Wie ist das System der Spiegelneuronen in der Praxis nutzbar? Chancen bestehen für die Rehabilitation nach dem Schlaganfall.

Von Martina Lenzen-Schulte

Das Konzept der Spiegelneuronen lud von Anfang an zum Spekulieren ein. Kulturphilosophen und Erkenntnistheoretiker sprangen sofort auf diesen Zug auf. Endlich schienen jene Nervenzellen dingfest gemacht, die uns erlauben, im anderen das Selbst zu entdecken, Empathietheorien und eine Erklärung für die Entstehung von Religion inklusive. Ärzte, die sich mit der Heilung von Patienten befassen, müssen weit nüchterner vorgehen, ihre Theorien lassen entweder absehbar Erfolge erkennen, oder die Patienten und Geldgeber klinischer Forschungsvorhaben wenden sich enttäuscht ab. So sollte es in der vergangenen Woche auf dem Neurologenkongress in Wiesbaden denn auch eher empirisch fundiert als spekulativ zugehen.
Die Forscher wollen selbstkritisch sein

Ferdinand Binkofski, der Leiter der Sektion Klinische Kognitionsforschung an der Universitätsklinik Aachen, mahnte: "Wir müssen ganz selbstkritisch prüfen, was die Beobachtungen wirklich hergeben." Bei aller Skepsis behandelte man gleichwohl spannende Ansätze, die langfristig für die Therapie von Nutzen sein können.
Als Spiegelneuronen bezeichneten italienische Forscher vor 15 Jahren jene Nervenzellen, die nicht nur bei eigenen Bewegungen feuerten, sondern ebenso dann, wenn die Makaken, bei denen man Hirnströme ableitete, ihre Artgenossen dabei beobachteten, wie sie exakt die gleichen Bewegungen vollführten. Die Spiegelneuronen widersprachen somit einem bis dahin gültigen Dogma: Es gibt Nervenzellen für den Input, also für die Wahrnehmung, und solche für den Output: die Motoneuronen, die unsere Muskelfasern aktivieren. Spiegelneurone sind indes in beiden Fällen aktiv, beim Zuschauen und Selbermachen. Diese Umwälzung elektrisierte viele Forscher, nicht zuletzt, weil sie auf theoretisch bereits vorbereiteten Boden fiel.
Kann man das Konzept in der Praxis nutzen?

Die Spiegelneuronen erfüllten nämlich frühere Theorien des Common Coding oder des ideomotorischen Prinzips, wie sie etwa im 19. Jahrhundert von dem amerikanischen Psychologen William James und später von dem Gestaltkreis-Erfinder Viktor von Weizsäcker formuliert worden waren, aber seinerzeit von der Physiologie nicht hatten belegt werden können. Der Hang zum Imitieren erhielt jetzt ein Substrat im Gehirn. Auch eher komplizierte Fähigkeiten wie die, sich in andere hineinversetzen zu können, passten gut dazu.
Will man das Spiegelneuronensystem in der klinischen Praxis nutzen, muss man sich auf die Ursprünge besinnen. Bisher wurde gezeigt, dass die Beobachtung einer einfachen Bewegung - etwa das Abspreizen des Daumens - im Gehirn die gleichen Muster festigt wie die Bewegung selbst, nur leicht abgeschwächt. Man kann somit im Kopf üben, etwa indem der Proband auf einem Bildschirm die Bewegung beobachtet. Sportphysiologen haben das schon früher intuitiv genutzt, indem sie Sportler Bewegungsabläufe betrachten ließen.
Ein Vorteil vor allem bei schmerzhaften Erkrankungen

Pablo Celnik, Rehabilitationsmediziner an der John-Hopkins-Universität in Baltimore, erklärte, dass die Wirkstärke des mentalen Übens zwar hinter der einer echten Bewegung zurückbleibe, aber gleichwohl hilfreich sei für die Rehabilitation. Patienten, die nach einem Schlaganfall gelähmt sind, könnten mit passiver Beobachtung das aktive Üben mehr als unterstützen: "Werden diese beiden Formen des Übens kombiniert, ergänzen sie sich nicht nur, die Effekte potenzieren sich sogar gegenseitig." Einen Vorteil verspricht man sich vor allem in Fällen, in denen die echte Bewegung noch schmerzhaft ist und es dem Patienten nicht zugemutet werden kann, häufig zu üben.
Eine Vielzahl von klinischen Patientenstudien dokumentiert inzwischen das Potential der Methode, aber sie schließen stets nur eine geringe Anzahl von Betroffenen ein. Um verlässlichere Aussagen machen zu können, bedarf es einer weit größeren Studie, mit der nun endlich in Deutschland begonnen werden konnte: "Es ist uns gelungen, die weltweit erste multizentrische Großstudie zu starten, bei der die Bewegungsbeobachtung zur Neurorehabilitation getestet wird. Geplant ist, in den nächsten drei Jahren insgesamt dreihundert Patienten einzuschließen", erklärte Ferdinand Binkofski.
Musikalische Töne an eine Bewegung koppeln

Nicht nur für die visuelle Wahrnehmung gibt es Spiegelneuronen, wie Stefan Knecht von der Klinik für Neurologie der Universität Münster erläuterte: "Hören zum Beispiel Klavierspieler eine Etüde von Chopin, so feuern bei ihnen exakt jene Nerven in den Hirnrindenfeldern, die sie auch aktivieren würden, wenn sie selbst das Klavierstück spielten." Deshalb testen Mediziner nicht nur, inwiefern Bewegungsabfolgen, die man auf einem Video beobachtet, einen Übungseffekt haben, sondern auch, ob musikalische Töne, die an eine Bewegung gekoppelt sind, die Rehabilitation nach einem Schlaganfall unterstützen können.
Die Koppelung von Akustik und Motorik gilt auch für die Sprache: "Ebenso wie das Anschauen kann auch das Hören einen Bewegungsablauf unterstützen", sagte Knecht. Es gibt auch hier eine sehr genaue Zuordnung. Ist von Kicken die Rede, werden die Spiegelneuronen für die Beine aktiv, ist vom Lippenlecken die Rede, sind es die der Zungenbewegung. Nicht nur in Münster möchten die Ärzte das nun für die Rehabilitation von Sprache nutzen, denn etliche Schlaganfallpatienten sind nicht nur gelähmt, sondern auch aphasisch, sie können nicht sprechen oder Sprache nicht mehr verstehen.
Eine amerikanische Studie soll Klarheit schaffen

Ob sich hier die Spiegelneuronen für die Rehabilitation sinnvoll einspannen lassen, prüft die amerikanische "Imitate"-Studie, die von Steven Small von der University of California initiiert wurde. Im Laufe der Übungsphase werden den Schlaganfallpatienten Wörter und Phrasen zum Ablesen, aber auch zum Hören präsentiert. Die Betroffenen sollen dann versuchen, diese Wörter und einfachen Sätze selbst nachzusprechen. Getestet wird, ob sie dadurch eher und nachhaltiger wieder sprechen lernen als die Vergleichsgruppe von Patienten, die keine vorherige Lese- oder Hörprobe erhielt. Noch sind keine Auswertungen verfügbar, sie werden derzeit mit Spannung erwartet.