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Auf der anderen Seite des Spiegels (WOOW!!!)

Erstellt von Dani_TIR, 29.03.2008, 04:58 Uhr · 11 Antworten · 1.019 Aufrufe

  1. #1

    Registriert seit
    08.03.2008
    Beiträge
    386

    Auf der anderen Seite des Spiegels (WOOW!!!)

    <H1>Was für ein Kommentar


    Der Herr Vladimir Arsenijevi ist ein verdammt guter Schreiber, selbst in meiner Verfassung erstaunt er mich mit seinem Text, soviel Material, kurz knapp, punkt genau.Glanzleistung!!




    Lest es selber durch

    Die NZZ ist halt einfach die NZZ, einer der besten Zeitungen die es im deutschen Raum giebt.


    ZüRI!!
    http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/auf_der_anderen_seite_des_spiegels_1.696699.html

    Auf der anderen Seite des Spiegels

    </H1>Das Kosovo der Kosovo-Albaner ist eine Realität – für Serbien ist es an der Zeit, ihr endlich ins Auge zu blicken





    Mehr als einen Monat nach der Unabhängigkeitserklärung Kosovos hat sich der Zorn der Serben über die Abspaltung der unter dem Milosevic-Regime jahrelang drangsalierten Provinz noch immer nicht gelegt. Im serbisch besiedelten Nordkosovo kommt es immer wieder zu Unruhen. Der serbische Schriftsteller Vladimir Arsenijevi fordert seine Landsleute auf, den Opfermythos endlich abzulegen und sich mit den Realitäten zu arrangieren.

    Von Vladimir Arsenijevi

    Seitdem Kosovo am 17. Februar 2008 den lang erwarteten Schritt vollzogen hat, sich für unabhängig zu erklären, ist Serbien in die letzte Phase seines ohnehin problematischen Verhältnisses zur Realität geraten. Die zähe und anscheinend unzerstörbare Kultur der Verleugnung, welche einschlägige serbische Politiker und Medien seit Jahren eifrig kultivieren und die mit erschreckend grosser Bereitschaft und morbidem Enthusiasmus auch von den Bürgern aufgegriffen wurde, hat ihren Höhepunkt erreicht. Dabei ist es schwierig, sich zu erklären, wie es überhaupt möglich ist, dass jemand sich dermassen irrt. Jeder, der sich jemals gefragt hat, wie ein ganzes Volk in die Irre gehen und jahrelang darin verharren kann, hat am Beispiel Serbiens schon länger die Gelegenheit, alle Phasen dieses langwierigen und schmerzvollen Prozesses mitzuverfolgen



    Ich führe ein einfach zu verstehendes Beispiel an: Kosovo hat sich von Serbien abgespalten, und es ist unwahrscheinlich, dass es jemals wieder zu Serbien gehören wird. Das ist Tatsache, egal ob sie einem gefällt oder nicht. In Kosovo sind neunzig Prozent der Bevölkerung albanischer Herkunft, und obwohl wir wissen, dass die Kosovo-Albaner in manchen Fragen, die sich auf ihre Zukunft beziehen, uneins sind, gibt es einen grossen Konsens: Keiner von ihnen will, in egal welcher Form, in Serbien leben. Es ist unmöglich, den so klar und deutlich geäusserten Wunsch einer Mehrheit zu ignorieren. Würden sich ebenso viele Einwohner von Quebec in einem Referendum für die Unabhängigkeit von Kanada aussprechen, bin ich mir fast sicher, dass diese nicht zu verhindern wäre. Kanada selbst würde wohl einen Weg finden, diesem Willen entgegenzukommen.
    Merkwürdige Zeiten

