Die Zeiten, in denen sich Jugoslawiens Kriegsverbrecher unbehelligt fühlen konnten, sind vorbei. Kurz vor dem 10. Jahrestag des Massakers von Srebrenica erhöht das Haager Tribunal den Druck auf die Flüchtigen und die serbische Regierung. SPIEGEL ONLINE listet auf, wer gesucht wird und wer gefasst wurde.



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Karadzic und Mladic (Archiv): Seit zehn Jahren auf der Flucht
Hamburg - Serbiens Parlament konnte sich diese Woche wieder einmal nicht zur Verurteilung von Kriegsverbrechen in Jugoslawien durchringen. Trotz eines kürzlich im serbischen Fernsehen ausgestrahlten Videos von der Ermordung junger Muslime durch eine serbische Polizeieinheit weigerte sich die Mehrheit der Abgeordneten, das Massaker von Srebrenica in einer Resolution überhaupt nur zu erwähnen.

Doch seit die EU ihren Druck auf Belgrad erhöht hat, ist die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Uno-Tribunal in Den Haag sichtlich gewachsen. Entsprechend brodelt seit ein paar Tagen wieder die Gerüchteküche: Ratko Mladic, hieß es in serbischen Zeitungsberichten, stehe kurz vor seiner Festnahme. Die einen wussten, dass sich der Ex-General der bosnischen Serben in einer ehemaligen Sowjetrepublik aufhalte, andere verorteten ihn direkt in Russland. Weitere berichteten, der "Schlächter vom Balkan" halte sich in einer großen serbischen Stadt versteckt. Außerdem hieß es, Mladic verhandle nur noch über eine lebenslange Altersvorsorge für seine Leibwächter, bevor er sich in Kürze stelle.



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Chefanklägerin Del Ponte (mit Müttern von Srebrenica-Opfern Anfang Juni): Persönliches Zeichen des Potestes
Bislang sind das alles nur Gerüchte. Bestätigt ist nichts. Und wenn sich die Berichte auf seinen mutmaßlichen Aufenthaltsort in Serbien bezogen, wies die Regierung in Belgrad dies umgehend zurück.

Zu Wochenbeginn zog nun die Chefanklägerin des Haager Tribunals vor dem Uno-Sicherheitsrat in New York Bilanz ihrer Arbeit. Laut Carla del Ponte befinden sich derzeit noch zehn gesuchte Personen auf freiem Fuß: neun Serben, ein Kroate. Sieben von ihnen - neben Mladic, Radovan Karadzic und Zdravko Tolimir auch Goran Hadzic, Milan und Sredoje Lukic sowie Stojan Zupljanin - befänden sich in Reichweite der serbischen Behörden, sagte Del Ponte. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien werde nicht ruhen, bis die Hauptverantwortlichen des Genozids von Srebenica zur Rechenschaft gezogen wurden, fügte die Schweizer Juristin energisch hinzu.

Del Ponte und die USA fordern, vor allem Mladic und der ehemalige Führer der bosnischen Serben, Karadzic, müssten "noch vor dem 11. Juli in Den Haag" sein. Nur so sei am 10. Jahrestag des Massakers von Srebrenica eine angemessene Gedenkfeier möglich. Andernfalls, kündigte Del Ponte an, wolle sie als persönliches Zeichen ihres Protestes nicht an dem offiziellen Gedenken für die ermordeten 8000 muslimischen Jungen und Männern teilnehmen.

Seit Einsetzung des Tribunals am 25. Mai 1993 wurde gegen 162 Verdächtige Anklage erhoben. Das Kriegsverbrechertribunal hat bisher 55 Urteile in erster Instanz gefällt. 51 Angeklagte warten noch im Untersuchungsgefängnis in Den Haag auf ihren Prozess. 37 Angeklagte wurden bislang rechtskräftig verurteilt. Nachfolgend eine Auflistung der großen Fälle:


UNO-TRIBUNAL: ANKLAGE WEGEN KRIEGSVERBRECHEN IN EX-JUGOSLAWIEN



In Untersuchungshaft in Den Haag befinden sich unter anderem noch drei hohe Offiziere der früheren jugoslawischen Volksarmee: Mile Mrksic, Veselin Sljivancanin und Miroslav Radic. Dieses Jahr stellten sich zudem die serbischen Ex-Generäle Vinko Pandurevic und Radivoje Miletic. Auch Rasim Delic, Ex-Armeechef der bosnisch-kroatischen Föderation in Bosnien-Herzegowina, kam freiwillig in die Niederlande. Hinzu kommen Verfahren gegen die Spitzenleute des serbischen Geheimdienstes, Franko Simatovic und Jovica Stanisic.

Auch gegen Naser Oric, einem bosnischen Muslimen, läuft ein Prozess wegen Kriegsverbrechen - in diesem Fall gegen Serben. Zudem soll ein Prozess gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten des Kosovo, Ramush Haradinaj, eröffnet werden. Zwar wurde er unter Auflagen kürzlich wieder in die Freiheit entlassen, doch es erwartet ihn ebenso ein Verfahren wie den früheren mazedonischen Innenminister Ljube Boskovski.

Zwei Angeklagte sind mittlerweile tot: Vlajko Stojiljkovic war Milosevics Innenminister. Als das Parlament in Belgrad ein Gesetz zur Auslieferung mutmaßlicher Kriegsverbrecher an das Haager Uno-Tribunal beschloss, schoss er sich eine Kugel in den Kopf. Der Anführer der serbischen "Tiger"-Paramilitärs, Zeliko "Arkan" Raznatovic, wurde in Belgrad ermordet.

Bereits verurteilt wurde unter anderem Dusko Tadic. Der Serbe war 1996 der erste vom Tribunal verurteilte Kriegsverbrecher. Er erhielt eine Haftstrafe von 20 Jahren wegen der Vergewaltigung und Ermordung von Zivilisten.

Der bosnisch-kroatische General Tihomir Blaskic, 44, stellte sich 1996. Drei Jahre später wurde er wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen zu 45 Jahren Haft verurteilt. In einer Berufungsverhandlung wurde das Strafmaß 2004 jedoch um 36 Jahre reduziert. Blaskic kam umgehend auf freien Fuß.

Biljana Plavsic, 74, war Nachfolgerin von Karadzic als Regierungschefin der bosnisch-serbischen Teilrepublik. Sie stellte sich 2001 - und bekannte sich als einzige der Führungspersönlichkeiten schuldig. Wegen "systematischer Zerstörung und Entvölkerung" bosnischer Gemeinden wurde sie vor zwei Jahren zu elf Jahren Gefängnis verurteilt.

Milan Babic, 49, war als Ex-Präsident der Serbenrepublik Krajina an der rassischen Verfolgung von Kroaten beteiligt. Das Tribunal verurteilte ihn zu 13 Jahren Haft.

Nach wie vor auf der Flucht befindet sich neben anderen noch der Ex-Sicherheitschef von Mladic. Zdravko Tolimir, 57, wird als propagandistischer und psychologischer Leiter des Massakers in Srebrenica gesucht. Auch Goran Hadzic, 47, versteckt sich bislang noch erfolgreich. Ihm wird als Präsident der Serbenrepublik die Vertreibung und Ermordung von Muslimen zu Last gelegt.