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Es gibt viel zu tun, aber keine Arbeit

Erstellt von Bloody, 26.05.2011, 19:19 Uhr · 13 Antworten · 1.906 Aufrufe

  1. #1

    Registriert seit
    06.02.2011
    Beiträge
    2.977

    Pfeil Es gibt viel zu tun, aber keine Arbeit

    Eine Reise in den Kosovo ist eine Fahrt in ein Land, das an der Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft steht. Besucher tauchen ein in eine Gesellschaft, die den Aufbruch sucht, sich aber gleichzeitig mit den Lasten der Vergangenheit abmüht und dadurch viele Gegensätze vereinen muss.

    In einem Strassencafé im Stadtzentrum sitzen junge Menschen, sommerlich gekleidet. Sie lachen, diskutieren miteinander und trinken Espresso oder Mineralwasser, während einige Meter weiter der Strassenverkehr auf der Hauptstrasse vorbeirauscht. Die flinken Kellner servieren Softdrinks, Kaffee und Bier, und hie und da wirft jemand einen Blick in die Speisekarte. Eine solche Szene könnte sich überall abspielen. Nur das weisse Minarett, das die Dächer der angrenzenden 60er-Jahre-Blocks überragt, verrät, dass sich die Szene wohl nicht in Italien oder Frankreich abspielt. Doch etwas eindeutig Typisches für den Kosovo lässt sich in diesem Café in Gjilan, einer Stadt im Südosten, nicht ausmachen – und genau das ist typisch für dieses Land. Hier vereinigen sich westeuropäische Lebensstile mit traditionellen Familienbildern und Armut mit westlichem Konsum. Und wie in der Schweiz auch spielt die Religion im Alltag keine Rolle, weder in der Kleidung noch an wichtigen Familienfesten. Das sind Anzeichen für ein Land, das an der Schwelle zwischen bewegter Vergangenheit und dem Aufbruch in eine westeuropäische Zukunft steht – mit der Unsicherheit, wann und ob diese Schwelle überwunden wird.



    Arbeit nur im Sommer

    Die sommerliche Szene im Café täuscht über die wahren Verhältnisse im Kosovo hinweg. Während der Sommermonate besuchen viele ausgewanderte Landsleute ihre Heimat. Dann ist die Zeit, in der die Hochzeiten stattfinden – Feste im Kreis der grossen Familie – und gebaut wird. Zahlreiche Autos mit Nummernschildern aus ganz Europa prägen das Strassenbild, sodass ein Auto mit Schweizer Kennzeichen kaum auffällt. Der Sommer ist auch die Zeit, in der Gastronomie und Tourismus blühen. Das Restaurant Antika in der westkosovarischen Stadt Jacova stellt ein typisches Beispiel dar. Mit seinen zwei grossen Holzbaracken ist es auf Hochzeiten für 200 Personen und mehr ausgerichtet. Schon frühmorgens stehen die Angestellten in der Küche und bereiten Mahlzeiten vor, während Kellner damit beschäftigt sind, die langen Tische zu decken. Der Inhaber des Restaurants erzählt in fast perfektem Deutsch, dass er im Sommer jeweils auch seine Verwandten als zusätzliche Arbeitskräfte aufbiete, um der Nachfrage gerecht zu werden. Seine Geschichte ist typisch für viele Kosovaren, die in die Heimat zurückgekehrt sind: Während zwölf Jahren habe er in Deutschland und in der Schweiz gearbeitet, «in Dietikon, kennst du das?». Mit dem Ersparten hat er das Restaurant erworben und sich eine Existenz in seiner Heimat aufgebaut.

    Der Besitzer wie seine Angestellten zehren von den Sommermonaten, in denen es dank der zahlreichen Hochzeiten genügend Arbeit gibt. 400 bis 600 Euro verdienen seine Angestellten dann monatlich, was über dem Durchschnitt von 200 bis 400 Euro liegt. Wie viel die Köche und Keller dafür arbeiten, lässt sich nur erahnen. Zwölfstundentage sind aber wohl eher die Regel als die Ausnahme. Im Winter, wenn die Gäste wieder zu Hause sind, ist dagegen bezahlte Arbeit rar.

    Die tiefen Löhne gehen einher mit Restaurantpreisen, die für Westeuropäer fast schon paradiesisch anmuten. Ein Softdrink oder ein Bier kostet üblicherweise einen Euro, während ein Espresso schon für die Hälfte zu haben ist. Und auch das Essen ist günstig. Eine grosse Portion frischen Salats, der obligate Begleiter jeden Essens, und ein Fleischmenü kosten zwischen fünf und zehn Euro. Als vierköpfige Familie lässt es sich problemlos für weniger als 20 Euro alkoholfrei speisen. Damit sind die Restaurantpreise im Kosovo sogar noch etwas tiefer als in Albanien, das für westeuropäische Verhältnisse bereits sehr günstig ist.



