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Ergebnis 1 bis 7 von 7

Visionär

Erstellt von Frieden, 02.03.2011, 17:36 Uhr · 6 Antworten · 1.999 Aufrufe

  1. #1

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    Visionär

    Ich habe gestern bei Planet TV Sender eine Dokumentaton über "SEKEM"=(Lebenskraft) gesehen. Ein Visionär Namens "Ibrahim Abouleish", schaft ein Leben, eine Kultur, was (m.M) auf vernunft aufbaut! Es ist einmalich und dieser Mann verdient mein vollen Respekt!

    Er ist voller Weisheit und seine Vision, was er in Taten umsätzt, soll ein Vorbild für die Menschen sein! ....seine rede wie: "die beste investition ist die in Menschen"....einfach wunderschön!









    Friede!

  2. #2

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    13.015
    Sekem - Vom Wüstenzauber zum Wirtschaftswunder
    Ausgerechnet Wüste. Steinige Einöde, fahlgelb und leer, unwegsames Gelände fernab von jeglicher Infrastruktur und vor allem: fernab von einem Wasser bringenden Kanal. Muss doch verrückt sein, wer hier einen Garten entstehen lassen und mit biologischen Methoden bebauen will.




    Willenskraft als Motor

    Sekem-Gründer Dr. Ibrahim Abouleish So gesehen passt Ibrahim Abouleish nicht ins Bild: Der 70-jährige Ägypter hat im österreichischen Graz Chemie, Philosophie und Medizin studiert und hat als promovierter Pharmakologe in Deutschland, Österreich und den USA gearbeitet. Wenn er in seiner ruhigen, grundfesten Art von Sekem erzählt, wird klar, dass Willenskraft und Weitsicht Motor für die Umsetzung seiner Vision waren: „Wenn in dieser Einöde und unter diesen extrem widrigen Umständen die biologisch-dynamische Landwirtschaft und alles, was ich mir nach meinem inneren Bild hierher wünschte, gelingen würde, dann wäre dieses Modell auch auf einfachere Verhältnisse übertragbar“, erklärt Ibrahim Abouleish seine durchaus eigensinnige Entscheidung, das denkbar unwirtlichste, 70 Hektar große Stück Wüstenland, 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, zu kaufen. Das war 1977.


    Rückkehr nach Ägypten

    Zwei Jahre zuvor bereiste Ibrahim Abouleish zum ersten Mal seit seinem Fortgang nach Europa Ägypten: Die Armut der Bevölkerung, der Bildungsnotstand und die unlösbar scheinenden Probleme der Landwirtschaft erlebte er als eine Katastrophe.
    Zurück in Österreich reifte Ibrahim Abouleishs Entschluss, in Ägypten durch biologisch-dynamische Landwirtschaft eine neue, eine bessere Basis für die Menschen zu schaffen. Mehr noch: Gesunde Produkte herzustellen und eine ganzheitliche Verantwortung für die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in Ägypten zu initiieren, das waren seine Motive.
    1977 also bricht Ibrahim Abouleish seine Karriere und seine Zelte in Europa ab, kehrt mit seiner Familie nach Ägypten zurück, erwirbt eben jenes unwirtliche Wüstenland und gründet eine Farm, die er Sekem nennt. Sekem ist eine altägyptische Hieroglyphe und bedeutet „Lebenskraft der Sonne“.


    Grundbedingungen zur Schaffung von Leben in der Wüste

    Doch um diese Sonnenkraft überhaupt erst nutzen zu können, stellen sich Ibrahim Abouleish in den ersten Jahren des Aufbaus gleich drei zentrale Fragen: Schaffung von Infrastruktur auf dem Sekem-Gelände, Wassergewinnung und Bewässerung der geplanten Anbauflächen und die Energieversorgung. Er löst sie erfolgreich: Heute teilt sich die Farm in mehrere rund drei Hektar große Parzellen für die Felder, eine Straße zieht sich als Längsachse mitten durch das Gelände, es gibt mehrere Brunnen, ein unterirdisches Bewässerungssystem und ein eigenständiges, abgesichertes Stromnetz.
    Nachdem diese Grundbedingungen zur Schaffung von Leben in der Wüste sichergestellt waren, begann Ibrahim Abouleish mit der Bepflanzung: Aus 120.000 Setzlingen von Casuarinen, Eukalypten und persischem Flieder erwuchs ein Grüngürtel rund um die Farm, der das Gelände vor Sandstürmen und ungebetenen tierischen Besuchern schützt, Schatten spendet und überdies das Mikroklima reguliert.



    Erste Hindernisse




    Doch damit war die Sekem-Farm vom hochgesteckten Ziel ihres Gründers noch weit entfernt: Biologisch-dynamische Landwirtschaft bedeutet vereinfacht ausgedrückt: Mischkultur, Fruchtfolge, Kompostpflege und die Beachtung des Einflusses kosmischer Impulse. Doch hier in Ägypten war alles anders: Zum einen verlangte der extrem trockene Wüstenboden eine angepasste und abgestimmte Kombination aus Fruchtfolge und biologisch-dynamischer Kompost- und Präparatekultur. Zum anderen brauchte Ibrahim Abouleish dringend Menschen, die den Sinn und die Bedeutung des Aufwands, der hinter dieser Wirtschaftsweise steckt, überhaupt erst erfassen konnten. „Warum das alles? Der Tierdung hätte doch direkt auf die Erde gegeben werden können, warum also so viel Handarbeit durch das Schichten und Umschichten des Komposts? All das war ihnen völlig fremd“, schildert er die Hindernisse in der anfänglichen Zusammenarbeit mit den Fellachen.


