Mit 24 wird Flora Witwe. Ihr Baby muss sie den Schwiegereltern überlassen. Die Gesellschaft erwartet von der jungen Kosovarin, ihr Leben der Trauer um den verstorbenen Mann zu widmen.

Arbeta Kryeziu ist erwachsen geworden. Mit ihren knapp 13 Jahren sieht ihr Gesicht dem ihrer Mutter immer ähnlicher. Beim Betrachten eines Kinderfotos von Arbeta ist ihre Mutter Flora Rexhepi den Tränen nahe.

Flora wurde mit 24 Jahren Witwe, als serbische Truppen ihren Ehemann Ramadan Kryeziu während des Kosovkriegs im April 1999 in seinem Heimatdorf Sllovia töteten. Eine Kriegswitwe zu werden, war nicht Floras einzige Katastrophe. Nach dem Verlust ihres Mannes musste sie Arbeta, ihr einziges Kind, das damals gerade einmal 18 Monate alt war, der Obhut der Schwester ihres verstorbenen Mannes anvertrauen.
Flora war ein Opfer der strengen gesellschaftlichen Erwartungen an Witwen - und an Kriegswitwen im Besonderen - im Kosovo geworden.
Anders als für ihre Schicksalsgenossinnen in Westeuropa gilt für sie nicht, dass "das Leben weitergehen muss", sondern es wird erwartet, dass sie für immer in ihrer Trauer um ihren verstorbenen Ehemann verharren. Eine Wiederheirat wird zutiefst missbilligt - und die Kinder gehören zur Familie des Mannes, nicht zu der der Frau.
Flora wurde in ihr Elternhaus in Gjilan im Südosten des Kosovo zurückgeschickt. Die Entscheidung, sie dorthin zu schicken und ihr Kind in Sllovia, einem Dorf 20 Kilometer südlich der Hauptstadt Priština zu lassen, wurde von den Männern aus Floras eigener Familie und jener ihres verstorbenen Mannes getroffen. Man hat sie dabei nicht um Rat gefragt. Von jetzt an, so erklärte man Flora, würde sie Arbetas Tante, nicht ihre Mutter sein.
Flora errötet merklich, als sie sich an den Moment erinnert, da sie ihr Baby übergeben musste. "Es war sehr hart, meine Tochter zu verlassen. Ich war fast besinnungslos."
Seit damals leidet Flora unter epileptischen Anfällen. Sechs Monate lang sah sie ihre Tochter nicht, und als es dann soweit war, war es ein Schock: "Sie erkannte mich nicht und wusste auch nicht, dass ich ihre Mutter war. Es war sehr schwierig, das Geheimnis vor meinem eigenen Kind zu bewahren - ihr zu erzählen, dass ich ihre Tante und nicht ihre wirkliche Mutter sei."
Vom eigenen Kind verachtet

Arbetas Tante und Onkel kümmerten sich gut um sie und sie ahnte nie irgendetwas. Als sie jedoch acht Jahre alt war, verriet ihr die Familie ihres Vaters die Wahrheit. "Als sie ihr erzählten, dass ich ihre Mutter war, konnte sie es nicht glauben", erinnert sich Flora. "Danach wachte Arbeta wochenlang in der Nacht auf und dachte, sie hätte einen Albtraum gehabt."
Je mehr Einzelheiten sie erfuhr, desto kälter wurde sie gegenüber Flora und nannte sie sogar eine Lügnerin. Sie konnte es Flora nicht verzeihen, sie verlassen zu haben. Flora erinnert sich an ihre schneidenden Worte: "Du hättest mich nicht verlassen sollen. Wenn du mich geliebt hättest, hättest du es nicht getan."
Flora sagt, sie habe daran gedacht, Arbeta mit zu sich zu nehmen. Aber sie tat es nicht, weil sie "den Schwiegervater nicht verletzen" wollte, der seinen Sohn und seine Frau verloren hatte und Arbeta als lebendes Vermächtnis seines toten Sohnes betrachtete. Flora hatte Angst, dass ihr Schwiegervater zornig werden könnte, wenn sie versuchte, ihre Tochter zurückzufordern, und er ihr für die Zukunft verbieten würde, Arbeta zu sehen.
2006 heiratete Flora einen um mehr als 20 Jahre älteren Mann, dessen Frau nach dem Krieg verstorben war. Sie suchte sich einen wesentlich älteren Mann, da sie dachte, er würde verständnisvoller sein und ihr erlauben, mit ihrer Tochter in Kontakt zu bleiben.
Obwohl sie nicht zusammenleben, trifft Flora ihre Teenager-Tochter jetzt regelmäßig. "Arbeta ist eifersüchtig, dass ich verheiratet bin", erzählt sie. "Manchmal sagt sie mir, ich hätte nicht heiraten sollen; ich hätte nur eine Freundin meines jetzigen Mannes bleiben sollen."
Flora ist froh, dass ihr Kind sich zumindest noch für sie interessiert.


