Von Carsten Volkery, Rajlovac

Auf der Reise in die Türkei machte Kanzler Gerhard Schröder einige Stunden Station in Bosnien-Herzegowina. Die Inszenierung war wie immer perfekt: Bei Sarajewo-Bier plauderte er mit deutschen Soldaten unter einem Maibaum. Und der Kanzler stellte mehr Visa für Bosnier in Aussicht.



AFP
Stehtisch vor dem Soldaten-Biergarten "Oase": Perfekte Inszenierung
Sarajewo - Langsam rollt der Panzer an, dann gibt er plötzlich Gas und hält direkt auf Gerhard Schröder zu. Krachend brechen die aufgereihten Gewehre unter den schweren Ketten. Kurz vor Schröder stoppt das Ungetüm, der Kanzler begutachtet den Schrotthaufen. "Noch nicht ganz wie Pflugscharen", kommentiert er.

Der Kanzler steht im Feldlager der Bundeswehr in Rajlovac bei Sarajewo. Er besucht eine vergessene Truppe in einem vergessenen Land. Zehn Jahre nach Unterzeichnung des Friedensvertrags von Dayton, Ohio, ist Bosnien-Herzegowina vom Radarschirm der westlichen Welt verschwunden. Größter Feind der verbliebenen 7000 EUFOR-Soldaten, die den Frieden sichern, ist nun die Langeweile. "Zu viele Männer für zu wenig Aufgaben", sagt ein deutscher Sanitäter.

Der Krisenfall, für den man seit 1996 hier ist, ist bisher nicht eingetreten. Der einzige deutsche Verletzte in all den Jahren war ein Soldat, der beim Pinkeln am Straßenrand auf eine Mine trat und ein Bein verlor. Auch der Begriff Feldlager ist irreführend. Hinter dem Stacheldraht und dem silberfarbenen Eingangstor haben die Deutschen sich in der ehemaligen jugoslawischen Kaserne längst häuslich eingerichtet. Das neue Lazarett etwa hat die Größe eines deutschen Kreiskrankenhauses.

"Gesamtlage ruhig und stabil"

Auf baldigen Abzug deutet nichts, auch wenn die Gesamtlage draußen vor dem Tor als "ruhig und stabil" beschrieben wird. Die Hochhäuser entlang der "Sniper Alley", der einst von Scharfschützen beherrschten Straße zwischen Flughafen und Zentrum, sind längst repariert. Wo Granaten Löcher in die Fassade schlugen, leuchten heute rote unverputzte Ziegel. Die Einkaufsmeile Ferhadija ist eine moderne Fußgängerzone. Ruinen gibt es zumindest im Zentrum kaum noch.

Für Schröder ist es ein leichter Besuch. Seine Gastgeber sind dankbar für die Unterstützung aus dem Westen. Der Bundeskanzler sei der erste hochrangige Besucher in seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit, sagt Adnan Terzic, Vorsitzender des Ministerrats und damit Regierungschef. Er erhofft sich von Deutschland eine "mächtige Stimme" in Brüssel.

Schröder lobt im Gegenzug die Fortschritte des Vier-Millionen-Einwohner-Landes. Er sagt Unterstützung für die Aufnahme von Verhandlungen für ein EU-Stabilisierungsabkommen zu. Und er stellt eine höhere Zahl von Jahresvisa für bosnische Staatsbürger in Aussicht - ein weiteres Zeichen dafür, dass die Regierung offensiv mit dem heimischen Visa-Skandal umzugehen gedenkt. "Wer den Demokratisierungsprozess in diesem Land unterstützen will, dem muss doch wohl klar sein, dass die Eliten auch reisen können müssen", sagt Schröder. "Wir werden sicherstellen, dass das geschieht".



AFP
Kanzler mit Granate: "Ich würde ja gerne mal..."
Um den Fortschritt zu illustrieren, erzählt der Kanzler von seiner letzten Visite im Jahr 1999. Damals habe er die Depression gespürt. Jetzt hingegen seien die Häuser wieder aufgebaut und die Stimmung habe sich gedreht. Daran, betont er später vor den Bundeswehr-Soldaten, habe die deutsche Präsenz einen wesentlichen Anteil. Der Einsatz in Sarajewo sei vielleicht nicht so spektakulär wie die im Kosovo oder in Afghanistan, aber er sei genauso wichtig. Die Bundeswehr stellt mit 1100 Soldaten das größte Kontingent der EUFOR-Truppe. Zum Jahresende soll die Zahl allerdings um 200 reduziert werden, hatte Verteidigungsminister Peter Struck bei einem Besuch vor wenigen Wochen verkündet.

