06.11.2011

Regierungskrise in Athen

Die Griechen müssen bluten

Ein Gastbeitrag von Giannis Pantelakis



Griechisches Parlament in Athen: Die Politiker haben ihre Wähler mit keiner Silbe gewarnt

Das Spardiktat ist hart, die Griechen büßen damit für Versäumnisse der Vergangenheit. Denn sie wollten nicht hören, wie es um ihr Land steht. Jetzt herrscht Ratlosigkeit, kein politisches Lager bietet einen Ausweg aus der Not - und die Krise macht die Menschen regelrecht krank.


Die Wirtschaftskrise in Griechenland verschont keinen. Sie trifft den Neureichen, der jetzt die Unterhaltskosten für seinen Porsche nicht mehr zahlen kann und versucht, den Sportwagen für weniger als 5000 Euro noch irgendwie loszuschlagen. Sie trifft aber vor allem den Griechen, der seine Arbeit verloren hat, dessen Frau plötzlich mit der Hälfte ihres bisherigen Lohnes auskommen muss und dessen Kinder vergeblich nach einem Job suchen.

Sie alle hat diese Krise völlig unvorbereitet getroffen. Niemand hatte sich vorstellen können, dass sein Lebensstandard innerhalb von zwei Jahren so dramatisch abstürzen würde. Die Politiker haben ihre Wähler mit keiner Silbe gewarnt. Wobei das Volk sie wahrscheinlich auch nie gewählt hätte, wenn die Politiker versucht hätten, mit der ungeschminkten Wahrheit an die Macht zu kommen.

Der Grieche hört es nicht gerne, wenn schlechte Nachrichten verkündet werden. Und die Politiker tun ihm den Gefallen und behelligen ihn nicht mit düsteren Prognosen - wenn Wahlen anstehen schon gar nicht.

Im Oktober 2009 haben die Griechen Georgios Papandreou zum Premierminister gewählt. Auch er hat seinem Volk nicht gesagt, welche Probleme auf diesem Land lasten. Sein Schicksal war es, dass der ganze Schwindel in seiner Amtszeit ans Licht gekommen ist - und sich der große Kassensturz nicht länger verschieben ließ. Es war sein Pech, dass er von der EU in die Verantwortung genommen wurde, die Schulden drastisch zu senken, die seine Vorgänger - darunter auch sein Vater Andreas Papandreou - aufgetürmt hatten.

Paradox des Protests

Die Rechnung zahlt jetzt das griechische Volk, das unter dem Spardiktat ständig neue Schläge hinnehmen muss, das bluten muss wie noch nie. Die Zahl der Arbeitslosen ist inzwischen auf eine Million gestiegen, was einer Quote von rund 20 Prozent entspricht. Die meisten Erwerbstätigen müssen mit drastischen Lohnkürzungen zurechtkommen, und für die Rentner wird das Leben besonders schwer.

Das ist der Grund für den allgegenwärtigen Protest in diesem Land. Aber wer würde in einer derartigen Lage nicht demonstrieren? Selbst in der Schweiz würden die Menschen auf die Straße gehen, wenn es ihnen erginge wie den Griechen.

Der Zorn in der griechischen Bevölkerung ist so groß, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen der linken Szene auf die Barrikaden gehen, sondern selbst die braven Beschäftigen des öffentlichen Dienstes, die ihren Job verlieren oder eine Lohnkürzung nach der anderen zu schlucken haben. Es ist vielleicht ein Paradox des Protests, dass ausgerechnet die sonst friedlichen Kleinbürger besonders laut aufschreien, wenn ihre Wut erst einmal entbrannt ist.

In der Mehrheit sind diese Demonstranten Wähler der sozialistischen Regierungspartei Pasok. Viele verdanken ihre Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst und in öffentlichen Betrieben eben dieser Partei. Jetzt fühlen sie sich verraten - und diese Emotion verschärft noch einmal ihren Zorn über die materiellen Verluste.

Was alles noch schlimmer macht, ist der Mangel an Alternativen. Wer soll denn anstelle der Pasok die Regierung übernehmen? Die konservative Partei Nea Dimokratia war doch gerade eben fünf Jahre im Amt und weckt wenig Vertrauen - unter ihrer Ägide ist das Staatsdefizit jedenfalls ebenfalls kräftig gewachsen. Aktuell erreicht die Partei in keiner Meinungsumfrage genügend Zuspruch, um eine Mehrheit im Parlament zu erobern.

Ihr Vorsitzender, Antonis Samaras, hat sich bisher gegen jede Sparmaßnahme, die uns von der Troika auferlegt wurde, zur Wehr gesetzt. Er hat sich damit alle Sympathien der europäischen Konservativen verscherzt. Merkel kehrt ihm den Rücken zu, Sarkozy schenkt ihm kein Vertrauen, Berlusconi ignoriert ihn.

Psychologen haben Zulauf - und Sicherheitsdienste

Aber genau das verschärft die Lage zusätzlich. Finanziell sehen die Griechen kein Land, und politisch ist ebenfalls kein Ausweg in Sicht. Wen wählen? Die Linken verströmen den Geruch von Brandbeschleunigern, sie bieten auch keine Lösung. Papandreou und Samaras? Wie sollen die Griechen ihr Schicksal ausgerechnet denen in die Hände legen, die diese Krise zu verantworten haben? Die Meinungsumfragen zeigen Woche um Woche dasselbe finstere Bild: Es gibt derzeit keinen Hoffnungsträger, der für Licht am Ende des Tunnels sorgen könnte.

Wie man hört, haben in diesen Tagen vor allem die Psychologen in Athen großen Zulauf. Die Zahl der Menschen mit psychischen Problemen hat sich offenbar vervielfacht. Die Patienten können ihre Rechnungen allerdings nicht begleichen - sie bezahlen die Ärzte mit dem Versprechen, dass sie es irgendwann später einmal tun werden.
Außer den Seelsorgern haben übrigens Sicherheitsdienste Hochkonjunktur, die Kriminalität hat in erschreckendem Maße zugenommen. Wer noch Vermögen hat, versucht es zu schützen.

Zum Glück erlebt Griechenland gerade einen besonders freundlichen Übergang vom Herbst in den Winter. Die Sonne ist warm und hinterlässt ein Lächeln auf vielen Gesichtern.

Übersetzung: Elefterios Stampoulogou