In Belgrad wurde mit großem Brimborium ein neuer Roman des gesuchten Kriegsverbrechers vorgestellt
Andrej Ivanji aus Belgrad




Wer sich den jüngsten Roman des ehemaligen Führers der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, kaufen möchte, der gehe zur Dienstag eröffneten internationalen Buchmesse in Belgrad. Von vielen Serben als ein Held gefeiert, vom UN- Tribunal in Den Haag wegen Kriegsverbrechen steckbrieflich gesucht, erfreut einer der meistgesuchten Männer in Europa seine Leser von Jahr zu Jahr mit neuen Werken.

Karadzic' Verleger, sein früherer Informationsminister, Miroslav Toholj, sagte, das Manuskript sei Ende August beendet worden. Eine CD mit dem Roman habe er in seinem Briefkasten in Belgrad gefunden, ein zweite habe er mit der Post mit einer Briefmarke aus Bosnien erhalten, wo Kara- dzic' Versteck vermutet wird. Für "Freunde und Feinde des Autors" sei es besser, nicht zu wissen, wo er sich aufhalte, meinte Toholj, der erwartet, dass Karadzic' Buch ein Bestseller wird. Auf die Frage, wie das Honorar dem Autor zugestellt werden würde, wollte er - lächelnd - nicht antworten.

Karadzic' Bruder Luka sagte, Radovan gehe es "Gott sei Dank gut", daran könnten die unzähligen Fahndungsaktionen der Nato-Truppen in Bosnien nichts ändern. Der Held des Romans unter dem Titel "Eine wundersame Nachtchronik" ist ein Arzt, der autobiografische Züge des Autors trägt. An einer Stelle fragt er sich: "Werde ich verleumdet? Ungerechtfertigt angeklagt? Schlecht gemacht? Und warum? Nur weil ich total unserer Sache ergeben bin . . . Was für eine Sorte Mensch sind wir, die alles, was sie haben, aufzuopfern bereit sind?"

Der Verleger teilte mit, das Buch würde demnächst in Moskau und Mailand vorgestellt und ins Russische und Italienische übersetzt werden. Während man nicht genau weiß, wo sich Karadzic und der ehemalige Kommandant der bosnischen Serben, Ratko Mladic, befinden, fordert das UN-Tribunal von Belgrad dringend die Auslieferung von drei Armee- und Polizeigenerälen, die in Belgrad leben. Justizminister der national-konservativen serbischen Minderheitsregierung, Zoran Stojkovic wiederholte jedoch, man werde gegen sie keine Gewalt anwenden, er hoffe, sie würden sich freiwillig stellen.

Auf Belgrad wird international starker Druck ausgeübt, vermeintliche Kriegsverbrecher dem Tribunal endlich auszuliefern. Davon werden weitere europäische Integrationsprozesse Serbiens und die finanzielle Hilfe der EU und USA abhängig gemacht.

Freunde in Serbien

Mit der pompösen Vorstellung von Karadzic' Buch, einer Art Rechtfertigung des Krieges in Bosnien, zeigt Belgrad aber offen, dass sich seine Freunde, Beschützer und Helfer sehr wohl auch in Serbien befinden. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2004)


derstandard.at