Humorlose Kosovo-Posse

Der Kompromiss ist längst paktiert, an einer ernsthaften Debatte ist Europa nicht interessiert - Kommentar der anderen von Christine von Kohl

Der Vorhang geht auf. An einem großen, ovalen Tisch sitzen viele Männer in grauen bis dunklen Anzügen Man gibt sich gelassen bis liebenswürdig oder schweigt. Man schaut mit ernster Miene und leeren Augen in viele Kameras, und die Zuschauer vor den TV-Schirmen schauen verständnislos zurück.

Die ziemlich gelangweilten Herren am Tisch - Diplomaten und Politiker, Albaner, Serben und internationale Experten kennen einander seit vielen Jahren, und sie haben immer das gleiche Gesprächsthema: die Unabhängigkeit des Kosovo. Und sie alle müssen - so will es die UN-Resolution 1244 - bis Ende dieses Jahres ein Ergebnis vorlegen.

Jeder von ihnen weiß auch seit Jahren, dass es sich dabei um einen Kompromiss handeln wird, der weder die serbische noch die albanische Handschrift zeigen soll, sondern in den Couloirs der Lobbyisten erarbeitet wurde. Under ebenfalls schon seit Jahren "hinter vorgehaltener Hand"in den Medien kolportieret und kommentiert wird: Gewünscht ist eine modifizierte Unabhängigkeit, die Serbien sein gefurchtes Gesicht wahren lässt und den zwar naiven, aber nicht dummen Albanern die Tatsache vor Augen führt, dass sie vom Regen in die Traufe rutschen.

Nach sieben Jahren UN-Protektorat mit bunter personeller Administration, die kaum wusste, wie der ablegené Winkel, in dem sie da gelandet war, eigentlich heißt. skehren sie wieder in die Arme des alten, weisen Europa zurück. Bisher kein Anlass zur Freude, denn die Europäer haben zwar mehr Kenntnis über diesen spezifischen Aufgabenkreis, aber noch weniger Sympathie bei den Komnfliktparteien.

Und dann geht der Vorhang wieder zu. Das Publikum kann nach Hause gehen.

Es wird sich aber - hoffentlich - eine Reihe von Fragen stellen: Warum treffen sich bei diesen Aufführungen eigentlich immer die selben Akteure? Und warum spielen die immer das gleiche Stück? Man weiß ja schon im Voraus: Die Serben sagen "njet", und die Albaner kennen offenkundig keinen anderen poliotischen Terminus als "Unabhängigkeit". Die serbischen Poitiker verstehen es allerdings, ihre Position so zu artikulieren, dass sie "flexibel"erscheint: indem sie Bedingungen stellen, die dem Westen teilweise verhandlungswürdig erscheinen, von den Albanern aber gar nicht erst verhandelt werden (können), weil sie den erforderlichen Jargon nicht beherrschen, sie kennen nur die schon erwähnte radikal-maximale Forderung.

Vorhang auf, ...

Man könnte diese Forderung - wohlwollend - als "naiv, aber ehrlich"charakterisieren, wenn diese Worte im politischen Kontext nicht so verpönt wären und von geradezu lebensbedrohender politischer Unfähigkeit zeugen würden.

Doch zurück zur "Publikumsfrage": Warum wollen die internationalen Verhandler nicht auch andere Stimmen hören von Gesprächspartnern mit anderen Gesichtspunkten und Argumenten? Gibt es denn tatsächlich keine anderen Gesprächspartner als diejenigen, die heute - bei den Albanern wie bei den Serben - an der Macht sind? Keine anderen Parteien, Bevölkerungsgruppen, keine Diskussionen, die sich ncht nur auf Forderungen und Erwartungen an die internationalen Kreise nach dem Motto "der Papa wird's schon richten"beschränken, sondern in denen auch selbständig über Lösungsmöglichkeiten nachgedacht wird: in Prishtina etwa darüber, mit welchen konkreten eigenen Aktivitäten in einem unabhängiger Staat die Zukunft zu gestalten wäre; oder in Belgrad darüber, wie Serbien ohne das Problem Kosovo leben würde ?

Natürlich gibt es solche Stimmen in beiden Lagern. Nur werden sie in der gößeren Öffentlichkeit nicht gehört und deshalb von der offiziellen Politik auch nicht zur Kenntnis genommen.

So hatte sich schon die Tito-Nomenklatura verhalten und damit die Dauer des Regimes verlängert. Unter Intellektuellen in den Städten, aber auch in breiten Kreisen der Bevölkerung sind Meinungen zu hören wie: Kosovo ist eine Last für Serbien & Sozial, wirtschaftlich, politisch kostet uns das Kosovo viel zu viel Geld und Renomme ... Lasst die Albaner erleben, dass sie nicht fähig sind, einen unabhängigen Staat zu führen & Warum sollen wir vertriebene Serben unbedingt in dieses Armenhaus zurückkehren, die Albaner sollen zahlen für das was sie zerstört haben - aber noch inmal mit ihnen zu leben, fällt mir gar nicht ein ...

... Vorhang zu

Solche Äußerungen aber passen nicht in die serbische Taktik, auch nicht in das Konzept der internationalen Verhandler. Man braucht ja Bestätigungen dafür, dass die serbische Zustimmung zur tatsächlichen Unabhängigkeit des Kosovo trotz langwieriger Verhandlungen "auf höchstem Niveau"nicht zu erreichen war. Auch mit jenen Intellektuellen im Kosovo, die im Westen gelernt haben, dass und wie die Unabhängigkeit grundsätzliche Reformen im gesamten sozialen und wirtschaftlichen Gefüge verlangen wird, führen die internationalen Kreise keinen Dialog. Man scheut auch hier davor zurück, zu einer innenpolitischen Konfrontation unterschiedlicher politischer Meinungen beizutragen.

Einfacher erscheint es den Verantwortlichen im Westen, den schon geplanten Kompromiss zu realisieren. Damit erreicht man zwar das genaue Gegenteil der so sehr ersehnten Stabilität am Balkan.Ethnisch-radikale Geister auf allen Seiten aber werden ihre große Chance erkennen - und es wird nicht lange dauern, bis dem gesamt-europäischen Publikum ein neues Stück geboten wird. Diesmal allerdings wird es keine humorlose Posse sein sondern eine Tragödie.

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Was könnte das sein was beide Seiten nicht zufrieden stellen wird wenn der Status festgelegt wird?