BalkanForum - das Forum für alle Balkanesen
Erweiterte Suche
Kontakt
BalkanForum - das Forum für alle Balkanesen
Benutzerliste

Willkommen bei BalkanForum - das Forum für alle Balkanesen.
Ergebnis 1 bis 2 von 2

Vor 10 Jahren: Die Kroatische Offensive in Knin

Erstellt von lupo-de-mare, 04.08.2005, 18:38 Uhr · 1 Antwort · 1.673 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von lupo-de-mare

    Registriert seit
    14.07.2004
    Beiträge
    11.988

    Vor 10 Jahren: Die Kroatische Offensive in Knin

    Ein guter Artikel in der SZ heute!

    Zehn Jahre nach der Erstürmung von Knin

    Die Last des Triumphes

    Kroatien feiert den Sieg in der Serben-Hochburg - doch die Verehrung eines Kriegshelden erschwert den Weg in die Europäische Union
    Von Bernhard Küppers



    Knin - Militärflugzeuge donnern über Knin. Die kroatische Luftwaffe probt eine Parade zum "Tag des Siegs und der vaterländischen Dankbarkeit". Am Freitag sind es zehn Jahre, dass in den Bergen oberhalb der dalmatinischen Adriaküste die Hochburg der Serben in Kroatien fiel. In weniger als einer Woche überrannte die Armee des ersten kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman das Kerngebiet der kroatischen Serben-Republik, der Republika Srpska Krajina. Ein Flüchtlingstreck von mehr als 150 000 Krajina-Serben bewegte sich durch Bosnien bis nach Serbien.

    Es ist heiß wie im Sommer 1995, und die Fahne, die Tudjman damals auf der Festung über Knin küsste, hängt schlaff. Mit gemischten Gefühlen sieht Kroatien der zentralen Zehn-Jahres-Feier der Operation "Oluja" (Sturm) entgegen. Die EU hat den Beginn von Beitrittsverhandlungen mit der Begründung verschoben, dass Zagreb das Haager Tribunal für Kriegsverbrechen noch immer auf den letzten kroatischen Angeklagten warten lässt: den untergetauchten Feldherrn des "Sturms", General Ante Gotovina. Über der krönenden Operation des "Vaterländischen Krieges" schwebt der Vorwurf eines Kriegsverbrechens. Der 1999 verstorbene Tudjman und seine Leute hätten bei der Operation ein "gemeinsames kriminelles Unterfangen" verfolgt, heißt es seit einem Jahr in den Haager Anklageschriften. Sie seien darauf aus gewesen, "die serbische Bevölkerung gewaltsam und dauerhaft aus dem Krajina-Gebiet zu entfernen".

    Geplündert und verbrannt


    Ausländische Botschafter, darunter der deutsche, bleiben der Feier fern. Die Diplomaten erwarten aber, dass der kroatische Präsident Stipe Mesic und Ministerpräsident Ivo Sanader in Knin nicht uneingeschränkt Triumphreden schwingen werden. Denn unstrittig ist, dass im Gefolge des "Sturms" Dutzende, wenn nicht Hunderte zurückgebliebener Serben umgebracht und noch viel mehr Häuser geflüchteter Serben geplündert und niedergebrannt wurden. Der serbische Präsident Boris Tadic forderte seinen kroatischen Kollegen Stipe Mesic auf, die Operation als eine "ethnische Säuberung" zu verurteilen, Mesic räumte lediglich "Exzesse" ein.

    Für die Bürgermeisterin von Knin, Josipa Rimac, ist der 5. August ein "Tag der Befreiung". Die 25-jährige Kroatin hatte als Kind Knin verlassen, als sich 1990 in der Stadt Krajina-Serben der Regierung von Tudjmans Kroatischer Demokratischer Bewegung (HDZ) verweigerten. In der so genannten "Baumstamm-Revolution" begannen jene damals durch die Blockade von Straßen und Gleisen ein autonomes Gebiet abzustecken, bald unterstützt von der serbisierten Jugoslawischen Volksarmee. Der Kniner Polizeichef Milan Martic und seine serbischen Untergebenen lehnten es ab, den fünfzackigen Stern an ihren Mützen gegen das rot-weiße Schachbrettmuster des kroatischen Wappens einzutauschen.

    Anders als die Bürgermeisterin sieht der Kniner Vorsitzende der Serben-Partei SDSS, Ognjen Biserko, die Wiedereinnahme der Stadt vor zehn Jahren noch immer als einen "schwarzen Tag". Bei Lokalwahlen im Mai wurde die SDSS allerdings mit den Stimmen zurückgekehrter Serben wie Biserko zur stärksten Partei.

