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Schalom, Herr Demiri

Erstellt von AkzepTolera, 23.06.2009, 12:15 Uhr · 87 Antworten · 3.224 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von AkzepTolera

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    Schalom, Herr Demiri




    Schalom, Herr Demiri!

    Es gibt noch Juden im jüngsten Staat der Welt

    Bundeswehr-Soldat im Erzengel-Kloster im Prizren . Foto: dpaIm Februar 2008 hat sich der, oder auch das, Kosovo aus dem Staat Serbien herausgelöst, einem Nachfolgestaat des ehemaligen Jugoslawien im Zentrum der Balkanhalbinsel, und seine Unabhängigkeit erklärt. Serbien sieht den Kosovo indes weiterhin als seine autonome Provinz Kosovo und Metochien. So haben zwar eine Reihe von Staaten, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, den Kosovo diplomatisch anerkannt, die Mehrheit der Staatengemeinschaft verhält sich jedoch abwartend. Die weitere Entwicklung nach der Unabhängigkeitserklärung wird derzeit von der Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo «EULEX Kosovo» begleitet und beobachtet.
    Etwa 2,2 Millionen Menschen leben im Kosovo. Im EU-Durchschnitt sind die Kosovaren sehr jung: 33 Prozent sind unter 16 Jahren alt, über die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre, nur sechs Prozent älter als 65 Jahre. Die Geburtenrate übertrifft die Sterberate derzeit deutlich: Etwa 25 Geburten pro 1.000 Einwohner im Jahresdurchschnitt stehen nur knapp zehn Todesfällen gegenüber, so dass die Bevölkerung kontinuierlich wächst und sich seit 1982 nahezu verdoppelt hat. Die Kosovaren sind zu über 80 Prozent Albaner, wie das Statistische Amt des Kosovo angibt, zu sieben Prozent Serben und zu fünf Prozent Angehörige anderer ethnischer Gruppen: Türken, Bosniaken, Torbeschen, Goranen, Kroaten, Roma, Aschkali und Kosovo-Ägypter. Die Mehrheit der Albaner sind sunnitische Muslime, gefolgt von Katholiken und Orthodoxen. Die große Mehrheit der Serben gehört der serbisch-orthodoxen Kirche an. Im europäischen Vergleich ist der Anteil der Konfessionslosen sehr hoch, was auf das niedrige Durchschnittsalter der Bevölkerung zurückgeführt wird.
    Zwei kleine jüdische Gemeinden gab es bis zur letzten Jahrtausendwende noch in den kosovarischen Städten Prishtina, heute Hauptstadt der jungen Republik, und Prizren. Die Zahl der Juden wurde im Kosovo auf 300 Personen geschätzt. Heute gibt es hier nur noch knapp 50 Juden, davon lebt die Mehrheit in zwei Großfamilien in Prizren. Der albanische Historiker Albert Ramaj schreibt dazu: «In Prishtina und auch in Prizren gab es ziemlich große jüdische serbisch-sprachige Gemeinden. Die Gemeinde in Prishtina etwa hatte noch 1999, außer in wirtschaftlicher Hinsicht, mit den Albanern nicht viel zu tun. Hier gibt es auch noch einen jüdischen Friedhof. Im ganzen Kosovo findet man derzeit keine Synagoge und keine jüdische Gemeinde mehr.»
    Viele Publikationen in Deutschland gehen aufgrund dieser Zahlen- und Faktenlage von einem latenten Antisemitismus seitens der albanischen Mehrheitsbevölkerung aus. Dies ist jedoch nicht der Fall. Im Kosovo gerieten die Juden in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in das Fadenkreuz des Konflikts zwischen der albanischen Mehrheitsbevölkerung und dem serbischen Staat. Nach dem Einmarsch der NATO-Truppen im Jahr 1999 wurden einige jüdische Familien attackiert, jedoch nicht weil sie Juden waren, sondern weil sie mit der serbischen Staatsmacht in Verbindung gebracht wurden. Juden, die die albanische Sprache beherrschten und nicht mit dem Milosevic-Regime paktierten, mussten keinerlei Repression erdulden. Es gab und gibt nur marginal antisemitische Propaganda und Vorurteile bei der albanischen Bevölkerung. Davon zeugt auch, dass der Wirtschafts- und Finanzberater im Wahlkampf des jetzigen Premierministers Hashim Thaci früher Direktor der israelischen Nationalbank war. Dieser Fakt wurde in der kosovarischen Öffentlichkeit von der einen Seite weder unterschlagen noch von der anderen attackiert.
    Gegenwärtig wird die Regierung Thaci vor allem von den Gewerkschaften und der «Bewegung für Selbstbestimmung» LPV angegriffen. Die Politik von Thaci wird unsozial und neoliberal genannt, aber es gibt in der Agitation gegen die in der Tat kritikwürdige Politik Thacis keinerlei antisemitisches Ressentiment.

