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Der Bürgerkrieg in Tadschikistan

Erstellt von ökörtilos, 28.08.2009, 21:42 Uhr · 15 Antworten · 5.164 Aufrufe

  1. #11
    lily
    Republik Tadjikistan hin oder her, ich denke an die unschuldige Menschen besonders Frauen und Kinder dort...

  2. #12
    ökörtilos
    DER SPIEGEL 37/1998 vom 07.09.1998


    "Die Taliban kommen"

    Der Siegeszug der Fundamentalisten in Afghanistan hat die Nachbarn im Norden aufgeschreckt. Sie fürchten, die "Koranschüler" könnten über die Grenze vorstoßen. Bedroht scheint vor allem Tadschikistan, Rußlands Bollwerk gegen die islamistische Gefahr.
    Ein staubiger Pfad führt von dem sonnendurchglühten Flecken Aiwadsch zur Grenzwache Nummer zwei hinauf. Auf den ersten Blick gleicht der Posten einer verschlafenen Karawanserei: ein paar ebenerdige gekalkte Häuschen, windschiefe Schuppen, eine mit Silberbronze übermalte Leninbüste und ein Schweinestall - zur "Eigenversorgung", wie der Befehlshaber erklärt.
    Von den Bergen auf der anderen Flußseite hallt ein gleichmäßiges Tacken herüber, und alle paar Minuten erschüttern kurze, harte Schläge die Erde. "Raketenwerfer vom Typ ,Grad' (Hagel)", kommentiert Oberleutnant Dawlatnasarow kundig, "dazu 76-Millimeter-Artillerie und leichte Schützenwaffen". Der Gefechtslärm bringt seine Männer nachts um den Schlaf. "Bei jedem Einschlag wackeln die Postenhäuschen", sagt der Soldat Muhammed, der seit elf Monaten hier dient, "und der Himmel ist hell wie bei einem Feuerwerk."
    Muhammed hat Besuch von seiner Mutter bekommen: Chursan Tuchsanowa, 60, machte sich von ihrem Heimatort Pjandsch auf den 200 Kilometer weiten Weg nach Aiwadsch und quartierte sich bei Bauer Safar Haitow ein, der neben dem doppelten Stacheldrahtzaun am Ufer des Amu-Darja die Kolchosherde hütet. Dem Sohn hat sie Nüsse, getrocknete Aprikosen, Melonen und selbstgebackenes Brot mitgebracht.
    Angst hat die Frau in diese verlassene Ecke Tadschikistans getrieben. Ihr Nachbar in Pjandsch zeigte ihr die neueste Zeitung aus der Hauptstadt Duschanbe. In dicken Lettern und über die ganze Titelseite stand dreimal hintereinander dieselbe Schrekkensmeldung: "Die Taliban kommen."
    "Sie sind schon da", bestätigt der Bauer Safar seiner Besucherin. Auf ihrem Vormarsch Richtung Norden haben die militanten Koranschüler die Grenze zur GUS erreicht und nahezu ganz Afghanistan unter ihre Herrschaft gebracht. Safar hat die neuen Machthaber erstmals vor zwei Wochen mit eigenen Augen gesehen, am anderen Ufer des Amu-Darja.
    Werden die Fundamentalisten am Fluß haltmachen oder übersetzen, um ihre Lehre vom islamischen Gottesstaat ins muslimische Zentralasien, gar bis nach Rußland zu tragen? Sie haben schon gedroht, die "heiligen Städte" Buchara und Samarkand im benachbarten Usbekistan einzunehmen - damit wäre die ganze Südflanke der ehemaligen Sowjetunion gefährdet.
    Die Vorstellung, daß sich der radikale Taliban-Islam in den asiatischen Steppen der GUS ausbreiten könnte, ist ein Alptraum für die lokalen Machthaber, aber auch für Moskau.
    An der 1200 Kilometer langen tadschikisch-afghanischen Grenze, die sich von Usbekistan durch den Pamir bis nach China --- S.195 schlängelt, führen die Russen das Kommando. Tadschikistan ist das strategisch wichtigste und zugleich schwächste Glied in der Abwehrfront gegen die Fundamentalisten in Afghanistan. Denn das völlig verarmte Land, südlichster Zipfel der früheren Sowjetunion, ist selbst innerlich zerrissen: Schon bald nach der Unabhängigkeit 1991 brach ein Bürgerkrieg aus, in dem sich Altkommunisten, fromme Muslime und örtliche Stammesführer zerfleischten; fast 100 000 Menschen starben.
    Chursan Tuchsanowa zweifelt nicht an den Gerüchten, die über die Grenze dringen - daß die bärtigen Fanatiker in der Nachbarprovinz Balch Hunderte Gefangene erschossen und in ausgetrocknete Brunnen warfen, daß sie den Mullah der Moschee von Schibarghan, der zum Widerstand aufgerufen hatte, aufknüpften und 60 Älteste im Zoo von Kabul internierten.
