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Belgrader Kriegsverbrecherprozess

Erstellt von Jesko, 01.05.2009, 17:23 Uhr · 9 Antworten · 853 Aufrufe

  1. #1

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    76

    Belgrader Kriegsverbrecherprozess

    Vor zehn Jahren löschten serbische Polizisten im Kosovo eine albanische Großfamilie aus. Im Kriegsverbrecherprozess gegen sie wird jetzt in Belgrad das Urteil gesprochen
    Frank Nordhausen


    Milorad Nisavic ist ein dicker kleiner Mann mit schwarzem Schnurrbart, der stets ein Jeanshemd trägt. Er sitzt im Spezialgericht in Belgrad hinter Gittern und dickem Panzerglas. Nisavic ist angeklagt, im Kosovo Kriegsverbrechen verübt zu haben. Manchmal spricht der Serbe kurz mit seinem Mitangeklagten Miroslav Petkovic, einem stiernackigen Kahlkopf, der dann beflissen grinst. Nisavic legt auch gern die Arme auf die Lehnen der Nachbarstühle. Der 48-Jährige macht einen gelassenen Eindruck. Aber der Eindruck täuscht. Wenn er aus dem Gitterkäfig vor die Richterbank geführt wird und redet, wird er schnell laut, und manchmal kommt er Richtern und Zeugen bedrohlich nahe.

    Nisavic stammt aus Suhareka, einer Kleinstadt im südlichen Kosovo. Er ließ sich dort "Boss" nennen, Boss hießen auch die Fahrschule, die er in den 90er-Jahren betrieb, und sein Hotel. Und Nisavic war zugleich Chef des serbischen Geheimdienstes in Suhareka, er war ein mächtiger und gefährlicher Mann. Am 26. März 1999, zwei Tage nach Beginn des Kosovo-Krieges, sollen er und ein Dutzend weitere Männer 50 Kosovo-Albaner ermordet haben.

    Auf der anderen Seite des Panzerglases hat an diesem Tag im April Xhelal Berisha im Belgrader Gericht Platz genommen. Berisha benötigt die Kopfhörer mit der albanischen Simultanübersetzung nicht, er versteht Serbisch gut. Dem 52-jährigen Mann entgeht keine Nuance der Verhandlung. Manchmal, wenn ein Verteidiger oder ein Angeklagter redet, wirkt er erstaunt und schüttelt den Kopf. Am Morgen hat Xhelal Berisha gesagt, dass es gut sei, hier zu sein und die Mörder hinter den Stahlstäben zu sehen. Er will, dass sie ihre Strafe bekommen.

    Berisha ist von Beruf Akkordeonspieler, ein Mann mit einem freundlichen Gesicht. "Ich komme jetzt bereits zum fünfzehnten Mal nach Belgrad zum Prozess", sagt er. Nisavic und sein Trupp nahmen ihm seinen Bruder Nexhat und dessen vier Kinder, seinen Neffen Faton, dessen Frau, Schwester und zwei Söhne. 49 Mitglieder des kosovo-albanischen Clans der Berishas starben an jenem Tag. "Als der Prozess im Oktober 2006 begann, haben wir beschlossen, dass immer jemand aus Suhareka dabei ist. Wir wollten zeigen, dass wir nichts vergessen."

    Sechs Männer sind mit dem Boss jetzt in Belgrad angeklagt. Es sind Männer zwischen 40 und 55, sie tragen Jeans und Baumwollhemden. Vor den Richtertisch gerufen, sprechen sie ruhig, in einfachen Worten. Mit Ausnahme des cholerischen Nisavic. Die Verhandlung wird gefilmt und auf große Flachbildschirme übertragen, die bei den Angeklagten hinter dem Gitter und im Zuschauerraum hängen. Jedes Wort vor diesem Gericht wird aufgezeichnet, jedes Beweisstück in Großaufnahme gezeigt. Es gibt sogar eine Bildregie. Man sieht jede Regung der Angeklagten und Zeugen, Anwälte und Richter, jedes Blinzeln, jedes Zucken der Gesichtsmuskeln.