    In Serbien ist das leider nicht der Fall. Im verzweifelten Versuch, die Unabhängigkeit Kosovos zu verhindern – und dies zu einem Zeitpunkt, da es für irgendwelche «Korrekturen» ohnehin schon zu spät ist –, greift man zu rabiaten Mitteln und pathetischen Argumenten, von denen das am häufigsten und lautesten erwähnte jenes ist, dass Kosovo als «Wiege» der serbischen Geschichte und Kultur eine hochemotionale, ja mystische Bedeutung zukomme. Und je weniger dieses «Argument» für Aussenstehende zu begreifen ist, mit desto düsterer Entschlossenheit beharrt man darauf. Es sind seltsame Zeiten, in denen wir leben. Die ganze Absurdität beschreibt ein Satz, den ein bekannter serbischer Politiker unlängst aussprach und der anscheinend eine Ankündigung des serbischen «Plans» für die Zukunft darstellt: «Für Serbien ist es gerade nicht der richtige Moment, rational zu denken.»
    Hier wird der Widerstand gegen den gesunden Menschenverstand als elementare Aufgabe eines jeden Serben, als reiner Patriotismus hingestellt. Tatsachen haben in Serbien in letzter Zeit leider keinen guten Ruf. Falls einer aber doch der Realität zuneigt, könnte es ihm leicht passieren, zum Verräter gestempelt zu werden.
    Anstatt etwas Kluges und Nützliches zu tun, sind die serbischen Politiker (egal welcher Partei)heute fast nur noch imstande, abgegriffene patriotische und nationalistische Phrasen zu dreschen. Widerhall finden sie damit lediglich in Russland, das an Serbien, wie schon immer, nur als Spielball der eigenen Inszenierung von Weltpolitik interessiert ist. Unsere Politiker wissen nichts Besseres, als auf der internationalen politischen Szene tragikomisch zu schmollen, sich in Brüssel und New York aufzuspielen, Botschafter aus Ländern, welche die Unabhängigkeit Kosovos unterstützen, abzuziehen und so frisch aufgenommene diplomatische, wirtschaftliche oder kulturelle Beziehungen zu gefährden. Mit Hilfe der populistischen Medien schaffen sie es, der frustrierten und traumatisierten serbischen Gesellschaft die aggressive Wut des Verlierers aufzuprägen.
    Serbien, so die Überzeugung, darf nicht nachgeben. Stolz hat Serbien die Entscheidung getroffen, die Realität abzulehnen. Es akzeptiert sie einfach nicht! Nicht nur jetzt, sondern nie mehr. Zum Teufel mit der Realität! «Kosovo ist Serbien!» Und Schluss!!
    «Ruhige und würdevolle» Demonstrationen gegen die Unabhängigkeit Kosovos sollten am 21. Februar in Belgrad unter dem Motto «Kosovo ist Serbien» stattfinden. Tagsüber wurde in kollektivem Spektakel von Staat und Kirche geklagt und gejammert, viele unserer Politiker und Prominenten fuchtelten auf der Bühne am Mikrofon herum, drohten und brachen dann auf zu einem Massengebet. Sobald es dunkel wurde, hob auf den Strassen Belgrads ein blindes Toben an, dessen Akteure die Jungen waren. Bis gestern waren sie Kinder gewesen, heute verwandelten sie sich in Hooligans. Sie, die die moderne serbische Gesellschaft ganz nach ihren «Werten» erzogen hatte, zerstörten alles, was sie vorfanden. Milchbärtige Teenager steckten Botschaften in Brand. McDonald's-Restaurants wurden von denen demoliert, die sie am meisten frequentieren. Auch Sportschuhgeschäfte blieben nicht verschont. Wer zu Hause geblieben war, hatte die traurige Gelegenheit, auf ausländischen Fernsehsendern die eigene Zukunft in Aktion mitzuverfolgen.
    Erstaunlich indes waren die Ausschreitungen eigentlich nicht. Solches passiert immer, wenn schwere Perzeptions- und Denkstörungen vorliegen – es ist ein Abgrund, der in Serbien immer tiefer und breiter wird seit der Ära Milosevic. Niederschmetternd aber ist die Tatsache, dass seit jener düsteren Epoche mittlerweile fast eine Dekade vergangen ist. All die Jahre seither hätte Serbien besser nutzen können und müssen. Es hat niemals eine grossartigere Gelegenheit gegeben, ein neues Serbien entstehen zu lassen, als nach dem Sturz Milosevics. Die Chance wurde verpasst, sich von dessen Erbe zu befreien, sich in den neuen Umständen zurechtzufinden, die neuen Realitäten zu akzeptieren und einen neuen, rationalen Zugang zu Problemen zu finden, wie Kosovo eines darstellt. Zu keinem Zeitpunkt wurde solches ernsthaft versucht. Stattdessen ergingen sich die Politiker in nationalistischem Jammern über den serbischen Opfergang und das verlorene «Herz Serbiens». «Kosovo je Srbija!», ertönte die immergleiche Litanei.
    Allein und unverstanden

