Franjo Tuđman
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Gesichtet (+/−) Dies ist die letzte
gesichtete Version, (
zeige alle),
freigegeben am
11. Juli 2008.
Statusgesichtet
Wechseln zu:
Navigation,
Suche
Franjo Tuđman [
ˈfraːɲɔ ˈtudʑman] (*
14. Mai 1922 in
Veliko Trgovišće (
Gespanschaft Krapina-Zagorje); †
10. Dezember 1999 in
Zagreb) war ein Offizier, Historiker und Politiker. Er wurde nach den ersten
Mehrparteienwahlen in
Kroatien zum Präsidenten gewählt und führte das Land in die staatliche
Unabhängigkeit.

Franjo Tuđman
Biographie [Bearbeiten]
Frühe Jahre [Bearbeiten]
Tuđmans Vater
Stjepan war leitendes Mitglied der
Kroatischen Bauernpartei. Franjo hatte zwei Brüder, Stjepan und Ivica. Sein Bruder Stjepan kam im Frühjahr 1943 als Mitglied der antifaschistischen Bewegung ums Leben. Sein Vater war einer der Mitgründer des
ZAVNOH (
Zemaljsko antifašističko vijeće narodnog oslobođenja Hrvatske).
Tuđman besucht zwischen 1929 und 1933 in seiner Heimatstadt die Volksschule und ging ab dem Jahr 1934 bis 1941 an die Oberschule in
Zagreb. Schon während der Oberschule wurde er Mitglied der nationalen demokratischen Bewegung.
Ab 1941 nahm er aktiv als
Partisan an der antifaschistischen Bewegung teil. Noch während des
Jugoslawischen Bürgerkrieges wurde er zu einem der Repräsentanten im Führungsstab der nationalen Befreiungsarmee (NVO) und der Bewegung für die Befreiung Jugoslawiens (POJ) ernannt.
1946 werden sein Vater und seine Stiefmutter erschossen aufgefunden. Seine Eltern starben an einen Gewaltverbrechen, dessen Umstände bis heute nicht geklärt sind. Es sind zahlreiche Gerüchte im Umlauf, die von Freitod oder Mord durch Gegner Stjepan Tuđmans sprechen.
Als Mitglied der kommunistischen Nomenklatura [Bearbeiten]
Danach arbeitete er im Personalbüro des Verteidigungsministeriums. In
Belgrad absolvierte er zwischen 1955 und 1957 ein Studium an der
Militärakademie. Im Jahr 1960 wurde er in den Rang eines
Generals befördert, jedoch verließ er 1961 schon wieder die
Jugoslawische Volksarmee, um sich auf seine akademische Arbeit zu konzentrieren. Noch im selben Jahr gründete er in Zagreb das "Institut für die Geschichte der Arbeiterbewegung Kroatiens" und blieb bis 1967 deren Direktor. 1963 wurde ihm der Titel des Professors der politischen Wissenschaften an der
Universität von Zagreb verliehen. 1965 wurde ihm der Doktortitel der
Politikwissenschaften von der Universität Zagreb zugesprochen, nachdem man seine umstrittene Abhandlung zu den "Ursachen der Krise des monarchistischen Jugoslawiens seit seiner Entstehung 1918 bis zum Zerfall 1941." verteidigt hatte.
Von 1965 bis 1969 arbeitete er für die pädagogisch-kulturelle Kommission des Parlaments der
Sozialistischen Republik Kroatien und als Präsident des Ausschusses der pädagogisch-kulturellen Kommission des Parlaments als Delegierter. Zudem war er Präsident der Kommission der
Matica hrvatska für kroatische Geschichte.