    Anpassung der Methoden biologisch-dynamischer Landwirtschaft


    Auch diese beiden Hürden meisterte Ibrahim Abouleish. Die erste durch seinen unermüdlichen Forschungsdrang – Sekem betreibt beispielsweise auch ein kleines mikrobiologisches Bodenlabor, um mit Kompostauszügen und ausgetüftelten Bakterienkulturen Boden und Pflanzenwachstum zu beleben – und den Mut, ungewöhnliche Wege zu nutzen: 1981 holte er vierzig Allgäuer Kühe - von der GLS Bank finanziert - per Schiff nach Ägypten, da diese Rasse sich hervorragend für die Kompostwirtschaft eignet. Die zweite durch seine Geduld und seine empathischen Fähigkeiten: „Aus all meinen Erlebnissen wurde mir deutlich, wie wichtig für diese primär in der Empfindung lebenden Menschen das moralisch handelnde Vorbild ist. Über das konkrete Vorleben, das die Menschen hier sogar bis in die Haltung und Bewegung hinein nachahmen, können sie an sich selbst und in ihrer Umgebung vieles verändern. So habe ich auf Sekem selbst den Rechen in die Hand genommen und mit den Menschen geübt, die Wege zu harken, habe mit ihnen gemeinsam die Wände in leuchtendem Weiß gestrichen“, erzählt Ibrahim Abouleish.
    Auch in seinem Bekanntenkreis legten sich allmählich die Zweifel der Skeptiker, immer mehr Leute kamen sich einbringende auf die Sekem-Farm. Und damit verselbständigte sich ein weiterer Grundgedanke der Initiative: „Ich betrachte Sekem nicht als Firma sondern als Gemeinschaft, als ein Ideal des Wirtschaftslebens, das auf Brüderlichkeit und nicht auf Konkurrenz und Egoismus gegründet ist“, sagt Ibrahim Abouleish, für den Sekem auch ein Modell des Zusammenlebens der Kulturen ist.

    quelle: Sekem - Vom Wüstenzauber zum Wirtschaftswunder - GLS Bank

    Gerechter Mensch....!

    Er hat das ganze vorher geplannt um gegen Armut und besseres Leben für Menschen zu schafen...

    "Die Armut der Bevölkerung, der Bildungsnotstand und die unlösbar scheinenden Probleme der Landwirtschaft erlebte er als eine Katastrophe."

    was im Artikel nicht erwähnt wurde:
    als er in Österreich war, hat er seinem Vater Brief geschrieben was er alles machen wird, "wenn er wieder zurück kommt"... (
    vor paar Jahren hat ihm sein Vater daran eriennert...bzw. das er genau das geschafen hat... der Gerechte Ibrahim hat aber sein Ziel noch nicht erfüllt (meinte er...) die Menschen sollen das Gerechte erkennen und sich das auch wünschen und "genau das gleiche" in den Nächsten(Menschen) invistieren...)

    Er hat das ganze Studiert (Chemie, Philosophie, Medizin...) um sein Traum/Vision damit erfüllen zu können...und das selbe invistiert er auch (mit Bildungsystem) in den Nächsten/Zukunft (Kinder)...!

    Gesundheit und Bildung
    Zum inneren SEKEM-Prinzip der Verantwortung für die Mitmenschen gehört modernste medizinische Betreuung der Mitarbeiter sowie der Bewohner angrenzender Dörfer. Das medizinische Zentrum der SEKEM-Farm stellt die Gesundheitsversorgung sicher und betreut Projekte wie Hygienekurse oder Weiterbildung für Hebammen. Das Bildungsangebot in SEKEM umfasst Kindergarten, Schule, Berufsschule sowie berufliche Ausbildungsbetriebe. Um den Menschen eine Balance zwischen Theorie und künstlerischen, praktischen Aktivitäten zu ermöglichen, gibt es eine Vielzahl an kulturellen Einrichtungen. An die SEKEM-Akademie ist seit kurzem eine Hochschule mit dem Namen Heliopolis-Universität angeschlossen - die erste freigeistliche Universität Ägyptens.
    quelle: dm-Homepage Deutschland - Die SEKEM-Farm



    Friede!

  3. #3

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    Ibrahim Abouleish im Gespräch mit Johannes Mosmann

    Am Abend des 10. Juni 2009 wurde ich Zeuge eines seltenen Schauspiels: Sichtbar vermögende Geschäftsleute teilten sich auf dem Luxus-Schiff MS-Paloma die reich gedeckten Tische mit sozialen Aktivisten diverser NGOs. Und während das Schiff lautlos über den Wannsee in die Abendämmerung glitt, lauschten wir gemeinsam den Ausführungen des muslimischen Anthroposophen Ibrahim Abouleish, in der Hoffnung, er möge etwas von dem Geheimnis seines wirtschaftlichen Erfolges verraten. Was war geschehen?
    Ich war auf einer Veranstaltung der Stiftung »World in Balance«[1] gelandet. Gründer und Vorsitzender der Stiftung ist Philipp Daniel Merckle, jener junge Unternehmer also, der 2008 die Leitung des Pharmakonzerns Ratiopharm abgeben musste, weil seine »ethisch verantwortliche Firmenphilosophie« für Umsatzrückgänge verantwortlich gemacht wurde. Verstärkt tritt Merckle seither öffentlich für »ethisches Wirtschaften« ein und versucht dabei, Geschäftsleute auf alternative Wirtschaftsmodelle aufmerksam zu machen – so geschehen an jenem Abend auf dem Wannsee.
    Ibrahim Abouleish ist der Mann, den man hören muss, wenn man etwas über Alternativen zu unserem Wirtschaftssystem erfahren will. Allerdings geht es Abouleish nicht darum, innerhalb des Systems Verbesserungen vorzunehmen. Er stellt das System auf den Kopf. Und das funktioniert. Nie hat die Arbeit eines einzelnen Menschen in so kurzer Zeit so viele Früchte für das soziale Leben getragen. Was Ibrahim Abouleish anzubieten hat, ist mehr als ein Modell: Es ist Praxis, funktionierende Wirtschaftspraxis – und die ist selten auf unserer Erde.

