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Die Erbsünde des Balkan und das skandinavische Lösungsmodell

Erstellt von Fitnesstrainer NRW, 15.10.2010, 17:37 Uhr · 3 Antworten · 548 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Fitnesstrainer NRW

    Registriert seit
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    Beiträge
    3.309

    Die Erbsünde des Balkan und das skandinavische Lösungsmodell

    Hallo Leute,

    habe diesen Artikel aus dem Jahr 2006 im Eursasienmagazin entdeckt.
    Was haltet ihr davon? Und was würde es speziell auf BiH angewandt bedeuten?



    Die Erbsünde des Balkans

    Warum müssen wir das? Wir müssen es nicht, aber wir tun es – und haben keinen Erfolg, weil wir die „Erbsünde“ des Balkans nicht erkennen. Die serbische Soziologin Lidija Basta-Posavec hat sie 1994 in einem Vortrag in der Schweiz erläutert: Titos Partisanen hatten im November 1943 im bosnischen Jajce beschlossen, nach dem Krieg in Jugoslawien einen „föderalen Neuanfang“ zu wagen. Knapp zwei Jahre später taten sie das auch, streng nach dem Prinzip „ein Volk – eine Republik“. Wo es, wie in Bosnien, nicht die eine Nation gab (weil dort seit Jahrhunderten Serben, Kroaten und Muslime friedlich koexistierten), wollte man nur eine Autonomie konzedieren – was die bekannt „hartköpfigen“ Bosnier im Sommer 1945 mit wochenlangen Krächen verhinderten. Autonomie bekamen fortan nur die Völker, deren Mehrheit außerhalb Jugoslawiens lebte, also die Ungarn in der Vojvodina und die Albaner im Kosovo. So wurde die jugoslawische Föderation „konstruiert“, die alle Welt für die geglückte Lösung des altbalkanischen Urübels, der interethnischen Konflikte, hielt.
    „Ethnizität wurde so hoch angesiedelt, dass für Demokratie kein Platz mehr blieb.“

    Balkan-Kritiker Suvar
    Der kroatische Soziologe Stipe Suvar (1936-2004) wies indessen bereits 1972 auf die schweren Konstruktionsfehler des Landes hin: Ethnizität wurde so hoch angesiedelt, dass für Demokratie kein Platz mehr blieb – kollektive Volksgruppenrechte vergab man, individuelle Menschenrechte vergaß man. Die Folgen waren umgehend allenthalben zu spüren: In den Republiken schürten nationalistische Eliten die Abneigung gegen alle „Bruderrepubliken“, in den „autonomen Provinzen“ begehrten ethnische Minderheiten auf, die sich gegenüber den Republiken benachteiligt fühlten. Der Bürgerkrieg der 1990-er Jahre begann im Grunde bereits im November 1943.
    Nur wer das ethnizistische Wesen balkanischer Politik beseitigt, kann den Balkan „entbalkanisieren“. Bislang weiß oder will die internationale Gemeinschaft das nicht, setzt vielmehr auf Wahlen, die z.B. in Bosnien mit der Regelmäßigkeit fünfter Jahreszeiten stattfinden – und nur dazu führen, die Position der alten National- und Kriegsparteien zu festigen, also der „Kroatischen Demokratischen Union“ (HDZ), der „Serbischen Demokratischen Partei“ (SDS) und der „Partei der demokratischen Aktion“ (SDA). Vom Kosovo gar nicht zu reden, wo sich die drei führenden Parteien – „Demokratische Liga des Kosovo“ (LDK), „Demokratische Partei des Kosovo“ (DPK) und „Allianz für die Zukunft des Kosovo“ (AAK) buchstäblich bis aufs Messer bekriegen und sich auf keine einzige praktische Frage einigen können, ausgenommen die „Souveränität des Kosovo“, die in der Kosovo-Resolution 1244 der Vereinten Nationen nicht vorgesehen und im Grunde international auch nicht gewollt ist.

