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Balkan Verbrecher: Wenn Helden zu Mördern werden

Erstellt von lupo-de-mare, 02.07.2005, 17:39 Uhr · 2 Antworten · 959 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von lupo-de-mare

    Registriert seit
    14.07.2004
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    Balkan Verbrecher: Wenn Helden zu Mördern werden

    "In diesem Sinne haben Kroatien und Serbien etwas gemeinsam. Die Ursache ist simpel und geht über die Ideologie von Tudjman/Milosevic hinaus. Zu viele Menschen waren am Krieg beteiligt, und sehr viele haben von ihm profitiert."

    "Zehn Jahre lang hat Tudjmans Propaganda den Kroaten eingeredet, daß Menschen von der Liste des Haager Tribunals - wie Mladen Naletilic Tuta, Tihomir Blaskic, Dario Kordic, Mirko Norac und Ante Gotovina - Helden seien und keine Verbreche"


    02. Juli 2005 Druckversion | Versenden | Leserbrief
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    BALKAN-KRIEGE

    Wenn Helden zu Mördern werden

    In diesen Tagen jährt sich das Massaker von Srebrenica zum zehnten Mal. Die Schriftstellerin Slavenka Drakulic erklärt, wieso keine Kriegsnation Ex-Jugoslawiens allein mit der Geschichte der Gräuel fertig werden kann - und warum es ohne den Gerichtshof in Den Haag auf dem Balkan keinen Frieden gibt.

    Suche nach Kriegsverbrechern: Deutsche Soldaten an einem Kontrollpunkt in Pale (am 11. Januar 2004)
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    Suche nach Kriegsverbrechern: Deutsche Soldaten an einem Kontrollpunkt in Pale (am 11. Januar 2004)
    Zagreb - Kurz nach dem Ende des Krieges in Kroatien - in Bosnien dauerte er noch immer an - wohnte ein junger Mann, ein Freund meiner Tochter, bei uns in Zagreb. Mir fiel auf, daß er nachts das Licht in seinem Zimmer brennen ließ. Einmal fragte ich ihn nach dem Grund, und er antwortete etwas Unbestimmtes. Er wache nachts auf, ohne zu wissen, wo er sei, er habe schlechte Träume, sehe darin seine Freunde, Soldaten, die während einer Aktion in Bosnien verschwunden und vermutlich gefallen waren. Es fiel ihm sichtlich schwer, darüber zu sprechen.

    Heute hat dieser junge Mann eine Familie und eine kleine Tochter, und ich bin sicher, daß er ihr nie von seinen Freunden erzählen wird - weder wie noch wo sie verschwunden sind. Aber selbst wenn dieses Mädchen mit Geschichten über den Krieg in Bosnien aufwächst, wird es verwirrt sein. In der Schule wird es lernen, daß Kroatien nicht gegen Bosnien Krieg geführt hat und nie ein Aggressor war. Offiziell hat der Vater nicht gegen die bosnischen Muslime gekämpft, und seine Freunde sind nicht dort umgekommen. Nach den heutigen Geschichtsbüchern zu urteilen, wird das Mädchen lernen, daß der »Vaterländische Krieg« ausschließlich ein Verteidigungskrieg war. Mehr noch, in einem solchen Verteidigungskrieg konnten kroatische Soldaten keine Kriegsverbrechen begehen. Die offizielle Doktrin in Kroatien hat sich auch nach dem Tod von Franjo Tudjman im Jahr 1999 nicht geändert. Ein kleines Mädchen in Serbien würde auch ohne Informationen über den Krieg aufwachsen. Fragte es eines Tages nach dem Krieg in Kroatien und Bosnien, bekäme es vom Vater zur Antwort: Krieg? Welcher Krieg? Der einzige Krieg, den die Serben zur Kenntnis nehmen, ist die Aggression der NATO und ihr eigener Kampf gegen den »Terrorismus« im Kosovo. Der Krieg in Bosnien und Kroatien zählt nicht.

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muß mein Vater ebenso empfunden haben wie der junge Mann, der bei uns wohnte. Ich weiß nicht, ob er bei Licht schlief. Mein Vater war 23 Jahre alt und wollte all die schrecklichen Erfahrungen aus dem Krieg vergessen. Die bösen Zeiten lagen hinter ihm. Er begegnete meiner Mutter und gründete eine Familie. Ich wurde 1949 geboren. Eine lichte Zukunft kündigte sich an. Mein Vater sprach nie über seine vier Partisanenjahre. Er wollte sie vergessen - ein Zeichen für mentale Gesundheit und starken Selbsterhaltungstrieb, wie ich lange glaubte.

