Armut Im Kosovo:
Jugend ohne Perspektiven "Ich gehe nach Kanada"
Von unserem Korrespondenten ERICH RATHFELDER (Die Presse) 25.10.2004
Nur wenige haben im Kosovo die Chance, zu studieren. Doch für Uni-Absolventen gibt es keine Arbeit.

PRISTINA/SUVA REKA. Überall liegt Müll auf der Straße, in den engen Gassen drängen sich die Menschen. Im Ostteil der westkosovarischen Stadt Suva Reka regiert die Trostlosigkeit. Jeder versucht irgendetwas zu verkaufen. Der 35-jährige Bekim F. handelt mit geschmuggelten Zigaretten. "Ich habe vier kleine Kinder und mit den Zigaretten verdiene ich kaum fünf Euro am Tag." Das Leben ist teuer. Allein schon das Geld für das Heizen im Winter ist schwer aufzubringen.

Seine Armut hat Bekim verbittert: "Unsere Politiker und das UN-Personal haben alles, die sind eine Mafia. Und wir sind denen egal." Aus Wut darüber ist er am Samstag - wie viele andere Albaner - nicht zu den Urnen gegangen. Es ändere sich doch ohnehin nichts. "Ich kann meinen Kindern keine Süßigkeiten kaufen oder eine andere Freude bereiten." Und dass sie einmal studieren könnten, sei ohnehin undenkbar.

Trotz der allgemeinen Misere schaffen es einige, an die Uni zu gehen - wenn auch mit geringen Aussichten auf eine bessere Zukunft. "Die jungen Leute wollen arbeiten, wollen lernen", sagt Zejnel Kelmendi, Rektor der Universität in der Kosovo-Hauptstadt Pristina. "Wir wissen nur nicht, wie wir den Absolventen helfen können." Hier im Kosovo hätten nur wenige eine Chance, eine entsprechende Arbeit zu finden.

Der 20-jährige Ekrem Matushi studiert Physik und Chemie und will sich für die Umwelt engagieren. "Da gäbe es hier zwar viel zu tun", lächelt er angesichts der sich türmenden Müllberge. "Doch wer will mir später einen Job geben?" Einer seiner älteren Brüder lebt in Kanada. "Der will mich nachholen." Für die 19-jährige Biologiestudentin Vlora Berisha stellt sich das gleiche Problem. Eigentlich will sie im Kosovo bleiben und helfen, das Land wieder hochzubringen. "Aber was kann ich nach dem Studium denn schon tun?"

Der Kosovo - eine der ärmsten Regionen Europas - hat die jüngste Bevölkerung des Kontinents. Und all diese Menschen drängen danach, Arbeit zu finden - jedoch vergeblich. Dass sich damit eine ungeheure soziale Sprengkraft ansammelt, wurde bei den Märzunruhen deutlich, als es zu Gewalt gegen die Serben und die UN-Mission Unmik kam.

Professor Enver Hoxhaj sieht in der ungelösten Status-Frage einen Grund für die Misere. Da nicht geklärt sei, ob Kosovo bei Serbien bleibt oder unabhängig wird, herrsche auch Unklarheit darüber, wer das Staatseigentum besitzt. So sei es unmöglich, Investitionen ins Land zu holen. "Ohne die gibt es aber keine Zukunft für meine Studenten und für den Kosovo."

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