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Damals war es kein Vorteil in Makedonien Albaner zu sein

Erstellt von Albanesi2, 20.08.2005, 13:34 Uhr · 1 Antwort · 1.020 Aufrufe

  1. #1

    Registriert seit
    07.05.2005
    Beiträge
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    Damals war es kein Vorteil in Makedonien Albaner zu sein

    http://www.welt.de/daten/2001/07/29/0729pg271012.htx

    Warum dieser Hass?
    Albanische Rebellen kämpfen gegen die Unterdrückung ihrer Landsleute. Boris Kalnoky schildert die Demütigungen der albanischen Studentin Drita Abdiv



    Die Dörfer oberhalb der mazedonischen Stadt Tetovo sind zerschossen und ausgebrannt. Ihre Ruinen zeugen von den Kämpfen zwischen Regierungstruppen und albanischen Rebellen der UCK. Auch am nördlichen Stadtrand ist kaum ein Haus unbeschädigt.

    Heute herrscht Ruhe, Emissäre von NATO und EU versuchen wieder einmal, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln. Aber seit März sind diese Stadt und ihre Umgebung das gefährlichste Schlachtfeld im mazedonischen Guerillakrieg. Die meisten Opfer des Konflikts kamen im Umkreis von wenigen Kilometern um Tetovo ums Leben. Auch jetzt ist die Spannung spürbar - Panzerwagen mit geöffneten Türen rasen durch die Hauptstraße, darin Männer mit schwarzen Gesichtsmasken und entsicherten Maschinenpistolen.

    Im Café "Arbi" klirren die Fensterscheiben, als die gepanzerten Ungetüme vorbeidröhnen. Für Drita Abdiv, mit der ich hier einen Espresso schlürfe, inzwischen ein gewohnter Anblick. Obwohl sie Jahre brauchte, bis sie begriff, wie sehr die Mazedonier die albanische Minderheit in ihrem Heimatland hassen.

    Ihre ganze Kindheit hindurch hatte Drita Abdiv die Welt um sich herum verstanden. Es war eine kleine, sichere Welt - sie wuchs in Tetovo als Kind albanischer Eltern und umgeben von Familie und Freunden auf. Alles in Tetovo ist unmissverständlich albanisch, die Häuser, die Straßen, die Menschen, der Alltag. Drita hatte auch einige mazedonische Freunde und lernte die Sprache in der Schule, aber allzu viele Berührungspunkte gab es nicht. Sie lebte ein albanisches Leben.

    Über die Mazedonier machte sie sich nicht viel Gedanken. Nur manchmal geriet sie ins Grübeln - einmal, als sie hörte, wie eine mazedonische Mutter ihr Kind auf der Straße ermahnte, nicht in die Albanerviertel zu gehen: "Bleib dort weg", sagte die Mutter, "dort wohnen die Albaner, und sie schlachten Kinder mit scharfen Messern."

    Drita beendete die Schule und hatte große Pläne. Sie wollte Ärztin werden. Also schrieb sie sich in Mazedoniens Hauptstadt Skopje an der Universität ein. Das war 1996 - es wurde das Jahr, in dem sie erstmals mit der mazedonischen Wirklichkeit Bekanntschaft machte. Ein wenig ist dies die Geschichte eines ahnungslosen Mädchens, das auszog, das Fürchten zu lernen - aber stattdessen lernte sie, sich zu wehren.

    Es war nicht einfach, in Skopje eine Bleibe zu finden, aber im ersten Jahr ging es noch. Wohnungen, die mit 300 Mark inseriert waren, kosteten zwar plötzlich 500 Mark, als die Vermieter merkten, dass Drita und ihre Mitbewohnerin albanisch waren. Aber sie bekam dann doch eine Unterkunft. An der Universität lernte Drita fleißig, und als die Zeit des ersten Zwischenexamens kam, war sie zuversichtlich. Aber sie fiel durch, wie die meisten ihrer albanischen Kommilitonen.

    Sie suchte den Professor auf und fragte, warum sie mit 80 Prozent richtigen Antworten nicht bestanden habe, im Gegensatz zu den mazedonischen Studenten. "Was muss ich tun?", fragte sie. "Richtige Antworten scheinen ja nicht zu genügen." Der Professor reichte ihr eine Telefonnummer.

    Als Drita sie wählte, war ein Araber am Apparat. Sie vereinbarten ein Treffen, der Mann teilte ihr einen Peis mit: 1000 Mark für ein gutes Prüfungsergebnis. Drita informierte ihren Vater, und der gab auch das Geld. Der Araber nahm es in Empfang und sagte, er brauche nun noch die Nummer der Prüfung, die Drita zu bestehen wünsche. Und siehe da: Drita fiel diesmal nicht durch.