    Der Mann aus Prizren
    Anfang Mai traf ich mich mit Votim Demiri, einem sympathischen älteren Herrn in einem der vielen Cafés des alten und schönen Prizren. Demiri ist Jude. Auf die Frage, ob er deshalb Probleme habe, antwortet er: «Nein überhaupt nicht, alle kennen mich, meine jüdische Herkunft ist kein Problem». Herr Demiri berichtet, dass er «natürlich» gelegentlich mit einigen «Versatzstücken antijüdischer Vorurteile» konfrontiert werde: «Wenn ich etwas zu bezahlen habe, heißt es oft: Du, als Jude, hast natürlich immer Geld!» Besonders bedrohlich empfindet Demiri solche Aussagen allerdings nicht. Er erzählt die Geschichte mit einem breiten Grinsen im Gesicht und verweist sehr stolz auf die Tatsache, dass seine Tochter gegenwärtig in Israel studiert. Immer wieder betont er, dass es bei den Albanern im Kosovo und speziell in seiner Stadt Prizren, die er multikulturell nennt, keinerlei antisemitische Tradition gibt.
    Seine persönliche Geschichte ist die vieler Juden im letzten Jahrhundert. Votim Demiri verlor im Konzentrationslager Bergen-Belsen drei Tanten und einen Onkel. Seine Mutter hingegen wurde von Albanern in der Zeit der faschistischen Besatzung versteckt und gerettet. Sehr fundiert berichtet Demiri über die Geschichte der Juden im Kosovo, wo es schon vor über 500 Jahren Juden gegeben hat. Dokumente belegen die Existenz von sechs jüdischen Familien im Jahr 1448 in Novobordo bei Prishtina. Mein Gesprächspartner berichtet mir, dass nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 viele sephardische Juden hierher kamen. Der Bergbau der Region wurde vor allem von diesen Juden, die in Spanien den Bergbau erlernt hatten, in das Kosovo gebracht. Demiri erzählt mir von den viele Juden seiner Heimat, die in der Zeit des Faschismus in Albanien ihr Leben retten konnten: Etwa 1.200 albanische Juden und jüdische Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten wurden von albanischen nichtjüdischen Familien versteckt.
    Noch einmal der Historiker Albert Ramaj: «Als kein anderes europäisches Land mehr bereit war, Juden aufzunehmen, stellte die albanische Botschaft in Berlin den Juden noch Visa aus. Sogar noch 1942, also unter italienischer Besetzung, versuchte man von der albanischen Botschaft in Deutschland aus, Juden verschiedener Länder die Einreise nach Albanien zu ermöglichen [...] So fanden Juden aus Deutschland, Österreich, Jugoslawien, Ungarn, Kroatien, Rumänien, Bulgarien, Ägypten, Polen und der Türkei in Albanien Zuflucht. Unter diesen gab es einige Prominente: zum Beispiel [den] Schriftsteller Dr. Leo Mathia und die Künstlerin Joli Jakob. Ein gewisser Dr. Finer, Universitätsprofessor in London, wollte in Begleitung von John Walter, dem Sohn des Herausgebers der „Times", nach Albanien reisen, um „sich über Niederlassungsmöglichkeiten für Juden in Albanien zu informieren". Aus indirekten Quellen ergibt sich, dass auch Albert Einstein incognito damals Albanien kurz besucht hat. [...] Erst im letzten Moment, im Frühjahr 1944, unternahm die Gestapo in Tirana die ersten Schritte zur Registrierung der in Albanien lebenden Juden. Angesichts der großen Gefahr, die das Verstecken von deutschen Juden bedeutete, war der Schutz [...] eine bemerkenswerte moralische Leistung. Darüber gibt es eine Reihe glaubwürdiger Zeugenaussagen. Einzelheiten wurden dem Institut für Studien zum Holocaust in Israel übermittelt.»
    Votim Demiri sieht sehr optimistisch für die Zukunft des jungen Nachbarlandes von Albanien, in dem in den letzten Wochen die albanische Flagge immer wieder Zeichen der Unabhängigkeitsbestrebungen gewesen ist. Dennoch räumt er ein, «dass die Jugend von diesen Dingen oft nichts weiß und kein besonderes Interesse dafür hat». Heute gebe es in seiner Stadt auch keine aktive jüdische Gemeinde mehr. «Es gibt hier nur noch zwei jüdische Familien mit etwa 40 Angehörigen, wir sind sehr assimiliert, aber wir verleugnen unsere jüdische Herkunft nicht!»
    Sorgen bereiten dem rüstigen Herrn die Aktivitäten islamistischer Nicht-Regierungs- Organisationen im Kosovo. Die soziale Not in der jüngsten Republik der Welt erreicht immer neue Höhepunkte. Gegenwärtig liegt die Arbeitslosenzahl bei offiziell 46 Prozent, die Gewerkschaften gehen hingegen von über 60 Prozent aus. Das Land kennt kein Arbeitslosengeld und fast keinerlei soziale Hilfe. Diese Lücke nutzen die Organisationen aus dem arabischen Raum und eröffnen ihre Stützpunkte im ganzen Land. Neben der kostenlosen warmen Suppe und dem Computerkurs, um in der Welt einmal etwas zu werden, gibt es, so ganz nebenbei, islamistische Ideologie aufgedrückt. Das könnte nach Meinung von Votim Demiri «perspektivisch gefährlich werden».

