Kann man ihn noch ernst nehmen? Peter Handke attackiert als selbsternannter "Umwegzeuge" den Haager Prozeß gegen Milosevic
Von Ulrich Weinzierl
Kommt ein Schriftsteller als Zeuge heutigentags überhaupt noch in Frage? Diese Frage stellen nicht wir, Peter Handke hat sie aufgeworfen: in seinem letzten größeren Text über den Haager Prozeß gegen Slobodan Milosevic. "Und wer nimmt mir mein Vorurteil?" war 2002 von einer Tageszeitung veröffentlicht worden und im Jahr darauf als Band ("Rund um das große Tribunal") erschienen. Der Österreicher in Paris war seiner alten, bis zur Obsession gesteigerten Forderung "Gerechtigkeit für Serbien" treu geblieben.


Auch die neueste Arbeit, die heute in der Berliner Monatszeitschrift "Literaturen" erscheint, bietet keine echte Überraschung, den kryptischen Titel "Die Tablas von Daimiel" ausgenommen. Der Verfasser charakterisiert sein Werk als "Umwegzeugenbericht", im Magazin firmiert es als"Reiseerzählung", im Vorspann als "Essay". Was ist es wirklich? Mit erzählender Prosa haben die fast 20 Druckseiten herzlich wenig zu tun, einzig gegen Schluß, und das sind die besten Passagen, stellt sich in der Beschreibung des Elends serbischer Flüchtlinge so etwas wie literarische Qualität ein. Sonst dominiert das Genre der Suada.

Handke erklärt, warum er, obwohl eingeladen, nicht als Zeuge (eigentlich als Sachgutachter) der Verteidigung im Prozeß auftreten wollte: weil er dem internationalen Gerichtshof jegliches Recht bestreitet, in diesem Fall ein Urteil zu fällen. Er sei sicher, daß das Tribunal zur "Wahrheitsfindung kein Jota" beitrage und "von Anfang, Grund und Ursprung falsch ist und falsch bleibt und das Falsche tut und das Falsche getan haben wird." Handkes Meinung über Slobodan, wie er ihn vertraulich nennt, steht ohnehin fest: "nicht schuldig".

Diese Überzeugung hatte er freilich bereits vor dem dreistündigen Gespräch, das er mit Milosevic im Gefängnis von Scheveningen führte. Handke war beeindruckt von der unermüdlichen Beredtheit seines Gegenübers und nannte ihn eine "tragische Person". Ein Kompliment, das Milosevic leider nicht zu würdigen wußte. Leicht ließe sich all das mit einem Kopfschütteln abtun, juristisch betrachtet könnte man wegen des Serbien-Syndroms auf partielle Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Interessanter ist die literarische Perspektive: Wie geht der Anwalt der Wahrheit und der wahren Empfindung mit beidem um? Kein Wunder, wenn jemand, der so viel wie Handke zu einem Thema schreibt, sich selbst plagiiert.

Schwerer wiegt, daß Handke, der sich so energisch gegen die journalistische "Schreibe" abgrenzt, "wo allein schon der Ton gleich die Tendenz verrät", eben diese Methode verwendet. Denn für ihn disqualifizieren sich die Richter von vornherein: ein "schwarzer Jamaikaner" und ein "südkoreanischer Pfandrechtsexperte". Und solche Leute, lautet die verächtliche Botschaft, sollen sich mit dem Balkan auskennen? Nicht einmal das Mittel der Diffamierung ist ihm zu schäbig: "Die Mütter von Srebrenica" wurden "aktiviert für die Weltöffentlichkeit, hoffentlich von den Müttern selber".

Über die Zuverlässigkeit des "Umwegzeugen" sagt eine Formulierung alles: Mit der Verhaftung von Milosevic und dessen Auslieferung ans Tribunal habe "das bekriegte Jugoslawien, im Juni 1999, bei Kriegsende, unbesiegt, erst in der Tat den Krieg" verloren. Handke hat gerade noch eine Chance: daß man ihn nicht ernst nimmt.

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