    Alle Balkanstaaten wollen in die NATO, betrachten aber den nächsten Nachbarn als Erbfeind, dem es auf jede Weise zu schaden gilt – wie beispielsweise am kroatisch-slowenischen Dauerstreit um die Grenze in der Adria zu sehen ist. Alle wollen auch in die EU, denken aber kaum daran, ihre Wirtschaftskooperation und Außenhandel im eigenen balkanischen Umfeld zu fördern. Alle geben sich betont „europäisch“, nutzen aber nur Prinzipien aus dem 19. Jahrhundert, etwa das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“, um ihre Träume von einem „Groß-Albanien“, „Groß-Kroatien“ etc. durchzusetzen. Aus der Diskrepanz hehrer Ziele und barbarisch-balkanischer Politik resultieren Konflikte, die halbwegs unter Kontrolle zu halten, sich die internationale Gemeinschaft dreistellige Milliardensummen kosten ließ, ohne nennenswerte Verbesserungen zu erzielen.
    Was der italienische Diktator Mussolini versuchte – und womit er scheiterte

    Zur Durchsetzung europäischer Werteinteressen hatte die Gemeinschaft bislang sehr gute Ideen gehabt, beispielsweise die seit der Antike vermisste „Balkan-Transversale“ zu bauen: als Verkehrskorridore, als Erdöl-Pipeline AMBO (Albanien-Makedonien-Bulgarien) etc. Der letzte, der das versuchte, war der italienische Diktator Benito Mussolini, der damit aber scheiterte. Was nicht heißt, dass gegenwärtige Europäische Verkehrsplanungen auf den Spuren des Urvaters des Faschismus wandelten. Die heutigen Gleisbauer scheinen vielmehr eine balkanische Ureigenschaft positiv zu berücksichtigen, die „Wasserscheu“ der meisten Südosteuropäer. Zwar leben sie an Mittelmeer, Adria, Ägäis, Schwarzem Meer, Donau etc., aber sie haben nie mit dem Wasser gelebt. Ausgenommen die Griechen, die geschichtsnotorische Seefahrer und Küstenbewohner sind, waren alle Balkanvölker stets extrem landgebunden, eben wasserscheu. Das hatte auf der anderen Seite den großartigen Effekt, dass die „Balkanesen“ stets wagemutige Eisenbahnbauer waren, die auch störrigste Höhen, etwa das Balkangebirge quer durch Bulgarien, mittels kühner Gleisschleifen überwanden und so Spuren legten, denen wir heute folgen können.
    Das skandinavische Beispiel auf den Balkan angewendet

    Balkan-„Romantiker“ Wendel
    Balkanslawen sind ein Volk, sprechen eine Sprache und träumen von einem gemeinsamen, freien Staat – schrieb Leopold von Ranke (17795-1886) bereits 1829 in seiner „Serbischen Revolution“, welches Buch bei Serben bis heute Kultstatus genießt. Knapp 100 Jahre später wiederholte ein anderer Deutscher, der Reichstagsabgeordnete und exzellente Balkankenner Hermann Wendel (1884-1936), denselben Gedanken – der nicht dadurch falsifiziert wird, dass man auf dem heutigen Balkan von einer „serbischen“, „kroatischen“, „bosnischen“, „montenegrinischen“ etc. Sprache faselt. Die internationale Gemeinschaft ignoriert so etwas souverän, indem sie lakonisch „local languages“ akzeptiert. Wer die naturgegebene ethnische, sprachliche und kulturelle Einheit der Südslawen nationalistisch sprengen möchte, dem seien die Bücher des norwegischen Balkan-Experten Svejn Mønnesland unter die Nase gehalten: Wenn jemand weiß (argumentiert Mønnesland), was es heißt, in ungeliebten Reichen und Unionen leben zu müssen, dann doch wohl wir Schweden, Norweger, Dänen etc., denn viel zu lange haben wir uns die Köpfe eingeschlagen; erst als wir uns trennten, wurde wir die ganz informelle Geschichts-, Regional-, Wirtschafts- und Schicksalsgemeinschaft „Skandinavien“, die in aller Welt Maßstäbe für Demokratie und Wohlstand setzt. Dieses Beispiel auf den Balkan angewendet, möchte man Mønnesland „fortschreiben“: Einen abermaligen südslavischen Staat wird es nicht geben, aber als sozusagen balkanisches Skandinavien ist ein Jugoslawien nicht nur wünschenswert, sondern auf Dauer unvermeidlich. Zum Glück!


    von Wolf Oschlies, 30.04.2006 (Auszug aus dem Artikel)

    Sdosteuropa: Wo bitte liegt - und was ist der Balkan? - Eurasisches Magazin

  2. #2
    Avatar von Veles

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    Beiträge
    5.151
    Hat der jetzt im Ernst Jugoslawien mit der Kalmarer Union verglichen? *Schock

  3. #3
    Emir
    Zitat Zitat von Veles Beitrag anzeigen
    Hat der jetzt im Ernst Jugoslawien mit der Kalmarer Union verglichen? *Schock

  4. #4
    Avatar von Boschwa

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    908
    Also ist dieser Text mit dem Wort "Müll" erklärbar und bedarf kein weiteres Überdenken meinerseits ??

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