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Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien

Erstellt von ooops, 15.03.2010, 09:43 Uhr · 6 Antworten · 715 Aufrufe

  1. #1

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    Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien

    Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien


    Serbien -- Kosova: Proletarischer Internationalismus vs. bürgerlichen Antiimperialismus


    Fast alle deutschen und auch größte Teile der internationalen ‘Linken' haben die NATO-Agression gegen Serbien richtigerweise verurteilt. Gleichzeitig hat die überwältigende Mehrheit das auf einer völlig klassenlosen Grundlage, also weit entfernt von jedem Gedanken an proletarischen Internationalismus, getan.

    Das Heer der Alt und Neostalinisten hat die völkerrechtliche Integrität ‘Jugoslawiens' -- sprich Serbiens -- nicht nur richtigerweise gegen den imperialistischen Angriff verteidigt, sondern auch gegen das Streben der albanischen Mehrheit des Kosova, die Situation zu nutzen und sich von der serbischen nationalen Unterdrückung zu befreien. Die ‘völkerrechtliche' Integrität ist naturgemäß eine bürgerliche, und Serbien wurde samt seiner herrschenden Klasse und ihres poststalinistischen herrschenden Regimes verteidigt. Daß das nicht die einzige Möglichkeit der Verteidigung und überhaupt keine revolutionärsozialistische ist, macht das im Folgenden rezensierte Buch von D.Tucovic, eines historischen Führers der revolutionären serbischen Arbeiterklasse, deutlich.

    Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien. (Hrsg. Arbeitsgruppe Marxismus, AGM), Wien 1999. 91 S., DM 12,

    "Grenzenlose Feindschaft des albanischen Volkes Serbien gegenüber ist das erste wirkliche Resultat der Albanienpolitik der serbischen Regierung. Das zweite, und gefährlichere Resultat ist die Stärkung zweier Großmächte in Albanien, die im Balkan die größten Interessen haben." Ein Zitat von 1999? Nein; das ist die Quintessens die Dimitrije Tucovic 1914 aus den von ihm unmittelbar geteilten Erfahrungen des Krieges machte, der der serbischen Bourgeoisie über Albanien den Zugang zum Mittelmeer schaffen sollte und in dessen Folge, das überwiegend albanische Kosovo Opfer des so Tucovic serbischen Kolonialismus wurde.

    Dimitrije Tucovic war Führer der linken Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Serbiens vor dem ersten Weltkrieg. Zusammen mit der Fraktion der ‘Engherzigen' in der bulgarische SP und den russischen Bolschewiki Lenins war diese serbische Partei die einzige, die auch im 1. Weltkrieg internationalistisch blieb und ihrer eigenen Bourgeoisie die Kriegskredite verwehrte. Diese marxistische Position hatte Tucovic auch in den beiden dem Weltkrieg unmittelbar vorausgegangenen Balkankriegen von 1912 und 1913 verteidigt. Die vorliegende Untersuchung ‘Serbien und Albanien', die von der AGM in Wien im vergangenen Jahr dankenswerterweise sowohl auf Serbokroatisch als auch auf Deutsch wiederveröffentlicht wurde, erschien 1914 in Belgrad.

    D.Tucovic, der gezwungen gewesen war, am Krieg gegen das noch zum osmanischen Reich gehörende Albanien teilzunehmen, beschreibt zunächst die sozioökonomischen Strukturen Albaniens und setzt der schon damals in Serbien verbreiteten chauvinistischen Propaganda gegen die albanischen 'Wilden' eine materialistische Sichtweise der sozialen und kulturellen Unterentwicklung entgegen, deren Opfer die Albaner im Laufe der Geschichte geworden sind. In drei weiteren Kapiteln zeigt er die Entwicklung der albanischen Nationalbewegung, der wirtschaftlichen und strategischen Interessen der regionalen Mächte und schließlich die Entwicklung der Politik der serbischen Bourgeoisie gegenüber den Albanern auf. Gerade für jene serbisch oder jugoslawischnationalistischen Linken hierzulande, die seit geraumer Zeit Albaner tendenziell nur als Ethnoterroristen, Werkzeuge der NATO und Drogenhändler wahrnehmen können, ist die Parallelität zu sozialen und politischen Entwicklungen der bei den gleichen politischen Kräften oft so beliebten Kurden und zum Bild der Kurden bei den Nachbarvölkern oft frappierend.

    Dimitrije Tucovic ist ein unschätzbarer Kronzeuge für die ansonsten mit dem Namen Lenins verbundene internationalistische Position, daß die einzig mögliche progressive Lösung der aus der ethnischen Vielfältigkeit des Balkans herrührenden Probleme die Einheit in einer Föderation der Balkanstaaten auf der Basis völliger Freiwilligkeit ist. Er zeigt, wie die Mißachtung einer solchen Haltung durch die herrschende Klasse Serbiens, das nationale Erwachen der Albaner und die Interessen des Imperialismus gefördert hat. Zum Schluß seiner Untersuchung schreibt er bezugnehmend auf das Scheitern des serbischen Vorstoßes zum Mittelmeer : "Da mit der Niederlage der Eroberungspolitik die lange Reihe von Gefahren und Opfern in Hinsicht auf die Freiheit des serbischen Volkes und der Zukunft Serbiens nicht aus ist, ist es notwendig, zumindest jetzt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und entgegen allen Vorurteilen einzugestehen, dass der Kampf, den der albanische Stamm heute führt, ein natürlicher, unumgänglicher historischer Kampf für ein anderes politisches Leben ist, als man es unter der türkischen Herrschaft lebte, ein anderes auch, als man von Seiten seiner Nachbarn, Serbien, Griechenland und Montenegro den Albanern aufzwingen möchte. Das freie, serbische Volk sollte diesen Kampf schätzen, erstens wegen der Freiheit der Albaner, und zweitens wegen der eigenen, und es sollte jeder Regierung die Mittel für eine Unterdrückungspolitik versagen."

