Kroatien - Der kroatische Staatspräsident Stjepan Mesic ist kein Thompson-Fan und widersetzt sich allen Tendenzen, die auf eine Verharmlosung des früheren faschistischen Regimes abzielen. Dennoch votiert er gegen ein Auftrittsverbot.



Herr Präsident, Marko Perkovic behauptet, für Ihr Land zu sprechen und die Mehrheit des kroatischen Volkes zu repräsentieren. Hat er recht?

Ich wurde zweimal in Direktwahlen zum Präsidenten der Republik Kroatien gewählt und habe mich während meines ganzen Lebens immer zweifelsfrei zu den Werten des Antifaschismus bekannt. Ich denke, dies belegt eindrucksvoll, was das kroatische Volk über den Faschismus und den Antifaschismus denkt.

Im Ausland wird Perkovic häufig mit Kroatien gleichgesetzt. Wie abträglich ist das dem Ansehen Ihres Landes?

Dem Ansehen Kroatien im Ausland schadet jegliche Verbreitung der faschistischen Ustascha-Symbolik und der menschenverachtenden Ideologie, die dahintersteht.
Sie haben sich mehrmals von Perkovic distanziert. Was macht ihn in Ihren Augen so kritikwürdig?

Hier möchte ich klarstellen: Thompson hat sein ganz eigenes Publikum. Auch wenn es nicht die Musik ist, die ich höre, hat er ein Recht, seine Konzerte zu veranstalten. Ich war deshalb niemals für ein Verbot. Aber es hat keiner das Recht, uns zu Geiseln für einen kurzen und schrecklichen Abschnitt unserer Geschichte zu machen. Alles, was mit der Ustascha-Schreckensherrschaft in Verbindung steht, ist nicht akzeptabel: vom Gruß über die Symbolik bis hin zur Ideologie, auf die dieser Staat aufgebaut war.

Perkovic wirft der kroatischen Staats- und Regierungsführung Verrat vor, weil Ihr Land mit dem UN-Tribunal zusammenarbeitet und mutmaßliche Kriegsverbrecher ausliefert. Was entgegnen Sie darauf?

Das kroatische Parlament hat bereits 1996 ein Verfassungsgesetz über die Zusammenarbeit zwischen Kroatien und dem Internationalen Gerichtshof beschlossen. Nach diesem Gesetz ist jeder Bürger, aber auch jede Institutionen meines Landes und natürlich auch der Präsident verpflichtet, einer Vorladung des Haager Gerichtshofs nachzukommen. Unabhängig davon, ob man Zeuge oder Beschuldigter ist. Wird die Vorladung ignoriert, verletzt man die Verfassung der Republik Kroatien und deren Gesetze.

Kroatien ist derzeit dabei, die dunklen Phasen seiner Geschichte aufzuarbeiten. Nicht alle Gruppierungen in Ihrem Land sind damit einverstanden. Wie umstritten ist in Kroatien die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte?

Es kommt immer wieder vor, dass gerade kleine Gruppen sehr laut zu hören sind, weil die Medien ihnen eine große Aufmerksamkeit schenken. So entsteht der Eindruck, dass es mehr Vertreter dieser Geisteshaltung gibt, als dies in der Realität der Fall ist. Die Mehrheit ist sicherlich demokratischer und viel kritischer gegen jegliche Art des Totalitarismus, vor allem jener Teil des kroatischen Volkes, der wie ich diese Zeit noch erlebt hat.
Perkovic behauptet, seine Positionen seien nur patriotisch. Was sind für Sie die Grundlagen eines zeitgemäßen Patriotismus?

Patriotismus bedeutet immer das Gleiche: sein Land, seine Sprache und Kultur lieben. Es bedeutet nicht, das eigene Land über andere zu stellen. So wie ich meine Heimat liebe und denke, dass sie die schönste auf der Welt ist, so haben auch die anderen das Recht, ihr Land zu lieben. Es kann keinen Wettbewerb der Heimatliebe geben, denn das würde in eine unerwünschte Richtung gehen. Das ist in der Geschichte oftmals geschehen. Es ist unsere Aufgabe, das künftig zu verhindern.

Quelle: stuttgarter Zeitung