    "Genauso furchtbar haben beide Seiten hier während des Bürgerkriegs gehaust", sagt Chursan leise, "ein Fünkchen, und es geht auch bei uns wieder los." Ihren Mann, den Vater ihrer zehn Kinder, haben die Islamisten damals erschossen, den ältesten Sohn zu Tode gehetzt. Nun sorgt sie sich um den 20jährigen Muhammed.
    "Welch ein Unsinn, Mütterchen", beschwichtigen Oberleutnant Dawlatnasarow, der Kommandeur, und Major Tschernigow, der Abwehrchef der Grenzwache, die vom Kummer gebeugte Frau. "Hier kommt keiner durch."
    Die Russen wissen nur zu gut, was von der anderen Seite her auf sie zurollt. Es ist zum Teil dasselbe Material, das sie 1989 beim Rückzug aus Afghanistan aufgaben. Major Tschernigow hat die Liste im Kopf: über 1000 T-55-Panzer, 2000 Geschütze, mehr als 100 Flugzeuge und 55 Hubschrauber, dazu eine ganze Staffel R-17-Raketen, die eine Reichweite von 300 Kilometern haben. "Hinter den Waffen stehen Leute mit einzigartiger Erfahrung in ununterbrochener Kriegsführung", setzt Tschernigow mit einem leichten Anflug von Bewunderung hinzu.
    Die Grenzwache Nr. 2 hätte einem Ansturm der Taliban nicht viel entgegenzusetzen: ein paar Raketenwerfer, etwas Artillerie und Kalaschnikows. Die Truppe besteht aus Tadschiken ohne Schulabschluß und russischen "Kontraktniki" - Berufssoldaten, die freiwillig an die öde, ferne Grenze kommen, weil dort mehr Sold als daheim gezahlt wird: gut 1000 Rubel.
    Die Furcht vor den Taliban und ihren Sympathisanten in den zentralasiatischen Republiken beunruhigt Politiker wie Militärs, seit die Gotteskrieger ihre Feinde im Land fast ganz vertrieben haben. Usbekistans Präsident Islam Karimow brach seinen Urlaub auf der Krim ab und eilte in die Grenzstadt Termes, 75 Kilometer westlich von Aiwadsch. Niemand dürfe zulassen, daß sich Afghanistan in einen Herd des internationalen Terrorismus verwandle, --- S.196 spornte er die Soldaten an. Karimow hat Grund zur Vorsicht: Seit Monaten regt sich auch in seinem Staat eine bislang hart unterdrückte islamische Opposition.
    In Taschkent trafen sich die Außenminister von vier zentralasiatischen Staaten zum Krisengipfel, und in Tadschikistan flogen gleichzeitig der Chef der russischen Grenztruppen sowie der Armeegeneralstabschef ein. Sie hätten angeordnet, eine Provokation der Taliban mit einem vernichtenden Konterschlag zu beantworten, erzählen die Soldaten.
    In den Laufgräben vor der Grenzwache Nr. 2 hocken MG-Schützen, zwischen den Zäunen patrouillieren Hundestaffeln. Und neben dem mannshohen Eisenofen drinnen in der Kommandeursstube hängt ein neuer Einsatzplan; der Oberleutnant läßt ihn mit schwarzem Tuch vor unbefugten Blicken schützen.
    Setzten die Taliban hier über den Fluß, soll in knapp 40 Minuten ein usbekisches Bataillon zur Stelle sein. Dazu käme Verstärkung von der 201. Infanteriedivision, die als Moskaus "Friedenstruppe" im Lande steht und nun als zweite Staffel operiert. Eine neugebildete schnelle Eingreiftruppe versucht, Grenzverletzer abzufangen.
    Die Übergänge wurden alle geschlossen; auch wer ein afghanisches Visum hat, muß unverrichteterdinge umkehren. Auf den Straßen Richtung Duschanbe durchsuchen Sondertrupps jedes Auto gründlich nach Waffen oder eingedrungenen Saboteuren.
    Nicht einmal Afghanen, die vor den Gotteskriegern flüchten, dürfen auf Nachsicht der Grenzer hoffen - und das entgegen allen Absprachen mit dem Flüchtlingshilfswerk der Uno. 180 Anhänger der "Nordallianz", der geschlagenen Taliban-Gegner um die Generäle Dostam und Massud, hätten sich vor einigen Tagen bei der benachbarten Wache mit einem Floß über den Fluß gerettet, berichtet Bauer Safar Haitow, "lauter junge Männer mit Bärten". Man habe sie in Busse verfrachtet, über Aiwadsch nach Pjandsch gefahren und dort wieder über die Grenze abgeschoben, "wahrscheinlich direkt ins Verderben".
    Major Tschernigow traut den Tadschiken nicht: "Ein schwacher Präsident in Duschanbe und eine unberechenbare Opposition" könnten das Land zu einem Einfallstor für die Fundamentalisten machen. Der von der Uno im Dezember 1996 vermittelte Frieden ist brüchig, Tadschikistans Islamisten haben ihr Ziel - die Alleinherrschaft in Duschanbe - noch nicht aufgegeben. Fast jede Woche liefern sich beide Parteien Schießereien, ideales Feld für "Diversanten" aus dem Lager der Taliban. "Die müßten nur ein Wasserkraftwerk oben in den Bergen sprengen, und das Land wäre lahmgelegt", sagt Tschernigow.