    Aber sie sah rot. Sie hörte sich bei ihren albanischen und mazedonischen Kommilitonen um, ob sie Ähnliches erlebt hätten. Die Albaner sahen sie an, als könne sie so naiv doch nicht sein, und erklärten ihr, das laufe immer so ab. Die 1000 Mark für die Prüfungen des ersten Jahres seien im Übrigen nur ein Einstiegspreis - gegen Ende des Studiums erhöhe sich die Summe auf bis zu 7000 Mark. Die mazedonischen Kommilitonen sagten, sie selbst müssten nicht bezahlen, aber für Albaner sei das eben üblich.

    Drita rechnete alles zusammen und kam zu dem Schluss, dass sie nicht mit solchen Geldforderungen vor ihren Vater treten wollte. "Außerdem ekelte es mich einfach an", sagt sie. "Ich wollte mit diesem System nichts mehr zu tun haben." Also exmatrikulierte sie sich. "Das Schlimste ist, dass wir diese Demütigungen schon als normal hinnehmen", sagt sie. "Sogar meine albanischen Freunde fragten mich: Warum hast du aufgehört? Dein Vater hat doch Geld. Das zeigt, wie sehr sie sich mit diesem Unrecht abgefunden haben."

    Nach dem Abbruch des Studiums verschärfte sich das Wohnungsproblem weiter. Nirgends konnte Drita lange bleiben: "Wenn Vermieter meinen Namen hörten oder merkten, dass ich mit meiner Freundin Albanisch sprach, hieß es meist: Kommt nicht infrage."

    Drita begann, sich schlauer zu verhalten, ihre ethnische Zugehörigkeit nicht gleich hinauszuposaunen. Ihr Mazedonisch ist perfekt, und einmal war der Handel fast abgeschlossen - eine nette Wohnung und bezahlbar, die Eigentümerin hatte Ja gesagt, und Drita hatte das Geld dabei. Da klingelte das Mobiltelefon - ihr Vater. Natürlich sprach Drita mit ihm Albanisch. "Da ist die Tussi fast durchgedreht", erinnert sich Drita. "Sie schrie: Was, du bist Albanisch? Raus hier! Ihr bringt mir noch Terroristen ins Haus."

    Es dauerte fast vier Monate, bis Drita eine Bleibe fand. Doch dann begann im benachbarten Kosovo der Luftkrieg der NATO. Drita wurde sofort aus ihrer Wohnung geworfen. "Mitten in der Nacht klingelte die Vermieterin Sturm und stürzte mit acht starken Männern in die Wohnung", erzählt Drita. "Wir mussten in Windeseile packen und gehen. Ich hatte drei Monate im Voraus bezahlt, natürlich war das Geld verloren."

    Auch das Leben mit ihren heutigen mazedonischen Nachbarn ist schwierig. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", sagt Drita, als sie die Schikanen herunterbetet. "Einmal haben sie uns die Telefonleitung durchgeschnitten. Einmal flog eine tote Ratte durchs Fenster, in der eine Nadel steckte, und an der Nadel hing ein Zettel: ,Tod den Albanern'." Oft ist die Eingangstür vollgespuckt, wenn Drita nach Hause kommt.

    Skopjes Albaner erzählen sich manchmal beim Kaffee die bedrückendsten Begebenheiten aus ihrem Leben mit den Mazedoniern. "Die beste Geschichte, die mir da zu Ohren kam, ist nicht sehr spektakulär, aber sie trifft den Kern des Problems", sagt Drita. Es geht um einen Albaner, der einen mazedonischen Freund aus Strumica hatte. Der hielt ihn zunächst für einen Mazedonier und stellte ihn später zur Rede: "He, bist du wirklich Albaner? Das kann nicht sein. Mein Vater hat mir schreckliche Dinge über euch erzählt, aber du bist ganz anders." Eines Nachts kam es zu einem Gerangel, ein betrunkener Mazedonier wollte den Albaner verprügeln. Der Freund aus Strumica griff ein, alles endete glimpflich. Danach aber sagte er zu seinem albanischen Landsmann: "Weißt du - ich liebe dich als Menschen, aber hasse dich als Albaner. Dieses Schwein, das dich prügeln wollte, verabscheue ich als Menschen. Aber ich liebe ihn als Mazedonier." Ehrlicher könne die ethnische Kluft in Mazedonien kaum beschrieben werden, meint Drita.

