15. Februar 2009, 16:58

Kosovo: Die Enklaven öffnen sich

Trotz gelegentlicher Zwischenfälle ist die Sicherheitslage ein Jahr nach der Unabhängigkeit ziemlich entspannt - Die Situation für die serbische Minderheit hat sich gebessert



  • Kontrolle eines Kosovo-Albaners durch eine deutsche Kfor-Einheit im Süden des Landes. Szenen wie diese sollen bald der Vergangenheit angehören.








Prishtina - Nach der Personenkontrolle landet man in Helsinki. Die Straßen im Nato-Hauptquartier in Prishtina sind nach den Hauptstädten der beteiligten Nationen der Kosovo Forces (Kfor) benannt. Das Camp selbst heißt "Filmcity" , weil hier über den Hügeln von Prishtina ursprünglich Filme gedreht werden sollten. Vor dem Krieg natürlich. Nun gibt es hier Kentucky Fried Chicken und sogar ein Thai-Restaurant.
Beim Eingang zum Medienzentrum liegt das Monatsheft "Kfor Chronicle" auf. In Hochglanzbildern ist dokumentiert, wie ein französischer Armeearzt einer Frau in die Wange spritzt, österreichische Gebirgsjäger sich von Felsen abseilen und schwedische Truppen zum Fest der heiligen Luzia am 13. Dezember Besuch von Frauen mit Kerzenleuchtern auf dem Kopf bekommen.
Gestritten wird hier in Filmcity darüber, wer eine Ausgabe des Kfor-Jahreskalenders bekommt, wo doch die Auflage limitiert ist. Die Lage ist demnach entspannt. Der Kommandant der Kfor, General Giuseppe Emilio Gay, hat trotzdem wenig Zeit.
Die Nato-Truppen haben seit der Unabhängigkeit vor einem Jahr aber nicht unbedingt mehr zu tun. "Wir nennen die Situation normalerweise stabil und fragil" , sagt Gay. Fragil deshalb, weil man über die Zukunft nicht sicher sein könne. Erst zu Neujahr kam es ja in Mitrovica zu Gewaltausbrüchen, serbische Jugendliche setzten albanische Lokale in Brand.
Seither sind noch mehr Nato-Truppen im Norden. Im Militärjargon heißt das "hohe Sichtbarkeit" mit "geringem Profil" . Die Soldaten sollen Präsenz zeigen, aber gleichzeitig klarmachen, dass sie nur leicht bewaffnet sind: "Stand-by plus" , erklärt Gay. An diesem Wochenende warfen Unbekannte eine Handgranate in einem ethnisch gemischten Viertel von Mitrovica. Es entstand aber nur geringer Sachschaden, verletzt wurde niemand.
Die nächste Herausforderung ist die Wiedereröffnung der Zollkontrolle an zwei Stationen im Norden, die vergangenen März nach der Unabhängigkeit von serbischen Zivilisten zerstört worden sind. Gay denkt, dass man das "ohne großes Problem unter Kontrolle bringen" kann.
Gay kann sich ohnehin nicht vorstellen, dass es irgendetwas gibt, was die Kfor "nicht unter Kontrolle bringen" kann. Tatsächlich hat sich die Sicherheitssituation auch für die serbische Minderheit im vergangenen Jahr verbessert. Sie können sich im ganzen Land ohne Gefahr bewegen. Das heißt, dass sich auch die Enklaven öffnen. Die Kfor habe bereits einige Posten aufgelöst, auch Schutzzäune um Kirchen wurden entfernt. "Ich hoffe, dass wir bis Ende des Jahres alle Checkpoints entfernen können" , sagt der italienische General.
Auch die Präsenz der Kfor selbst soll verringert werden. Zurzeit sind im Kosovo noch mehr als 15.000 Kfor-Soldaten stationiert. Sie arbeiten eng mit der kosovarischen Polizei zusammen. Die Kfor überwacht im Rahmen dieser Kooperation auch "kriminelle Gebiete" , erzählt Gay.
Geplant seien nun "Entwicklungszonen" in Gebieten mit verschiedenen ethnischen Gemeinschaften, wo die Kfor, NGOs und Institutionen des Kosovo Toleranz fördern sollen. Die Kfor steht auch im Kontakt zu den serbischen Streitkräften. "Wir haben gute Beziehungen mit allen Sicherheitskräften der benachbarten Länder" , sagt Gay.
Neue Sicherheitstruppe
Seit ein paar Wochen hat der Kosovo auch eine eigene Sicherheitstruppe, die Forca e Sigurise se Kosoves (FSK). Die 2500 Einsatzkräfte und 500 Reservisten lösten das Kosovo-Schutzkorps ab, das sich aus der Kosovo-Befreiungsarmee (UÇK) rekrutierte. Die FSK ist multiehtnisch, wurde von der Kfor trainiert, die Nato darf sie aber nicht Armee nennen, weil einige Nato-Länder wie Spanien die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkannt haben. Spanien beteiligte sich auch nicht an der Ausbildung der FSK. Einen Tag nach Einsatzbeginn der FSK am 21. Jänner 2009 wurde eine Kaserne der neuen Truppe in Pec im Westen des Landes mit einer Granate beschossen. Verletzte gab es nicht. (Adelheid Wölfl/STANDARD,Printausgabe, 16.2.2009)