    Im Teufelskreis

    Dank der Unterstützung durch die EU und die Nato herrscht eine brüchige Ruhe. Die omnipräsenten und geschätzten Kfor-Truppen garantieren für militärische Sicherheit, während die EU den Aufbau des Rechts- und Polizeisystems vorantreibt. Diese als Eulex (European Union Rule of Law Mission) bezeichnete Mission ist im Kosovo selbst umstritten und wird als notwendiges Übel eingeschätzt. Die grösste Hürde auf dem Weg in die Eigenständigkeit ist aber der ungelöste Konflikt mit Serbien. Solange hier keine Einigkeit zustande kommt, bleibt der Kosovo ein unsicheres Pflaster, von dem Investoren fernbleiben. Wenn aber keine wirtschaftliche Stabilität herrscht, bleibt die politische Situation labil – und umgekehrt. Wie und vor allem wann sich der Kosovo aus diesem Teufelskreis befreien kann, ist nicht abschätzbar.

    Wie nötig Investitionen wären, zeigt sich auch in Jacova. Hier, nahe der Grenze zu Albanien, hat der Krieg vor der Jahrtausendwende am stärksten gewütet. Die Spuren sind auch über ein Jahrzehnt später noch sichtbar. Unmittelbar hinter dem Restaurant Antika erhebt sich das Gerippe von dem, was einst eine Fabrikhalle war. Gemäss den Schilderungen von Einheimischen war Jacova vor dem Kosovo-Krieg die reichste Stadt des Landes. Heute liegt die Industrie komplett am Boden, schätzungsweise 10 000 Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Investoren sind rar, ganz im Gegensatz zu Arbeitskräften: Etwa zwei Drittel der Bevölkerung sind im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren, nur sechs Prozent der rund 2,1 Millionen Einwohner sind älter. Bei diesen Zahlen handelt es sich mangels Einwohnerregister um Schätzungen.

    Es fehlt aber nicht nur an Betrieben, sondern auch an öffentlicher Infrastruktur, beispielsweise für die Abfallentsorgung. Als Kehrichtverbrennung dient eine Wiese, auf welcher der Müll haufenweise verbrannt wird. Auch Bäche und Strassenränder dienen oft als Müllkippe, ein Ärgernis optischer und ökologischer Art in einer ansonsten wunderschönen Landschaft. Auch dies ist ein Auswuchs fehlender Investitionen und des Mangels an öffentlichen Geldern. Es gäbe also viel zu tun, wenn denn die finanziellen Mittel fliessen würden.



    Selbst- und Stromversorgung

    Die wirtschaftliche Lage spiegelt sich auch im Alltag der Bevölkerung. In der traditionell geprägten Gesellschaft hat die Familie einen hohen Stellenwert. In zwei besuchten Familien – eine am Stadtrand von Gjilan, eine in einem Dorf in der Nähe von Jacova – zeigte sich ein ähnliches Bild: Auf einem grossen Grundstück stehen mehrere Häuser, in denen nahe Verwandte wie Brüder oder Cousins mit ihren Familien wohnen. Statt Ziersträucher stehen Obstbäume auf dem Rasen, und der angrenzende Garten liefert Gemüse und Obst. Von Tomaten bis Wassermelonen wächst vieles in diesem kontinentalen Klima mit heissen, trockenen Sommern und kalten Wintern. Die Kuh oder die kleine Kuhherde liefert Milch, die beispielsweise zu Mozzarella verarbeitet wird. Alle helfen mit, bis hin zum 87-jährigen Grossvater, der mit der Sense die Wiese mäht. Bei einer Familie sorgt eine Person hauptberuflich für den Unterhalt von Haus und Hof. Als Abwart und Landwirt im familieneigenen Betrieb verfügt dieser Verwandte zwar über kein Einkommen, stellt aber die Versorgung mit eigenen Lebensmitteln sicher.

    Für Gäste wirkt der abrupte Wechsel bei der Anreise ungewohnt: Eben noch sind sie durch die lärmigen Strassen einer Stadt gefahren, da öffnet sich ein Tor in einer hohen Mauer und wird gleichsam zum Eintritt in eine andere Welt, in eine Landidylle.