Sibel Halimi, eine Soziologin am Institut für Geschlechterforschung in Priština, ist der Meinung, Kosovos historische und politische Umstände hätten die strengen Verhaltensregeln für Witwen wie Flora bestimmt. "Der Mangel an Freiheit hat verhindert, dass die Menschen die Bedeutung von Freiheit in jedem Bereich zu schätzen wissen", sagt sie.
Floras zweiter Ehemann kommt aus Krusha e Madhe, einem Dorf, in dem serbische Paramilitärs im März 1999 ein grauenvolles Massaker anrichteten. Etwa 240 Menschen wurden umgebracht und ließen 140 Witwen und 502 Waisen zurück. Nur wenige dieser Frauen haben wieder geheiratet. Alle anderen, wie Fahrije Hoti, haben ihr Leben ihren Kindern gewidmet.
Gefangen zwischen Altem und Neuem

Fahrije ist Witwe geblieben, aber keine, die nur zu Hause sitzt. Sie ist Leiterin einer lokalen NGO (Die Frauen von Krusha), einem Gewinn machenden Unternehmen. Und sie hatte es schwer, ihren konservativen Dorfnachbarn beizubringen, dass sie lieber arbeiten als von ihren männlichen Verwandten finanziell abhängig sein wollte.
"Die Geisteshaltung in unserem Land ändert sich nur langsam", sagt sie. Am Anfang sei es schwierig gewesen, den Leuten verständlich zu machen, dass eine Frau ein Geschäft betreiben, Auto fahren und auch für ihre Familie sorgen kann. "Aber dann haben viele Frauen bei meinem Geschäft, das traditionelle biologische Lebensmittel vermarktet, mitgemacht", erzählt Fahrije, während sie an einer Zigarette zieht.
Die Rolle als Familienoberhaupt hat ihr Äußeres verändert. Fahrije pflegt nun einen eher maskulinen Stil.
Der Bürgermeister des Dorfes, Kadri Dellova, legt ihr keine Hindernisse in den Weg. Als Soziologe ist er der Ansicht, dass der ländliche Kosovo zwischen dem Alten und dem Neuen gefangen ist. "Der Kosovo ist auf dem Weg in ein 'modernes' Leben, es ist aber schwierig, die alten Gewohnheiten traditioneller Familien zu durchbrechen", meint er.
Was die Wiederheirat von Witwern betrifft, gelten im Kosovo völlig andere Regeln. Die Gesellschaft behandelt diese Männer als Opfer, die sofort eine neue Partnerin brauchen.
Selmon Zeqiri (42) aus Celina, einem Dorf nur einen Kilometer von Krusha e Madhe entfernt, verlor im Krieg 16 Mitglieder seiner engsten Familie, darunter seine Frau und zwei Söhne. Nur sein jüngster Sohn Valon überlebte das Massaker von 1999.
Nach dem Krieg kam er aus Deutschland zurück, wo er gearbeitet hatte, um Geld für die Beerdigungen zu verdienen. Der nächste Schritt bestand darin, eine Frau zum Heiraten zu finden. Seine Verwandten halfen ihm bei der Suche.
Die Töchter sollen es besser haben

"Zuerst war ich nicht sehr daran interessiert, wieder zu heiraten, aber dann wurde mir klar, dass ich jemanden zum Kochen und Putzen brauchte und jemanden, der mit mir eine neue Familie gründet", erinnert sich Selmon. Heute lebt er in seinem wieder aufgebauten bescheidenen Haus mit seiner zweiten Frau Lavderije, drei Töchtern und zwei Söhnen.
Als geschiedene Frau fühlte sich Lavderije eigentlich nicht bereit für eine neue Beziehung. "Aber mein Vater bat mich, Selmon zu heiraten", sagt sie. Lavderije erzählt, dass sie sich seit ihrer Kindheit aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert fühle. Ihre Eltern nahmen sie früh aus der Schule, da die Ausbildung ihrer Brüder Priorität hatte. Sie wolle es anders machen, meint sie, den Blick auf ihre Kinder gerichtet. "Ich bemühe mich sehr um die Ausbildung meiner Töchter, damit sie eine bessere Zukunft haben", sagt Lavderije.
Selmon ist weitaus konservativer. Er hätte Lavderije nie geheiratet, wenn sie Kinder aus erster Ehe mitgebracht hätte. Er glaubt auch nicht, dass Witwen mit Kindern wieder heiraten sollten. Seiner Meinung nach sollten sie sich für ihre Kinder aufopfern.
Theoretisch gilt für die Frauen im Kosovo Gleichberechtigung vor dem Gesetz. Tatsächlich werden sie in der Regel diskriminiert, besonders in Erbschaftsangelegenheiten, erklärt die Anwältin Drita Hajdari. Die Kosovaren schenken dem albanischen Gewohnheitsrecht, auch bekannt als Kanun des Leke Dukagjini, üblicherweise mehr Beachtung als dem Gesetz, so Hajdari. Der Kanun besagt, dass Töchter nicht berechtigt sind, einen Anteil des Familienvermögens zu erben.