Der Historiker und Dissident [Bearbeiten]
Im Jahr 1967 wurde Franjo Tuđman aus der
kommunistischen Partei (KPJ) wegen seinen gewagten politischen Thesen, die auf eine Teilung
Bosniens zugunsten der kroatischen Republik wegen einer angeblichen Unterdrückung der kroatischen Volksgruppe in Bosnien abzielten und bereits in dieser Zeit als kroatisch-nationalistisch bezeichnet wurden, ausgeschlossen. Ebenso verlor er seinen Posten als Direktor in dem von ihm gegründeten "Instituts für die Geschichte der Arbeiterbewegung Kroatiens" und seinen Posten als Professor an der Universität Zagreb. Ihm wurden alle öffentliche Ämter entzogen.
Nach der Beendigung der auch als
Kroatischer Frühling bekannten kroatischen antikommunistischen Bewegung im Jahre 1971 wurde er, wie auch der heutige kroatische Staatspräsident
Stjepan Mesić, wegen "konterrevolutionärer Umtriebe" verhaftet und einer der Hauptangeklagten dieser Bewegung. Nur aufgrund einer Intervention durch den Schriftsteller
Miroslav Krleža bei
Josip Broz Tito wurde die langjährige Haftstrafe gegen ihn auf zwei Jahre verkürzt, die sich später dann auf 9 Monate verringerte. Im Februar 1981 wurde er erneut zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und ihm für weitere fünf Jahre verboten, westlichen Radio- und Fernsehagenturen Interviews zu geben. Zwischen 1982 und 1983 saß er wieder wegen "staatsfeindlicher Propaganda" in
Lepoglava in Haft. Dann wurde seine Haft wegen gesundheitlicher Probleme bis zum Mai 1984 unterbrochen. Im September 1984 wurde er deswegen endgültig auf freien Fuß gesetzt.
Nachdem er 1987 von den Behörden wieder einen Reisepass ausgehändigt bekam, reiste er zunächst nach
Kanada und in die
USA und danach durch Europa, wo er Vorträge über die kroatische Nationalbewegung hielt. Im Jahr 1989 gründete er die "
Kroatische Demokratische Union" (HDZ) und wurde deren Vorsitzender.

Sein Grab auf dem
Zagreber Friedhof Mirogoj
Als Mitglied der kroatischen Akademie der Wissenschaften wurde Tudjman auch mehrfach international ausgezeichnet: "
Catarina de Medici" im November 1990, Ehrendoktorat der Universität
La Jolla im Dezember 1990.
Erster Präsident Kroatiens [Bearbeiten]

Statue von Tuđman in
Selca
Im April 1990 fanden in Kroatien die ersten demokratischen Parlamentswahlen seit dem Zweiten Weltkrieg statt. Vom neu gewählten Parlament „
Sabor“ wurde Franjo Tuđman am 30. Mai 1990 zum
Präsidenten der damaligen Sozialistischen Teilrepublik Kroatien gewählt.
Am 19. Mai 1991 wurde ein Referendum zur politischen Zukunft Kroatiens abgehalten. Die Wahlbeteiligung lag bei 83,56 %. Dabei sprachen sich 94,17 % für die kroatische Souveränität aus. Auf Grund dieser Ergebnisse nahm das kroatische Parlament am 25. Juni 1991 den Verfassungsbeschluss über die Souveränität und Selbständigkeit Kroatiens an, ebenso die rechtsstaatlichen Verpflichtungen gegenüber den Minderheiten sowie alle anderen Rechten und Pflichten eines demokratischen Staates.
Nach Änderung der
Verfassung Kroatiens wurde er am 2. September 1992 zum Präsidenten der souveränen Republik
Kroatien gewählt.
Franjo Tuđman trat für ein unabhängiges Kroatien und freie
Marktwirtschaft sowie für eine Mehrparteien
demokratie ein. In der politischen Praxis entwickelte sich jedoch ein autokratisches Regime unter der Vorherrschaft von Tuđmans nationalistischer Partei HDZ.