    Die Stalinisierung der KPJugoslawiens, der multinationalen Nachfolgerin der SDPS, die einherging mit einer prinzipienlosen Instrumentalisierung wechselnder Nationalismen und polizeistaatlicher Unterdrückung im Klasseninteresse der nach dem 2. Weltkrieg herrschenden staatskapitalistischen Bürokratie hat diese Perspektive leider verschüttet. Die Tatsache, daß die Region heute in so vieler Hinsicht wieder dort steht, wo sie Tucovic zufolge schon 1914 stand, ist das tragische Ergebnis.

    Die Broschüre der AGM (zu bestellen über AGM, Postfach 562, A1151 Wien, oder eMail: agm@xpoint.atDiese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie sie sehen können ) wird durch einen biographischen Teil zu Tucovic und ein Kapitel mit dem Titel ‘Revolutionäre Tradition -- Die serbische Arbeiterbewegung von 1870 bis zum 1.Weltkrieg' sowie ein Vorwort ergänzt, in dem auf einige im Nachhinein als kritisch zu betrachtende Punkte in Tucovic's Darstellung und Position zur Balkanföderation verwiesen wird. Dabei wird insbesondere die Tatsache kritisiert, daß Tucovic's Konzeption von der Balkanföderation die Frage ihres Klassencharakters nicht eindeutig beantwortet.

    LINKEZEITUNG.DE - Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien
    interessanter Beitrag, sehr offensichtlich dieser Tucovic.

  2. #2

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    Der Abschnitt entwickelte sich zur Wahrheit

    Geht und erobert! Entweder Ihr unterwerft oder Ihr vernichtet sie! Durch eine Politik, die nicht mit Menschen, Stämmen, Völkern und der natürlichen Bestrebung Albaniens rechnete, unabhängig zu werden, verlor Serbien jeglichen Kontakt zu den Vertretern des albanischen Volkes, außerdem vergrämte es die Albaner, die von da an alles hassen, was serbisch ist. Wenn das albanische Volk bisher auch keine nationale Einheit war, die durch einen Gedankenimpuls mitgerissen und bewegt werden konnte, so liegt der gemeinsame Gedanke heute leider in der allgemeinen nationalen Revolte der albanischen Besiedlungen gegen das barbarische Vorgehen ihrer Nachbarn Serbien, Griechenland und Montenegro, einer Revolte, die ein großer Schritt im nationalen Erwachen der Albaner ist.


    Serbien und Albanien

  3. #3

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    Als der Aufstand ausbrach, erklärte die Regierung über einen Vertreter des Außen-ministers, die Albaner würden "beispielhaft bestraft" werden, die Presse der Bourgeoisie verlangte eine unbarmherzige Vernichtung, das Heer führte aus. Albanische Dörfer, aus denen die Menschen rechtzeitig geflohen waren, wurden Brandstätten. Sie waren aber auch barbarische Krematorien, in welchen hunderte Frauen und Kinder verbrannten. Und solange die Aufständischen die serbischen gefangenen Offiziere und Soldaten entwaffneten und freiließen, solange hatte die serbische Soldateska kein Mitleid mit ihren Kindern, Frauen und Kranken.



  4. #4

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    ironie des Schicksals, der Tucovic ein Gründer der SPS und doch kein Vorbild von Milosevic.

  5. #5
    Beogradjanin
    Hmm interessant... werde mir das durchlesen

  6. #6
    Avatar von AulOn

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    Auch sehr interessant !

    Der Eifer des Balkanicus bei seiner Geringschätzung des albanischen Volkes als Rasse geht soweit, dass er die historische Rolle des Skender-Beg dessen Ab-stammung von der Serbin Vojislava zuschreibt! Wie weit die kuriosen Wider-sprüche der längst veralteten Theorie gehen, zeigt das nächste Beispiel: Einer der besten, anerkannten Vertreter der serbischen Geschichtswissenschaft, Jovan Tomic, schreibt in seinem Buch über die Albaner, ein Teil des albanischen Stamm der Klimenti sei nach Rudnik gezogen, einige sehr angesehene Persönlichkeiten unseres Volksaufstandes von 1804 würden von ihnen abstammen. Wir wissen nicht, an wen Herr Tomic dabei denkt, viele Forschungen scheinen aber zu bestätigen, dass der Anführer des Aufstandes, der Begründer der Dynastie der Karadjordjevic, Kara-Djordje Petrovic, albanischer Abstammung war!

  7. #7

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    Kluger Mann, dieser Tucovic. Interessanter Artikel.

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