Längste Pipeline der Welt vor dem Start

Nach dreijähriger Bauzeit startet Mitte dieser Woche eine neue Pipeline von Aserbaidschan über Georgien in den türkischen Hafen Ceyhan

Es ist einer der ambitioniertesten, aber auch einer der umstrittensten Pipelinebauten und mit 1758 km die längste der Welt: die Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC).

In nur drei Jahren Bauzeit wurde sie fertig gestellt, die Eröffnung erfolgt Mitte dieser Woche. Die Pipeline für Rohöl setzt in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ein, durchquert Aserbaidschan und führt durch Georgien sowie die Türkei bis zum türkischen Hafen Ceyhan.

Bisher waren jährlich 2,5 Millionen Tonnen Öl über die russische Pipeline von Baku zum Schwarzmeerhafen Novorossijsk geflossen, um von dort mit Tankern aufs Mittelmeer zu gelangen. Zum Schutz vor Sabotageakten ist die neue Pipeline auf der ganzen Länge vergraben.

Umstrittenes Projekt

Nicht nur die Trassenführung durch politisch unruhiges, ökologisch sensibles und seismisch aktives Gebiet stieß auf Kritik, auch die hohen Kosten von rund drei Milliarden Euro werden weniger wirtschaftlich als strategisch gerechtfertigt gesehen.

Getragen werden sie großteils von der Weltbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Auftraggeber des gesamten Projektes ist ein aus elf internationalen Ölgesellschaften gebildetes Konsortium. Die meisten Anteile halten der BP-Konzern (30,1 Prozent) und die aserbaidschanische Firma Socar (25 Prozent).

BP-Manager zweifeln

Dass selbst BP-Manager an der Wirtschaftlichkeit des Projekts zweifeln sollen, bestätigt die Vorrangigkeit des strategisch-politischen Moments: Schon während der Clinton-Administration in den 90er-Jahren wurde der Bau dieser Pipeline stark urgiert.

Amerika will seinen strategischen Partner Türkei unterstützen und auch Aserbaidschan und Georgien an sich binden, um im großen Spiel um den Kaukasus ein Gegenstück zur Achse Russland-Armenien-Iran zu bilden. Eben erst haben die USA beispielsweise verhindert, dass die Russen bei der Privatisierung der wichtigsten georgischen Gaspipeline das Rennen machen.

Eine Million Barrel Öl pro Tag

Bis das erste Öl im Spätherbst des heurigen Jahres in Ceyhan angelangt ist, müssen zehn Million Barrel in die Rohre gepumpt werden. Wenn sie die geplante volle Kapazität erreicht hat, soll die Pipeline eine Million Barrel Öl pro Tag transportieren, gespeist aus dem aserbaidschanischen Feld Azeri-Chirag-Gunashli.

Dieses Feld, dessen Vorräte auf 5,4 Milliarden Barrel geschätzt werden, könnte die geforderte Menge frühestens 2008 fördern. Kritiker des Megaprojektes bezweifeln daher, dass nur mit aserbaidschanischem Öl eine volle Auslastung erreicht werden kann, selbst wenn Aserbaidschans Ölförderung bis 2010 verdreifacht werden sollte.

Das Konsortium ist demnach auch dafür offen, anderes Öl aus der kaspischen Region aufzunehmen. Eine Auslastung der Pipeline ist nur gewährleistet, wenn Kasachstan, der größte regionale Player, eine bessere Anbindung erhält.

Kasachstan, das durch die geografische Binnenlage in seinem Ölexport eingeschränkt ist und daher die Infrastruktur seiner kasachischen Seehäfen für den Öltransport soeben ausbaut, will von einem neuen Seehafen in der Stadt Kuryk aus Öl vom kasachischen Ölfeld Kaschagan mit Tankern zur BTC-Pipeline liefern.

Noch höhere Kapazität

Das kasachische Transportministerium plant zudem, Kuryk durch eine Verbindungsstraße dem schon bestehenden Schienennetz und der in Bau befindlichen Transeurasischen Eisenbahn anzuschließen, die China mit Europa auf dem Landweg und in Konkurrenz zur Transsibirischen Eisenbahn verbinden wird.

Zurzeit werden acht der 40 bis 45 Millionen Tonnen kasachischen Exportöls pro Jahr durchs Kaspische Meer befördert. Diese Menge soll bis 2016 auf 38 Millionen Tonnen pro Jahr ansteigen.

Der neue Hafen in Kuryk soll spätestens zur Inbetriebnahme des zur Hälfte im internationalen Besitz befindlichen Kaschagan-Ölfelds 2007 oder 2008 fertig sein und sowohl Trockengüter als auch Öl umschlagen. Im Extremfall könnte die Kapazität der neuen Pipeline in Zukunft sogar noch um etwa 15 Prozent erhöht werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.05.2005)
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