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Griechenland - Industrialisierung, Politische Parteien und der Paragraph § 2687/53

Erstellt von Yunan, 26.07.2013, 14:54 Uhr · 3 Antworten · 836 Aufrufe

  1. #1
    Yunan

    Griechenland - Industrialisierung, Politische Parteien und der Paragraph § 2687/53

    Hallo,

    ich gebe euch hier ein paar Informationen bzgl. der Industrialisierung Griechenland und erläutere euch kurz die Bedeutung des oben genannten Paragraphen.

    § 2687 aus dem Jahr 1953 ist ein Paragraph, der die Bedigungen für den Zufluss ausländischen Kapitals nach Griechenland regelt. Es werden extreme Vergünstigungen für die Investoren ausländischen Kapitals in Griechenland gewährt. Ziel des Gesetzes, welches durch die faschistophile Nachkriegsregierung Griechenlands in Auftrag und legitimiert wurde, war es, die durch den Bürgerkrieg ausgebliebenen Investitionen aus dem Ausland, und dabei insbesondere aus den USA (später auch aus Europa) anzulocken und günstige Konditionen zu bieten, die im Grunde genommen nur aufrecht erhalten werden konnten indem Steuergelder veruntreut wurden um die Gewinnmargen der investierenden Konzerne zu bezuschussen. Der Paragraph und die unter ihm abgeschlossenen Verträge wurden auch unter Papandreou nicht angetastet und sind teilweise noch bis in die Gegenwart gültig bzw. kurz vor Beginn der Krise ausgelaufen (ob es einen Zusammenhang gibt, sei einmal dahingestellt).

    Nachdem in den Anfangsjahren nach dem Beschluss des Gesetzes kein erwähnenswerter Gebrauch davon gemacht wurde, wurden die ersten Investitionen um 1956 von Stavros Niarxos und Aristoteles Onassis getätigt. Wohlgemerkt wurden diese Investitionen von beiden Reedern (und einigen anderen) als Investition ausländischen Kapitals deklariert, d.h. sie investierten als Amerikaner, und zahlten somit nicht nur keine nennenswerten Steuern, sondern wurden noch direkt vom Staat mit Steuergeldern bezahlt um überhaupt zu investieren. Eine Folge der Investitionen war der Bau der Werften in Piräeus und die Gründung der Olympic Airways. Beide Invesitionen führten zu einem uneingeschränkten Monopol auf Luftfahrt und Schiffsbau in Griechenland.


    Weil in dem Forum schon öfters die Frage aufgeworfen wurde, weshalb in Griechenland keine nennenswerte Industrie existiert hat und es bis heute nicht tut, möchte ich hier einige Ursachen auflisten, die nachprüfbar identifiziert werden konnten. Außerdem nenne ich logische Gründe, weshalb der Staatsapparat bis in die Gegenwart so aufgebläht wurde. Die Erklärung dafür ist nämlich nicht simpel mit in Wahlkämpfen verteilten Beamtenstellen zu erklären.

    1. Der aus der Industrialisierung resultierende höhere Grad der Autarkie hätte zu mehr politischer und wirtschaftliche Unabhängigkeit Griechenlands als Land geführt. Dem standen von Außen bis 1950 die Briten und ab 1950 die Amerikaner entgegen. Die zentralen Stellen der Nachkriegsregierung wurden durch die Briten und die Amerikaner gezielt durch ehemalige Angehörige der "Sicherheitsbatallione", also der faschistischen Kollaborateure, zu denen auch der spätere Diktator Georgios Papadoulos gehörte, besetzt und der Staatsapparat von "Abweichlern" gesäubert (auch Politiker wie Papandreou und Karamanlis spielten dort eine zweifelhafte Rolle als Abgesandte der bürgerlich-bourgeoisen Nachkriegsordnung). Die mit der Industrialisierung einhergehende wachsende Unabhängigkeit Griechenlands hätte den strategischen Interessen des Westens in Griechenland und im Mittelmeerraum direkt widersprochen und wäre kontraproduktiv für die totale Kontrolle Griechenlands gewesen.
    Von Innen betrachtet, also aus der Perspektive der nationalen Oberschicht, hätte die Industrialisierung und die Herausbildung einer Industrie-Bourgeoise zu einer Verdrängung der angestammten Reederei- und Kaufmanns-Bourgeoise geführt, weshalb von dieser Seite und durch die Politik der Parteien, die Griechenland auch heute noch regieren, im Grunde genommen jeder Ansatz von ernsthafter Industrialisierung im Keim erstickt wurde und auf ein Minimalmaß reduziert wurde.