    Niemand im Gerichtssaal wird den Auftritt von Shyrete Berisha vergessen. Am 4. Dezember 2007 wurde sie als Zeugin gehört. "Sie kam ganz in Schwarz", erinnert sich Xhelal Berisha "Sie sprach mit klarer, starker Stimme." Shyrete Berisha ist die Hauptzeugin der Anklage. Sie ist eine der drei Überlebenden des Massakers vom 26. März 1999, das für die Albaner im Kosovo eine ähnliche Bedeutung hat, wie Srebrenica für die Bosnier. Eine nationale Tragödie. Shyrete Berishas Anhörung dauerte von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends; 70 Seiten umfasst ihre Aussage.

    In den Tagen nach dem Beginn der Nato-Bombardements auf Serbien, zu dem das Kosovo gehörte, kam es in der Region um Suhareka zu heftigen Angriffen albanischer Rebellen gegen die serbische Armee. Die Serben antworteten mit Terror gegen die albanische Zivilbevölkerung. Am 24. März 1999 hatten Einheiten der berüchtigten Spezialpolizei ein erstes Blutbad in der 20 000-Einwohner-Stadt angerichtet, dem 40 Albaner zum Opfer fielen. Eine weitere Einheit überfiel am 25. März die Häuser der Familie Hoti, enger Verwandter der Berishas. Sie befahl den Frauen und Kindern, nach Albanien zu gehen und tötete 32 Menschen. Aber der Hauptschlag stand noch aus.

    "Wir wussten, dass etwas Furchtbares vorging und dass es sich gegen unsere Familie richtete", sagte Shyrete Berisha vor Gericht. Die Berishas waren der angesehenste und wohlhabendste albanische Clan in Suhareka, wo die Bevölkerung damals zu zehn Prozent aus Serben und zu neunzig Prozent aus Albanern bestand. Dass die Berishas vergleichsweise wohlhabend waren, reicher als die meisten Serben der Stadt, machte viele Serben wütend. Es war ein offenes Geheimnis, dass Milorad Nisavic, der Boss, die Berishas hasste, seit er eine lukrative Einnahmequelle an sie verloren hatte. Die OSZE-Beobachtermission in Suhareka hatte sich zunächst in seinem Hotel einquartiert. Als man aber bemerkte, dass sich kein Albaner mit seinen Beschwerden in das Haus des lokalen Geheimdienstchefs traute, suchte und fand man ein anderes Quartier: im Doppelhaus der Brüder Sedat und Bujar Berisha. Deren elegantes Heim nannte man in Suhareka "das weiße Haus", weil es weiß verklinkert war.

    Am 26. März vormittags begannen serbische Polizeieinheiten wie schon in den Tagen davor, albanische Häuser in Suhareka in Brand zu stecken, willkürlich Menschen zu erschießen und aus der Stadt zu jagen. Gegen zwölf Uhr umstellten Einheiten in blauen und grünen Uniformen das weiße Haus. Viele Mitglieder des Familienclans hatten sich dort versammelt, um in der Gefahr zusammenzubleiben. Nisavic und die Brüder Zoran und Miroslav Petkovic waren bereits am Vortag am Haus aufgetaucht und hatten die Herausgabe der Ausrüstung der abgezogenen OSZE-Beobachter verlangt: Computer, Fernseher, Faxgeräte. Die Familie übergab Nisavic auch ihre Ersparnisse, 50 000 D-Mark. "Habt keine Angst, wir werden euch verteidigen", hätte Nisavic dann versprochen, sagte Shyrete Berisha vor Gericht.

    Das Gegenteil war der Fall. Nisavic, die Petkovic-Brüder und andere Serben kamen wieder. Sie kamen mit Lastwagen und einem Land Rover. Sie trugen Munitionsgürtel, Kalaschnikows und Gesichtsmasken. Shyrete erkannte sie trotzdem. Ein Dutzend Männer postierten sich im Garten vor dem weißen Haus zwischen den blühenden Obstbäumen. Sie befahlen den Berishas herauszukommen, trennten Männer, Frauen und Kinder, durchsuchten die Gebäude.

