Im Gespräch

Haben Sie Angst um Ihr Leben, Frau Djindjic?

Von Michael Martens


Ruzica Djindjic
25. Mai 2007
Die Mörder sind gerade zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Doch die Hintergründe des Attentats auf den serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic am 12. März 2003 liegen weiter im Dunkeln. Gab es Auftraggeber aus der Politik? Wir treffen Ruzica Djindjic, die Witwe des größten serbischen Reformpolitikers, in Belgrad. Zu Beginn des Gesprächs steckt sie sich eine Zigarette an. Rauchen zu können sei eine Freiheit, auf die sie nie verzichten wolle, sagt sie.

Frau Djindjic, der Scharfschütze, der Ihren Mann erschoss, muss für vierzig Jahre ins Gefängnis. Empfinden Sie Erleichterung, womöglich gar Genugtuung über das Urteil?

Das Urteil über die Mörder meines Mannes zeigt, dass wir eine unabhängige Justiz haben. Unter diesen politischen Umständen und unter dem politischen Druck, dem es ausgesetzt war, hat das Gericht gezeigt, dass es unabhängig urteilen und Beeinflussungsversuchen widerstehen kann. Diejenigen, die dieses Verbrechen verübt haben, haben die Strafe erhalten, die sie verdienen.

Als Sie 1989 hier in Belgrad geheiratet haben, hatte Ihr Mann zwar schon politische Pläne, doch war noch nicht absehbar, dass er eines Tages Slobodan Milosevic stürzen würde. Ahnten Sie an Ihrem Hochzeitstag, dass Sie sich nicht nur mit Ihrem Ehemann, sondern mit einem ganzen Land einlassen?

Für Posten und Privilegien an sich hat Zoran Djindjic sich nie interessiert. Diese Art von Gleichgültigkeit hatte, denke ich, mit seiner philosophischen Ausbildung und Weltsicht zu tun. Er hatte lange in Deutschland gelebt, doch war er dort als Ausländer nie ein Bürger zweiter Klasse. Als Intellektueller und Student bei Habermas hat er so ziemlich alles in sich aufgenommen, was damals im politischen Leben Deutschlands geschah.

Dann kam das Jahr 1990, das erste Jahr des echten Parlamentarismus bei uns, und da träumte er tatsächlich davon, ein Protagonist der kommenden Veränderungen zu werden. Ich selbst gehörte zu Lebzeiten meines Mannes übrigens nicht einmal seiner Partei an. Es war im Milosevic-Regime irrelevant, ob jemand in einer Partei war oder nicht. Wenn das Regime einen Gegner bestrafen wollte, hat es das getan - ob derjenige nun in einer Partei war oder nicht. Damals konnte es lebensgefährlich sein, in Serbien Opposition zu machen. Viele Gegner Milosevics wurden ermordet.

Hatten Sie eine Art Familienstrategie, um mit dieser ständigen Bedrohung umzugehen?

Es hört sich wahrscheinlich sehr verantwortungslos an, aber wir haben darüber kaum nachgedacht. Wir haben einfach damit gelebt. Wir haben nicht daran gedacht, ob Zoran Djindjic, indem er sich selbst in Gefahr brachte, auch mich und die Kinder gefährdete. Das ist schwer zu erklären, denn ich glaube nicht, dass man sich so einfach vorstellen kann, wie unser Leben damals war. Alles war Politik. Schon der Wetterbericht am Morgen war eine politische Vorhersage. Wenn das Regime die Leute davon abhalten wollte, auf die Straße zu gehen, wurde Regen prognostiziert.

Das Leben war gefährlich, aber wenn man unter ständiger Gefahr lebt, unter stetigem Risiko, dann ist auch die Hürde für die Angst höher. Man wird resistent gegen die Furcht, und vielleicht büßt man auch ein wenig den Sinn für die Gefahr ein. Die schlimmste Zeit, das waren die Jahre zwischen 1996 und 1999, nachdem die Opposition erste Erfolge errungen hatte und Zoran Djindjic zum Bürgermeister von Belgrad gewählt worden war. Für das Regime begann nun die Phase des Niedergangs, und genau deshalb wurde es noch gefährlicher als zuvor. Es hatte nichts mehr zu verlieren.

War das Ignorieren von Gefahr also eine Art Lebensstil in der Familie Djindjic?

Der politische Kampf gegen ein Regime ist kein Bürojob mit geregelten Arbeitszeiten, und das Familienleben wurde auch von diesem Kampf eingenommen. Es war nicht ungewöhnlich, dass nachts um zwei plötzlich jemand in die Wohnung kam, weil irgendetwas besprochen werden musste. Es gab keine Trennung zwischen Familie und Beruf. Revolutionen lassen sich nicht von 10 bis 18 Uhr machen.

Es gibt eine BBC-Dokumentation, in der Ihr Mann Folgendes erzählt: Kurz vor dem Sturz Milosevics habe Milorad Ulemek, der gefürchtete Führer der kriminellen „Roten Barette“, der nun als Organisator des Mordes an Ihrem Mann zu vierzig Jahren Haft verurteilt wurde, ihn angerufen und zu einem Treffen aufgefordert. Es ging um die Frage, auf wessen Seite die „Roten Barette“ bei dem Umsturz stehen würden. Djindjic fragte sich, ob das Gesprächsangebot eine Todesfalle sei, aber Sie rieten Ihrem Mann hinzugehen. Wenn Milosevic ihn töten lassen wolle, könne er das ohnehin tun, sagten Sie Ihrem Mann.

