Prozess um Atomschmuggel in Stuttgart begonnen

Stuttgart. Unter umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen ist am Donnerstag in Stuttgart der Prozesses gegen einen deutschen Ingenieur neu aufgerollt worden. Er soll in die gleiche Atomschmuggelaffäre verstrickt sein wie die Schweizer Tinner-Brüder. Die deutsche Bundesanwaltschaft wirft dem 65-jährigen Gotthard Lerch vor, zum Netzwerk von Abdul Qader Khan, dem «Vater der pakistanischen Atombombe» gehört zu haben. Dieses belieferte Iran, Libyen und Nordkorea mit Atomtechnologie.
Der Ingenieur, der in der Ostschweiz wohnt, habe spezielle Technologie zum Bau von Gas-Ultrazentrifugen besorgt und über Mittelsmänner in Südafrika und Malaysia nach Libyen geliefert, lautet die Anklage. Zudem habe er Produktionsanlagen für Atomwaffentechnologie überwacht. Für seine Aufgaben habe er umgerechnet rund 28 Millionen Euro erhalten.
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Der Atomhandel war im Oktober 2003 aufgeflogen, nachdem der deutsche Frachter «BBC China» auf dem Weg von Malaysia nach Libyen von einem US-Kriegsschiff abgefangen und an Bord Bauteile für Zentrifugen gefunden worden waren. Mit der Ausrüstung hätte Libyen laut Anklageschrift rund 28 Kilogramm waffenfähiges Uran im Monat produzieren können.
Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe. Er war 2004 im Kanton St. Gallen verhaftet und an Deutschland ausgeliefert worden. Der Prozess ist bis Januar 2009 angesetzt.
Erster Prozess 2006 geplatzt
Die Verteidigung verlangte am Donnerstag, den Fall wieder vor dem ursprünglich zuständigen Landgericht in Mannheim zu verhandeln. Dort war 2006 ein erster Prozess gegen Lerch geplatzt, weil die Richter den Grundsatz eines fairen Verfahrens gefährdet sahen. Unter anderem hatten Akten gefehlt, und Zeugen waren unerreichbar.
In der Schweiz hatte das Bundesgericht anfang August 2006 grünes Licht für Rechtshilfe an Deutschland in der Angelegenheit gegeben, doch trafen die Akten zu spät ein - der Ingenieur war schon auf freiem Fuss. Im Mai 2008 hatte das Landesgericht Stuttgart die Wiederaufnahme des Prozesses beschlossen.
Schweizer in Affäre verwickelt
Als Mitarbeiter von Khan waren 2004 auch die drei Schweizer Friedrich, Urs und Marco Tinner verhaftet worden. Die beiden Letzteren sitzen noch in U-Haft. Wieweit die Tinners Verbindung zum deutschen Ingenieur hatten, ist unklar.
Urs Tinner soll während seiner Tätigkeit für Khan den US- Geheimdienst CIA über den Atomschmuggel informiert haben. Im November hatte der Bundesrat einen Teil der Atomschmuggel-Akten vernichten lassen - angeblich aus Sicherheitsgründen und in Absprache mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA).
Die Aktenvernichtung sei nicht auf Druck des US-Geheimdienstes CIA erfolgt, erklärte Alt Bundesrat Christoph Blocher, damals Justizminister.
In Südafrika sind bereits drei Männer, darunter ein Schweizer, wegen Verwicklung in den Atomschmuggel zu Haftstrafen verurteilt worden. Nach umfassenden Geständnissen wurden diese aber zur Bewährung ausgesetzt.




Quelle:baz.ch - Basler Zeitung Online