    Aber auch die Tadschiken mißtrauen den Russen. Viele sind überzeugt, daß Moskau die Angst vor den Fanatikern im Nachbarland nur schüre, um die einstigen Brüder im Süden der GUS wieder zurück ins russische Reich zu zwingen. Fast alle Familien horten heimlich Waffen. In Duschanbe hatte die Regierung während des Bürgerkriegs in jedem Wohnviertel 30 Maschinenpistolen zur Selbstverteidigung verteilt. Kaum jemand hat sie zurückgegeben. "Sie sind unsere einzige Sicherheit für morgen", sagt der ehemalige Beamte und Busfahrer Machmud Tairow, "ganz egal, ob die Taliban kommen oder wieder unsere eigenen Islamisten."
    Der tadschikische Präsident Emomali Rachmonow, früher Direktor einer Sowchose und heute nicht viel mehr als ein von Moskaus Gnaden abhängiger Präfekt, fürchtet, daß die fünfte Kolonne der Taliban schon im Land ist: militante Muslime, die während des Bürgerkriegs nach Afghanistan geflohen waren und nach dem Friedensvertrag wieder heimkamen. Viele ihrer Kämpfer wurden in die regulären Streitkräfte eingegliedert - "trojanische Pferde" in den Augen der Russen.
    Im schwerbewachten Hotel "Wachsch", nicht weit vom Sitz des Staatsoberhaupts, residiert seit seiner Rückkehr aus dem Exil auch Tadschikistans Schattenpräsident: Said Abdullah Nuri, der Chef der Opposition. Er habe die letzten fünf Jahre in Afghanistan verbracht, sagt der bärtige Muslimführer von der Islamischen Partei der Wiedergeburt, und unterhalte "natürlich gute Beziehungen zu den Taliban". Eine Einheit seiner Kämpfer, die noch in Afghanistan aktiv ist, soll sich bereits offen mit den Koranschülern verbündet haben.
    Das radikale Lager in der Nuri-Partei verehre die Taliban, bestätigt ein hochrangiger Diplomat in Duschanbe, und ausgerechnet dieser Flügel werde von den Amerikanern mit Geld und Logistik unterstützt, obwohl er in zahlreiche Terroranschläge und in die Erschießung von zwei Wachmännern der US-Botschaft verwickelt sei.
    Vor kurzem wurden auch vier ausländische Uno-Beobachter ermordet - führten dabei dieselben Leute Regie, um den Abzug der lästig gewordenen Friedenstruppe zu erreichen?
    In mehreren Moscheen von Duschanbe tauchten zudem im August vier Pakistaner auf. Die Muslime Zentralasiens könnten nur durch die Ideen der Taliban geeinigt werden, predigten sie ihren tadschikischen Glaubensbrüdern. Rachmonow ließ die vier verhaften und als Agenten ausweisen.
    Die Regierung treibt ein gefährliches Spiel. Trotz aller Dementis kann sie nicht länger verheimlichen, daß der Nachschub für die Anti-Taliban-Front vor allem über Tadschikistan läuft. Iranische Transportmaschinen mit Waffen für die Nordallianz landen auf dem hauptstädtischen Flughafen, vom Provinz-Airport Kuljab gehen Direktflüge ins nordafghanische Faisabad. Händler passieren mit Lastwagen voll Treibstoff und wohl auch Waffen die eigentlich geschlossene Grenze in Badachschan und setzen bei Farchor mit der Fähre hinüber in die Provinz Tachar.
    Dort will die Nordallianz noch einmal alle Kräfte für eine Gegenoffensive aufbieten. Das hofft jedenfalls ihr Sprecher in Duschanbe: "Man muß die Taliban stoppen, sie können kein Land führen, sondern nur vorwärtsstürmen, im Auftrag anderer."
    Chursan Tuchsanowa ist von ihrem Besuch bei Sohn Muhammed nach Pjandsch zurückgekehrt. Beruhigt hat sie sich nicht. Sie fühlt, daß die Russen sich nicht auf Dauer in ihrer Heimat halten werden. "Irgendwann ziehen sie sich zurück. Dann bleiben wir allein, und aus Tadschikistan wird ein neues Afghanistan."

  3. #13
    Šaban
    obwohl ich die texte nicht gelesen habe (wegen anschiss) empfehle ich euch den text zu lesen, der spiegel lohnt sich immer

  4. #14
    ökörtilos
    Zitat Zitat von Šaban Beitrag anzeigen
    obwohl ich die texte nicht gelesen habe (wegen anschiss) empfehle ich euch den text zu lesen, der spiegel lohnt sich immer


    Anschiss?


  5. #15
    Šaban
    Zitat Zitat von ökörtilos Beitrag anzeigen
    Anschiss?

    bin ziemlich müde, hab fast keine zeit auszuruhen ausser am wochenende

  6. #16
    ökörtilos













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