Richtig, denn wenn jemand in das Visier des Regimes geraten war, konnte er nicht entkommen. Außer durch Flucht - also um den Preis, die politische Arbeit zurückzulassen.

Haben Sie und Ihr Mann denn nie daran gedacht, Serbien zu verlassen?

Doch, während der Bombenangriffe der Nato im Jahr 1999. Nach der Ermordung des liberalen Publizisten Slavko Curuvija gingen wir nach Montenegro, weil es eindeutig war, dass Milosevic sich keinerlei Zurückhaltung mehr auferlegte. Ich fühlte, dass er jetzt ein verwundetes Raubtier war, gefährlich. Mein Mann hatte erfahren, dass sein Name auf einer Todesliste des Regimes stand. Wir stellten uns wichtige Fragen: Sollen wir wirklich weitermachen? Oder nach Europa gehen?

Ich wollte das auch wissen, weil es schon Sommer war, und ich die Kinder in eine Schule einschreiben musste. Er sagte damals, er müsse nach Serbien zurück. Ich hatte dafür zwar Verständnis, schließlich war die begonnene Arbeit ja nur zur Hälfte erledigt. Aber ich war dennoch verletzt, denn obwohl ich alles einsah, gab es nun einmal eine weitere Verantwortung in unserem Leben, die mit den Kindern zu tun hatte. Die Entscheidung, eine Familie zu gründen, hatten wir gemeinsam getroffen, wir beide wollten Kinder. Damals habe ich mich deutlich gegen eine Rückkehr ausgesprochen - nicht weil ich glaubte, seinen Entschluss ändern zu können.

Aber ich wollte wenigstens deutlich sagen, dass es andere Auswege gab und die Idee eines demokratischen Serbien auch ohne die Protagonisten weiterleben würde, die sich ihr damals gewidmet hatten. Ich sagte, dass es junge Leute in Serbien gibt, die seine Arbeit fortsetzen werden, und dass er auch von Montenegro, Österreich oder Deutschland aus zur demokratischen Transformation Serbiens beitragen könne. Aber als ein verantwortungsvoller Oppositionsführer ließ er sich darauf nicht ein, zumal damals schon behauptet wurde, er habe Belgrad aus Angst um sein Leben verlassen. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, ein Angsthase zu sein.

Fühlen Sie sich und Ihre Kinder heute noch bedroht?

Ich bin mir nicht sicher. Wer kann das schon sagen - nach dem, was meinem Mann zugestoßen ist? Zoran Djindjics Mörder wollten den Reformer töten. Historisch wird er nun immer „der ermordete Ministerpräsident Djindjic“ sein. Das bedeutet viel mehr als die Ermordung der Person Djindjic. Es ist ein Symbol. Ich weiß nicht, ob heute in Serbien noch Leute die Absicht haben, mit Symbolen abzurechnen.

Sind Sie noch in Kontakt mit den vielen ausländischen Politikern, die Zoran Djindjic nach dessen Ermordung als persönlichen Freund bezeichneten?

Doch, in gewisser Weise schon. Vor kurzem war ich zum Beispiel in Wien und traf dort Außenministerin Ursula Plassnik und den ehemaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Und vor den Wahlen kam Gerhard Schröder nach Belgrad, um die Demokratische Partei zu unterstützen. Wir gingen auch gemeinsam zum Grab und legten einen Kranz nieder.

Die Beerdigungsfeier Ihres ermordeten Mannes hat im März 2003 ganz Serbien im Fernsehen verfolgt. Ihr Sohn Luka stand damals da wie versteinert, mit finsterer Miene. Glaubte er, keine Tränen zeigen zu dürfen?

Genau dieselbe Frage hat mir auch Wolfgang Schüssel gestellt. Er sagte, er werde nie den Gesichtsausdruck meines Sohnes vergessen, der jetzt vierzehn Jahre alt ist. Ich habe ihm dann erzählt, was geschah nach dem 12. März. Meine Tochter Jovana, die damals dreizehn Jahre alt war, sagte mir, ich solle nicht weinen, weil Zoran mich bestimmt nicht hätte weinen sehen wollen, denn wir waren eine glückliche Familie. ...........

- Nach der Ermordung Djindjics durch Attentäter von den „Roten Baretten“, einer zu Milosevics Zeiten entstandenen kriminellen Spezialeinheit der serbischen Polizei, engagiert sich die Witwe unter anderem als Vorsitzende der Zoran Djindjic Stiftung, die sich der Bildungsarbeit widmet und Auslandsstipendien an serbische Studenten vergibt.

- In der Demokratischen Partei (DS), die ihr Mann im Kampf gegen das Milosevic-Regime aufbaute, gilt Ruzica Djindjic als äußerst populär. Man nennt sie die „serbische Jackie Kennedy“. Das Angebot, stellvertretende Vorsitzende der pro-europäischen DS zu werden, lehnt sie mit der Begründung ab, sie müsse sich um ihre beiden Kinder kümmern. Bei den jüngsten Parlamentswahlen war sie die symbolische Spitzenkandidatin der DS.
Text: F.A.Z., 26.05.2007, Nr. 121 / Seite Z6
Bildmaterial: Illustration Burkhard Neie/xix

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