerikanische Administration seit dem Unabhängigkeitskrieg der Zuverlässigkeit der politischen Elite im Lande. Geopolitisch endet hier die „grüne“ Linie, die Kabul über Istanbul mit Europa verbindet.

    Nicht weniger abenteuerlich, besser gesagt tragisch, ließt sich die Geschichte der Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Medizinerin Flora Borvina. Die milde wirkende Frau kam wegen ihres politischen Engagements für ein unabhängiges Kosovo in die Feindeslinien. Die Albanerin wurde während des Krieges von serbischen Paramilitärs entführt, als „Terroristin“ diffamiert, streng verhört und blieb einandhalb Jahre im serbischen Gefängnis. Trotz ihrer eher säkularen Verortung wurde die bekannte Dichterin von serbischer Seite vor allem als Muslimin angesehen. Sie wurde aufgrund des Drucks westlicher Schriftstellerverbände entlassen und ist heute Parlamentarierin und Leiterin eines kleinen Waisenhauses. In ihrem kleinen Gebäude spielen muslimische Kinder, deren Eltern im Krieg starben. In ihrem Büro zeigt sie stolz auf ein Bild, auf dem der Besuch von Madelaine Albright in in der kleinen Sozialstation dokumentiert ist.

    Die Wunden des Kosovo sind noch frisch. Ein Besuch der kleinen Siedlung der Familie Jashari in Drenica, dem Ursprung der albanischen Freiheitsbewegung, erinnert nachdrücklich daran. Es ist noch keine zwei Jahrzehnte her, als serbische Panzereinheiten das bäuerliche Anwesen gnadenlos zerschossen und zwei Drittel der Familiensippe, darunter Frauen und Kinder, dabei das Leben verloren. Die Serben ahnten wohl nicht, dass mit jedem ihrer unbarmherzigen Schüsse auch das Kunstgebilde Jugoslawien weiter in sich zusammenfiel. Heute wehen albanische Flaggen über den Ruinen und den Schulkindern, die hier neuere albanische Geschichte lernen. Das Dilemma des neuen Kosovo wird wohl sein, der neuen Nation, in Europa als Einheit von Staat und Rasse gedacht, territorialen Ausdruck zu verleihen und dabei gleichzeitig aus der Geschichte zu lernen. Hier könnte gleichzeitig die Rolle des Islam in der Region verborgen sein, einer Lehre, die die Bedeutung von Territorium, festen Grenzen und Rassen stark relativiert.

  3. #3

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    4.956
    ich hab nur den anfang gelesen und gleich aufgehört das ist propaganda gegen serben.
    wenn die wahl so demokratisch war wieso durften dann die montengriner aus serbien nicht wählen aber die anderen montenegriner aus dem ausland schon?
    (die ja vorallem muslimischen glaubens waren)

  4. #4
    Avatar von denki

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    jo voll die propaganda.

    vorallem "serbische minderheit" in montenegro ?
    32% aller einwohner gaben sich als Serben aus, also bitte.

  5. #5
    Cagliostro
    Die Frage sei gestattet, welche Vision hat ein Land, das in der Hand einer Gruppierung ist, die mit Drogenhandel, Prostitution und Organhandel Geld gemacht hat, um den "Freiheitskampf" zu finanzieren....?

    Wenn die Region Kosovo sich von der UCK distanziert, wäre sie zumindest einmal glaubwürdig.

    Ein Ideal gestattet nicht jede Geschmacklosigkeit.

  6. #6

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    05.08.2011
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    617
    Wer alte Threads pushen tut, hat k(l)eine Hoden.

  7. #7
    Cagliostro
    Zitat Zitat von Koça Engin Beitrag anzeigen
    Wer alte Threads pushen tut, hat k(l)eine Hoden.
    Sagte mir neulich ein Kineser mit Piepsstimme....

  8. #8
    Zar

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    1.686
    Wenn du glaubst, dass liest sich jemand alles durch, dann ist du ein lauch.

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