Ein Artikel des sehr bekannten Journalisten Dr. Peter Münch

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Rama reizt nur Rot

Vermutlich gibt es in Europa keinen schillernderen Bürgermeister als den von Tirana -- seine Obsession jedenfalls bringt die Stadt zum Leuchten
Von Peter Münch



Tirana, im November -- Der Bürgermeister von Utopia sitzt, nein, er liegt fast auf dem Sofa seines Amtszimmers, die langen Beine ausgestreckt, und zum eleganten schwarzen Anzug trägt er tomatenrote Socken. Die Welt, wie er sie von hier aus sieht, ist von erlesener Eleganz: Marmor am Boden, ein paar lindgrüne Säulen und vor allem viel, viel Rot an den Wänden. Es gefällt ihm gewiss, dass sein Büro zu seinen Socken passt. Doch für Edi Rama ist dieser durchgestylte Saal nicht mehr als ein Anfang, sein Modell für eine durchgestylte Stadt. Dieses Ziel ist selbst für einen Mann seines Anspruchs nicht zu klein gewählt. Denn Ramas Utopia heißt eigentlich Tirana. Tirana ist die Hauptstadt von Albanien. Und Albanien ist das ärmste Land Europas.


Seit vier Jahren amtiert der 40-Jährige am ausladenden Skanderbeg-Platz, und in dieser Zeit hat er der Stadt seine Farben aufgedrückt. Früher war in diesem Moloch, der keine Ordnung kannte, Braun die Ausnahme von Grau. Die Wohnblöcke aus den unseligen Jahrzehnten von Enver Hodschas Paranoia-Kommunismus standen wie faule Zähne auf brüchigem Grund, und von den vielen schäbigen Metropolen des Balkans war Tirana die schäbigste. Heute aber strahlen viele Fassaden in Blau, in Grün, in Ocker und in Rot. Rama mag Rot. Tirana leuchtet, bei Tag und auch bei Nacht, seit der Bürgermeister sogar Straßenlaternen aufgestellt hat. "Wenn ich das Geld hätte, würde ich die ganze Stadt anmalen", sagt er. "Meine Vision ist ein Kunstmuseum, in dem man lebt."


So spricht kein Politiker, schon gar nicht in Albanien, wo die Politik ein recht robustes und sehr schmutziges Geschäft ist. Rama ist Künstler, ein Maler, der für seine Farbobsession nun keine Leinwand mehr braucht. Die neunziger Jahre, als sich in Albanien nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung die Anarchie und die Mafia austobten, hatte er mit einem Stipendium in Paris verbracht. 1999 holte ihn der sozialistische Premier Fatos Nano zurück in die Heimat und beförderte ihn zum Minister für Kultur und Sport. Das passte wie angegossen, denn der Zwei-Meter-Mann hatte neben der Malerei früher auch erfolgreich Basketball gespielt. Als die Sozialisten bald darauf einen zugkräftigen Kandidaten für das Bürgermeisteramt brauchten, ging Rama ins Rennen -- und gewann mit großem Vorsprung.



Ich, der Edi, geh' voran


Der Schöngeist machte sich mit Brachialgewalt ans Werk. Erst mistete er den Amtssitz aus, dann die Stadt. "Das Bürgermeisteramt war wie von Kafka gebaut", sagt er. "Nicht einen Computer habe ich vorgefunden, dafür viele Fernseher und mehr als hundert Aschenbecher." Er hat das Personal ausgetauscht, und wer heute etwas werden will in Ramas Reich, muss jung sein, professionell und möglichst weiblich. 75 Prozent der Führungspositionen sind mit Frauen besetzt. Vor kurzem noch wäre das in Tirana etwa so wahrscheinlich gewesen wie im Vatikan. Wenn Rama also einer Regel folgt, dann ist es die, mit allen Regeln zu brechen.


"Wir müssen die Leute aufrütteln, bewegen und wütend machen", meint er. Das erste Haus, das sie sich vornahmen, haben sie deshalb in knalligem Orange angemalt, und es hat ihn gefreut, dass Monate lang in den unzähligen Cafés und Bars der Hauptstadt darüber gestritten wurde. Häuserzeile um Häuserzeile folgte, und als die Stadtverwaltung nach einem Jahr eine Meinungsumfrage machte, haben Rama zufolge "85 Prozent gesagt, wir sollen weitermachen".


