Herrscher und Beherrschte im Kosovo

Ein lehrreiches Buch über die Geschichte des jüngsten Staates / Von Michael Martens

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16. Februar 2009 Unabsichtlich haben Ausländer bei der Bewertung der Krise und des Krieges um das Kosovo zumindest sprachlich oft das Raster albanischer oder serbischer Nationalisten übernommen - und damit die Mär von dem uralten ethnischen Hass auf dem Amselfeld. Der Historiker Oliver Jens Schmitt hat sich diese Perspektive in seinem Buch über die Geschichte des Kosovos nicht aufzwingen lassen. Er hat nicht allein Sprache und Nation in den Vordergrund seiner Untersuchung gestellt, da diese als Wahrnehmungskategorien in jüngerer Zeit zwar dominant, in früheren Jahrhunderten jedoch nachrangig waren. Schmitt zeigt auch, dass viele Entwicklungen sich mit einem Blick auf die heutige Grenzziehung nicht erfassen lassen, da es das Kosovo, das am Dienstag vor einem Jahr seine Unabhängigkeit von Serbien proklamierte, in den derzeit gültigen Grenzen erst seit wenigen Jahrzehnten gibt. "Albaner wie Serben", schreibt Schmitt, "gehen heute von einem Geschichtsbild aus, das der jeweils eigenen Gruppe Statik (Kontinuität und Autochthonität) zuweist, der anderen aber Bewegung (Einwanderung und daher ein geringeres ,historisches Recht')."
Durch einen umsichtigen Blick auf die gesamte Region weist Schmitt nach, dass weder die eine noch die andere Deutung zutrifft. Das wird ihn nicht beliebt machen bei jenen Nationalisten, die dem merkwürdigen Glauben an die Unverrückbarkeit von Staatsgrenzen und die Unvergänglichkeit von Völkern anhängen. Aber seinem Buch verleiht es Überzeugungskraft.