    Einen wesentlichen Beitrag zum finanziellen Unterhalt leisten Angehörige im Ausland. Sie tragen nicht nur mit Geldüberweisungen dazu bei, sondern auch mit Sachhilfen. In der Sommerzeit sind einige Autos mit ausländischen Nummernschildern unterwegs, vollgepackt mit Alltagsgegenständen wie Kühlschränken und Sofas. So kommt mit der Zeit ein Hausrat zusammen, wie er in Westeuropa nicht anders ist. Nur dauert der Hausbau und das Einrichten oftmals einiges länger als hierzulande. An den Anblick von Häusern, von deren Balkon bereits die frische Wäsche flattert, während sich die Backsteinmauern noch im unverputzten Rohbau präsentieren, muss man sich erst gewöhnen. Gebaut wird, wenn genügend Geld für die nächste Etappe beisammen ist.

    Solche Bilder und die Spuren der Vergangenheit zeigen sich insbesondere im Osten. In Gjilan und Umgebung ist dagegen kaum eine Ruine zu sehen, und Wasserhahn und Steckdose verhalten sich wie erwartet. Anders in Jacova, wo die Kinder auch einmal mit schmutzigen Füssen ins Bett gehen, weil selbst im besten Hotel der Stadt genau nach dem Abendessen der Wassertank leer ist. Und beim Besuch in einem Dorf etwas ausserhalb kochen die Gastgeber mit Holzherd und Gaskocher, weil Strom an diesem Tag nur während zweier Stunden durch die veralteten Leitungen floss.



    Gelebte Gastfreundschaft

    Doch solche Mängel machen Gastgeber im Kosovo mit ihrer Gastfreundlichkeit spielend wett. Es gehört zu den ungeschriebenen albanischen Gesetzen – etwa 92 Prozent der Kosovaren sind Albaner –, dass der Gast König ist. Er darf also damit rechnen, dass er nach Herzenslust verwöhnt wird, kulinarisch und überhaupt während des gesamten Aufenthalts. Und diese Gelegenheit sollte man geniessen. Weil Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten stammen, sind die Produkte frischer und aromatischer als beim Grossverteiler. Und ein Gläschen selbst gebrannter Raki – ein Traubenschnaps – oder frischer Mozzarella bleiben noch lange in Erinnerung. Bemühungen der Gäste, in der Landessprache wenigstens die Ausdrücke für «gut» (mirë) und «danke» (faleminderit) zu lernen, werden nach Kräften unterstützt und ebenso geschätzt.

    Insbesondere jüngere Kosovaren und diejenigen, die einige Jahre im Ausland gearbeitet haben, sprechen oftmals auch englisch, italienisch oder deutsch. Am Tisch bei der Gastfamilie sind aber ohnehin alle Generationen willkommen, sodass sich im Gespräch schnell ein heiteres Kauderwelsch aus den vertretenen Sprachen entwickelt. Es ist selbstverständlich, dass auch Grosseltern und Kinder am Familienalltag teilhaben.


    Andreas Heer


    www.landbote.ch | Es gibt viel zu tun, aber keine Arbeit


    Auch wenns für euch faulen Balkanratten vielleicht viel Text ist, lohnt es sich wirklich zu lesen.

  2. #2
    Baader
    inhale... exhale...

  3. #3

    Registriert seit
    03.11.2009
    Beiträge
    13.141
    Kosova

  4. #4
    Kingovic
    Kaufen die immernoch Strom von Srbija?

  5. #5

    Registriert seit
    15.12.2010
    Beiträge
    3.930
    Zitat Zitat von SehireMeister Beitrag anzeigen
    Kosova
    ..

  6. #6

    Registriert seit
    06.02.2011
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    2.977
    Zitat Zitat von Kingovic Beitrag anzeigen
    Kaufen die immernoch Strom von Srbija?

    Während der kalten Jahreszeit, wenn der Bedarf an Elektrizität 1 000 Megawatt pro Stunde übersteigt - ein Wert, der weit über den 750 Megawatt liegt, die von lokalen Kraftwerken produziert werden - muss KEK teuren Strom importieren und kann seinen Kunden trotzdem drastische Einschränkungen nicht ersparen.
    Energieversorgung im Kosovo - Der Kosovo - bei Google Earth ein schwarzes Loch - Politik - sueddeutsche.de

    KEK ist das einzige Energieversorgungsunternehmen im Kosovo.

  7. #7
    Mulinho
    Mozzarella im Kosovo? Ausserdem heisst es Gjakova/Djakovica und nicht Jacova^^

  8. #8
    Avatar von Duušer

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    20.05.2009
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    4.820
    Wieso denk ich beim Lesen des Textes bloß an Bosna?

  9. #9
    Schmetterling*
    Vorallem der Schluss klingt so schön

  10. #10
    Baader
    Zitat Zitat von Mulinho Beitrag anzeigen
    Mozzarella im Kosovo? Ausserdem heisst es Gjakova/Djakovica und nicht Jacova^^
    Jacova ist die hebräische Bezeichnung dafür.

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