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KOSOVO-Neustart mit Stromausfall

Erstellt von Rehana, 22.04.2006, 19:09 Uhr · 3 Antworten · 575 Aufrufe

  1. #1
    Rehana

    KOSOVO-Neustart mit Stromausfall

    Kosovo auf dem Weg in die Unabhängigkeit: Die Albaner zählen die Tage, die Serben haben Angst, und in einem kleinen Dorf steht die Welt auf dem Kopf Von Andrea Böhm

    Prishtina

    Der erste Eindruck ist angesichts der Weltlage ermutigend: ein Flecken Erde mit 1,8 Millionen Muslimen, die eine Straße nach Bill Clinton benennen, Dänen mögen und sich nicht im Geringsten für Karikaturen des Propheten Mohammed interessieren.

    »Willkommen im Kosovo«, sagt Safet Jashari, Sergeant und stellvertretender Revierleiter der kosovarischen Polizei. Ein frierender Revierleiter, denn in Graçanica, einer Gemeinde unweit der Hauptstadt Prishtina, ist wie jede Nacht der Strom ausgefallen, und der Generator beheizt und beleuchtet Jasharis Polizeistation nur spärlich. Ja, er hat von brennenden Fahnen und Botschaften in Syrien und dem Libanon gehört, aber hier gibt es keine Probleme – nicht einmal mehr zwischen Albanern und Serben. Die letzte Festnahme? Da muss er nachdenken: Das war letzte Woche. Zwei 15-Jährige, die in einen Kiosk einbrechen wollten. Nein, es sei alles ruhig, all die Unkenrufe über Chaos und Unruhen nach dem Tod des kosovarischen Präsidenten Ibrahim Rugova haben sich als falsch erwiesen. Selbst hier in Graçanica, sagt der Sergeant, wo Albaner, Serben, Roma, Bosniaken noch nahe beieinander wohnen, lasse man sich jetzt in Ruhe, und im Polizeidienst gehe es ohnehin vorbildlich zu. Jashari ist Albaner, sein serbischer Stationschef heißt Milo∆eviƒ – »Zufall und überhaupt kein Problem«.

    Willkommen also im Kosovo – vor gerade einmal sieben Jahren absoluter Fixpunkt der Weltöffentlichkeit, Ort einer blutigen Massenvertreibung von 700000 Menschen, Anlass eines Nato-Kriegs mit hehren Motiven, aber ohne UN-Mandat. Seither steht es unter UN-Verwaltung, die derzeit ein energischer Däne namens Søren Jessen-Petersen führt. Womöglich wird noch in diesem Jahr aus dem Protektorat ein unabhängiger Staat – wenn auch mit fortgesetzter internationaler Militärpräsenz. All das ist ein einmaliger Vorgang, dessen historische Dimension den Sergeanten Jashari in dieser Nacht allerdings unbeeindruckt lässt. Sein rundliches Gesicht strahlt trotz minus zehn Grad Außentemperatur, denn seine ethnisch gemischte Patrouille führt nun der fröstelnden Vertreterin der ausländischen Presse eine ordnungsgemäße Verkehrskontrolle vor. Vorn winkt eine Leuchtkelle in albanischer Hand die Autos an den Straßenrand, 20 Meter weiter bringt sie eine Stablampe in serbischer Hand zum Stehen. »Die Zeiten, wo hier jeder fahren konnte wie verrückt«, sagt Sergeant Jashari feierlich, »die sind vorbei.« Auch so kann man den Anbruch einer neuen Ära formulieren.
    Wer das Kosovo kurz nach dem Krieg besucht hat, kann bezeugen: Das Fahrverhalten seiner Einwohner hat sich deutlich verbessert. Die Autos sind registriert und mit kosovarischen Kennzeichen versehen. Selbst die Anschnallpflicht wird durch Einhängen des Sicherheitsgurts an der Handbremse zumindest andeutungsweise befolgt, seit die kosovarische Polizei Strafzettel über 30 Euro und mehr austeilt. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 200 Euro zeigt das Wirkung.