    Sie fand ihr Echo bei Millionen hypnotisierter, durch langjährige Isolation fast schon irre gewordener serbischer Bürger. Und wieder machte sich Don Quijote auf, gegen die Windmühlen anzutreten. Die Parole findet sich auf Transparenten, T-Shirts, sie ertönt auf Demonstrationen, und mancher trägt sie im Herzen. Bis jetzt habe ich keinen gesehen, der zugunsten des Realitätsprinzips dagegen gehalten hätte: «Kosovo ist nicht Serbien!» Wer auch würde sich trauen, das zu rufen? Er liefe Gefahr, gelyncht zu werden.
    Kosovo war einst ein Teil Serbiens, ist es aber nicht mehr und wird es wohl nie mehr sein. Serbien aber war, ist und bleibt anscheinend noch sehr lange ein Land auf der anderen Seite des Spiegels. Es besteht kein Zweifel, dass Serbien heute einsam, verwirrt und unverstanden ist. Es ist schwer auszuhalten, mit fast dem ganzen Rest der Welt in gestörten Beziehungen leben zu müssen. Es ist nicht in Ordnung, so allein zu sein. Wenn man aber mit allen Nachbarn zerstritten ist, wäre es logisch, sich zu überlegen, ob der Grund eventuell nicht bei einem selber liegt.
    Die meisten Serben jedoch sehen das nicht so. Selbstbeobachtung war nie eine serbische Stärke. Die Serben sind verletzt und empört, sie fühlen sich betrogen und verraten von der Europäischen Union wie von den unmittelbaren Nachbarn, sie finden, es werde ihnen dreiste Gewalt angetan. Sie sehen nicht ein, dass sie, zum Teufel, selber schuld sein sollen, haben keine Ahnung, wofür sie in solchem Masse büssen müssen. Sie finden, dass Kosovo ihnen genommen wurde, dass Kosovo ihnen gehört und dass dieses Recht keiner in Frage stellen darf.
    Doch Kosovo von heute ist nicht Serbien, egal ob uns das passt oder nicht. Kosovo ist eine neue, eigenständige Republik auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawien, die von vielen Ländern der Welt anerkannt wurde. Dasselbe sollten wir in Serbien tun. Und dies nicht, weil wir uns damit der Entscheidung der allmächtigen, den historischen Verletzungen Serbiens gegenüber wenig sensiblen EU unterwerfen würden, sondern weil wir dadurch den Willen der Mehrheit der albanischen Bevölkerung in Kosovo respektieren würden. Wir haben jedes Recht, über diesen Entscheid unglücklich zu sein, aber es wäre vernünftiger, uns an die neuen Gegebenheiten zu gewöhnen, und zwar je früher, desto besser.
    Dabei spielen die serbischen Politiker die wichtigste Rolle und tragen die grösste Verantwortung. Es ist ihre Aufgabe, im Auftrag von uns allen, den Realitäten ins Auge zu sehen und die beste Lösung zu finden. Es wäre wunderbar, wenn Serbien endlich anfangen würde, konstruktiv Politik zu betreiben. Eine Politik, die reale Möglichkeiten erwägt und bedachte Entscheidungen trifft, die auf Lösungen hinarbeitet und nicht nur Probleme häuft. Kurz gesagt, eine Politik, die die Qualität unseres Lebens verbessern würde.
    Dann endlich würde Serbien auf die andere Seite des Spiegels treten.
    Wenn es uns nur gelänge, die weitum akzeptierte, atavistische Art und Weise unserer Wahrnehmung aufzugeben und modern zu denken. Wir könnten uns bemühen, die gegenwärtigen Geschehnisse als historische Notwendigkeit zu begreifen, egal wie schmerzlich dies sein mag. Vielleicht könnten wir auch begreifen lernen, dass unsere «Wiege» nicht verloren ist, nur weil sie nicht im eigenen Land liegt.