    Während seines Studiums in Deutschland lernte der heutige Konzern-Chef das Werk Rudolf Steiners kennen, darunter auch die Schrift Die Kernpunkte der sozialen Frage[2], in der Rudolf Steiner die Auseinandergliederung des Nationalstaates in drei selbständige Systeme und damit eine radikale Umgestaltung der sozialen Ordnung fordert. Begeistert von der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis einerseits und der Idee einer sozialen Dreigliederung andererseits ging Ibrahim Abouleish 1977 zurück in sein Heimatland Ägypten, um dort den Kampf gegen die Not seiner Landsleute aufzunehmen. Denn der gläubige Muslim war überzeugt davon, in den Ideen aus Mitteleuropa auch den Schlüssel für die Entwicklung des nordafrikanischen Landes gefunden zu haben. Mitten in der Wüste begann er mit dem Anbau von Gemüse nach bio-dynamischem Verfahren und gründete Sekem[3].
    Heute befindet sich dort, wo einst Wüste war, eine blühende Landschaft, darin ein Pharmakonzern, eine Textilfabrik, ein Krankenhaus, eine Schule, Kindergärten, eine Universität und vieles mehr. Das anthroposophische Verfahren erwies sich als so erfolgreich, dass die ägyptische Regierung angesichts des ungiftigen Wachstums landesweit die Ausbringung von Pestiziden verbot. In ganz Ägypten werden jetzt auf 800 Farmen bio-dynamische Produkte angebaut, und alle sind mit Sekem assoziiert – d.h., alle handeln ausschließlich zu Fair-Trade-Bedingungen. Sekem ist heute in allen wichtigen Ministerien beratend tätig und darüber hinaus in vielen internationalen Organisationen, wie z.B. in der UNIDO, vertreten.
    Daher kommt also das gemeinsame Interesse von »denen da oben« und »denen da unten« an Ibrahim Abouleish. Und tatsächlich, er hat etwas von dem Geheimnis seines Erfolges verraten: Er habe Goethe als Wissenschaftler kennengelernt und die Gesetze des Wachstums, die Goethe entdeckt hätte, aufs Soziale übertragen. Er wisse, dass irgendwann die Grenze des Wachstums erreicht sei und die Werte dann eine Wandlung durchmachen müssen vom Materiellen ins Geistige, damit sie im Geistigen wieder neues Wachstum anregen könnten. Der Sterbeprozess gehöre eben dazu, er müsse im Sozialen nur bewusst ergriffen werden: »Unser Geheimnis ist, dass wir unsere Gewinne nicht in Swimmingpools stecken oder sonst irgendwie einbetonieren, sondern vollständig in die Bildung geben.« Im Anschluss an den Vortrag hatte ich Gelegenheit, mit Ibrahim Abouleish zu sprechen und ihm noch mehr Geheimnisse zu entlocken:
    Johannes Mosmann: Sehr geehrter Herr Abouleish, es klingt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht: 1977 sind Sie in die Wüste gegangen und haben nach Wasser gegraben. Heute produziert die Sekem Holding AG mit ihren 8 Tochtergesellschaften Gemüse, Obst, pharmazeutische Produkte, Textilien und vieles mehr. Allein auf der Sekem-Farm arbeiten 2000 Menschen, 800 weitere Farmen in ganz Ägypten sind bei Sekem unter Vertrag. Sekem-Produkte verstecken sich hinter den Bio-Marken von Tengelmann oder der Metro-Gruppe. Während die Wachstumsraten der meisten großen Pharmakonzerne gerade von 10% auf 5% eingebrochen sind, können sich die Mitarbeiter von ATOS, der Pharma-Tochter von Sekem, über eine Wachstumsrate von 30% freuen. Wie erklären Sie diesen sagenhaften Erfolg?
    Ibrahim Abouleish: Der Erfolg kommt daher, dass Menschen die Vision haben, etwas für die Erde und den Menschen zu tun. Das ist wie bei einem Vogel: der streckt seine Flügel und dann wird er getragen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir getragen werden. Das kann man sich nicht aus materiellen Dingen erklären. Wenn man das Rechte will, dann wird man auch von dem Rechten unterstützt. Das ist das eine. Das andere ist der Mut, den ich habe, Neues zu gewinnen und der Idee der Entwicklung treu zu bleiben. Die soziale Dreigliederung selber ist ja keine Idee, für die man lebt, sondern sie ist ein Mittel, um eine Vision zu erreichen. Meine Vision ist die Entwicklung des Menschen, und die lässt sich eben nur über den Weg der sozialen Dreigliederung erreichen.
    Johannes Mosmann: Wenn man sich die Sekem Holding AG anschaut, dann sieht man schnell die dreigegliederte Struktur. Es gibt einen selbständigen Rechtsbereich, einen Wirtschaftsbereich und einen Kulturbereich. Dennoch sagen Sie mir jetzt, es geht nicht darum, die soziale Dreigliederung zu verwirklichen?
    Ibrahim Abouleish: Die Gliederung ist nicht die Vision. Sie ist der Weg. Es geht um die Vision der Menschenentwicklung, der Erdenentwicklung, der Gesellschaftsentwicklung. Ich denke, der Versuch der Dreigliederung war sehr erfolgreich.

    Ist die Dreigliederung noch aktuell?

    Johannes Mosmann: Manche glauben ja, die Dreigliederung sei veraltet. Denken Sie, die soziale Dreigliederung ist noch aktuell?
    Ibrahim Abouleish: Auf jeden Fall! Jederzeit! Sie ist eine geniale Methode. Wenn man den Menschen studiert und die Weisheit, die im Menschen steckt, herausschälen kann, dann sieht man, dass der Mensch drei Glieder hat: Er hat ein Nervensystem, ein rhythmisches System und einen Stoffwechsel. Wenn diese Glieder in Harmonie arbeiten, dann ist der Mensch gesund, wenn nicht, wenn da eines das andere ein bisschen übertrumpft, dann ist er krank. Diese Weisheit wurde von Allah, von Gott in den Menschen hineingegeben, denn wir haben den Menschen ja nicht gemacht. Wenn wir aber den Menschen studieren, dann können wir von dieser Weisheit lernen. Und so ist die Gliederung des menschlichen Organismus die Inspirationsquelle für die Dreigliederung im Sozialen, für die Idee, dass Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben in einer Balance stehen müssen, wenn die Gesellschaft gesund bleiben soll. Die soziale Dreigliederung ist also eine Methode, eine Heilmethode für die Gesellschaft. Als ich die soziale Dreigliederung kennengelernt habe, da wollte ich sofort alle Könige und Präsidenten anschreiben, damit die das anwenden. Aber das geht ja nicht.