    Je mehr sie den Hass der Mazedonier kennen lernte, desto mehr dachte sie über einige Dinge ihrer Kindheit nach, die sie immer für gottgegeben gehalten hatte. Warum hatte ihr Vater Arbeit, aber ihr Onkel nicht? Der Onkel erzählte ihr daraufhin, dass er als junger Mann an den Albaner-Demonstrationen 1968 in Tetovo teilgenommen und daraufhin Berufsverbot erhalten hätte.

    Er war nicht der Einzige. "Auch meine Probleme begannen 1968", erinnert sich Hyseinxhevat Hyseini, 56-jähriger Französischlehrer aus Tetovo. "Ich war damals Grundschullehrer. Bei einem Treffen mit Mitgliedern der damaligen kommunistischen Stadtverwaltung sagte ich, die Proteste seien nur die Antwort der Albaner auf das Unrecht, das ihnen täglich angetan werde. Wir hatten beispielsweise die größte Mühe, in Skopje zu studieren. Ich glaube, sehr viel mehr Albaner haben in Belgrad, Zagreb oder Ljubljana studiert als in Skopje, einfach weil es so schwer war, dort anzufangen und durch die Prüfungen zu kommen."

    Eine Woche nach seinen offenherzigen Äußerungen erfuhr Hyseinxhevat Hyseini, dass der Stadtrat ein Berufsverbot gegen ihn verhängt hatte. Erst 1976 konnte er wieder in Tetovo als Lehrer arbeiten, bis dahin lehrte er an anderen Orten.

    Dann aber, 1981, kam es zu den ersten großen Demonstrationen der Albaner aus dem benachbarten Kosovo. Sofort wurde das Berufsverbot gegen alle Albaner in Mazedonien erneuert und verschärft. Diesmal war es nicht auf bestimmte Städte beschränkt. "Ich blieb bis 1991 arbeitslos", sagt Hyseini. "Zehn Jahre! Ich hatte 1981 bereits zwei Kinder, im Laufe der Jahre kamen zwei weitere dazu. Ich brachte die Familie mühsam durch, indem ich Jobs als Landarbeiter oder auf dem Bau annahm, oft in anderen Teilen Jugoslawiens, mehrfach in Zagreb. Und natürlich erhielt ich in der ganzen Zeit nie einen Pass."

    Heute sind Hyseinis Töchter erwachsen. Eine studierte Medizin in Skopje, wie es auch Drita versucht hatte. Nach einem Jahr kam sie zum Vater und klagte genau wie Drita. "Die Prüfung im ersten Jahr kostet 1000 Mark, nur für Albaner." Hyseini sagt: "Ich habe das Geld nicht. Also habe ich sie von der Uni genommen und nach Pristina in den Kosovo geschickt."

    Eine neue Generation, dasselbe Leid - diesen Teufelskreis, so hofft Hyseini, werden die Albaner irgendwann durchbrechen.

  2. #2
    Avatar von Schiptar

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    Diese Korruptionsfälle/Erpressungen seitens mazedonsicher Uniprofessoren betreffen nicht nur die ethnischen Albaner. In bestimmten Studiengängen wie Jura oder Wirtschaft ist das für alle Studierenden gang und gäbe, daß man im Gegenzug für bestandene Prüfungen erst die Profs schmieren muß. An bestimmten technischen Hochschulen sind ca. 25% der Dozenten miteinander verwandt oder verschwägert, so daß mehr und mehr qualifizierte Mazedonier aufgrund dieser Kungelei zu Hause keine Arbeit finden und im Ausland arbeiten müssen ...wo ihre Qualifikation im Gegensatz zu daheim seltsamerweise ausreicht.
    Bei den Geisteswissenschaften ist das noch nicht so verbreitet, aber wer weiß wie's weitergeht wenn man diese Gauner weiterhin ungehindert ihr Unwesen treiben läßt... So kann aus dem Land einfach nichts werden, wenn die Korrupten die qualifiziertesten jungen Leute systematisch aus dem Land treiben, und nur diejenigen in Spitzenpositionen kommen, die über genug familiäre oder sonstige Kontakte verfügen oder genug Kohle zum Kaufen guter Prüfungsergebnisse haben...

    Ich hab im Zug von Skopje nach Solun/Thessaloniki z.B. ein Mädchen kennengelernt, das in Griechenland Wirtschaft studiert, weil sie daheim eben einen Arsch voll Schmiergeld zahlen müßte, um ihr Studium erfolgreich abschließen zu können. Sie konnte super Englisch sprechen, und offensichtlich auch gut genug Griechisch, um dort erfolgreich studieren zu können... Offensichtlich eine talentierte, qualifizierte und ehrgeizige junge Frau, die aber dank der Gier der mazedonischen Profs auf ewig für ihre heimische Volkswirtschaft verloren sein dürfte... Und sie ist bestimmt kein Einzelfall.

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