André Bamberski, der den deutschen Arzt Dieter K., den er für den Mörder seiner Tochter Kalinka hält, entführen ließ, ging am Sonntag ans Grab seines Kindes und erzählt uns seine Geschichte aus 27 Jahren Leid und Hass









Es liegt kein Triumph in der Stimme von André Bamberski (72). Aber Genugtuung strahlt der elegant gekleidete Mann aus, der uns im Wohnzimmer seines Landhauses bei Toulouse gegenübersitzt. Seit 1982, als seine Tochter starb, scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein: Alle Möbel sind von damals, auch Kalinkas Kinderstuhl ist niemals weggeräumt worden.

Monsieur Bamberski hat in dieser Woche kaum geschlafen, musste der Polizei Rede und Antwort stehen. Auf seinem Handy: 150 Anrufe in Abwesenheit. Er ist erschöpft, aber zufrieden: Die „Jagd“, wie er es nennt, war erfolgreich. „Die Arbeit ist getan.“
Diese Woche ist der Franzose seinem letzten Lebensziel so nah gekommen wie nie in den 27 Jahren zuvor: Sühne für den Tod von Kalinka († 14). Der Preis dafür war, dass er wohl selbst straffällig geworden ist: Der Katholik, an dessen Wänden gerahmte Bibelsprüche hängen, hat den Mann, den er für Kalinkas Mörder hält, nach Frankreich entführen und vor einem Polizeigebäude aussetzen lassen. Damit Dieter K. (74) endlich vor Gericht kommt.









Dass sein Widersacher von den Kidnappern krankenhausreif geprügelt wurde, hat Bamberski „nicht gewollt“. Aber Mitleid mit dem Ex-Mediziner aus Lindau am Bodensee, der in französischer U-Haft sitzt? „Es geht ihm nicht so schlecht, er kann noch Tennis spielen“, behauptet der pensionierte Steuerberater.


„Selbstjustiz“ schrieben die Zeitungen weltweit über den hollywoodreifen Fall. Bamberski mag das Wort nicht. Er sieht sich wohl eher als Helfer der französischen Justiz, nachdem das deutsche Rechtssystem in seinen Augen versagt hat. „Ich habe keine Angst vor dem Gefängnis“, behauptet der Rächer. Hauptsache, die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1982 kommen endlich ans Licht. Bamberski spricht von Mord, für seinen Verdacht hat er etliche Anhaltspunkte. Und Akten, Aktenberge, zwei Zimmer und eine Garage voll.

Sommer 1982: Kalinka verbringt die Ferien bei Bamberskis geschiedener Frau und deren neuem Mann Dieter K. in Lindau – obwohl der Vater in Toulouse das Sorgerecht hat. Alle vier kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit in Marokko, wo Kalinka und ihr jüngerer Bruder geboren wurden.












Es ist der Tag nach dem spektakulären WM-Halbfinale, an das sich bis heute jeder Fußballfan erinnert: Ausgerechnet Deutschland gegen Frankreich. Kalinka sieht das Spiel. Und regt sich beim letzten Telefonat mit ihrem Vater „furchtbar über das Foul des deutschen Torwarts auf“, erinnert sich der 72-Jährige.


Das Wesen seiner Tochter zu schildern, fällt ihm schwer. Als Bamberski ein Foto von Kalinkas Erstkommunion zeigt, zittern seine Hände. „Da war sie neun“, sagt er. „Ein wunderbares Mädchen. Sie war so glücklich hier. Unten am Bach hat sie mit ihrem Bruder eine Holzhütte gebaut. Und sie war sportlich, liebte Skifahren.“

Mit Sport verbringt Kalinka auch den letzten Tag ihres Lebens: Sie geht schwimmen, surft auf dem See. Abends, so wird Dieter K. später aussagen, beklagt sich das Mädchen, dass es nicht richtig braun werde. Er habe ihr daraufhin ein Eisenpräparat gespritzt. Als sie am Morgen tot in ihrem Bett liegt, habe er sie mit dem Spritzen vier weiterer Präparate zu reanimieren versucht. Als Todesursache vermutet der Mediziner einen Sonnenstich.


Bamberski wird sich später nur bruchstückhaft an den Anruf erinnern können, in dem ihn seine Ex-Frau mit dem Tod seiner Tochter konfrontiert: „Ich war wie betäubt.“ Erst Monate später hält er den Obduktionsbericht in Händen und schöpft aufgrund von Ungereimtheiten Verdacht. Von einer kleinen frischen Wunde in Kalinkas Intimbereich ist die Rede. Die Pathologen entnehmen ihre Geschlechtsorgane, untersuchen sie jedoch nicht auf Sperma. Als Bamberskis Anwälte Nachuntersuchungen erzwingen, sind die Geschlechtsorgane verschwunden.








Zu dieser Zeit hat der Vater Albträume, in denen er „sieht“, was in der Nacht seiner Meinung nach passiert ist. Kalinka habe in warmen Nächten stets nackt geschlafen. Für ihre knapp 15 Jahre wirkte sie relativ reif und erwachsen. Er ist überzeugt davon, dass Dieter K. seine Stieftochter vergewaltigen wollte – und hinterher totgespritzt hat, um die Tat zu vertuschen.

Die Staatsanwaltschaft in Deutschland sieht nicht genügend Anhaltspunkte für ein Verfahren und stellt die Ermittlungen ein. Ein französisches Gericht beurteilt die Aktenlage anders und verurteilt Dieter K. 1995 in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft. Deutschland lehnt alle Auslieferungsanträge ab, der Lindauer Arzt darf weiter praktizieren. Bis er 1997 wegen eines anderen Verbrechens in Kempten vor Gericht landet. Er gesteht, einer 16-jährigen Patientin Narkosemittel gespritzt zu haben, um das Mädchen zu vergewaltigen. Das Urteil: zwei Jahre auf Bewährung. Hinterher verhöhnt der Horror-Arzt sein Opfer öffentlich: „Sie hat nicht Ja gesagt, aber sie hat auch nicht Nein gesagt (. . .) Wer schweigt, scheint zuzustimmen, hat man im alten Rom gesagt.“



Als sich weitere junge Frauen mit ähnlichen Anschuldigungen melden, lässt sich Bamberskis Ex-Frau Danielle (heute 64) von Dieter K. scheiden und zieht sich nach Südfrankreich zurück. „Wir hatten zuletzt keinen Kontakt“, erzählt Bamberski. Kalinkas Mutter später am Telefon: „Ich will das alles nicht kommentieren.“
Bamberski möchte noch an Kalinkas Grab, er hat nichts dagegen, dass ihn die Reporter begleiten. Das Gotteslob seiner Tochter hat er aufbewahrt, daraus liest er an ihrem Grab vor. Dem Mann stehen Tränen in den Augen: „Hier habe ich meiner Chérie vor all den Jahren Gerechtigkeit versprochen“, sagt er.



Bis heute leidet er unter den Selbstvorwürfen, die alle verwaisten Eltern plagen: Im entscheidenden Moment konnte er seine Tochter nicht beschützen. Umso verbissener kämpft Bamberski seit 27 Jahren um Rache. Er selbst meidet diesen Begriff. „Kreuzzug für Gerechtigkeit“, das findet er passender.