    Johannes Mosmann: Wieso geht das nicht?
    Ibrahim Abouleish: Die hätten vorher schon eine Vision von dem Menschen und der Erde haben müssen. Sie müssten eine Freude daran haben, dass sich etwas entwickelt. Wenn man aber Entwicklung will, dann erreicht man das durch die soziale Dreigliederung. Man sieht es immer wieder: Wer den Weg der sozialen Dreigliederung nicht kennt, der sucht im Dunkeln. Deshalb versuche ich, anderen Menschen diesen Weg zu zeigen.
    Johannes Mosmann: Was konnten Sie denn bei Sekem von der Dreigliederung umsetzen?
    Ibrahim Abouleish: Alles!
    Der Wirtschaftsbereich

    Johannes Mosmann: Alles? Wie ist es denn z.B. mit dem Wirtschaftsbereich. Der müsste dann ja von Zusammenschlüssen aus Produzenten, Händlern und Konsumenten, von sogenannten Assoziationen verwaltet werden. Inwiefern finden sich bei Sekem assoziative Strukturen?
    Ibrahim Abouleish: Wir haben eine Assoziation von den Bauern bis zu den Konsumenten. Sie haben es ja gesagt, mit unseren drei Farmen sind 800 weitere Bauern verbunden. Deren Farmen gehören uns nicht, die sind nur mit uns assoziiert. Es gibt keine Beteiligungen an Land oder an Unternehmen, sondern nur ein gegenseitiges Vertrauens- und Vertragsverhältnis. Jeder verpflichtet sich, dem anderen zu einem festgesetzten Zeitpunkt ein Produkt zu liefern, und jeder verpflichtet sich, dem anderen Geld zu geben, und zwar unabhängig von den Marktpreisen. Die Bauern kommen zu uns, weil sie an uns zertifizierte Produkte teilweise weit über dem Marktpreis verkaufen können. Und auch, weil jeder innerhalb der Assoziation weiß, was der andere verdient. Es ist alles transparent. Jeder kann an der Ware zu jedem Zeitpunkt erkennen, welche Prozesse hinter ihr liegen, woher sie kommt, wohin sie geht und auf wen welche Anteile am Preis fallen. Das ist die assoziative Struktur von Sekem, ohne die würde es Sekem nicht geben.
    Johannes Mosmann: Und der Konsument, ist das für ihn auch transparent?
    Ibrahim Abouleish: Auch der Konsument kann das sehen, selbst in Europa. Auf unseren Obst- und Gemüsekisten befindet sich ein Code[4], anhand dessen er die Supply Chain nachvollziehen kann. Das Transparenz-Problem können wir dadurch lösen. Wir haben ein System entwickelt, damit jeder an der Ware erkennt, woher das Produkt kommt! Nur das wollte man auf der Konferenz der United Nations Industrial Development Organisation von uns wissen: Wie habt ihr das geschafft, das transparent zu machen?
    Johannes Mosmann: Gilt das wirklich auch für den Endpreis? Erfährt der Konsument in Europa, auf wen welcher Anteil des Preises fällt, den er bezahlt?
    Ibrahim Abouleish: Nun, er kann das verfolgen, er sieht, wer welche Vorteile hat in der Kette und wer welche Leistungen erbringt. Darum geht es ja. Das ist der Weg, auf dem Afrikaner oder Asiaten ihre Produkte in Europa absetzen können. Wenn die Transparenz nicht da ist, interessiert das keinen auf tiefere Weise. Das ist eine unserer Stärken. Jeder hat uns für verrückt gehalten, als wir damit angefangen haben.

    Johannes Mosmann: Das Geheimnis ist das Wissen um die Herkunft der Ware, dass man ehrlich ist zueinander, dass der Käufer in Europa in eine Beziehung zu dem Menschen kommt, der die Ware für ihn hergestellt hat.
    Ibrahim Abouleish: Genau das ist es. Er kann ihn sogar besuchen[5]. Das ist der assoziative Gedanke. Die Farmen gehören uns nicht, sondern sind mit uns assoziiert. Das ist unser Kapital.
    Johannes Mosmann: Über 90% der Sekem Produkte sind Demeter Produkte, das heißt, sie werden nach einem von Rudolf Steiner entwickelten Verfahren angebaut. Bei Kaisers oder Real wird das Demeter-Gemüse von Sekem aber als ganz normales Bio geführt. Wie kommt das?
    Ibrahim Abouleish: Der Kunde will zuerst einmal Bio, und das ist schon mal das Wichtigste. Was jetzt das besondere an der biologisch-dynamischen Verfahrensweise ist, das können wir nicht immer kommunizieren. Aber das ist uns völlig egal. Das ist erst eine spätere Phase, in der wir Verständnis dafür bekommen können, was da noch drinnen ist in unseren Bio-Produkten.
    Johannes Mosmann: Kürzlich habe ich Urlaub auf einem Demeter-Bauernhof gemacht. Der Bauer erzählte mir, dass er zwei Drittel seines Gemüses nicht unter dem Label Demeter verkaufen kann, und deshalb an die Supermarktkette Edeka verkauft, die es dann als normales Bio und daher entsprechend billig anbietet. Macht der Demeter Bund was falsch?
    Ibrahim Abouleish: Wir haben viele Kunden. Der eine will Demeter, das bekommt er. Der andere will Bio. Das bekommt er. Wir können selber aber nur Demeter produzieren. Demeter zertifiziert nur, und bekommt dafür seinen Anteil. Die sind aber keine Händler.
    Die Eigentumsfrage

    Johannes Mosmann: Rudolf Steiner wollte das Eigentum so umgestalten, dass es keinen Eigentümer der Produktionsmittel mehr gibt, der »Arbeitgeber« sein oder das Produktionsmittel verkaufen könnte. Vielmehr sollte das Eigentum umgekehrt erst durch die Arbeit an dem Produktionsmittel definiert werden. Die Arbeiter, zu denen natürlich auch der Arbeitsleiter gehört, sollten ihr Einkommen dann auf dieser Grundlage einer Gleichberechtigung untereinander aushandeln[6]. Wie ist das bei Sekem?
    Ibrahim Abouleish: Diese Frage stellen Sie mir bitte nicht. Das ist etwas, das zu früh für die Menschheit ist. Das hängt auch von dem Bewusstsein der Mitarbeiter ab.
    Johannes Mosmann: Dann frage ich anders: Wie weit können Sie in diese Richtung gehen?
    Ibrahim Abouleish: Provozierend würde ich sagen: Wir besitzen das Kapital. Das ist noch zu früh, was Sie da wollen. Sie haben es ja eben im Vortrag gehört, GLS Bank und Triodos Bank sind bei uns mit jeweils 9% eingestiegen. Langsam geht das Kapital über in deren Hände.
    Johannes Mosmann: Widerspricht das nicht der sozialen Dreigliederung, wenn einer Eigentümer ist, der nicht selbst mitarbeitet, wenn also ein an der Arbeit ganz unbeteiligter Mensch Geld aus dem Unternehmen herausbekommen kann?
    Ibrahim Abouleish: Aber die GLS-Bank ist doch nicht irgendjemand! Das sind Menschen, die dieselbe Gesinnung haben. Die wissen, man darf die menschliche Arbeitskraft nicht kapitalisieren, die wissen, der Gewinn muss immer wieder zurückgehen.
    Johannes Mosmann: Ich sehe das anders. Es geht darum, ob der Geldempfänger mitarbeitet, ob da eine reale Leistung dahintersteht, und nicht darum, ob er Gesinnungsgenosse ist. Ich halte die Eigentumsfrage deshalb für eine der Kernfragen.
    Ibrahim Abouleish: Da machen Sie einen Fehler. Wenn Rudolf Steiner so etwas sagt, dann gibt er uns Ziele, die näher oder ferner liegen, je nachdem, wie wir an sie herankommen. Das muss man doch praktisch sehen. Ich wollte mein ganzes Eigentum an eine Stiftung geben, das hat aber nicht geklappt.
    Johannes Mosmann: Das ist Schade. Es gibt in Deutschland Initiativen, die Wege gefunden haben, wie sich das Eigentum so umgestalten lässt, dass es nicht mehr gehandelt werden kann, z.B. das Mietshäuser Syndikat oder die Stiftung trias.
    Ibrahim Abouleish: Sehr interessant. Aber das ist jetzt nicht mehr Wirtschaftsleben.
    Kulturleben