    Es ist Zeit für Serbien, erwachsen zu werden.



    Der Schriftsteller Vladimir Arsenijevi, geboren 1965 im kroatischen Pula, lebt in Belgrad. Er gilt als einer der prominentesten Exponenten der jungen, oppositionellen und progressiven serbischen Literaturszene. Sein Erstling, «Cloaca Maxima» (1994, dt. 1996), erhielt den NIN-Preis, die renommierteste Literaturauszeichnung Serbiens, wurde zum Roman des Jahres gewählt und in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. In seinen Werken hat sich Arsenijevi mit der Realität des zerfallen(d)en Jugoslawien, mit dem Status Serbiens und seiner kollektiven Mythologie auseinandergesetzt. – Aus dem Serbischen von Jelena Petrovic.



  2. #2
    Avatar von meko

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    10.778
    zitat:
    Es besteht kein Zweifel, dass Serbien heute einsam, verwirrt und unverstanden ist.




    hab mir nicht alles durchgelesen, aber dieser satz hat es mir angetan

  3. #3

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    18.328
    guter text...

    nur eine frage der zeit bis hier ein paar diaspora-rambos kommen und arsenijevic als verräter beschimpft

  4. #4

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    Ich verstehe nicht.
    Wenn also der Ruf nach Selbständigkeit einer absoluten Mehrheit der Bevölkerung nicht ungehört blieb, wieso bleibt es denn nun derjenige der absoluten Mehrheit der Bevölkerung nördlich des Ibars?
    Ist denn dies nicht genauso eine Realität, mit der man sich zurecht finden sollte?

  5. #5
    Lopov
    Zitat Zitat von Dani_TIR Beitrag anzeigen
    Die zähe und anscheinend unzerstörbare Kultur der Verleugnung, welche einschlägige serbische Politiker und Medien seit Jahren eifrig kultivieren und die mit erschreckend grosser Bereitschaft und morbidem Enthusiasmus auch von den Bürgern aufgegriffen wurde, hat ihren Höhepunkt erreicht.
    Dieser Satz gefällt mir besonders gut.

    Zitat Zitat von Fat Tony Beitrag anzeigen
    Ich verstehe nicht.
    Wenn also der Ruf nach Selbständigkeit einer absoluten Mehrheit der Bevölkerung nicht ungehört blieb, wieso bleibt es denn nun derjenige der absoluten Mehrheit der Bevölkerung nördlich des Ibars?
    Ist denn dies nicht genauso eine Realität, mit der man sich zurecht finden sollte?
    Es geht nicht um Serbien, es geht um Kosovo. Er hat ja auch die Stadt Quebec als Beispiel genannt.

  6. #6

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    Zitat Zitat von Romulus Beitrag anzeigen
    Dieser Satz gefällt mir besonders gut.


    Es geht nicht um Serbien, es geht um Kosovo. Er hat ja auch die Stadt Quebec als Beispiel genannt.
    Ich rede ja vom Kosovo.

  7. #7

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    151
    Zitat Zitat von Fat Tony Beitrag anzeigen
    Ich rede ja vom Kosovo.

    Du schreibst so geschwollen keiner versteht dich
    hahaha

  8. #8

    Registriert seit
    10.02.2008
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    1.201
    Zitat Zitat von Arbenks Beitrag anzeigen
    Du schreibst so geschwollen keiner versteht dich
    hahaha
    Dass du mich nicht verstehst hat viel weniger mit meiner Art mich zu artikulieren zu tun, als mit deinen bescheidenen Fähigkeiten.

  9. #9
    Cvrcak
    mit seinem Bericht hat er vollkommen recht, doch ob es "die schuldigen Serben" begreifen bezweifle ich.

  10. #10

    Registriert seit
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    151
    Zitat Zitat von Fat Tony Beitrag anzeigen
    Dass du mich nicht verstehst hat viel weniger mit meiner Art mich zu artikulieren zu tun, als mit deinen bescheidenen Fähigkeiten.

    kommst du eigentlich vom Politikforum oder warum gibst du so an mit deinen bescheidenen Fähigkeiten

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