    Shyrete Berisha sagte aus, dass Zoran Petkovic befahl: "Bujar, komm her!" Bujar Berisha war der Eigentümer eines kleinen Busunternehmens, für das Zoran Petkovic als Fahrer arbeitete. Als Bujar Berisha aus dem Haus trat, fragte ihn Petkovic: "Wo ist dein Schmuck? Wo ist das Geld von der OSZE?" Milorad Nisavic stand daneben und sagte höhnisch: "Bujar, wo ist deine Nato jetzt? Wo sind deine Amerikaner?" Bujar sagte kein einziges Wort. Bei den Birnbäumen befahlen sie ihm: "Bujar, dreh' dich um!" Bujar drehte sich um, und sie erschossen ihn. Als sein Bruder Sedat versuchte zu fliehen, wurde auch er erschossen. Als die Serben Anstalten machten, einen weiteren Mann zu erschießen, den 27-jährigen Lehrer Faton Berisha, steckte der seine Finger in die Ohren und brüllte mit aller Kraft. Er starb durch eine Kugel in den Kopf.

    Shyrete Berisha musste mitansehen, wie Milorad Nisavic anschließend dreimal auf ihren Mann Nexhat schoss. Der 44-Jährige war der Bruder von Bujar und ebenfalls Lehrer. Sie berichtete auch, wie Frauen und Kinder zu schreien begannen, und wie die Serben sie daraufhin zur Hauptstraße trieben. "Haut ab nach Albanien!" riefen sie. Als die Frauen, Kinder und alten Männer losgingen, hörten sie weitere Schüsse aus Kalaschnikows und Explosionen. Rauch stieg über den Häusern auf. Shyrete Berisha führte ihre vier, Vjollca Berisha ihre drei Kinder mit sich.

    Unter Gewehrsalven dirigierten die Serben die Gruppe in ein Einkaufszentrum am Busbahnhof, bis sie die kleine Pizzeria "Kalabria" erreichte. Sie brachen die Tür auf, trieben die Menschen in den engen Raum. Dann warfen sie zwei Handgranaten in die Pizzeria und schossen mit ihren Maschinenpistolen in die vierzigköpfige Menge. Panik brach aus. Alle versuchten verzweifelt, unter Tischen oder hinter dem Tresen Schutz zu finden. Majlinda, Shyretes 16-jährige Tochter, sagte: "Mama, sie haben Erolinda erschossen!" Erolinda war ihre 14-jährige Schwester. Ein schwer verwundetes Mädchen schluchzte: "Was haben sie mir angetan, o mein Gott, sie sollen kommen und mich töten." Shyrete hörte Menschen weinen und klagen und sterben. Ihr zwei Jahre alter Sohn Redon wollte Milch trinken. "Ich gab ihm die Flasche, weil ich dachte, dann würde er ruhig sein, aber sie hörten ihn, kamen zurück, immer wieder, schossen wieder und wieder in den Raum."

    Redon war tot, seine große Schwester Majlinda auch, eine Handgranate zerfetzte sie. Shyrete und Vjollca und drei ihrer Kinder überlebten schwer verwundet. Shyrete hatte zwölf Kugeln in Beinen, Armen, Schulter und im Bauch. Auch Vjollca hatte Schüsse in den Bauch und die Beine bekommen. "Der Mann, der auf uns schoss, war Zoran Petkovic", sagte Shyrete Berisha vor dem Gericht. Und Vjollca, die sich weigerte, nach Belgrad zu kommen, sagte in ihrer Vernehmung durch die serbischen Staatsanwälte im Kosovo: "Als sie dann mit ihren zwei Pritschenwagen kamen und uns auf die Ladefläche warfen, erkannte ich den Fahrer des Wagens - es war Zoran Petkovic." Mindestens 15 Zeugen beobachteten die Szene. Shyrete und Vjollca schafften es, den Atem anzuhalten und sich trotz der starken Schmerzen totzustellen. Shyretes zehnjähriger Sohn Altin lebte noch, stöhnte aber, als die Serben ihn hochhoben - und wurde erschossen.