    Johannes Mosmann: Stimmt, das ist Rechtsleben. Vielleicht darf ich Sie dann zum Schluss noch etwas zum Kulturleben fragen. Es gibt bei Sekem auch eine Universität, die »Heliopolis« Universität. Wie ist das Verhältnis zwischen Universität und Holding?
    Ibrahim Abouleish: Die Universität ist frei. Die Überschüsse aus der Holding fließen in die Universität, aber die Uni- versität gehört der Holding nicht. Träger ist ein selbständiger Verein.
    Johannes Mosmann: Ihr Sohn, Helmy Abouleish, der ja mittlerweile Finanzchef und Vorsitzender der Sekem Holding ist, hat in einem Interview gesagt: »Wissen ist unser Konkurrenzvorteil.« Das klingt wie die übliche Denkweise, gemäß der jeder sein Wissen für sich behält, um eben einen Konkurrenzvorteil zu haben. Wie geht Sekem mit ihrem Wissen um, ist das etwas, worum Sekem ein Geheimnis macht, ist das Privatbesitz von Sekem?
    Ibrahim Abouleish: Unser Wissen kann jeder haben, und unser Wissen wird sofort umgesetzt. Darum geht es ja. Wir wollen den Menschen Werkzeuge geben, um aus der Armut herauszufinden. Etwas, das nur in irgendwelchen Archiven abgelegt wird, das ist gar kein Wissen.

    Johannes Mosmann: Es ist Ihnen gelungen, die ägyptische Regierung von der Effektivität der Biodynamischen Landwirtschaft zu überzeugen, so dass die Regierung landesweit die Ausbringung von Pestiziden verboten hat. Die Pestizid-Hersteller fühlten sich deshalb von Ihrem Wissen so bedroht, dass sie mit Hetzartikeln die Bevölkerung gegen Sie aufzubringen versuchten. In Ihrem Buch Die Sekem-Vision[7] erzählen Sie, wie dann die muslimischen Führer, die Imame, zu Ihnen kommen, und Sie zur Rede stellen wollen, weil sie aufgrund jener Hetzartikel einen Sonnenanbeter in Ihnen sehen. Sie sprechen dann mit den erzürnten Menschen, aber sie sprechen so, dass diese in der Art, wie Sie die Dinge aus der Perspektive Ihrer Wissenschaft betrachten, den Islam wieder erkennen. Sie beschreiben die Naturvorgänge aus anthroposophischer Sicht, und die Muslime finden sich darin wieder. Das hat mich sehr berührt, wie das zusammengeht, und ich hatte das Gefühl, dass Sie das nicht gekünstelt haben, um aus der heiklen Situation herauszukommen, sondern dass Sie das tatsächlich so erleben.
    Ibrahim Abouleish: Weil Sie offenbar ein Schüler der Anthroposophie sind, können Sie die Wahrheit von mir erfahren. In der Anthroposophie haben Sie so etwas wie eine Taschenlampe, mit der Sie in dunkle Ecken leuchten können. Auch die Anthroposophie als Ganze ist nur eine Methode, um zu erfahren, wie Rudolf Steiner in Gebiete hineingeleuchtet hat, die keiner von uns je gesehen hat. Und wenn man anthroposophisch geschult ist, wenn man gewisse Übungen gemacht hat, dann kann man auch die verborgenen Weisheiten des Islam erkennen. Wenn nicht, dann geht man an ihnen vorüber, liest darüber hinweg. Die Anthroposophie ist ein Erkenntniswerkzeug. Erkenntnis der jeweils anderen Kultur ist aber die Vorraussetzung für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen.
    Johannes Mosmann: Wie haben Sie damals die erste Begegnung mit diesen merkwürdigen Mitteleuropäern, den Anthroposophen, erlebt?
    Ibrahim Abouleish: Ich bin dem Geist begegnet. Durch Martha Werth und der Arbeit an der Philosophie der Freiheit. Die Philosophie der Freiheit[8] war für mich eine Art Einweihungsbuch. Das habe ich in meinem Buch ja beschrieben. Die Anthroposophen, die liebe ich. Ohne die gäbe es so vieles in Europa und in der Welt nicht. Was die in der Erziehung, in der Landwirtschaft, Medizin, Kunst und in so vielen anderen Bereichen des Lebens machen, das ist doch genial.

    quelle: Wer den Weg der sozialen Dreigliederung nicht kennt, der sucht im Dunkeln

    Richtig erkannt.... zum Vernunft, Frieden... wieder zurück finden!

    Friede!

