Nach Jahren des Schweigens meldet sich der Schriftsteller und jugoslawische Ex-Präsident Dobrica Cosic mit einem Appell an die EU zu Wort: Gebt den Norden des albanischen Kosovo an Serbien - und gewährt fünf serbischen Klöstern einen rechtlichen Sonderstatus.

Quelle: SPIEGEL ONLINE - Nachrichten

Wohlmeinende Kritiker nennen ihn "den Solschenyzin des Balkans". An die 30 Romane und Novellen hat der Schriftsteller Dobrica Cosic veröffentlicht. Überwiegend geht es darin um Themen aus der Geschichte seines serbischen Volkes, dessen Leiden und Niedergang er beklagt.

Stets seien die Serben "Sieger im Krieg und Verlierer im Frieden", lautet eines der bekanntesten Zitate des Romanciers, der sich den Ruf eines serbischen Nationalisten zuzog, aber von sich selbst sagt: "Ich bin Humanist und Patriot."

Beim Zusammenbruch des jugoslawischen Vielvölkerstaates Anfang der neunziger Jahre war Cosic Staatspräsident von Restjugoslawien, das damals nur noch aus Serbien und Montenegro bestand. Danach zog der Poet sich aus der Politik zurück, gab keine Interviews mehr.
Doch jetzt, nach der Anerkennung der völkerrechtlich bislang zu Serbien gehörenden Albaner-Provinz Kosovo durch die USA und den Großteil der EU-Mitglieder, bricht Cosic sein Schweigen. "Der Verrat Europas" wühlt ihn auf. Wieder werde Serbien, so glaubt der Schriftsteller, "um seine Rechte betrogen". Cosic ist 86 Jahre alt, aber er sprüht noch vor Vitalität.
Aus dem bäuerlichen Herzen Serbiens, der Šumadija, stammend, hatte sich Cosic im Zweiten Weltkrieg den Partisanen Titos angeschlossen und war danach zu einem der Vorzeigepoeten des kommunistischen Regimes aufgestiegen.


Parteinahme für Serbien
Ende der sechziger Jahre kam es jedoch zum Bruch. Cosic kritisierte den Mangel an Demokratie, gründete das erste Menschenrechtskomitee in Südosteuropa, setzte sich für inhaftierte Nationalisten ein und beschuldigte Tito, die Serben im jugoslawischen Vielvölkerstaat extrem zu benachteiligen.
Als dann eine Dekade nach Titos Tod Jugoslawien auseinanderbrach, stand der Schriftsteller an der Seite des zündelnden Serbenführers Slobodan Milosevic und übernahm 1992 für etwa ein Jahr den Posten des Staatspräsidenten von Restjugoslawien.



Schon damals plädierte Cosic für eine Teilung des Kosovo. "Ich wusste um die Kraft des albanischen Separatismus", blickt er ohne Groll zurück, "die Albaner hatten das Recht auf einen eigenen Staat, aber sie haben nicht das Recht, heute im Kosovo das serbische Kulturerbe mit den Klöstern aus dem Mittelalter zu vernichten". Bei Geheimverhandlungen hätten die Amerikaner seinerzeit Serbien "ein Drittel des Kosovo angeboten", behauptet Cosic, indes Milosevic habe dies abgelehnt.
Serbiens Lage heute empfindet der Romancier als "Katastrophe". Das Land sei wirtschaftlich ruiniert, werde von der EU politisch und mit einem rigiden Visa-System auch praktisch isoliert, "was bei uns nur einen primitiven Nationalismus fördert. Europa treibt uns buchstäblich aus Europa".


Versäumnisse europäischer Integration
Langfristig aber, so fürchtet Cosic, werden die "großalbanischen Bestrebungen" die Existenz der beiden Nachbarstaaten Mazedonien und Montenegro gefährden "und den Balkan destabilisieren". Es werde sich als historischer Fehler erweisen, "dass nicht alle Nachfolgestaaten Jugoslawiens in einem Rutsch in die EU integriert worden sind".
Während serbische Politiker jedweder Couleur unter Verweis auf die Uno-Resolution 1244 an der Schimäre festhalten, die Provinz Kosovo sei weiterhin ein Bestandteil Serbiens, rät Cosic zu Realismus. Und er appelliert an Europa, den Serben in der verfahrenen Situation wenigstens in zwei Punkten entgegenzukommen: "Europa sollte dafür sorgen, dass der ausschließlich von Serben bewohnte Nordteil des Kosovo Serbien zugeschlagen wird, denn die Bewohner dort würden eine albanische Oberhoheit niemals hinnehmen."
Außerdem sollten im albanischen Teil des Kosovo fünf große Klosteranlagen der Serben einen "rechtlichen Sonderstatus" erhalten, so ähnlich wie ihn in Griechenland die Mönchsrepublik auf dem Berge Athos genießt. Solch eine Lösung würde das aufgewühlte Gemüt des Patrioten Cosic erheblich beruhigen.