Niemand wollte es glauben
Heute vor zehn Jahren begann in der bosnischen Muslim-Enklave das Massaker, dem 7800 Menschen zum Opfer fielen

613 identifizierte Opfer des Massakers werden am zehnten Jahrestag auf dem Gelände der ehemaligen Batteriefabrik in Potocari nahe Srebrenica beigesetzt.Von Adelheid Wölfl aus Srebrenica

Vor zehn Jahren begann in der bosnischen Muslim-Enklave Srebrenica das Massaker, dem nach heutigem Wissensstand 7800 Menschen zum Opfer fielen. Es ist das größte Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Senad und Edin (Namen geändert) warten nicht länger. Als die Gewehrsalven der bosnisch-serbischen Armee immer näher kommen, holen sie Vater Malkic und verschwinden mit ihm in den Wäldern. Irgendwie die serbische Linie durchbrechen, Richtung Tuzla laufen, in das von der bosnischen Armee kontrollierte Gebiet. Zwischen 10.000 und 15.000 muslimische Bosnier, die meisten von ihnen Männer, die meisten unbewaffnet, versuchen am 11. Juli 1995 der "UN-Schutzzone" zu entkommen, die gerade von der bosnisch-serbischen Armee gestürmt wurde. Sie laufen aus den Orten rund um die Silberstadt Srebrenica zusammen, die seit 1993 eine muslimische Enklave im serbisch besetzten Gebiet bilden.

Serbische Spezialeinheiten kontrollieren die Straßen, die Wälder. Flüchtlinge werden gezwungen, sich an den Straßenrand zu knien, ihre Finger zum Tschetnik-Gruß zu heben, bevor sie erschossen werden. Andere Muslime werden zu "Verhören" in Schulen oder Lagerhallen gebracht. Am 16. Juli, wird einer der Serben später aussagen, habe man 15 bis 20 Busladungen mit muslimischen Männern nach Pilica gebracht. In nur fünfeinhalb Stunden hätten er und seine Kameraden die 1200 Männer Reihe für Reihe niedergeschossen.

Kale zittert. Nicht nur weil er schon den dritten Kaffee auf dem "Platz der Brüderlichkeit und Einheit" in Srebrenica trinkt. Weil er denkt, sagt er, weil er sich erinnern muss. Ob das Erinnern vielleicht aufhört, wenn er nach Wien kommt, fragt er. Kale ist der Bruder von Senad und Edin. Er muss immer wieder nach Srebrenica kommen und von "der Katastrophe" reden.

Am 11. Juli 1995 fliehen Zena und ihre drei Kinder in die stillgelegte Batteriefabrik in Potocari, vier Kilometer nördlich von Srebrenica, wo die UN-Soldaten logieren. Seit 6. Juli wurden die UN-Kontrollpunkte beschossen. Die niederländischen Blauhelme flohen von den Hügeln rund um Srebrenica, wenn sie nicht gefangen genommen wurden. Doch auch im UN-Headquarter in New York mochte man nicht glauben, dass die Serbenführer die Enklave tatsächlich stürmen wollten. Unterstützung aus der Luft wurde zu spät angefordert.

"Habt keine Angst"

Am 12. Juli, etwa 5000 Menschen sind nun in Potocari, werden die beiden Söhne Zenas von der Mutter getrennt. Alle Männer und Burschen sollten extra evakuiert werden, heißt es. Nur Zenas Tochter bleibt bei ihr. Dem UN-Kommandanten Ton Korremans dämmert, dass es sich um eine konzertierte und lang geplante Aktion handeln muss. Serbische Soldaten fahren vor. Es gibt Brot und sogar Süßigkeiten für die völlig erschöpften Flüchtlinge. Auch Armeeführer Ratko Mladic steigt aus dem Bus: "Habt keine Angst. Nehmt es leicht. Lasst die Frauen und Kinder zuerst gehen. Keiner wird euch etwas zuleide tun", sagt er in die laufende Kamera. Später steigen auch die 1200 Männer, die sich in Potocari befinden, in die Busse. Sie werden nach Bratunac gebracht. Dort sind Schüsse auf dem Fußballfeld zu hören.

Nach einem Abgleich von 34 Listen wurde im Vorjahr festgestellt, dass in den Tagen nach dem 11. Juli 7800 muslimische Männer aus der Enklave von serbischen Einheiten getötet worden sind. 23.000 Frauen und Kinder wurden deportiert. Radislav Krstic, General der bosnisch-serbischen Armee, wurde 2004 zu 35 Jahren Haft wegen Begünstigung zum Völkermord verurteilt. Die beiden Hauptverantwortlichen, Ratko Mladic und der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic, sind noch immer auf freiem Fuß.

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