Formal geht es um die Rettung des Abrüstungsvertrages Start. Doch wenn sich amerikanische und russische Unterhändler diese Woche in Moskau treffen, dann liegt tatsächlich viel mehr auf dem Tisch: der Umgang mit Iran, der Raketenschild, die Verhinderung der Weiterverbreitung von Atomwaffen und weit am Horizont auch die Frage, ob es eine Welt ganz ohne Atomwaffen geben kann.
Gerade mal sechs Wochen bevor sich Barack Obama und Dmitrij Medwedjew zum ersten bilateralen Gipfel treffen, will zumindest der Amerikaner so viele Hürden wie möglich aus dem Weg räumen. Und das fügt sich in die Linie, die Obamas Vize Joe Biden kurz nach dem Amtswechsel angekündigt hat. Im Verhältnis der USA zu Russland soll ein neuer Anfang gemacht werden.
Früh hatte das Obama-Team die Abrüstung als jenes Feld identifiziert, auf dem sich am ehesten Gemeinsamkeiten mit Moskau finden lassen. Denn weder die USA noch Russland haben daran Interesse, dass Teheran über Atomwaffen verfügt. Gleiches gilt für die Aufstockung der nuklearen Waffenarsenale in schwer kontrollierbaren Ländern wie etwa Pakistan. Und noch viel mehr muss vor allem Russland beunruhigen, dass sein Nachbar China kontinuierlich und möglichst unauffällig seine nuklearen Kapazitäten ausbaut. Dies allein sollte für Moskau Grund genug sein, mit einer wohlwollend gestimmten US-Regierung zu kooperieren und nicht auf Konfrontationskurs zu gehen.
Allerdings deutet die neue russische Sicherheitsdoktrin in eine andere Richtung. Zwar wird in dem vergangene Woche verabschiedeten Dokument die Rhetorik des Kalten Krieges vermieden. Doch noch immer arbeiten sich die russischen Autoren an der Tatsache ab, dass Moskau seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr auf gleicher Augenhöhe mit den USA verhandelt. Der Wiederherstellung dieses Zustandes wird in der Doktrin breiter Raum gegeben. Die Bedrohungen aus China dagegen finden in dem Papier de facto nicht statt. Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall dreht sich sicherheitspolitisch der russische Kosmos noch immer um die bipolare Welt zwischen Washington und Moskau.
Dabei ist der Weg zu einer Kooperation weit weniger steinig als noch vor Monaten. So ist der geplante Aufbau eines US-Raketenschildes, der Moskau so erregt hatte, derzeit kein wirkliches Thema mehr. Gleichzeitig haben sich auch die massiven Spannungen nach dem Georgienkrieg des Sommers 2008 verflüchtigt. Im Grunde stehen deshalb die Chancen gut, dass sich die Abrüstungsgespräche nicht nur im Zählen von Sprengköpfen erschöpfen, sondern tatsächlich einen Neustart in den Beziehungen zwischen Washington und Moskau ermöglichen. Damit dies so kommt, ist jetzt vor allem einer am Zug: der Russe Medwedjew.