Soziologe Daxner sieht Gefahr eines "Schurkenstaates"

Wien - Österreichische Balkan-Experten schließen eine Lösung der zwischen Albanern und Serben äußerst umstrittenen Status-Frage in der südserbischen Provinz Kosovo in diesem Jahr aus. "Eine Lösung 2005 zu finden, gleicht dem Versuch, die Quadratur des Kreises zu beschreiben", sagte Vedran Dzihic, Politologe an der Universität Wien, am Mittwoch bei einer vom Zukunftsforum organisierten Diskussionsveranstaltung zum Thema "Kosovo - Die Statusfrage und ihre regionalen Auswirkungen".

Ein Konsens - auch wenn die internationale Gemeinschaft für Mitte 2005 Gespräche über den Kosovo-Status angesetzt hat - sei angesichts der diametral entgegengesetzten Interessen zwischen Serben und Albanern weit und breit nicht in Sicht.

Zudem warnte Dzihic vor einem "Domino-Effekt" auf dem Westbalkan. Jegliche Entscheidung über den Status der seit 1999 von der UNO (UNMIK) verwalteten Provinz werde weitestgehende Auswirkungen auf die gesamte Region haben, insbesondere auf Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und das Presevo-Tal im Süden Serbiens, betonte Dzihic.

"Sicher keine rasche Lösung"

Auch Pedrag Jurekovic von der Landesverteidigungsakademie Wien warnte vor dem "Zauberjahr 2005". Durch die äußerst großen Erwartungen etwa bei den Albanern, die rasche Unabhängigkeit zu erreichen, gebe es auch große Gefahren. "Es wird sicher keine rasche Lösung geben", betonte Jurekovic. Ein wesentlicher Grund: Von allen Seiten (Pristina, Belgrad und Internationale Gemeinschaft) gebe es große strategische Defizite.

Der ehemalige österreichische Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager sieht in der Status-Frage einen "hundertprozentigen Widerspruch zwischen Serben und Albanern, der alles blockiert".

"Pulverfass"

Durch den für Mitte des Jahres angesetzten Beginn der Gespräche sehe die kosovo-albanische Seite bereits die Lösung, und diese könne in ihren Augen nur die Unabhängigkeit sein. Die serbische Seite andererseits befürchte ein "Ende des Serbentums im Kosovo". "Auf diese Konfliktsituation laufen wir zu. Wir gehen auf einen Clash zu ... Das Kosovo ist noch immer ein Pulverfass." Von der Fixierung auf 2005 müsse rasch Abstand genommen werden, betonte Frischenschlager, derzeit Mitglied des Direktoriums der "Radio Television Kosovo" (RTK).

Die Lösung müsse jedenfalls in Belgrad gesucht werden. Zudem würde eine rasche Unabhängigkeit des Kosovo zu einer Teilung der Provinz führen, denn Belgrad habe den Norden des Kosovo, in dem mehrheitlich Serben leben, als "Faustpfand".

Entscheidend sei, dass "Realismus einkehrt", und dass in Belgrad endlich eine Debatte beginne. "Belgrad muss klar wissen: Kosovo kehrt nie wieder zurück. Das weiß auch jeder, nur ist jeder politisch tot, der dies zugibt", sagte Frischenschlager. Die beste Perspektive für Serbien wäre, sich des Kosovo-Problems endlich zu entledigen, indem die Provinz in die Unabhängigkeit entlassen werde, und in Richtung EU zu marschieren.

"Schurkenstaat"

Laut Michael Daxner, Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg, läuft das Kosovo Gefahr, ein "Schurkenstaat" zu werden. Dennoch - ob fehlender Konzepte - seine Prognose: "Kosovo wird in absehbarer Zeit ein unabhängiger Staat mit der Qualität von Kolumbien im Herzen Europas werden." Nach seiner Einschätzung laufen in Belgrad hinter den Kulissen schon längere Zeit Unterredungen, welchen Preis man für die Aufgabe des Kosovo erhalten könnte.

"Was ist der Preis?"

Für Gespräche oder gar eine Lösung der Status-Frage ist es laut Daxner jedenfalls zu früh. Mit Belgrad müsse aber "abgecheckt werden: Was ist der Preis für das Kosovo?". (APA)


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