Bei seinen Bemühungen um die internationale Anerkennung nahm Franjo Tuđman an der
Jugoslawien-Friedenskonferenz teil, die im September 1991 unter der Führung von
Peter Carington in
Den Haag begann. Die Schiedskommission der Jugoslawien-Friedenskonferenz, die unter der Leitung von
Robert Badinter stand, kam am 7. Dezember 1991 zu dem Schluss, dass es sich „nicht um Abspaltung, sondern um einen Zerfall“ des ehemaligen Jugoslawien handele.
Am 15. Juni 1997 gewann Franjo Tuđman erneut die Präsidentschaftswahlen und blieb bis zu seinem Tod im Amt. Zuletzt war nicht ausgeschlossen, dass Tuđman wie
Slobodan Milošević vom
Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) wegen
Kriegsverbrechen an
Bosniaken in Bosnien und an Serben in Kroatien angeklagt werden würde. So wird Tuđman beispielsweise in der Anklageschrift gegen den kroatischen General
Ante Gotovina als Teil einer "kriminellen Vereinigung" bezeichnet, deren Ziel die gewaltsame und dauerhafte Vertreibung der serbischen Bevölkerung aus der
Region Krajina gewesen sei.
Nach dem Ende der Ära Tuđman begann eine grundlegende
Demokratisierung und
Liberalisierung des Landes. Gleichzeitig wurde der Markt für ausländische Investoren geöffnet und stufenweise die kroatische Wirtschaft zu Ende kapitalisiert.
Kritik [Bearbeiten]
Tuđman isolierte sich international als autoritärer Nationalist nach dem
Friedensschluss von Dayton. Die Günstlingswirtschaft bei der Privatisierung von Staatseigentum mündete in Korruptionsskandale und Unternehmenspleiten.
[1]
Im Jahr 1992 soll Tudjman gesagt haben: "Juden rufen Neid und Hass hervor, sind stets das Opfer sowohl ihrer eigenen als auch fremder Ansprüche." Auf Fragen von Journalisten, warum Präsident Tudjman solche radikalen Äußerungen von sich gebe, entgegnete der damalige Außenminister
Zvonimir Separović der Presse: "Die serbische Lobby in der Welt ist gefährlich, da sie mit jüdischen Organisationen zusammenarbeitet."
[2]
Wegen seiner Aussagen im 1989 erschienenen Buch
Bespuća Povjesne Zbiljnosti (
Irrwege der Geschichtswirklichkeit) wurde er seinerzeit scharf kritisiert. Vorrangig ging es dabei um die Aussage, dass im kroatischen
KZ Jasenovac höchstens 30.000-40.000 Juden umgekommen seien. Die genauen Opferzahlen sind bis heute Gegenstand historiografischer Kontroversen. Kritiker werfen Tuđman die Verharmlosung kroatischer Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs vor.
Werke [Bearbeiten]
- "Rat protiv rata" ("Der Krieg gegen den Krieg"), Zagreb 1957 - ein Buch über den Guerilla-/ Partisanenkrieg
- "Uzroci krize monarhističke Jugoslavije od ujedinjenja 1918. do sloma 1941." ("Ursachen der Krise des monarchistischen Jugoslawiens seit der Vereinigung 1918. bis zum Bruch 1941."), Zagreb 1965 - seine Dissertation
- "Velike ideje i mali narodi" ("Große Ideen und kleine Völker"), 1969
- "Nacionalno pitanje u suvremenoj Europi" ("Die nationale Frage im zeitgenössischen Europa"), 1981
- "Bespuća povijesne zbiljnosti" ("Irrwege der Geschichtswirklichkeit"), 1989
- "Hrvatska u monarhističkoj Jugoslaviji" ("Kroatien im monarchistischen Jugoslawien") 1 und 2, 1993
- "Usudbene povjestice" , 1995
- "Hrvatska riječ svijetu" ("Kroatiens Wort für die Welt"), 1998
- Beiträge zur Enciklopedija Jugoslavije und Vojna Enciklopedija