"Im Kosovo bleiben, was immer auch passiert"

Von unserem Korrespondenten HELMAR DUMBS (Die Presse) 15.12.2006

Die Serben in der abtrünnigen Albaner-Provinz sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Belgrad wird im Fall einer Unabhängigkeit der Provinz allmählich den Geldhahn zudrehen.



Belgrad/Pristina. Einige Minuten später, und der an den Schienen angebrachte Sprengsatz hätte die Waggons entgleisen und in den Fluss stürzen lassen. Doch zum Glück ereignete sich die Explosion, kurz bevor der "Zug der Bewegungsfreiheit" die Stelle in der Gemeinde Vucitrn im Kosovo passierte. Die Fahrgäste: Kosovo-Serben, für die diese Bahnlinie eine der wenigen Möglichkeiten ist, sicher aus den verstreuten Siedlungsgebieten im Zentralkosovo in den serbisch dominierten Nordteil zu kommen.


Es ist ein weiterer Schlag gegen das Sicherheitsgefühl der Serben in der albanisch dominierten Provinz, die 2007 wohl eine Art Unabhängigkeit erhalten wird. Sie haben ohnehin nicht das Gefühl der Bewegungsfreiheit, regelmäßig werden serbische Busse "gesteinigt", die Täter selten gefasst.


"Ehrlich gesagt: Hier müssen wir noch mehr tun" - Kosovos Vizepremier Lutfi Haziri versucht im "Presse"-Interview nicht, die Situation schönzureden. Allerdings sei auch die Rolle Belgrads "sehr negativ", da es "den Kosovo-Serben via Medien ein zu schwarzes Bild der Situation" zeichne.


Und die Hardliner unter den Kosovo-Serben, die nach dem Kosovo-Krieg 1999 in der Provinz verblieben sind, prophezeien, dass nach der Unabhängigkeit die albanische Mehrheit eine Hetzjagd starten werde, mit der unausweichlichen Folge eines serbischen Massenexodus. Petar Miletic, Gründer einer kleinen liberalen Partei in Mitrovica, sieht das anders: "Wir wollen die Menschen mit allen Mitteln überzeugen, hierzubleiben. Was immer auch passiert." Wie er das macht? "Ich sage den Leuten, was sie in Serbien erwartet: Flüchtlingszentren ohne ordentliche Gesundheitsversorgung, kein Ackerland, keine Jobs."

Im Falle einer Unabhängigkeit Kosovos müssten die lokalen Serben an der neuen Verfassung mitarbeiten und an den Wahlen teilnehmen, fordert er: "Nur so können wir unsere Rechte schützen." Viel werde davon abhängen, wie gut die Dezentralisierung funktioniert: Wenn in einigen Gemeinden Serben über Serben entscheiden, sei das auch psychologisch wichtig: "Das kann ein Auslöser sein, zu sagen: Ja, wir bleiben."


Von der Belgrader Politik ist Miletic bitter enttäuscht: "Für die ist Kosovo nur wichtig, wenn sie ihre Umfragewerte erhöhen wollen." Lediglich zwei Mitglieder im Team bei den Wiener Status-Verhandlungen waren Kosovo-Serben: "Tragisch, wenn über unser Schicksal Regierungsberater entscheiden." Auch Alastair Livingston, OSZE-Chef in Mitrovica, setzt auf Dezentralisierung. Und auf Zeit: "Ist Kosovo einmal unabhängig, wird Belgrad ganz langsam den Geldhahn zudrehen."


Ewig könne Serbien nicht solche Beträge (laut Schätzungen zuletzt 135 Mio. Euro im Jahr) in das Gebiet pumpen. "Dann haben die Kosovo-Serben nur eine Möglichkeit: Sie müssen sich Richtung Pristina orientieren." So sie bleiben.


Dass Belgrad die Finanzhilfe kürzt, wäre indes einigen Kosovo-Albanern gar nicht recht. Denn das serbische Gesundheitssystem im Kosovo hat einen wesentlich besseren Ruf als das albanische, weshalb sich immer wieder Albaner in Nordmitrovica behandeln lassen: "Die Krankenversorgung bei uns ist katastrophal. Aber wenn die Serben etwas machen, dann ordentlich", meint der Gelegenheitsarbeiter B. aus dem albanischen Süden der Stadt. Das Vertrauen in einen eigenen Staat, den die zwei Millionen Kosovo-Albaner so herbeisehnen, ist noch ausbaufähig.




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