    In den »Geschichten aus Kolyma« schreibt Warlam Schalamow: »Der Mensch überlebt dank seiner Fähigkeit zu vergessen.« Doch ich wußte, daß sich mein Vater an den Krieg erinnerte, obwohl er nicht darüber sprach. Als wichtigstes Ereignis in seinem Leben mußte er tiefere Spuren in ihm hinterlassen haben als dieser letzte Krieg in mir. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt, daß die Kombination aus seinem Schweigen und der offiziellen Version von den historischen Ereignissen 1939 bis 1945 diesen letzten Krieg ermöglichte. Obwohl mein Vater schwieg, erinnere ich mich an drei Bilder, die ich als Kind mit seinem Krieg in Verbindung brachte.

    Das erste hat mit meiner Großmutter zu tun. Sie sympathisierte mit den Partisanen, kochte und wusch für sie. Oft erzählte sie von einem Erlebnis, das sich ihr ins Gedächtnis gegraben hatte: Einmal eroberten die Partisanen ein Dorf, das vorher die serbischen Tschetniks gehalten hatten. Es war leer, alle Einwohner waren geflohen. Als sie eins der verlassenen Häuser betrat, um dort zu übernachten, spürte sie einen seltsamen Geruch. Es stank nach verbranntem Fleisch. Da die Tschetniks hastig abgezogen waren, glaubte sie, es handle sich um Essensreste. Aber auf dem Herd war nichts. Sie öffnete das Bratrohr und fand ein Neugeborenes, das man wie ein Spanferkel gebacken hatte.

    Als ich klein war, stellte ich mir vor, wie Großmutter jenes Haus betrat. Ich roch den Gestank, obwohl ich nie so etwas in die Nase bekommen hatte. Ich sah den holzbeheizten Herd vor mir und ihre Hand, die ihn öffnete. Ich empfand ihr Entsetzen, das mit der Zeit zu meinem Entsetzen wurde.

    Das zweite Bild stammt aus dem Film »Kozara«, und mir war, als hätte ich es selbst erlebt. Ich erinnere mich an meine Angst, an meine schwitzenden Hände, an meine Tränen. Es war einer jener Partisanenfilme, die wir im Rahmen des Geschichtsunterrichts ansehen mußten. In einer Szene versteckt sich der Hauptheld in einer Grube, während die Deutschen nach ihm suchen. Er hat ein Baby in den Armen, das, als die feindlichen Soldaten näherkommen, zu weinen beginnt. Mit einer Hand hält der Held dem Kind den Mund zu, mit der anderen stützt er die Abdeckung der Höhle ab. Im spannendsten Moment des Films durchbohrt ein deutscher Soldat von oben mit dem Bajonett die Hand des Helden.


    Slavenka Drakulic

    Slavenka Drakulic wurde 1949 in Rijeka im heutigen Kroatien geboren. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft schrieb sie als Journalistin bis 1986 für das jugoslawische Nachrichtenmagazinen "Start" und später für das Magazin "Danas". Seit 1992 arbeitet sie als freie Schriftstellerin. Slavenka Drakulic ist mit dem schwedischen Autor Richard Swartz verheiratet. Für ihr Werk "Keiner war dabei - Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht" erhielt sie den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2005.
    Mein drittes Kriegsbild entnahm ich einem Buch, das Vater vor uns Kindern verborgen hielt, das ich aber trotzdem entdeckte. Ich wünschte, ich hätte es lieber nicht getan, denn ich wagte Vater nicht nach dem zu fragen, was ich dort sah und nicht sehen sollte. Deshalb brauchte ich lange, um zu begreifen, was die schrecklichen Bilder darstellten. Ich erinnere mich genau an dieses Buch. Es war dünn, hatte vergilbte Seiten und einen grünen Leineneinband. Es enthielt einige schlechte und unscharfe Schwarz-Weiß-Fotos. Aber sie waren scharf genug, damit man ausgehungerte Gestalten auf Stockbetten, nackte Skelette und Leichenhaufen erkennen konnte. Das Buch hieß »Jasenovac«. Jahre später, als ich das Museum des Konzentrationslagers Jasenovac besuchte, sah ich dieselben Fotos. Ich sah auch die Kollektion von Messern und Hämmern, welche die Ustascha benutzten, um rund 70000 Menschen, darunter 20000 Juden, zu ermorden.