    Die Umstände, unter denen Josipa Rimac nach den Wahlen Stadtoberhaupt wurde, erregten in Kroatien Aufsehen. Offenbar im Blick auf das bevorstehende Jubiläum bildete die HDZ in Knin eine Koalition aus kroatischen Parteien. Draußen blieb die SDSS, die auf acht der 17 Stadtverordneten gekommen war. Sie verlangt den Posten des Vize-Bürgermeisters. Da Sanaders Minderheitsregierung in Zagreb auf die Unterstützung der drei Abgeordneten der SDSS im Parlament angewiesen ist, macht das Probleme. Der SDSS-Vorsitzende der Stadt glaubt, dass die HDZ in Knin Rücksicht auf Ängste der Kroaten genommen habe. Sie fürchteten sich davor, dass ausgerechnet die einstige Hochburg der aufständischen Krajina-Serben demnächst wieder von Serben regiert werden könnte. Nach der Gedenkfeier werde sich das alles aber wieder einrenken, meint Biserko.

    Knin mit seiner Festung gilt Kroaten als "Königsstadt" aus Zeiten eines mittelalterlichen Kroatenreichs. Die Krajina-Serben stammen von orthodoxen Christen ab, die aus dem türkischen Herrschaftsbereich auf dem Balkan flüchteten. Das Habsburger-Reich siedelte sie an einer Militärgrenze (vojna krajina) quer durch Gebiet der katholischen Kroaten an. Als Titos Jugoslawien zerfiel, gerieten die Krajina-Serben zwischen großserbische Pläne des Belgrader Machthabers Slobodan Milosevic einerseits und großkroatische Visionen des einstigen Tito-Generals und nationalistischen Dissidenten Tudjman andererseits. In der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien hatten die Serben mehr als zwölf Prozent der Bevölkerung ausgemacht. Jetzt sind es im unabhängigen Kroatien keine fünf Prozent mehr. "Wir haben die serbische Frage gelöst", sagte Tudjman nach dem Krieg.

    Knin funktioniert wieder als Eisenbahnknotenpunkt. Die neue Autobahn von Zagreb zum Adria-Hafen Split lässt den Ort aber links liegen. In vielen Dörfern stehen nach wie vor Ruinen gebrandschatzter Häuser. Bei der Arbeitslosigkeit in dem unterentwickelten Gebiet finden serbische Rückkehrer noch schwerer als Kroaten einen Gelegenheitsjob. In der Stadtverwaltung und bei der Polizei ist bisher kein einziger untergekommen.

    Goran Reljic gehört mit 27 Jahren zu den wenigen jungen Rückkehrern. Seine Familie musste sich drei Jahre gedulden, bis sie endlich einen bosnischen Kroaten aus ihrem Haus in Knin herausgeklagt hatte. Als jener schließlich wich, nahm er sogar Türen und Fenster mit. Nach offiziellen Zahlen kehrten von 350 000 geflüchteten Serben inzwischen mehr als 100 000 aus Serbien und der bosnischen Serbenrepublik nach Kroatien zurück. Viele ließen sich allerdings nur wegen ihres Wohneigentums registrieren. Sie sind nur auf dem Papier wieder da.

    Ein kroatischer Kriegsveteran in Knin kommt ins Schwärmen, als er, die Landkarte seines Zuhörers verkritzelnd, die Operation "Sturm" nachzeichnet. Den Feldherrn Gotovina vergleicht er sogar mit Alexander dem Großen. Drei Monate vor der Operation war es auf Betreiben der USA in Split zu einer Abmachung Tudjmans mit dem bosnischen Präsidenten und Muslimenführer Alija Izetbegovic gekommen. Sie gestattete den Einsatz regulärer Truppen Kroatiens in Bosnien. In einer Zangenbewegung durch Bosnien stießen sie auf den Bergrücken über Knin vor. Da es keinen Strom gab, hörten die wenigsten Serben im Radio einen Aufruf Tudjmans, dass sie unbeschadet bleiben könnten. Sie hätten ihm auch kaum getraut. Die Kroaten ließen den Streitkräften und Bewohnern der Krajina-Republik einen Fluchtkorridor. Milosevic rührte keinen Finger.

    Im Kroatischen Staatsarchiv in Zagreb ist vor dem Jubiläum ein "Gedenk- und Dokumentationszentrum des Vaterländischen Kriegs" eingerichtet worden. Unter Berufung auf eine Erklärung des Parlaments im Jahr 2000 geht der Militärhistoriker Ante Nazor in dem Zentrum von "unwiderlegbaren Tatsachen" aus. Kroatien habe einen "Verteidigungskrieg" gegen "großserbische" Ambitionen auf einen Teil seines Territoriums geführt. "Oluja" sei eine "legitime Befreiungsoperation" gewesen. "Einzelne Verbrechen" seien individuell zu verantworten. 1998 kam nach einer UN-Übergangsverwaltung auch noch ein ostslawonisches Restgebiet zurück unter kroatische Souveränität. Damit hatte das unabhängige Kroatien seine früheren Grenzen wie als Teilrepublik Jugoslawiens.

