Herb und ranzig stank der Schweiß, der im Mondscheine schimmernd, nass und klebrig auf seiner Haut lag. Die kleinen Kristalle, wie Diamanten funkelnd, verströmten den herrlichen Geruch tiefster Verstörung, den beißenden Duft schierer Todesangst. Mit einem Ausdruck von verzweifelter Verlorenheit auf dem Gesicht, den nur ein Moribunder führen kann, jemand, der das unnachgiebige Zerren des Todes bereits in seinem Inneren spürt. Tiefer, ruhiger Atem jedoch zeugte von seiner Entschlossenheit, einer Entschlossenheit, die vom lauten, dumpfen Schlagen seines gebrechlichen Herzens und dem druckvolle Rauschen des verseuchten Blutes seines Gehörs stark kontrastiert wurde.
Ein Leben gezeichnet von Rückschlägen und Niederlagen hatte er erleiden müssen, immer näher am Tode als ein Hochseilartist ohne schützendes Netz, trotzdem, wie von einer höheren Macht immer vom Tode abgehalten. Er wurde geboren, um zu verlieren, hatte gelebt, um zu sterben, in Elend und Kummer, im Schmutze, der Asche und den überresten seiner Vergangenheit. Niemals hätte er in Menschen etwas anderes erwecken können, als den Hohn und Spott den er Zeit seines Lebens zu ernten verdammt war. Niemand liebte ihn, niemand brauchte ihn und niemand wollte ihn.
Ein jämmerliches, erbärmliches Bild gab er ab, mit seiner fahlen Haut und dem lichten, dünnen Haar, den Warzen, Narben und Flecken an seinem Körper, seinen knochigen, verwachsenen Fingern und dem schiefen, unansehnlichen Körper, welcher in den Menschen nur Abscheu hervorzubringen vermochte. Widerlich, abstoßend, Ekel erregend waren die Worte, die man benötigte, um ihn anschaulich zu beschreiben. Sein Lebensdrang lag in viele kleine, scharfe, spitze Scherben geschlagen vor ihm, zersplittert bis in die letzte Verästelung dessen was ihm seit seiner Geburt auch nur ansatzweise Freude bereitet hatte. Nie hatte er sein Leben gewollt, nie war er für dieses dankbar gewesen.
Er hasste sich selbst. Er war nutzlos. Er war ein Nichts. War er es auch schon seit seiner Schulzeit gewohnt gewesen, ob seiner unglaublichen, monströsen Hässlichkeit auf offener Straße ausgelacht, bespuckt und getreten zu werden, wie ein streunender, kranker Hund, ließ es ihn doch jedes Mal auch gleichermaßen den Schmerz seiner absoluten überflüssigkeit erahnen, erahnen, denn vollständig erfassen, hätte er ihn nicht können. Er existierte nur, um von den Menschen wie der Dreck behandelt zu werden, den er für sie repräsentierte. Seine Mutter hatte ihm täglich gesagt, dass sie ihn nicht gewollt hatte, dass sie ihn hasste, sich vor ihm ekelte. Sein Vater berührte ihn nicht, schlug ihn mit einem Stock, nur um ihn nicht berühren zu müssen, versteckte ihn vor Verwandten, Freunden und Nachbarn, weil er ihn verachtete, weil er ihn hasste, weil er sich für ihn schämte. Trotz alledem hatte er niemals in Erwägung gezogen, sich das Leben zu nehmen, um die Marter seines Seins einfach zu beenden, auch nicht, als man an ihm Tuberkulose diagnostiziert hatte, nicht einmal, als kurz darauf noch weitere Krankheiten folgten, denn er wusste, dass sogar das Leben selbst sadistisch genug war, um ihn auch diese scheußlichen Krankheiten überleben zu lassen, nur um ihm obendrein auch noch mit der aus den widerlichen Krankheiten resultierenden Entstellungen zu strafen.
Dennoch war nun der Punkt erreicht, an dem er es nicht mehr aushielt, an dem er endlich handeln und seine niedere Existenz beenden musste. Er hielt es einfach nicht mehr aus. Sorgsam, beinahe liebevoll befestigte er das Seil den massivsten Ast einer Eiche, legte es sich um den Hals und zog es fest, kletterte dann hinauf. Er hatte absichtlich einen hoch liegenden Ast und ein recht langes Seil gewählt, um sicher zu gehen, dass sein Genick auch brach, wenn er sich fallen ließ. Einen Moment lang huschte ein Lächeln über sein entstelltes Gesicht, denn er war sich bewusst geworden, dass alle, die ihn traten und bespuckten, die nur liebten ihn zu hassen sich ein neues Opfer suchen mussten. Ihm war klar, dass das Leben ihn foltern konnte, aber dass es nicht verhindern können würde, was er nun zu tun gedachte. So wuchs das Lächeln langsam zu einem diabolischen Grinsen. Mit diesem Ausdruck höchsten Genusses ließ er sich fallen. Wie einem letzten Tiefschlage gleich brach sein Genick nicht, woraufhin ein langer, quälender Todeskampf begann, den er jedoch längst nicht mehr als solchen wahrnahm, denn er war zutiefst erfüllt von der sadistischen Freude, dem Leben endlich ein Schnippchen geschlagen zu haben. Eine Freude, die dem Höhepunkt seines Lebens gleichkam und so lange anhielt, bis auch die letzte postmortale Zuckung erloschen war.