Kein Zweifel, den meisten in Tirana gefällt, wie ihre Stadt herausgeputzt wird, und im vorigen Jahr wurde der Bürgermeister mit großer Mehrheit für weitere drei Jahre gewählt. Im Wahlkampf hatte er mit Albaniens berühmtester Hip-Hop-Band einen Song über seine Stadt aufgenommen: "Tirana wir lieben dich, Tirana wir träumen von dir, Tirana, wir wollen dich verändern", rappte der Bürgermeister. Er weiß sich zu inszenieren, und es ist gewiss nicht das Selbstbewusstsein, was ihm fehlt. Seine Ausführungen beginnen meist mit "ich", und auch wenn er "wir" sagt, meint er niemand anderen als sich selbst. Die Stadt, das ist er. Edi Rama ist der Sonnenkönig von Tirana. Er sieht sich als Motor des Wandels -- und natürlich, er ist es auch.


Politik ist für ihn weit mehr als die Kunst des Möglichen. Denn mit Kunst macht er seine Politik möglich. Sie ist ihm "ein nützliches Instrument" -- vor allem bei beschränkten Mitteln. Das Jahresbudget seiner Stadt vergleicht er mit der "Frühstückskasse von Frankfurt". 400 Millionen Euro bräuchte er für die nötigsten Reparaturen an der Infrastruktur. 15 Millionen im Jahr hat er zur Verfügung. Und er legt Wert darauf, dass er damit mehr gemacht hat, als zu pinseln. Zum Beispiel hat er Abrissbirnen eingesetzt, um 1200 Schwarzbauten zu zerstören, die in der Goldgräberstimmung der Neunziger die Grünflächen der Hauptstadt aufgefressen hatten. "Allein am Flussufer der Lana haben wir 132 000 Tonnen Beton weggeräumt", sagt er. "Ich weiß, dass der Vergleich seltsam klingt, aber das ist mehr als die Reste der Twin Towers in New York." Drunter macht er es nicht.


Eine ganze Menge Straßen sind auch ausgebessert, ein paar Parks wieder begrünt, und auf dem Zogu-Boulevard wird gerade rotes Pflaster gelegt, denn Rama mag, wie wir nun wissen, Rot. Ein paar Hunderttausend aber hat er auch in Farbeimer investiert, und für ihn geht es dabei um viel mehr als um die Fassaden. "Es geht um Inhalte", und er vergleicht seine Stadt "mit einer Frau, die sich Lippenstift aufmalt, um sich insgesamt besser zu fühlen."


Geschaffen hat er dabei ein Werk, das irgendwo zwischen Friedensreich Hundertwasser und dem Fürsten Potemkin anzusiedeln ist. Denn oft erstrahlt nur die Vorderseite der Häuser in frischen Farben. Auf der Rückseite blättert weiter der graue Beton. Was vorne gekehrt wird, landet hinten auf großen Müllbergen. Auch der Verkehr bleibt chaotisch, weil in dieser bitterarmen Stadt mehr Menschen Mercedes fahren als sonst irgendwo jenseits von Sindelfingen. Vor den Geschäften, die mit westlichen Waren protzen, stehen immer noch die Generatoren, um für die ständigen Stromausfälle gerüstet zu sein. Und Wasser gibt es nur für dreimal zwei Stunden pro Tag. Das alte Tirana ist noch längst nicht tot.


Doch dass Rama die Stadt verwandelt hat, sprechen ihm auch seine Kritiker nicht ab. "Jeder kann das sehen", sagt Mustafa Nano, ein bekannter Publizist, der gerade ein Buch über die Hauptstadt veröffentlicht hat. "Tirana verändert sich jeden Tag." Dem Bürgermeister hat er vieles vorzuhalten, er hält ihn für einen "Narzissten, mit zweifelhafter demokratischer Gesinnung und einem autoritären Führungsstil." Die Korruption spricht er an, die endemisch sei in diesem Land und gewiss auch die Stadtverwaltung nicht ausspare. Doch Tirana, so meint Nano, brauche "Ramas Energie".


Wer solche Gegner hat, braucht keine Freunde mehr, und um Allianzen hat sich Rama tatsächlich nie geschert. Viele glauben trotzdem, dass er schon heute das Amt des Ministerpräsidenten fest im Blick hat. Er selbst sagt, dass er grundsätzlich keine Pläne mache und "am liebsten Schneider" werden würde. Doch er habe versprochen, neun Jahre als Bürgermeister zu amtieren. "Mein Name", so wünscht er es, "soll im Geschichtsbuch der Stadt stehen". Und wenn er mit Tirana fertig ist, dann soll es "die farbenfrohste Stadt der Welt sein".


http://www.sueddeutsche.de/sz/2004-1...terchens_mond/