    Nachdem sie Körper auf Körper gehäuft hatten, fuhren die Mörder los in Richtung Prizren. Beide Frauen lagen auf der gleichen Ladefläche und konnten miteinander sprechen. Da sie nur von einer Plane bedeckt waren, schlug Shyrete vor: "Springen wir hinunter! Es ist unsere einzige Chance." Shyrete sprang als erste, zwei albanische Bauern fanden sie und brachten sie in ein Feldlazarett der albanischen Rebellen. Vjollca sprang vier Kilometer später mit dem achtjährigen Gramoz. Ihre noch lebende Tochter Dafina musste sie zurücklassen; das brach ihr das Herz. Auch Vjollca und Gramoz wurden gerettet.

    Die Leichen von Bujar, Sedat, Nexhat, Fatima und Faton Berisha wurden auf einem Friedhof nahe des "weißen Hauses" verscharrt. Die Toten aus der Pizzeria wurden zunächst bei Prizren vergraben, zwei Wochen später aber wieder exhumiert. Bisher unbekannte Angehörige einer serbischen Antiterroreinheit luden sie in Kühllaster und fuhren einen Teil zum Massengrab im Belgrader Vorort Batajnica, wo sie 2001 entdeckt wurden. Doch bis heute werden 21 Leichen vermisst.

    "Innerlich bin ich damals gestorben", sagte Shyrete Berisha am Schluss ihrer Befragung. "Ich habe meinen Mann und meine vier Kinder verloren. Ich lebe nur noch dafür, diese Verbrechen zu bezeugen." Das hat sie im Suhareka-Prozess getan und zuvor im Prozess gegen den früheren serbischen Ministerpräsidenten Slobodan Milosevic in Den Haag. Als sie zum Prozess nach Belgrad kam, lebte sie schon an einem unbekannten Ort in Westeuropa unter neuem Namen. Sie ist eine der am besten geschützten Zeugen des Haager Gerichts.

    Die meisten Serben interessieren sich nicht für die Belgrader Kriegsverbrecherprozesse, kaum jemand verfolgt sie. An den letzten fünf Verhandlungstagen im März und im April waren außer zwei albanischen Reportern nur die beiden Berichterstatter der serbischen Nachrichtenagenturen im Gericht. Zwei Drittel der Zuschauerplätze bleiben unbesetzt. Eine Gruppe Jurastudenten verließ die Verhandlung bereits nach der Pause.

    "Das Spezialgericht ist wie ein schwarzes Loch", sagt Stasa Zajovic, die den Prozess für die Antikriegsorganisation "Frauen in Schwarz" beobachtet. Wie ein Ort, den es gar nicht gibt. Weil er aber doch existiert, stehen seine drei Staatsanwälte, drei Ermittler und zwei Assistenten unter permanentem Polizeischutz. Radikale serbische Parteien fordern regelmäßig, das Gericht aufzulösen. Als die Staatsanwälte im Juli 2008 die Festnahme des untergetauchten Kriegsverbrechers Radovan Karadzic anordneten, musste man sie für ein paar Tage außer Landes bringen. "Es war zu gefährlich für uns hier in Belgrad", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Bruno Vekaric. Er zeigt einen Leitzordner voller Morddrohungen, berichtet von aufgeschlitzten Reifen, von tätlichen Angriffen beim Einkauf auf dem Markt. Als das Gericht kürzlich die Festnahme von vier serbischen Polizisten in Leskovac anordnete, verhinderten aufgebrachte Demonstranten die Verhaftung der "Patrioten". Für die Angeklagten im laufenden Prozess erwartet Vekaric keine Solidaritätsbekundungen. "Wir haben genug Beweise, um diese Männer für zwanzig Jahre hinter Gitter zu bringen", sagt er. Zwanzig Jahre sind die Höchststrafe für Kriegsverbrechen nach den jugoslawischen Gesetzen, die zur Tatzeit galten.

