Welche Gordischen Knoten der internationale Bosnien-Beauftragte Valentin Inzko durchschlagen will.


Die Presse“:
Sie sind am 26. September genau ein halbes Jahr im Amt. Was hat sich im Land verändert?
Valentin Inzko: Ich spüre eine vergrößerte Bereitschaft, bei Verfassungsreformen mitzumachen. Eine hatten wir heuer schon: die Regelung über den Status von Br?ko. In Zukunft könnte ich mir Reformen im Bereich der Menschenrechte gut vorstellen. Die Politiker spüren fast 14 Jahre nach Dayton, dass die Zeit reif ist für neue Schritte. Es geht um einen funktionierenden Staat.
Glauben Sie, dass ein hoher internationaler Vertreter die Konflikte auf dem Balkan lösen kann?
Inzko: Ja, sonst wäre ich nicht hier. Natürlich bin ich daran interessiert, dass Bosnien und Herzegowina so viel wie möglich in Eigenregie regelt. Dort, wo es noch an Dialog und Gespräch mangelt, können wir helfen.
Wie gehen Sie mit Ihren Vollmachten um, die es Ihnen ermöglichen, wichtige Entscheidungen ohne Zustimmung der Politiker zu treffen?
Inzko: Ich gehe erst fünf Schritte durch, bevor ich die Vollmacht einsetze: zuhören, das Gespräch suchen, in Verhandlungen treten, die Gelbe Karte zeigen, ein Gespräch unter vier Augen. Erst der sechste Schritt ist die Rote Karte. Ich wende die Vollmacht zwar an, aber eher als technisches Mittel, nicht als politisches.
Wie realistisch ist es, dass Bosnien bis Oktober die von der EU gestellten Voraussetzungen für die Visafreiheit erfüllt?
Inzko: Die Bosnier konnten zur Zeit von Marschall Tito reisen, und es ist paradox, dass sie es jetzt, da sie selbstständig sind und in einer Demokratie leben, nicht können. Andererseits bin ich auch ein Befürworter der Gleichbehandlung aller Länder in der Balkanregion. Es ist eben so, dass alle Länder gewisse Bedingungen erfüllen müssen. Bosnien hat insgesamt 174 Bedingungen gestellt bekommen, davon sind bereits etwa 150 erfüllt. Was vor allem noch aussteht, ist die Ausstellung von biometrischen Reisepässen.
Glauben Sie, dass sich durch einen EU-Beitritt etwas am kulturellen Konflikt ändern würde?
Inzko: Ja. Wir dürfen aber auch den Nato-Beitritt nicht vergessen. Der könnte sogar früher erfolgen als der EU-Beitritt. Eine Nato-Mitgliedschaft würde der Bevölkerung die Ängste vor den Nachbarn nehmen. Außerdem käme es zu einer verstärkten Kooperation mit den Nachbarländern, und die innere Stabilität Bosniens würde sich erhöhen.

Sie haben angekündigt, auch die wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben zu wollen.
Inzko: Ich hätte sehr gern gewisse Gordische Knoten durchschlagen. Ich möchte durch Verhandlungen erreichen, dass noch mehr Wasserkraftwerke und Autobahnen gebaut werden, das könnte mittel- und langfristig über 50.000 Arbeitskräfte schaffen. Die Menschen würden in Folge weniger über Politik reden und mehr über die Wirtschaft. Das hätte einen positiven Effekt fürs ganze Land.
Was haben Sie sich in Ihrer Amtszeit noch alles vorgenommen?
Inzko: Die Bosnier selbst sagen, sie wollten ein ganz normales Land werden – und sonst gar nichts. Das wäre der größte Erfolg. Ich hätte gern mehr junge Leute in den Parteien, talentierte Menschen sollten im Land bleiben. Bosnien ist ein Bergwerk voller Talente. Im Ausland sind fast alle Bosnier erfolgreich, nehmen Sie Boris Nemsic oder Ivica Osim. So erfolgreich sollen sie aber auch zu Hause sein können. Da muss man Rahmenbedingungen schaffen, und wenn ich einen kleinen Beitrag leisten kann, wäre ich sehr stolz darauf. mat
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2009)