    Friedhof in Seniorenpflege
    Auf einem Berg oberhalb Prishtinas liegt der alte jüdische Friedhof der Stadt- und ist relativ gepflegt. Fremde Besucher werden von einem alten Mann mit albanischer Kopfbedeckung darauf hingewiesen, dass man auf dem Begräbnissplatz eine ebensolche tragen müsse. Überrascht bleibt man stehen und fragt ihn, ob er denn Jude sei. Der Mann verneint dies entschieden: «Ich bin Albaner und Moslem, aber es ist wichtig, die Toten zu ehren und andere Religionen zu achten!». Er erzählt mir, dass sie eine Seniorengruppe gebildet hätten, um die Würde des Friedhofes zu wahren. Es sei in der Vergangenheit einige Male vorgekommen, dass Jugendliche ohne Nachzudenken auf dem Friedhofsgelände herumgelungert und etwas getrunken hätten. «Wir haben sie dann vertrieben! Und wir mähen auch das Gras auf dem Gelände!» Seitens der Stadt Prishtina habe sich allerdings noch niemand offiziell blicken lassen. Dabei sei es an der Zeit, dass man den Friedhof renoviere und mit einer Mauer umgebe. Er stellte mir die Frage, ob sich nicht Juden aus anderen Ländern um den Friedhof kümmern könnten, denn «uns als Rentnergang geht langsam die Kraft aus». Die Behörden hier seien eher desinteressiert ohne jedoch feindlich zu sein. Die Frage, ob es schon antisemitische Schmierereien gegeben habe oder der Friedhof geschändet worden sei, verneinte der Alte. «Unser Problem besteht in weggeworfenen Zigarettenkippen und der mangelnden Aufmerksamkeit ». Damit sollte man ihn, den Muslimen, und seine nichtjüdischen Freunde nicht mehr lange allein lassen!
    Max Brym


  2. #2
    Avatar von AkzepTolera

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    Ich weiß, dass der Text sehr lang ist doch es ist sehr lesenswert und interessant.
    Was denkt ihr darüber?
    Wisst ihr irgendwas aus den Erzählungen eurer Eltern oder Großeltern über die Juden in KS?
    Kennt jemand Juden aus KS?
    Wäre es nicht schön, neben so vielen Kirchen und Moschen auch eine Synagoge aufzubauen für die Juden in KS?

