Der französische Journalist Bertrand Cottet reiste sechsmal in den Balkan-Staat. Er schaute in die Gesichter stolzer Albaner, Serben und Roma und fotografierte einen weltberühmten Kriegsschauplatz.Von Eberhard von Elterlein

Der Kosovo. Kein Reiseland. Fürwahr. Eher ein Kriegsschauplatz. Vor gut 600 Jahren kämpften auf dem Amselfeld bei Pristina verschiedene christliche Fürstentümer unter serbischer Führung gegen die Türken. Gewonnen haben die Osmanen, verloren haben aber beide ihre Anführer: Fürst Lazar dort, Murad I. hier.
"Als die Welt mit meinem Leib abzog und nur das in einem bleiernen Gefäß gesammelte Blut zurückliess, war mir für einen Augenblick, als sei die Welt auf ewig verstummt", lässt der albanische Schriftsteller Ismail Kadare den Anführer des osmanischen Heeres in seinem "Königlichen Gebet" zu Worte kommen.
Das Blut des Königs, zurückgelassen auf dem Schlachtfeld mit dem idyllischen Namen, erlebt noch weitere Jahrhunderte und weitere Schlachten: Serben und Albaner kämpfen gegeneinander, später ziehen wieder die Türken auf und sich langsam wieder zurück aus dem Zentrum Europas.
Später, sechshundert Jahre sind vergangen, treten andere Namen auf den Plan: Milosevic hier und die Nato dort. Kein friedliches Land. Fürwahr. Auch nicht seit seiner Unabhängigkeit 2008.
Ethnischer Schmelztiegel

Ismael Kadares Erzählung "Königliches Gebet" steht am Anfang des beeindruckenden Bildbandes "Kosovo" von Bertrand Cottet. Sechsmal reiste der französische Journalist und Fotograf in den ethnischen Schmelztiegel auf dem Balkan.
Serben, Albaner, Roma, Bosnier und Tscherkessen leben hier auf 10.000 Quadratkilometern mehr oder weniger friedlich, mehr oder weniger ärmlich, mehr oder weniger beobachtet von Militärs, Funktionären und Nachrichtendiensten nebeneinander.
Es gibt ein sehr schönes Bild im Buch, das diesen überwachten Schein-Frieden und die gesamte Lage im Kosovo zwischen Hoffnung und Trostlosigkeit, Tradition und Moderne perfekt dokumentiert.
Es heißt "Stadtzentrum, Giljan", das ist ein Ort im Südosten des jungen Staates, und es zeigt eine sehr moderne Telefonzelle an einer brüchigen Häuserfassade an einer Straßenecke.
An dieser gehen ein paar Frauen vorbei, im kurzen Rock und Jeans hier, im Kopftuch und Kostüm dort – und über der Telefonzelle drängen sich quer und schief hängende Schilder diverser Anwaltskanzleien, Dolmetscher und Fotokopiergeschäfte.
Spezialisten für "Demokratisierung"

"Estnische Juristen, bulgarische Standesbeamte, texanische Polizisten sowie Spezialisten für ,Demokratisierung' aus der ganzen Welt setzen sich mit Begeisterung dafür ein, den ,Rechtsstaat' wieder aufzubauen oder die Privatisierung alter, maroder Staatsunternehmen zu überwachen", ätzt der französische Journalist Jean-Arnault Dérens in seinem Nachwort.
Und zeigt doch, um was es in dem kleinen, jungen Land eigentlich geht. Dass Serben und Albaner ungefragt einander helfen; dass es den Menschen ungeachtet aller politischen Aufmerksamkeit und ethnischen Zugehörigkeit angesichts einer Arbeitslosigkeit von 50 Prozent einzig und allein ums Überleben geht. Und dass die Bewohner diesen waidwunden Landes ihre Würde behalten.
Dieser zweisprachig (deutsch/französisch) erschienene Bildband gibt sie ihnen ein Stück weit zurück. Wir schauen in die stolzen Gesichter von alten Südkosovo-Serben, von Kindern im Trainingsanzug in einem albanischen Umsiedlungszentrum, in die einer achtköpfigen Roma-Familie in Mitrovica und von gut gekleideten Studentinnen in Pristina.
Eine junge Frau macht es sich in der guten Stube einer Wohnung bequem. Wir sehen eine Sängerin im Halbdunkel einer Lampe und eine 12-jährige, die wie eine junge Erwachsene leicht bekleidet vor einer weißen Gardine auf der Lehne eines Sofas posiert.
Trutzige Minarette

Wir schauen auf Viehmärkte und Märtyrergräber, Straßenszenen und Klösterimpressionen, Parteiversammlungen und windumtoste, einsame Gehöfte. Man sieht Minarette, die sich trutzig gleichsam aus dem Stadtviertel von Pristina wie einem tristen Industriepark erheben. Und wir erblicken das Amselfeld, einst von Blut getränkt und heute von blütenweißem Schnee überdeckt. Ein Bild der Hoffnung und des Vergessens zugleich.
Nein, man will nicht unbedingt in den Kosovo fahren. Es reicht aber auch völlig, sich durch diesen Band zu blättern und in dieses Land hineinzuträumen und die Sehnsüchte der Menschen kennenzulernen.
Und sich dann ein eigenes Bild von Kosovo-Albanern, Kosovo-Serben und aller anderen Bewohner dieses jungen Vielvölker-Staates zu machen – jenseits der Klischees von erbärmlichen Opfern im eigenen und unberechenbaren Schwerkriminellen außerhalb des Landes.
Neuer Bildband : Der Kosovo ist mehr als nur kriminell - Nachrichten Reise - Nah - DIE WELT