Die Menschen werden Rache nehmen

Wenn am 1. November die NATO ihren Einsatz in Libyen beendet, beginnt für viele ehemalige Gaddafi-Anhänger der Krieg erst richtig. Sie fürchten die Wut der Rebellen.




Muammar Gaddafis Heimatstadt Sirte hat einen hohen Preis dafür bezahlt, dass sie dem Diktator in der letzten Schlacht des libyschen Bürgerkriegs Zuflucht bot. Grosse Teile der Stadt am Mittelmeer mit ihren von Palmen gesäumten Boulevards sind zerstört. Ganze Viertel sind unbewohnbar, in den Wänden russgeschwärzter Häuser klaffen Einschusslöcher. Es gibt keinen Strom, kein Wasser. Auf den Strassen voller Trümmer steht die Brühe, die aus geborstenen Leitungen austrat.

Das war einmal eine schöne Stadt, eine der schönsten in Libyen», sagt Saruk Abdullah, ein 42 Jahre alter Universitätsprofessor, dessen Haus schwer beschädigt wurde. «Heute sieht es aus wie Gaza oder Beirut.» Abdullah hat selbst seinen Bruder verloren und befürchtet Vergeltung. «Der wirkliche Krieg hat noch gar nicht angefangen. Der Krieg fängt am 1. November an, wenn die NATO weg ist», prophezeit der Professor. «Die Menschen werden Rache nehmen.» Er will wie viele andere kein Blutvergiessen mehr. Unter dem alten Regime wurde Sirte, 400 Kilometer südöstlich von Tripolis, bevorzugt mit Investitionenbedacht. Nach sechswöchigen Kämpfen kochen heute viele der 140.000 Einwohner vor Zorn über die aus ihrer Sicht willkürliche Verwüstung, die Regimegegner angerichtet hätten.

Freiwillige bestattetn die Opfer

Mancher macht zwar Gaddafi zum Vorwurf, dass er sich in seinen letzten Tagen hier verborgen und so den Krieg in die Stadt geholt habe. Die meisten aber sind einfach erschüttert von der gewaltigen Aufgabe des Wiederaufbau und erwarten keine grosse Hilfe von der Übergangsregierung.
Obwohl die meisten Toten weggebracht oder begraben wurden, hält sich hartnäckig Verwesungsgestank. Die Freiwilligen, die an diesem Donnerstag hastig verscharrte Tote zur Identifizierung und ordentlichen Bestattung wieder ausgraben, tragen Schutzmasken. Meteeg al Ghasali sieht zu, wie die Männer einen in eine Decke gewickelten Toten freilegen. Er hebt die Decke an und sagt leise: «Das ist Ali.» Sein Sohn, 30 Jahre alt.
Die Schlacht um Sirte begann Mitte September, als Tripolis und der grösste Teil Libyens schon einen Monat lang in der Hand der Aufständischen waren. Die Stadt war mit zwei weiteren Orten die letzte Bastion der Gaddafi-Treuen. Sie leisteten so erbitterten Widerstand, dass die Rebellen in den ersten Wochen nur wenige hundert Meter vorankamen. Der Grossteil der Zivilbevölkerung flüchtete, zurück blieb der harte Kern der Gaddafi-Anhänger.

Es gab keine Hinweise darauf, dass sich auch der «Bruder Führer» in der Stadt aufhielt; Gerüchte besagten damals, er verstecke sich in der Wüste im Süden und versuche vielleicht, ausser Landes zu fliehen. Tatsächlich war er die letzten Kriegswochen in Sirte untergetaucht und verbarg sich mit Sohn Muatassim und zwei Dutzend Getreuen in verlassenen Häusern. Als sie am 20. Oktober auszubrechen versuchten, wurde Gaddafi verletzt gefangen genommen und starb unter noch ungeklärten Umständen.

«Allah, Muammar und Libyen»

An der Front dabei waren Kämpfer aus der Stadt Misrata, die sich schon früh gegen Gaddafi erhoben und unter der wochenlangen Belagerung im Frühjahr schwer gelitten hatte. Sie stellten Gaddafis Leichnam tagelang in Misrata wie eine Trophäe zur Schau, bevor er in der Wüste begraben wurde. Die Einwohner argwöhnen nun, dass die Kämpfer aus Misrata Sirte über die üblichen Kriegsschäden hinaus mutwillig zerstörten, um alte Rechnungen zu begleichen. «Ich bin sehr zornig auf die Rebellen. Schauen Sie sich diese Verwüstung an», sagt der junge Elektriker Mustafa Ali vor einem Haus im 2. Bezirk, von dem die Nachbarn munkeln, es sei Gaddafis letzter Unterschlupf gewesen.

Voriges Wochenende wurden auf den Rasenflächen des Hotels Mahari, das in den Händen der Aufständischen aus Misrata gewesen sein soll, über 50 Leichen gefunden. Viele waren Augenzeugen zufolge gefesselt, die meisten in Kopf oder Brust geschossen. Human Rights Watch vermutet eine Massenexekution und verlangt eine Untersuchung. Der Sprecher des Militärrats von Misrata, Ibrahim Beitelmal, bestreitet, dass seine Leute verantwortlich seien. Er sagt, die Gaddafi-Anhänger hätten wohl ihre eigenen Kameraden getötet und auch den Schaden in Sirte angerichtet, um ihn den Aufständischen in die Schuhe zu schieben. Abdullah hält dagegen, die Kämpfer aus Misrata hätten seinen Bruder Hischam getötet, einen Zivilisten, der in Sirte geblieben sei, um das Haus der Familie zu schützen.
Unter Gaddafi habe es Sicherheit und Arbeit gegeben, sagt der Lastwagenfahrer Muftah Mubarak im 2. Bezirk, an den Unruhen sei ausländische Einmischung schuld. Die Gaddafi-Gegner nennt er Ratten. Libyen sei voller Waffen, bald könne es einen weiteren Bürgerkrieg geben. Beim Losfahren steckt er den Kopf aus dem Fenster seines Lkw und ruft den Schlachtruf des alten Regimes: «Nur Allah, Muammar und Libyen!»