    Wir wuchsen auf mit solchen Bildern in Literatur, Familiengeschichten, Fernsehen und Filmen. Auf der einen Seite hatten wir Erinnerungen, auf der anderen Geschichtsbücher mit der offiziellen Version der Ereignisse. Damit waren wir nicht vor der Vergangenheit geschützt, sondern hatten wohl zuviel davon. Unsere Lehrbücher enthielten keine Fakten, sondern Legenden: die Offensiven von Titos Armee, die großen Schlachten und noch größeren Siege. Jahrzehnte später, als ich von dem großen Blutvergießen im österreichischen Bleiburg erfuhr, wo Zehntausende Landwehrsoldaten, die sich zu den Alliierten durchschlagen wollten, gnadenlos umgebracht wurden, war es für meine Umerziehung schon zu spät. Ich hatte bereits eine klare Vorstellung von Partisanen, Tschetniks, Deutschen und Ustascha. Keine historische Tatsache konnte die Bilder löschen, die sich meinem kindlichen Gedächtnis eingeprägt hatten. Ebenso mußte es jenen ergehen, deren Väter oder Onkel bei Bleiburg von den Partisanen umgebracht worden waren, und dieses Gemetzel wurde in den Geschichtsbüchern überhaupt nicht erwähnt. Meine Generation wuchs ohne Geschichtskenntnisse auf - die Geschichte, die man uns beibrachte, war Lug und Trug.

    Erst jetzt begreife ich, wie leicht es ist, mangels Tatsachen einen Krieg zu beginnen. Ein Krieg kommt nicht von nirgendwo, er wird vorbereitet. Es ist leicht, die Bilder zu mißbrauchen wie jene, an die ich mich erinnere, unser emotionales Gedächtnis zu mißbrauchen und darauf Haß zu errichten. Denn jeder hat eine Kollektion solcher Erinnerungen, und es ist gefährlich, wenn sie die einzigen sind. Die politischen Führer haben sich dieser Bilder bemächtigt, sie mit populärer Mythologie vermischt und die Gefühle aufgestört. Es ist schwer, sich gegen Propaganda zu wehren, wenn es keine gemeinsame Geschichte mehr gibt, an die jeder glauben kann. Unter dem emotionalen Druck gibt der Verstand leicht nach. Die Geschichte, die man uns beigebracht hat - und die das nicht war -, verhalf den Gefühlen zum Sieg über den Verstand.

    Autorin Slavenka Drakulic: "Ich roch den Gestank"
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    Autorin Slavenka Drakulic: "Ich roch den Gestank"
    Und so stand ich nach diesem letzten Krieg vor demselben Schweigen, derselben Abneigung gegen die Wahrheit und derselben Manipulation von Tatsachen. Zum dritten Mal in meinem Leben war ich am Nullpunkt der Geschichte angelangt. Zum ersten Mal geschah das der Generation meines Vaters nach dem Zweiten Weltkrieg beziehungsweise nach der kommunistischen Revolution. Die Geschichte wurde neu geschrieben. Zum zweiten Mal nach dem Sturz des Kommunismus. Sofort war alles vergessen, und die Zeitrechnung begann 1990. Und zum dritten Mal nach dem Ende des Kriegs in Kroatien. Es ist nicht zu übersehen, daß fast niemand vom Krieg sprechen will, als hätte es ihn nicht gegeben. Noch leichter ist die Schlußfolgerung, daß die Menschen seiner müde sind; sie wollen die Vergangenheit hinter sich lassen und an die Zukunft denken. Übrigens hat uns das Nachdenken über die Vergangenheit erst in den Krieg hineingezogen. Die Politiker schließen sich der Mehrheit an und predigen, eine neue Seite der Geschichte müsse aufgeschlagen werden - möglichst eine leere -, denn viele sind weiterhin an der Macht und mögen ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. Doch wenn die Wahrheit über den »Vaterländischen Krieg« verborgen bleibt, wird die nächste Generation in dieselbe Situation versetzt wie meine nach dem Zweiten Weltkrieg. Je nachdem, auf welcher Seite ihre Eltern standen, wird sie sich nur auf staubige Bilder und blutige Geschichten stützen können - einzig persönliche Erinnerungen, keine Historie.