    2. Den griechischen Reeder-Familien wurden, nachdem ein großer Teil ihrer Schiffe im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden und sie enorme Versicherungssummen eingesackt hatten, zum Aufbau ihrer Nachkriegsflotte und dem Einstieg in das aufkommende Transportgeschäft im Rahmen des Marschall-Plans und später auch des Öltransports, 100 Schiffe der Liberté-Klasse von den USA überlassen, und so die Grundlage für die Expansion ihres Imperiums gelegt. Das Hauptgeschäftsfeld der Reeder lag also im Transportwesen und nicht in der nationalen Wirtschaft. Weil Griechenlands Industrie sich in einem embrionalen Stadium befand, betrachteten sie Griechenland als eine Art "Rückzugsfeld", auf dem Investitionen getätigt werden konnten für den Fall, dass es zu einer Krise im Transportwesen kommen sollte. Soviel zum Patriotismus der Reeder.

    3. Einer der Hauptgründe für den bis heute überfüllten Beamtenapparat war der, dass sich die Politik der Eliten auf diesem Weg die Akzeptanz der im Bürgerkrieg besiegten und armen Schichten erkauften. Dies war deswegen nötig, weil das amerikanophile Herrschaftssystem Griechenlands auf breite Ablehnung im Volk stieß und die fadenscheinige, pseudopolitische Argumentation zur Erhaltung dieser mafiösen Machtstrukturen den Anlass gab, gegen die Herrschaft der Oberschicht zu revoltieren. Indem immer größere Teile der Bevölkerung gekauft wurden um die unausweichliche Revolte zu verhindern (die letztendlich 1967 doch stattfand und mit der Reimplementierung des alten Systems 1974 sabotiert wurde), wurde nicht nur der Beamtenapparat überdimensioniert, sondern belastete mit der Zeit noch dazu die Zahlungsbilanz des Landes, dass seine Importe für den Konsum der Ober- und Mittelschicht nicht länger durch die Ausgleichszahlungen der Diaspora begleichen konnte. Die Krise von heute ist das Ergebnis dieser Politik.

    Es gibt noch einige andere Informationen, die ich aber hier schwer ohne größeren Aufwand zusammenfassen könnte. Falls es konkrete Fragen gibt, werde ich versuchen sie zu beantworten.

    Viel Spaß!

  2. #2

    Registriert seit
    23.11.2009
    Beiträge
    3.357
    Finde ich alles interessant und nützlich, nur das hier wundert mich etwas, könnte auf jeden Fall falsch interpretiert werden :

    Zitat Zitat von Yunan Beitrag anzeigen
    um die unausweichliche Revolte zu verhindern (die letztendlich 1967 doch stattfand und mit der Reimplementierung des alten Systems 1974 sabotiert wurde)

  3. #3
    Yunan
    Du hast recht. Die Revolte war natürlich nicht die Diktatur. Die Diktatur stellte die Reaktion auf die Gefahr einer Revolution gegen das herrschende System dar, und dabei verstand das Volk relativ gut, dass der König nicht mehr als eine Marionette derjenigen war, die auch nach 1974 wieder die Zügel in die Hand bekamen. Es kommt nicht von irgendwoher, dass gerade Papadopoulos, der von der CIA ausgebildet wurde und seit der Besatzung Griechenlands durch die Deutschen durchgehend in faschistoiden Kreisen präsent war, mit dieser Aufgabe betraut wurde.

    Von Sabotage rede ich deswegen, weil die Ziele des Umsturzes 1974, ähnlich wie heute in Ägypten, von Leuten missbraucht wurden, die schon immer Teil des Systems waren und sich auf den Zug aufschwangen, den das Volk in Fahrt gebracht hatte. Teilweise ist dies auch deswegen geschehen, weil einige Beteiligten des des Πολυτεχνειων diese Ziele verraten und Teil der herrschenden Schicht wurden. Das Ergebnis sehen wir heute.

  4. #4
    Avatar von Vukovarac

    Registriert seit
    10.06.2011
    Beiträge
    11.930
    ...alles gute zum yunan....

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