  4. #4

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    In der Zeit vor Einstellung der Pestizidspritzungen über den Baumwollfeldern hatte die Regierung feste Verträge mit den Fluggesellschaften und der chemischen Industrie unterhalten. Aus diesem Grund war es dem Minister im ersten Jahr gar nicht möglich gewesen, sofort auf unsere Forderung nach Einstellung der Spritzungen einzugehen. Aber nach drei Jahren, als wir auf den Testfeldern eine biologische Alternative zeigen konnten, kündigte er die Verträge. Das war ein mutiger Schritt. In seinem Ministerium gab es aber weiterhin Stimmen, die behaupteten, dass wir schädlich für das Land seien. Natürlich haben wir dem mit viel Aufklärungsarbeit entgegengesteuert. Wie oft habe ich in dieser Zeit der Umstellung aber auch im Stillen gebetet, dass alles gut gehen möge! Einige Wochen später erschienen in den großen Tageszeitungen in Kairo Artikel, die beweisen wollten, dass das biologische Wirtschaften nur für die Reichen tauge, die die höheren Preise, die natürlich maßlos übertrieben wurden, bezahlen konnten. Andere Zeitungsartikel gaben vor, dass sich nicht einmal die reichen Industrieländer die biologische Anbauweise leisten könnten - wenn schon nicht diese, dann die ärmeren Völker wohl erst recht nicht. Wie aber sollten Hunderte Millionen von Menschen auf der Erde ernährt werden, wenn nicht durch den Kunstdünger die Erträge erhöht würden? Das biologische Wirtschaften wurde kalt als Versagerprinzip deklariert. Man behauptete sogar, dass wir die Menschen verhungern lassen wollten. In vielen Beiträgen wurde SEKEM auch namentlich erwähnt und ich bekam anonyme Anrufe, die mir drohten. Es gab allerdings auch andere, die mir Mut machen wollten und die mir sagten: "Gib nicht auf! Die Sache ist gut!"
    Im ganzen Land machte sich eine Kampfstimmung breit und Diskussionen wurden losgetreten, die uns eigentlich nur recht sein konnten. Wir merkten, dass die Angriffe die Verkaufszahlen unserer Firmen nicht negativ beeinflussten, obwohl sie unseren Ruf schädigen wollten. Wir wurden als "Aristokratenfirma" bezeichnet, die angeblich nur die Deutschen fütterte.
    Das war alles noch zu ertragen - bis eines Tages in einer lokalen Zeitung ein seitenlanger Artikel mit der Überschrift "Die Anbeter der Sonne" erschien. Ein Journalist hatte ohne unser Wissen SEKEM besucht und auf einem Foto festgehalten, wie wir donnerstagnachmittags, dem Ende der Arbeitswoche, im Kreis stehen. Er stellte die Frage, was wir dabei machten, und beantwortete sie selbst mit der Behauptung, dass wir dabei - die Sonne anbeteten! Er hatte das Rundhaus aufgenommen, berichtete auch über andere runde Formen in und vor den Firmen - in seinen Augen alles Sonnenzeichen! Zum Schluss zitierte er noch einen Mann der Schulbehörde, der wörtlich berichtete: "Dr. Abouleish stand vor der Klasse und fragte die Kinder: 'Wer ist euer Gott?' Die Kinder antworteten wahrheitsgemäß: 'Allah! ' Da sagte er ihnen: 'Nein, nicht Allah. Ich bin euer Allah! ' Das habe ich selbst so erlebt", log dieser angebliche Schulrat weiter.
    Für die Muslime aber bedeutete Sonnenanbeter soviel wie in Europa Satansverehrer. Die Menschen waren aufgewühlt. Dass es so etwas in ihrem Lande gab! Ihre Empörung machte sich Luft. Mitarbeiter von SEKEM wurden beschimpft: "Stimmt das? Ihr seid Sonnenanbeter?" Sekem-Arbeiter wurden mit Steinen beworfen. Der Zeitungsartikel machte in ganz Ägypten die Runde.
    Da bekam ich einen Anruf vom Chef der geheimen Staatssicherheitspolizei, der mich zu sich bat. Als ich sein Büro betrat, sah ich auf seinem Schreibtisch die Zeitung liegen. Er zeigte lachend darauf und sagte: "Was wollen Sie zu dem Zeug da sagen?" Da ich ihn nicht kannte, wartete ich erst einmal ab. Er fuhr fort: "Wir hier wissen genau, dass kein Wort von dem stimmt, was da an Vorwürfen gegen Sie erhoben wird. Ich rate Ihnen aber, wehren Sie sich und prozessieren Sie gegen diese Leute! Das können Sie nicht so stehen lassen!" Jetzt erst bestätigte sich für mich, was ich schon immer gedacht hatte, dass natürlich auch SEKEM, wie alle größeren Betriebe, aus Angst vor Fundamentalisten in der Mitarbeiterschaft Spitzel der Staatssicherheit hatte. Ich folgte seinem Rat und begann mit einem Prozess gegen die Zeitung, wohl wissend, dass er Jahre dauern würde.