    Es ist der 7. April, der zweite Tag der Plädoyers im Suhareka-Prozess. Wieder ist Xhelal Berisha mit seiner Frau, seiner Schwester und seinem Cousin nach Belgrad gereist. Wie immer hat sie ein serbischer Bus aus Suhareka abgeholt. Wie immer sind sie von drei albanischen Bodyguards begleitet worden. An der serbischen Grenze kamen noch sieben serbische Polizisten hinzu. Als Xhelal Berisha das erste Mal nach dem Krieg nach Belgrad kam, hatte er Angst. Große Angst. "Es war eine Fahrt ins Ungewisse. In die Hauptstadt der Mörder." Jetzt, nach der fünfzehnten Reise, hat er sich daran gewöhnt.

    Nach drei Jahren, nach einem nicht enden wollenden Prozessmarathon, hält der Staatsanwalt sein Plädoyer. Mioljub Vitorovic ist ein bedächtiger Mittfünfziger, der die Neigung hat, beim Sprechen seinen Kopf zu beugen und sehr leise zu reden. Aber das sollte nicht dazu verleiten, ihn zu unterschätzen. Vitorovic und die anderen Staatsanwälte haben es gewagt, mit Milorad Nisavic erstmals einen serbischen Geheimdienstmann wegen Kriegsverbrechen anzuklagen. Und sie haben es gewagt, Radoslav Mitrovic vor Gericht zu bringen, einen hohen Befehlshaber der Spezialpolizei MUP. Nisavic habe den Einsatz befehligt, aber Mitrovic soll der strategische Kopf gewesen sein. Er habe seine Befehle von ganz oben erhalten und zu ihrer Durchführung auch die lokale Polizei kommandiert. So sieht es die Staatsanwaltschaft.

    Dass Serbien überhaupt Kriegsverbrechen verfolgt, ist im Westen so gut wie unbekannt. 2003 wurde das Belgrader Spezialgericht auf Druck der EU und des Haager Gerichtes eingerichtet und es arbeitet durchaus gewissenhaft. Immerhin konnten bis März diesen Jahres sechs Prozesse abgeschlossen werden, bei denen es um mindestens 2216 Opfer ging. Von 91 Angeklagten wurden aber bisher erst zwei Dutzend rechtskräftig verurteilt. Das liegt nicht am Spezialgericht. Zum einen liegt es am Obersten Serbischen Gerichtshof. Er hat fast jedes Urteil kassiert und zurückverwiesen. Die bekannte serbische Menschenrechtlerin Natasa Kandic sieht darin weniger juristische als vielmehr politische Hintergründe. "Das Oberste Gericht verkörpert das alte Milosevic-Serbien."

    Es liegt auch an der oft schwierigen Ermittlungslage - Zeugen sind schwer zu finden oder "fallen um", Beweise sind schwer zu beschaffen. Im Suhareka-Prozess ist die Lage vergleichsweise günstig. Erstmals haben serbische Polizisten gegen ihre Kollegen ausgesagt, Ortspolizisten aus Suhareka: anonym, hinter einem Schirm. Sie belasteten Mitrovic, Nisavic und seine Leute schwer. Sie beschrieben, wie Nisavic und die Brüder Petkovic einzelne Menschen ermordeten. Sie machten klar, dass nicht alle serbischen Polizisten in Suhareka einverstanden waren mit den Befehlen, die man ihnen gab: "Losgehen, töten, aufladen, wegfahren." Einer der Zeugen sagte, dass ein Polizist zögerte, den Mordbefehl auszuführen. Daraufhin habe ihn der mitangeklagte Chef der Polizeistation von Suhareka angebrüllt: "Beweg dich! Worauf wartest du? Soll ich es etwa für dich tun?"