    Aber obwohl der Krieg ins Vergessen gedrängt werden soll, ist er noch immer gegenwärtig. Man braucht nur das Tribunal in Den Haag zu erwähnen. Ich vermute, daß jeder Niederländer verblüfft wäre von der Flut der Emotionen, die der Name dieser Stadt in Kroatien, Serbien, selbst Bosnien (das am besten mit dem Tribunal zusammenarbeitet) hervorruft. Seit seiner Gründung 1993 hat das ICTY (International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia) auf dem Balkan zu Kontroversen geführt. Die Nachfolgestaaten des einstigen Jugoslawien konnten oder wollten ihre eigenen Kriegsverbrecher nicht zur Verantwortung ziehen. Ihre Justizsysteme waren alles andere als unabhängig und stark korrumpiert - hätte man die Beschuldigten vor lokale Gerichte gestellt, wären diese politischem Druck ausgesetzt worden. Die rechte Opposition betrachtet das Tribunal als politisches Instrument zur Abstrafung und Demütigung ihres Landes. Andere meinen, es wäre besser, die Kriegsverbrecher zu Hause vor Gericht zu stellen, denn auf diese Weise würde die Nation mit der Wahrheit über den Krieg konfrontiert und könnte so eine Katharsis erleben.
    BALKAN-KRIEGE

    Wenn Helden zu Mördern werden (2)

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    Slavenka Drakulic: Keiner war dabei
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    Slavenka Drakulic: Keiner war dabei
    Ich war so naiv zu glauben, dem neuen Regime nach Tudjman läge daran, die Wahrheit über den Krieg aufzuklären. Warum kam es dazu? Weshalb wurde er geführt? Hat die kroatische Armee Kriegsverbrechen begangen? Die Wahrheit ist, daß es wegen der Gründung eines Nationalstaats zum Krieg kam, was auch »ethnische Säuberungen« einschloß; daß 200000 Serben gezwungen wurden, die Krajina zu verlassen; daß ihre Häuser geplündert und in Brand gesteckt und etwa 400 Zivilpersonen getötet wurden; daß in Gospic, Pakrac und Sisak Massenmorde an Serben stattfanden; daß kroatische Soldaten in Bosnien/Herzegowina etwa 24000 Muslime in herzegowinischen Konzentrationslagern gefangenhielten; daß die Kroaten 116 Zivilpersonen im Dorf Ahmi§i umbrachten und die Alte Brücke in Mostar zerstörten; daß in Zagreb die zwölfjährige Serbin Aleksandra Zec und ihre Eltern umgebracht wurden. Der Mörder gestand seine Schuld und befindet sich auf freiem Fuß.

    Doch das Problem ist, daß niemand laut und deutlich die Wahrheit sagen will. So wie auch niemand sie hören will. In Kroatien ist die Wahrheit politisch gefährlich. Zehn Jahre lang hat Tudjmans Propaganda den Kroaten eingeredet, daß Menschen von der Liste des Haager Tribunals - wie Mladen Naletilic Tuta, Tihomir Blaskic, Dario Kordic, Mirko Norac und Ante Gotovina - Helden seien und keine Verbrecher. Wenn die Regierung sie ausliefere, geschehe das nur auf internationalen Druck hin, nicht weil die Kroaten glaubten, daß sie wirklich abgeurteilt werden müßten. Niemand hat den Kroaten gesagt, daß Kriegshelden »willige Vollstrecker« sein können. Darum sind die Kroaten beleidigt, wenn das Tribunal diesen Männern den Befehl zur Ermordung von Zivilisten vorwirft. Ihre Helden Kriegsverbrecher? Niemals! Der Widerstand gegen das Tribunal wurde zum Maßstab des Patriotismus. Seine Gegner behaupten, dort werde nicht über Individuen Gericht gehalten, sondern über ganz Kroatien. Als Mirko Norac im Frühjahr 2001 vor ein lokales Gericht in Rijeka zitiert wurde, weil er Kriegsverbrechen in Gospic begangen hatte, wo im Herbst 1991 etwa 120 Serben verschwanden, organisierten Kriegsveteranen ein Protestmeeting in Split, an dem 75000 Menschen teilnahmen. Es kam zu einer Regierungskrise, und das ganze Land war für mindestens eine Woche paralysiert.