    Aufgrund des Artikels begannen nun die Vorbeter in den um SEKEMSEKEM, die wussten, dass alles nicht stimmte. Doch wer durfte in der großen Masse aufstehen und etwas gegen den Imam sagen! Ich fürchtete, dass es den geschädigten Chemiekonzernen nun doch gelungen war, uns mit viel Geld kleinzukriegen. gelegenen Moscheen, die Menschen gegen uns aufzuhetzen und zu verbreiten, dass wir nicht Allah anbeten würden, sondern die Sonne. Unter ihnen saßen Mitarbeiter von
    Sollten wir dagegen kämpfen oder den anderen Weg wählen, den friedlichen, der den Feinden den Wind aus den Segeln nimmt?! - Ich suchte den zweiten, wie schon zuvor bei dem Konflikt mit den Beduinen. Zehn Vertrauensleute aus der Mitarbeiterschaft bekamen den Auftrag, jene Leute, die in der Zeitung zitiert wurden, sowie den Bürgermeister und einflussreiche Scheichs der Umgebung nach SEKEM einzuladen. Wir vereinbarten einen Termin und ich schärfte ihnen ein, dass jeder verantwortlich dafür sei, dass die Leute auch wirklich kämen. An dem angesetzten Donnerstag empfing ich sie alle im Mahad. Sie kamen herein, eine gewaltige Männerschar in weiten, langen Gewändern. Ich begrüßte sie mit Handschlag, den sie ungern erwiderten. Doch ich blieb ganz ruhig. Als alle Platz genommen hatten, bat ich einen Scheich, einen Vers aus dem Koran vorzutragen, was er mit seiner schönen Stimme tat. Als er geendet hatte, winkte ich Musiker von SEKEM herein, die begannen, eine Serenade von Mozart zu spielen. Da stand plötzlich ein Mann wütend auf, schlug mit der Faust auf seine Stuhllehne und rief: "Das Teufelswerk hören wir uns nicht an!" Ich ging auf ihn zu, während die Musiker tapfer weiterspielten, und sagte: "Beruhige dich und hör erst einmal zu Ende!" Darauf ließen alle Anwesenden die "schrecklichen" Mozartklänge über sich ergehen. Nachdem die Musiker den Raum verlassen hatten, bat ich die Männer, sich zu äußern. Einer stand auf und donnerte gleich los: "Musik und Kunst sind im Islam verboten. Der Prophet hat es so gesagt!" Ich fragte ruhig zurück: "Steht das im Koran?" - "Nein, das ist vom Propheten!" - "Ich glaube an jedes Wort im Koran und auch an das des Propheten. Ich muss es nur erst sehen!", erwiderte ich. - "Ich bringe es dir!" - "Gut, ich warte, bis du es mir bringst!" So begann die Versammlung. Die Stimmung war aufs Äußerste gespannt und drohte jeden Augenblick zu eskalieren.
    Aufgrund der Fragen begann ich nun zu erzählen, wie Allah von allen seinen Geschöpfen die Menschen als seine Nachfolger auserwählt hat. Einige nickten, denn ich belegte, auswendig zitierend, alles aus dem Koran. Allah sagt: "Wir sind verantwortlich der Erde, den Pflanzen und Tieren gegenüber." Denn Allah hatte vorher diese Verantwortung dem Himmel und den Bergen angetragen, aber sie hatten abgelehnt. Es war zu viel für sie. Nur der Mensch nahm sie auf sich. Diese Verse kannten sie alle (Sure 33, Vers 72).
    Nun sprach ich weiter über die tote und die lebendige Erde, wie es auch im Koran steht. "Allah ist der Spalter des Samenkorns und Fruchtkorns. Er zieht das Lebendige aus dem Toten und zieht das Tote aus dem Lebendigen" (Sure 6 Vers 95). Jetzt tat sich eine Schwierigkeit auf, der ich bei meinen Schulungen der Landwirte schon öfter begegnet war. Die Menschen, die mir gegenüberstanden, waren nämlich gewohnt, alle diese Koranworte nur abstrakt zu nehmen und sich nichts Konkretes darunter vorzustellen. Ich führte ihnen nun anhand von Beispielen aus, was diese bildhaften Verse für das praktische Leben bedeuten könnten. Ich schilderte die Millionen von Mikroorganismen und ihre Tätigkeiten im Boden und erzählte auch, dass eine lebendige Erde im Kontakt mit dem Himmel stünde. Dann zitierte ich wieder: "Die Sonne und der Mond laufen ihre vorgeschriebene Bahn. Die Sterne und die Bäume verneigen sich vor dem Herrn. Und die Himmel hat er emporgehoben und in Balance gebracht. Stört das Gleichgewicht nicht und haltet das rechte Maß und verliert es nicht" (Sure 55 Vers 59). Danach fragte ich sinngemäß: "Wie kann nun dieser Kontakt mit dem Himmel gefördert werden? Was ist die Pflanze? Ist sie nur das Samenkorn, das wir in die Erde legen, oder empfängt dieses Korn Leben von Allah, damit aus dem Korn die verschiedenen Pflanzenarten hervorkommen? Denn Allah sagt: Nicht ihr baut an, sondern Allah baut an. Er lässt die Pflanzen wachsen!"

