[h3]Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche[/h3]
[h2]Russischer Patriarch Alexij II. ist tot[/h2]



Moskau (RPO). Mit 79 Jahren starb das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Alexij II. Wie das Moskauer Patriarchat am Freitag bestätigte, starb er in seiner Residenz nahe der Hauptstadt. Nach russischen Agenturmeldungen erlag Alexij II. einem Herzinfarkt.
Der Patriarch litt seit längerem unter Herzbeschwerden und musste sich wiederholt stationär behandeln lassen. Erst im vergangenen Jahr hielt er sich zeitweilig in einer Schweizer Klinik auf.
Russische Fernsehsender unterbrachen für die Todesmeldung sofort ihr Programm und zeigten Bilder des Patriarchen. Der frühere sowjetische Staats- und Parteichef Michael Gorbatschow erklärte, er sei "geschockt." "Ich hatte großen Respekt vor ihm", so das Ex-Staatsoberhaupt. Der Patriarch hatte 1991 beim Putschversuch gegen Gorbatschow zum Präsidenten gehalten.
Alexij II. war seit 1990 geistlicher Führer der Kirche, über deren Mitgliedszahl ganz unterschiedliche Angaben existieren. Manche Schätzungen gehen von mehr als 100 Millionen Gläubigen aus. Die größte Aufgabe des Patriarchen war der Neuaufbau seiner Kirche nach über 70 Jahren kommunistischer Unterdrückung. Dabei versuchte Alexij II. eine Balance zwischen reformerischen Strömungen und sehr konservativen, teils nationalistisch orientierten Kräften.
Die Neuordnung des Verhältnisses zu Staat und Gesellschaft in Russland gestaltete sich für den Patriarchen angesichts der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den 90er Jahren zunächst schwierig. Während der Präsidentschaft von Wladimir Putin verbesserten sich die gespannten Beziehungen zum russischen Staat deutlich. Weiter gespannt blieb dagegen das Verhältnis zur katholischen Kirche. Alexij II. verfocht den Anspruch der russischen Orthodoxie auf ihr traditionelles "kanonisches Territorium". Den Katholiken warf er vor, in Russland zu missionieren und orthodoxe Gläubige abzuwerben.
In den ökumenischen Beziehungen zu den anderen Kirchen bremste Alexij II., ohne jedoch den Dialog abzubrechen. Zusammen mit den anderen orthodoxen Kirchen erzwang er eine Reform des Weltkirchenrates im Sinne orthodoxer Interessen und Positionen.
Der Sohn einer estnischen Adelsfamilie war 1987 der erste hohe orthodoxe Amtsträger, der öffentlich Kritik an den Staat-Kirche-Beziehungen übte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sah sich der neue Patriarch mit der Abspaltung nationaler Kirchen konfrontiert, etwa in der Ukraine und in Estland. Das Verhältnis zum Patriarchat von Konstantinopel ist generell vom Ringen um die größere Geltung in der Weltorthodoxie geprägt.
Im Vatikan wurde der Tod Alexij II. mit Trauer und Bestürzung aufgenommen. Der Patriarch habe seine Kirche in einer Zeit großen Umbruchs geleitet, erklärte der für die Beziehungen zu anderen Kirchen zuständige Kardinal Walter Kasper. Dank ihm habe die russische Kirche sich den Herausforderungen des Übergangs von der Sowjet-Ära zur Gegenwart mit neuer Vitalität stellen können. Alexij II. habe maßgeblich zu dem enormen Wachstum kirchlicher Einrichtungen in Russlang beigetragen. Kasper erinnerte an die zahlreichen ökumenischen Begegnungen mit Alexij II. Der Patriarch habe dabei stets sein Wohlwollen gegenüber dem Papst und seinen Willen zu einer engeren Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche bekundet.
Auch die russisch-orthodoxen Christen in Deutschland reagierten mit Bestürzung auf den Tod des Patriarchen. Er sei einer der größten Kirchenleiter der vergangenen Jahrzehnte gewesen, sagte Erzbischof Longin von Klin in Düsseldorf. Mit dem Tod von Alexij II. sei die Ära des Aufbaus in der russisch-orthodoxen Kirche abgeschlossen, fügte der Erzbischof hinzu. Während der Amtszeit des Patriarchen sei die Zahl der Gemeinden von 6.700 auf mehr als 20.000 gestiegen, die der Klöster von 19 auf über 400 und die der geistlichen Lehranstalten von 5 auf 90.



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