    Komplizen im Krieg


    Tudjmans Porträt hängt noch immer in der Portiersloge der Kniner Stadtverwaltung. Eigentlich hatte der Staatsgründer ein größeres Kroatien in seinen "natürlichen und historischen Grenzen" im Sinn, wie sein Biograph Darko Hudelist belegt. Das Staatsgebiet, größer als die jugoslawische Teilrepublik Kroatien, sollte Teile Bosniens einschließen und ethnisch möglichst rein sein.

    In Milosevic hatte Tudjman dabei einen Gegen- und Mitspieler, einen Kriegsgegner und -komplizen zugleich. Bei Geheimtreffen im Frühjahr 1991 besprachen sie eine Aufteilung Bosniens auf Kosten der Muslime. Zu einer Absprache über künftige Grenzen in Bosnien und über die Zukunft der Krajina-Republik führten die Gespräche allerdings nicht.

    Tudjman lieferte noch selber bosnische Kroaten an das Haager Tribunal aus, die - gemäß seiner eigenen Teilungspläne - für ein kroatisches "Herceg-Bosna" bosnische Muslime vertrieben hatten. Den Regierungen nach seinem Tod - erst des Sozialdemokraten Ivica Racan und dann des HDZ-Reformers Sanader - wurde die Auslieferung von Generälen des "Vaterländischen Kriegs" in Kroatien selber abverlangt. Für Sanader wurde in diesem Frühjahr der seit 2001 untergetauchte Oluja-Feldherr Gotovina zum Stolperstein auf dem Weg in die EU.

    Diplomaten in Zagreb sehen allerdings Chancen, dass die Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte demnächst doch anerkennt, dass sich Zagreb hinreichend bemüht, den General aufzuspüren. Danach würde die EU im Herbst wohl die verschobenen Beitrittsverhandlungen mit Kroatien aufnehmen, zumal das Land den Vorgaben der EU eher entspricht als die Beitrittskandidaten Bulgarien und Rumänien, auch wenn es an der Unabhängigkeit der Justiz noch hapert.

    Als Antwort auf die Kriminalisierung von "Oluja" durch die Haager Anklage stellten kroatische Medien vor dem Jubiläum Mitwisserschaft und Unterstützung der USA heraus. Die Wochenzeitschrift Nacional erinnerte daran, dass pensionierte US-Offiziere der Firma MPRI kroatische Soldaten vorher ausgebildet hatten. Nach Informationen des Blatts konnte Tudjmans Armee sogar Aufnahmen nutzen, die unbemannte amerikanische Flugkörper von den Truppenbewegungen der Serben machten. Der Militärhistoriker Nazor zitiert, wie "Oluja" noch während der Operation von Washington gewürdigt wurde. Präsident Bill Clinton habe die Aktion als "Befreiung besetzten Gebiets" in Kroatien bezeichnet; sein Außenminister William Perry sagte, der Frieden in Bosnien sei dadurch näher gekommen. Laut Sanader wird Oluja "mit goldenen Buchstaben" in die kroatische Geschichte eingehen.

    (SZ vom 4.8.2005)

  2. #2
    am 08.08.1995 kam der Kum meines Vaters nach 3 Tagen Flucht in Indjija an und lebte bis 99 hier

    Unser Haus wir die letzte Rettung für seine 4 köpfige Familie....am freitag läuft auf RTS und auch auf HRT dieselbe Oluja Dokumentation so gegen 20 uhr

Ähnliche Themen

  1. Antworten: 45
    Letzter Beitrag: 19.12.2012, 19:50
  2. Kenias Somalia Offensive
    Von IbishKajtazi im Forum Kriminalität und Militär
    Antworten: 14
    Letzter Beitrag: 26.10.2011, 14:46
  3. Die Cetnik Offensive in BiH
    Von meko im Forum Politik
    Antworten: 392
    Letzter Beitrag: 05.08.2009, 15:46
  4. Coop startet die Balkan-Offensive
    Von Kusho06 im Forum Rakija
    Antworten: 41
    Letzter Beitrag: 12.06.2009, 19:10
  5. Kroatische Geshichte und kroatische Sprache
    Von Stipe im Forum Geschichte und Kultur
    Antworten: 33
    Letzter Beitrag: 11.07.2006, 17:38