    Die Wahrheitsfindung über den Krieg ist der Kern der Kontroverse um das Tribunal. Solange diese Wahrheit nicht zutage tritt, werden die Prozesse in Den Haag oder vor lokalen Gerichten als Unrecht an den »Kriegshelden« empfunden. Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Wahrheit. Aber Kroatien ist von der Wahrheit weit entfernt. Davon zeugen zwei derzeit laufende Prozesse. Einer gegen die »Gospic-Gruppe« in Rijeka und der andere gegen einige Gefängnisaufseher in Split. Besonders der Prozeß in Split wurde zur schändlichen Performance, wo das Publikum den »Helden« zujubelte und die Zeugen bedrohte. Der Richter entließ die Beschuldigten aus der Haft, damit sie sich in Freiheit verteidigten, und als das Oberste Gericht seine Entscheidung aufhob, waren zwei von ihnen bereits geflohen. Bemerkenswert ist auch, daß die Zeugen in beiden Prozessen plötzlich unter Gedächtnisverlust litten. Oder daß im Fall Sisak, einer kleinen Stadt bei Zagreb, wo 1991/92 zahlreiche Serben verschwanden, der zuständige Richter keine Ermittlungen veranlaßte, bis die Medien es erzwangen, nachdem das Monatsblatt Hrvatska ljevica eine Liste von etwa 100 ermordeten und verschwundenen Menschen veröffentlicht hatte.

    Milosevic-Prozess(am 14. Februar 2002): Der Wahrheit ins Auge sehen
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    DPA
    Milosevic-Prozess(am 14. Februar 2002): Der Wahrheit ins Auge sehen
    Aber Kroatien hat diese Probleme nicht allein. Auch die Serben tun sich schwer mit der Wahrheit. Sie sehen sich als die größten Opfer von Milo£evi§ einerseits und der NATO andererseits. Obwohl Serbien unter dem Embargo und den Bombardierungen gelitten hat, die eine Strafe für die Kriege gegen die Nachbarländer waren, sieht es der Wahrheit noch immer nicht ins Auge. In diesem Sinne haben Kroatien und Serbien etwas gemeinsam. Die Ursache ist simpel und geht über die Ideologie von Tudjman/Milosevic hinaus. Zu viele Menschen waren am Krieg beteiligt, und sehr viele haben von ihm profitiert. Es ist leichter und bequemer, mit Lügen zu leben als mit der Wahrheit, mit der Möglichkeit von individueller Schuld und kollektiver moralischer und politischer Verantwortung.

    Aber dieser Konflikt zwischen Wahrheit und Gerechtigkeit hat ernste Konsequenzen: Die kroatische wie die serbische Regierung haben Probleme mit der Wahrheit und können die Auslieferung ihrer Kriegsverbrecher an das Haager Tribunal vor der eigenen Bevölkerung nicht rechtfertigen. Da es leichter ist, mit Lügen zu leben als mit der Wahrheit, wird das Bemühen um Gerechtigkeit als Unrecht empfunden. Solange es in diesen Gesellschaften aber nicht um Wahrheit geht, betrachtet man das Streben nach Abstrafung der Kriegsverbrechen als Bedrohung der ganzen Gemeinschaft. Vorerst wird das Tribunal Gerechtigkeit üben, denn sonst wird es sie nicht geben. Nur weil wir selbst nicht imstande sind, unsere blutige, schmutzige Wäsche zu waschen, und nicht einmal das Bedürfnis danach verspüren.

    http://www.spiegel.de/politik/auslan...350151,00.html

  2. #2
    Avatar von Ivo2

    Registriert seit
    13.07.2004
    Beiträge
    19.005
    Ein sehr gutes Buch.
    Kann ich nur empfehlen. Wenn wer möchte, kann ich ein paar Seiten einscannen und hier reinstell.

  3. #3
    Avatar von lupo-de-mare

    Registriert seit
    14.07.2004
    Beiträge
    11.988
    Zitat Zitat von Ivo2
    Ein sehr gutes Buch.
    Kann ich nur empfehlen. Wenn wer möchte, kann ich ein paar Seiten einscannen und hier reinstell.
    Sollte man machen, für unsere Mythen Erzähler und Verbreiter.

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