Der Kosovo ist nicht das einzige Land auf dem Balkan, das sich von einem Krieg erholen muss. Fast 100.000 Menschen starben nach Angaben des Forschungs- und Dokumentationszentrums in Sarajewo zwischen 1992 und 1995 während des Krieges in Bosnien und Herzegowina. Tausende bosnische Frauen sind ebenfalls Kriegswitwen. Wenn die Haltung gegenüber Kriegswitwen in Bosnien auch konservativ ist, so ist sie doch weniger streng als im Kosovo.
Vukosava Klanco, eine bosnische Serbin in ihren Mittvierzigern, wurde vor 15 Jahren Witwe. Serbische Paramilitärs töteten 1992 ihren Mann Mujo, einen bosnischen Muslim, in Vlasenica im Osten Bosniens. Vukosava und Mujo hatten einander in der Schule kennen und lieben gelernt und geheiratet, als sie gerade einmal 16 war. Gemeinsam hatten sie zwei Kinder.


"Ich habe ihnen mein Leben gewidmet"

"Wenn du deinen Partner auf diese Weise verlierst, hast du einen langen, schwierigen Prozess vor dir", sagt Vukosava Klanco. Sie ging mit ihren Kindern nach Schweden und lebt jetzt abwechselnd in Stockholm und Tuzla im Nordosten Bosniens. "Ich war damit beschäftigt, darüber nachzudenken, wie ich meine Kinder großziehen sollte", erinnert sie sich. "Ich habe ihnen mein Leben gewidmet."
Sie hat in all diesen Jahren nicht mehr geheiratet. Sie hat aber versucht, ihren Söhnen klarzumachen, dass - auch wenn ihre Liebe zu deren Vater ewig währen würde - die Zeit gekommen war, nach vorne zu blicken. "Ich habe viel mit meinen Söhnen geredet, und jetzt würden sie es absolut einsehen, wenn ich jemanden heiratete", sagt sie. "Ich wollte nicht eines Tages auftauchen und ihnen ihren Stiefvater präsentieren."
Auch wenn Vukosava Klanco nicht dieselben Probleme wie die Kriegswitwen im Kosovo hat, sie steht ebenfalls vor Hindernissen: "Ich brauche keinen Partner, der mich finanziert, mir Dinge kauft und mich herumfährt", sagt sie. "Ich bin eine arbeitende Frau. Was ich will, ist ein Freund, mit dem ich mein Leben teilen kann, aber das ist nicht so einfach."
Auch im Kosovo gibt es Rufe nach Veränderung. Die Anwältin Drita Hajdari, selbst verwitwet, hofft auf einen Wandel und lebt ihn selbst vor. Hajdari ist finanziell unabhängig, aufgeschlossen und trägt definitiv nicht schwarz.
Auf der Suche nach neuen Lebensmodellen sollten die Menschen im unabhängigen Kosovo die besten Beispiele aus der Region und dem Rest Europas heranziehen, meint auch die Soziologin Sibel Halimi. "Wir haben ein Recht darauf, glücklich und nicht vom Urteil der 'Moralpolizei' abhängig zu sein", sagt Vukosava Klanco und spricht für alle Frauen, egal ob Witwen oder nicht, die in konservativen, illiberalen Gesellschaften leben.


Die genaue Zahl der Todesopfer des Kosovokonflikts bleibt ein Streitpunkt zwischen Serben und Albanern. Das Kosovo-Büro des in Belgrad ansässigen Humanitarian Law Center schätzt jedoch, dass 8000 bis 10.000 Albaner und 2000 bis 2500 Serben, Roma, Bosniaken und andere Nicht-Albaner zwischen Januar 1998 und Dezember 2000 getötet wurden. Von diesen waren Schätzungen zufolge 8895 männliche Kosovo-Albaner. Angaben des Arbeits- und Sozialministeriums in Pristina zufolge gibt es heute im Kosovo 5052 Kriegswitwen. Von diesen erhalten nur 20 keine Kriegswitwenpension mehr, weil sie wieder geheiratet haben, so das Ministerium. Der Kanun bzw. der Kodex des Leke Dukagjini ist eine Sammlung sehr alter albanischer Gesetze, die über Jahrhunderte mündlich überliefert und vom Prinzen Leke Dukagjini im 15. Jahrhundert kodifiziert, aber erst im 19. Jahrhundert niedergeschrieben wurden. Die Gesetzessammlung regelt alle Bereiche des Lebens, darunter auch die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, Mord, Eidschwur, Ehe- und Erbrecht. Die Gesetze haben in manchen ländlichen Gemeinden, besonders im nördlichen Albanien und im Kosovo, wo die Strafverfolgung am schwächsten ist, noch immer einen mächtigen Einfluss. Sie werden oft für die seit Jahrhunderten andauernden Blutfehden zwischen Clans verantwortlich gemacht, da der Kanun Familien verpflichtet, für jeden Mord nach dem Auge-um-Auge-Prinzip Vergeltung zu üben.


Kriegswitwen auf dem Balkan - "Wir haben ein Recht darauf, glücklich zu sein" - Politik - sueddeutsche.de