  3. #3
    Avatar von Peyo

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    Zitat Zitat von AkzepTolera Beitrag anzeigen
    Ich weiß, dass der Text sehr lang ist doch es ist sehr lesenswert und interessant.
    Was denkt ihr darüber?
    Wisst ihr irgendwas aus den Erzählungen eurer Eltern oder Großeltern über die Juden in KS?
    Kennt jemand Juden aus KS?
    Wäre es nicht schön, neben so vielen Kirchen und Moschen auch eine Synagoge aufzubauen für die Juden in KS?

    Naja für 40 Juden eine Synagoge zu bauen...?

  4. #4
    Avatar von AkzepTolera

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    Zitat Zitat von Peyoni3nt Beitrag anzeigen
    Naja für 40 Juden eine Synagoge zu bauen...?
    Erst eine kleine, die kann man später ausbauen

  5. #5
    Pejani1
    Zitat Zitat von AkzepTolera Beitrag anzeigen
    Ich weiß, dass der Text sehr lang ist doch es ist sehr lesenswert und interessant.
    Was denkt ihr darüber?
    Wisst ihr irgendwas aus den Erzählungen eurer Eltern oder Großeltern über die Juden in KS?
    Kennt jemand Juden aus KS?
    Wäre es nicht schön, neben so vielen Kirchen und Moschen auch eine Synagoge aufzubauen für die Juden in KS?

    Naja, Du kennst ja mein Verhältnis zu Gott und Gotteshäusern. Lieber mal paar Schulen bauen, für die Bildung, Gott steht da im Hintergrund. Wie gesagt, lieber Schulen bauen, die Kinder müssen manchmal ziemlich lange Wege zurücklegen.

  6. #6
    Avatar von Peyo

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    Zitat Zitat von AkzepTolera Beitrag anzeigen
    Erst eine kleine, die kann man später ausbauen

    Hätte nichts dagegen, aber wir sollten warten bis uns die Arabischen Staaten anerkennen.

  7. #7
    Avatar von Gento

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    818
    Naja Schulen wären besser......

  8. #8
    Avatar von AkzepTolera

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    Zitat Zitat von Peyoni3nt Beitrag anzeigen
    Hätte nichts dagegen, aber wir sollten warten bis uns die Arabischen Staaten anerkennen.

    Die arabischen Staaten habe ein ganz anderes Interesse und die Rede ist hier nicht von arabische Staaten.

  9. #9
    Avatar von AkzepTolera

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    Zitat Zitat von Purple Rain Beitrag anzeigen
    Naja, Du kennst ja mein Verhältnis zu Gott und Gotteshäusern. Lieber mal paar Schulen bauen, für die Bildung, Gott steht da im Hintergrund. Wie gesagt, lieber Schulen bauen, die Kinder müssen manchmal ziemlich lange Wege zurücklegen.
    Natürlich sind Schulen, Krankenhäuser, allg. Medizinische versorgung und Universitäten wichitiger, doch Religionen gehören in dieser Gesellschaft nun mal dazu.
    Die Rede ist nicht davon, dass man dies jetzt tut, aber könntetst du dir das Vorstellen unter anderen Umständen?

  10. #10
    Pejani1
    Zitat Zitat von AkzepTolera Beitrag anzeigen
    Natürlich sind Schulen, Krankenhäuser, allg. Medizinische versorgung und Universitäten wichitiger, doch Religionen gehören in dieser Gesellschaft nun mal dazu.
    Die Rede ist nicht davon, dass man dies jetzt tut, aber könntetst du dir das Vorstellen unter anderen Umständen?
    ^^

    Okay, jeder darf in diesem neuen Staat seinen Glauben ausleben und natürlich auch seine Gotteshäuser haben, wie dann nicht auch die Juden. Bei mir kommen einfach so humanitäre Einrichtungen an erster Stelle. Religion ist Nebensache.

    Eine Moschee, Synagoge, oder Kirche kann keine Menschen bilden oder heilen. ^^

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