Der Kanzler mit der Mörsergranate

Es sind keine historischen Äußerungen, die Schröder hier tut. Stattdessen verbreitet er gute Stimmung. "Jetzt müssen wir uns verkrampft unterhalten", ruft er den Soldaten zu und stellt sich zu ihnen an einen Stehtisch vor dem Biergarten "Oase". Neben ihm steht ein blauweiß gestrichener Maibaum, vor ihm ein Bier der Marke Sarajewo. "Schädelbier" nennt ein Kenner das. Bei der Vorstellung von Minenräumfahrzeugen produziert er einen Lacher auf Kosten der mitreisenden Presse. Er wiegt kurz eine Handgranate in der Hand und schaut zu den Journalisten rüber: "Ich würde ja gerne mal...", grinst er. "Dafür würde ich die hier nehmen", sagt ein Offizier und drückt ihm eine größere Mörsergranate in die Hand.

Minen und Blindgänger sind zwei der größten Probleme, die die Rückkehr zur Normalität in Bosnien-Herzegowina verhindern. Noch 75 Jahre werde es dauern, bis die 18.000 Minenfelder geräumt seien, sagt der Stabschef der Bundeswehrtruppe, Oberstleutnant Uwe Becker. Die grünen Hänge um die 400.000-Einwohner-Stadt Sarajewo sind praktisch unbetretbar.

Neben der Minenräumung ist das Einsammeln und die Vernichtung von Waffen die wichtigste Aufgabe der Eufor-Truppe. "Familienstreite werden hier gelegentlich noch mit der Handgranate ausgetragen", sagt Becker. Die Öffentlichkeit ist bereits geschult. "Manchmal kommen Kinder zum Wagen und schleppen eine Mörsergranate heran", erzählt ein Soldat. Oder auch eine ältere Frau, die an der Abgabestelle eine Handgranate aus der Tasche zaubert.



AP
Schröder und Ashdown: "Vizekönig von Bosnien"
Was den Frieden jedoch nicht gesichert erscheinen lässt, ist die schwach ausgeprägte Demokratie. Kroaten, Serben und Bosnier wählen weiterhin entlang der ethnischen Linien. Die Zentralregierung ist schwach. Symbol dieser Schwäche ist die 20-stöckige Ruine gleich neben dem Gebäude, in dem der Ministerrat sitzt. Es ist das ehemalige Regierungsgebäude. Gleich gegenüber liegen die Zwillingstürme Sarajewos, die 1992 ebenfalls lichterloh brannten, inzwischen aber wieder gläserne Fassaden tragen, hinter denen hochkarätige internationale Mieter arbeiten. Doch für das Regierungshochhaus fehlt das Geld. Auch am Gebäude des Ministerrats sind die Einschusslöcher noch nicht verputzt.

Korruption und Kriegsverbrecher

Das traurige Äußere spiegelt die Machtverhältnisse. Die eigentliche Autorität im Land ist nicht der gewählte, aus Vertretern der drei Volksgruppen zusammengesetzte Ministerrat, sondern der EU-Sonderbeauftragte Paddy Ashdown. Der "Vizekönig von Bosnien" ("Die Zeit") hat dank der sogenannten "Bonner Befugnisse" das Recht, Politiker zu entlassen - ein Recht, von dem der Brite weidlich Gebrauch macht. Gerade hat er das kroatische Mitglied des Ministerrats wegen Korruption gefeuert. Als nächstes steht der Verkehrsminister auf der Liste. Besonders im serbischen Teil des Landes, der Republika Sprska, ist Ashdown deswegen unbeliebt. Hier schlägt er besonders oft zu, weil die lokalen Entscheidungsträger gesuchte Kriegsverbrecher decken statt sie an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag auszuliefern. Unter anderem werden die flüchtigen Anführer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic und Ratko Mladic, hier vermutet.

Ashdown, der seit 2002 im Amt ist, ist nach Meinung von Beobachtern der rechte Mann zur rechten Zeit. Doch ein Ende des "aufgeklärten Neokolonialismus" ("Wall Street Journal") ist in Sicht. Der Brite hört im November auf, sein Nachfolger wird kein so starkes Profil haben. Zugleich gewinnt der Ministerrat neue Kompetenzen, und eine Verfassung soll geschrieben werden, die den Dayton-Vertrag ablöst. "Von Dayton nach Brüssel" heißt dieser Prozess, an dessen Ende der EU-Beitritt stehen soll. Es wird ein langwieriges Unterfangen, denn der serbische Teil wehrt sich gegen jeglichen Autonomieverlust. Schröder bietet deutsche Hilfe beim Schreiben der Verfassung an. Ein Datum für einen möglichen EU-Beitritt Bosnien-Herzegowinas hingegen will er nicht nennen.

http://www.spiegel.de/politik/auslan...354591,00.html