    Staatsanwalt Vitorovic spricht eine halbe Stunde. Er spricht von ethnischer Säuberung. Er sagt, dass Mitrovic der verantwortliche Befehlshaber war "für alle Kriegsverbrechen in der Region". Dass sich bei Nisavic Befehl und Rachegefühle vermischten. Er beschreibt, wie die Mörder nach dem Massaker von Tür zu Tür gingen in Suhareka, den Albanern Geld abnahmen und ihnen befahlen, sofort die Stadt und das Land zu verlassen - sonst würde es ihnen wie den Berishas ergehen. "Das Resultat der Aktion war die Massenflucht der örtlichen Albaner." Vitorovic spricht von den "Exekutoren eines Massenmordes", die vor Gericht gelogen und sich in massive Widersprüche verwickelt hätten. Er spricht von Tätern, die "die grandiose Zukunft Serbiens mit den Knochen Unschuldiger aufbauen" wollten. Er sagt: "Wir bestrafen diese Menschen, um die Hypothek kollektiver Schuld von uns zu nehmen. Die Opfer des 26. März wurden von niemandem beschützt. Niemand wollte sie retten, niemand ihnen helfen." Vitorovic findet die richtigen Worte für das monströse Verbrechen. "Diese Menschen wurden aus keinem anderen Grund getötet, als dass sie Albaner waren", sagt er zum Schluss. "Ich werde jetzt die Namen der Ermordeten vorlesen. Bujar Berisha, Faton Berisha, Florije Berisha ..."

    Die Männer, die für das Leid verantwortlich sein sollen, sitzen unbewegt auf ihren Stühlen. Milorad Nisavic räkelt sich ein wenig. Dann sprechen die Verteidiger. Sie haben das furchtbare Geschehen im Verlaufe des Prozesses nie angezweifelt. Aber die Schuld ihrer Mandanten. Anders als in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen berufen sie sich nicht auf übergeordneten Befehlsnotstand. Die Verteidiger sagen nicht: "Mein Mandant war anwesend, musste aber Befehle befolgen." Sie sagen: "Er war dort, hat aber nichts getan." Oder sie sagen: "Er hat an dem Tag nichts in Suhareka zu tun gehabt, also kann er nichts verbrochen haben."

    "Nisavic war am fraglichen Tag nicht in Suhareka", sagt sein Anwalt dann auch im Plädoyer. "Zoran Petkovic war in Suhareka, aber er stand nur Wache am weißen Haus", sagt sein Verteidiger. Ein anderer erklärt das Gericht für parteiisch: "Hier wird ein politischer Prozess geführt, um der EU zu schmeicheln." Nicht die Angeklagten, sondern die Nato sei schuld an den Verbrechen. Der Anwalt von Radoslav Mitrovic, ein sehr selbstbewusster Mann mit Glatze und Musketierbart, der auch Radovan Karadzic in Den Haag vertritt, hält den ganzen Prozess für absurd. Er behauptet, gegen die Aussage mehrerer Zeugen, dass sein Mandant nicht in Suhareka war. "Er hat keinen Befehl erteilt, Zivilisten zu attackieren. Dieser Prozess spielt nur den Albanern in die Hände."

    Dann treten die Angeklagten vor, sie haben das letzte Wort. Unisono sagen sie, sie würden bedauern, was geschehen sei, und dann: "Aber ich bin unschuldig." Nur Milorad Nisavic fällt aus der Rolle. "Das ist ein Komplott", ruft er. "Ihr habt meine Familie zerstört, ich bin finanziell ruiniert."