    Zwischendurch machte ich kleine Pausen und ließ Raum für Fragen. Dann sprach ich über das biologisch-dynamische Wirtschaften, über den Kompost und die Präparate und führte aus, wie dadurch die Erde verlebendigt würde. Ich erläuterte, wie wir bei der Aussaat nach Sternenkonstellationen schauen und uns dabei durch Allah zum richtigen Tun inspirieren lassen. Nun brachte ich die Rede auf die Überheblichkeit der Wissenschaft, die meint, dass allein die physischen Stoffe die Pflanzen wachsen lassen, und nicht Allah. Deswegen verwendete man Kunstdünger und chemische Gifte und übersähe die Folgen für die Gesundheit der Menschen und die Auswirkungen auf den Insektenbefall.
    Plötzlich stand einer von den Leuten auf, kam auf mich zu und umarmte und küsste mich. Ich bemerkte, dass einem anderen Tränen in den Augen standen. Was hatte diese gestandenen Männer so berührt? Viele waren erschüttert darüber, wie konkret die Verse des Koran verstanden werden konnten. Sie fühlten offenbar ihre Religion durch meine Ausführungen tief bestätigt. Auf das bohrende Fragen eines Teilnehmers hin erklärte ich die Bedeutung der Stellung von Sonne und Mond für das Wachstum der Pflanzen. Und als zum Schluss nur noch drei sehr intellektuell geprägte Anwesende nicht überzeugt waren, wies ich auf die Sure "Der Stern" hin, in der geschildert wird, wie der Prophet die fünf Gebetszeiten von Allah empfing: "Und das Ewige im Menschen sah Ihn noch einmal herabkommen, beim Sykomorenbaum, am Ende des Weges, der Heimstätte des Paradiesgartens. Das göttliche Licht überstrahlte den Baum. Da wich der Blick des Ewigen im Menschenwesen nicht ab und suchte nicht in der Ferne. Wahrlich, er sah von den Zeichen seines Herrn die größten." Was hatte der Prophet gesehen? - Einen Baum, der von Licht überstrahlt war. Er sah die Lebensgestalt des Baumes, die lebendigen Prozesse, die in dem Baum vor sich gehen und die sich physiologisch im pflanzlichen Leben wie folgt abspielen: Wenn die Morgenröte naht, beginnen die Pflanzen, Zucker zu bilden, bis die Sonne im Zenit steht und dieser Prozess aufhört, dann nämlich, wenn die Sonne Schatten wirft, die so lang sind wie die Pflanze selbst. Das ist am Nachmittag. Der Zeitpunkt ist natürlich über das ganze Jahr hin verschieden, entsprechend des Sonnenlaufes. Vom Nachmittag bis Sonnenuntergang transportiert die Pflanze den Zucker, den sie gebildet hat, in alle ihre Organe. Nach Sonnenuntergang beginnt dann ein dritter Prozess, bei dem die Pflanze aus dem Zucker Wirkstoffe bildet. Mit Einbruch der Dunkelheit hört auch dieser Prozess wieder auf und die Pflanze fängt an, in der Nacht zu wachsen. Vier Prozesse sind es entsprechend den fünf Sonnenstellungen, die das Leben der Pflanze zur Erscheinung bringen. Der Prophet Mohammed empfahl uns, fünfmal zu diesen Zeiten an Allah zu denken und uns auf das Übersinnliche hin zu wenden. Durch den Zusammenhang der fünf Gebete mit dem Sonnenlauf und den Rhythmen der Pflanzenwelt schließt sich der betende Mensch an die kosmischen Prozesse an.
    Dies erzählte ich den versammelten, tief religiös empfindenden Menschen. Nun trat eine große Stille ein. Sie hatten verstanden und erfahren, dass auch unsere Gemeinschaft aus Muslimen bestand, die aus der Kenntnis des Koran verantwortlich arbeiteten. Das ganze Treffen hatte bisher drei Stunden gedauert. Einer der Männer erhob sich langsam und meinte: "Wenn du uns nun noch sagst, dass die Musik und die Kunst auch von Allah und vom Propheten erlaubt ist, dann glauben wir es dir, denn du weißt es besser!" Ich dankte ihm, bat die Musiker herein und gemeinsam hörten wir uns noch einmal die Serenade von Mozart an, jetzt einig und offen.
    Bevor wir zum Essen gingen, erwähnte ich noch, wie wichtig eine entsprechende Schulung für die Landwirte sei, wenn sie verantwortungsvoll mit der Erde, den Pflanzen und Tieren umgehen sollen. Da wollten sie mehr, auch über unsere Pädagogik und die Ausbildung der Kinder, wissen. In den Moscheen war immer wieder gegen die Schule gepredigt und gesagt worden, dass die Eltern ihre Kinder nicht dort hinschicken sollten. Gleich nach dem Essen aber erlebten sie im Saal der Schule eine Kinderaufführung, an der auch die Behinderten teilnahmen. Von der Freude, mit der die Kinder sich auf der Bühne bewegten, waren sie tief ergriffen. Danach wollten sie erfahren, was für Sprüche die Kinder in der Schule lernten. Ich ließ einige Schüler kommen und sie selbst das, was sie gelernt hatten, aufsagen. Da begriffen die Männer, dass die Sprüche wohl von der Sonne handeln, aber dass es Allah ist, den wir anbeten, damit er uns Kraft gibt. Sie fingen an, uns um Entschuldigung zu bitten, dass so schlecht über uns geredet worden war. Aber es gab noch andere Fragen, die sie nun frei und offen stellten: zum Beispiel, warum wir die Kinder den ganzen Tag bei uns behielten. Das gab mir Gelegenheit, über die Entwicklung des Menschen von Kindheit an und die Aufgabe der Pädagogik zu sprechen: Ich sagte etwa: Es gilt auf allen Lebensgebieten die Zeichen Allahs zu erkennen. Und eines der verschlüsseisten Zeichen ist der Mensch. Der Prophet beschreibt den Menschen in seinen verschiedenen Seinsebenen als himmlisches und als irdisches Wesen; auffallend aber ist dabei, dass er ihn als etwas im Werden Begriffenes darstellt, also den Entwicklungsprozess betont. Der Prophet sagt: "Die ersten sieben Jahre des Kindes sollt ihr mit ihnen spielen. Die zweiten sieben Jahre sollt ihr mit ihnen lernen. Im dritten Lebensjahrsiebt sollt ihr mit ihnen wie mit Erwachsenen umgehen, sie nicht mehr erziehen, sondern sie mehr wie Partner behandeln. Danach entlasst sie in die Freiheit." Anhand dieser Zitate aus dem Hadith können wir auch die Lehrer für unsere Schule bilden. Als ich danach noch weitere lebendige Beispiele erzählte, fühlten alle, dass diese Weisheiten tief aus dem Islam heraus begründet waren.
    Die grimmigen, bärtigen Männer vom Anfang des Tages waren nun meine Gäste geworden und verabschiedeten sich herzlich und tief ergriffen. Ich wusste, dass sie sich am Freitag wieder in den Moscheen treffen würden und dort weitererzählten, was für einem Irrtum sie gefolgt waren. Ich entließ sie mit einem Wort aus dem Koran, das besagt: "Wenn einer zu euch kommt und euch ein Gerücht erzählt, dann glaubt dem nicht, sondern überzeugt euch selbst." Genau so gaben sie es weiter. Sie verbreiteten, wie tief der Islam in SEKEM lebte, was es derart im ganzen Land nicht gäbe. Und zum Andenken an ihren Besuch schenkten sie uns eine Tafel, auf der in schönen, kalligrafisch gestalteten goldenen Schriftzügen stand, dass die Gemeinschaft der Scheichs bezeugt, dass SEKEM eine islamische Initiative ist. Diese Tafel hängt heute im Eingangsbereich der Schule.
    Nach dem Besuch lud ich Journalisten der bekanntesten Zeitungen von Ägypten zu einer Pressekonferenz ein. Danach erschienen ganz andere Artikel über SEKEM. Der Chef der lokalen Zeitung dementierte den Hetzartikel und entließ den Journalisten, der ihn verfasst hatte. Der Prozess gegen die verantwortlichen Redakteure wegen Rufschädigung lief trotzdem weiter und führte zu einer Verurteilung auf Schadensersatz. Weil ich ihnen verzieh, wurde ihnen jedoch dem ägyptischen Recht entsprechend die Strafe erlassen. Mir ging es um die Richtigstellung unserer Idee.


    quelle: Die Sekem Vision - Die "Anbeter der Sonne"

  5. #5

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    Das SEKEM-Projekt von Ibrahim Abouleish basiert auf den Ideen von Rudolf Steiner, geboren am 25.02.1861 in Kraljevec (Kroatien). Wenig bekannt ist das esoterische Werk Rudolf Steiners. Einen guten Überblick über Rudolf Steiners Esoterik
    bieten folgende Bände: Michael Heinen-Anders: Aus anthroposophischen Zusammenhängen (Buch) - portofrei bei Libri.de

    Michael Heinen-Anders: Aus anthroposophischen Zusammenhängen Band II (Buch) - portofrei bei Libri.de

    Rudolf Steiner: Ausgewählte Gebete, Meditationen und mantrische Sprüche (Buch) - bei Libri.de

  6. #6
    Avatar von BlackJack

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    Wenig bekannt ist das esoterische Werk Rudolf Steiners
    und man kann nur hoffen, dass das auch weiterhin so bleibt

  7. #7
    Avatar von Rockabilly

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    Der Typ macht überall Werbung