    Es ist Frühling in Belgrad. Die Kirschbäume blühen, die Vögel zwitschern, warme Luft streichelt die Haut. Frühling wie damals vor zehn Jahren, als Milorad Nisavic und sein Trupp serbischer Männer den Tod nach Suhareka brachten. Die albanischen Prozessbeobachter aus Suhareka sitzen am Abend noch einmal mit der serbischen Menschenrechtlerin Natasa Kandic zusammen. Xhelal Berisha spricht über den letzten Auftritt der Angeklagten und ihrer Verteidiger. "Diese Leute haben kein Ehrgefühl, keinen Anstand, keine Menschlichkeit", sagt er. Sein Cousin Idriz Haxhin sagt, er habe inzwischen Achtung vor dem serbischen Gericht. "Anfangs fragten unsere albanischen Nachbarn, warum fahrt ihr nach Belgrad? Was für einen Sinn hat das? Glaubt ihr, dass Serben in Serbien angeklagt und verurteilt werden?" Idriz Haxhin war auch skeptisch. Er hat lange darüber nachgedacht. Jetzt glaubt er, dass es gut ist, was die serbische Justiz tut. "Kein Urteil kann uns wiedergeben, was wir verloren haben. Aber die Tatsachen sind minutiös aufgearbeitet worden. Und das ist wichtig für spätere Generationen."

    Am kommenden Mittwoch will das Belgrader Gericht seine Entscheidung verkünden.

    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0418/magazin/0002/index.html

  2. #2
    Avatar von Hundz Gemajni

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    hast du teamspeak?

    komm mal und lies das mal für mich bitte

  3. #3

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    Schön zu hören das auch Vernunft in Serbien herrscht.

    Ich hoffe sie kriegen auch ihre gerechte Strafe.

  4. #4
    Avatar von Hercegovac

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    Todesstrafe für das Gesiendel...

  5. #5
    Lopov
    Nicht die Angeklagten, sondern die Nato sei schuld an den Verbrechen.

    Wie kann die NATO schuld sein? Das ist so absurd. Ein Den Haag wäre nicht nötig, wenn es mehr von solchen ehrlichen Menschen und Gerichten gäbe.

  6. #6

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    Leider habe ich den Text nicht geschrieben sonst wäre er kürzer.
    Aber 10 min ransetzen schadet nicht, ist sehr interessant.

  7. #7

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    4.099
    Nato ist schuld

  8. #8
    Avatar von Yugovich

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    Wenn die Angeklagten schuldig sind, was sie allem Anschein nach auch sind, sollten sie lebenslänglich verurteilt werden. Wobei diese Strafe für dieses Gesindel noch viel zu mild wäre.

    Erwähnenswert ist folgender Abschnitt:

    Zitat Zitat von Jesko Beitrag anzeigen
    Dass Serbien überhaupt Kriegsverbrechen verfolgt, ist im Westen so gut wie unbekannt. 2003 wurde das Belgrader Spezialgericht auf Druck der EU und des Haager Gerichtes eingerichtet und es arbeitet durchaus gewissenhaft. Immerhin konnten bis März diesen Jahres sechs Prozesse abgeschlossen werden, bei denen es um mindestens 2216 Opfer ging. Von 91 Angeklagten wurden aber bisher erst zwei Dutzend rechtskräftig verurteilt. Das liegt nicht am Spezialgericht. Zum einen liegt es am Obersten Serbischen Gerichtshof. Er hat fast jedes Urteil kassiert und zurückverwiesen. Die bekannte serbische Menschenrechtlerin Natasa Kandic sieht darin weniger juristische als vielmehr politische Hintergründe. "Das Oberste Gericht verkörpert das alte Milosevic-Serbien."
    Im obersten serbischen Gerichtshof sollte auch mal ein "Frühjahrsputz" durchgeführt werden. Leider beweist diese Tatsache auch, dass die Seilschaften des Milosevic Regimes leider immernoch eine starke Macht in Serbien darstellen.

  9. #9
    Lopov
    Zitat Zitat von Jesko Beitrag anzeigen
    Leider habe ich den Text nicht geschrieben sonst wäre er kürzer.
    Aber 10 min ransetzen schadet nicht, ist sehr interessant.
    10 Minuten ist doch viel zu lang 2 Minuten

  10. #10
    Romantika
    Ihr könnt euch nicht vorstellen was für Trauer ich für diese Familien empfinde, wie leid es mir tut das diese Menschen sowas durchmachen müssen/mussten..
    Aber ich empfinde auch Dankbarkeit dass das Gericht in Serbien diesen Schritt macht..

    Hoffentlich bekommen diese Menschen die Höchststrafe.!

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