    Was das Zusammenleben der Ethnien betrifft, sieht die Prognose jedoch – bei allem Optimismus des Sergeanten Jashari – weniger gut aus. Er und seine Kollegen haben in der letzten Zeit mit Schild und Schlagstock verstärkt den Einsatz bei Massenprotesten geübt. Der Kosovo Police Service mit seinen 7400 Mitgliedern soll vorbereitet sein, falls radikale Albaner ihrem gewachsenen Unmut über sieben Jahre Protektorat Luft machen, indem sie für die sofortige, bedingungslose Unabhängigkeit und gegen die UN-Mission auf die Straße gehen. Deren Chef ist zwar populär, nicht aber die Weltorganisation, die er repräsentiert, was man an aufgeschlitzten Reifen der weißen UN-Geländewagen sehen kann. Auch kleine Bombenanschläge hat es gegeben.

    Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 50 Prozent – Tendenz steigend

    Sergeant Jashari und seine Kollegen sollen auch verhindern, dass sich Szenen wie im März 2004 wiederholen. Damals waren nach einem antiserbischen Pogrom 19 Tote, zerstörte orthodoxe Kirchen und Hunderte niedergebrannter Wohnhäuser zu vermelden. Letztere musste die provisorische kosovarische Regierung wiederaufbauen lassen, bloß sind viele aufgrund baulicher Mängel nicht bewohnbar. Manchmal haben albanische Bauarbeiter die Treppe zum Hauseingang zwei Meter neben der Tür gegen die geschlossene Wand gemauert wie im Dorf Svinjare, was wohl nicht als Schlamperei, sondern als Warnung an etwaige Heimkehrer zu verstehen ist. Mag sein, dass man in den Restaurants von Prishtina inzwischen wieder ungestraft serbisch reden darf, Svinjare soll albanisch bleiben. Von über 100 vertriebenen serbischen Familien aus dem Dorf sollen fünf zurückgekehrt sein. Außer drei steif gefrorenen Hemden an einer Wäscheleine gibt es vor Ort kein Lebenszeichen.

    Wenn man schon einmal in Svinjare ist, kann man auch noch die drei Kilometer weiter nach Mitrovica fahren, was die Stimmung allerdings nicht hebt. Der Fluss Ibar teilt eine Ansammlung zernagter Mietshäuser und Industrieruinen in eine albanische und serbische Hälfte. Dort stand am Neujahrstag 2000 Bernard Kouchner, der erste Chef der UN-Mission, mit einem Ölzweig in der Hand auf der Brücke und forderte beide Seiten auf, Versöhnung statt Rache zu wählen. Die Brücke blieb eine Spießrutengasse für jene Albaner, die das Pech hatten, in einem der drei albanischen Hochhäuser auf serbischer Seite zu wohnen, im März 2004 mussten KFor-Panzer die beiden Gruppen trennen. Heute ist es nicht friedlich, aber ruhig, weswegen man in Ruhe die Ruinenlandschaft von Roma Mahala studieren kann, dem ehemaligen Wohnviertel der Roma, das die Kosovo-Albaner nach dem Abzug der serbischen Truppen im Juni 1999 sofort und gründlich zerstörten.

    Die nördliche Seite des Flusses markiert weiterhin den Beginn des »serbischen Kosovos«, eines von Hardlinern beherrschten Territoriums mit einer von Belgrad finanzierten Parallelverwaltung, serbischen Autokennzeichen und Fotos radikaler serbischer Nationalisten an den Häuserwänden. Wie dieses Gebiet in ein von Albanern dominiertes unabhängiges Kosovo eingegliedert werden soll, weiß noch niemand.

    Dezentralisierung heißt derzeit das magische Wort in Wien, wo Delegationen aus Prishtina und Belgrad unter UN-Vermittlung über den zukünftigen Status der Provinz verhandeln. Kosovarische Kommunen, vor allem die mehrheitlich serbischen, sollen ihre Krankenhäuser, Schulen und Kulturstätten mit Einnahmen aus Gemeindesteuern selbst verwalten dürfen – vorausgesetzt, es gibt dann genügend Bürger, die Steuern zahlen können. Ein Jobwunder wäre hilfreich.

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    Die Arbeitslosenrate liegt bei fast 50 Prozent. Tendenz steigend. Nicht dass es keine wirtschaftlichen Aktivitäten gäbe: Fast 1500 Tankstellen säumen die Straßen des Kosovo. Viele versuchen ihre Betriebskosten auf dem übersättigten Markt mit gepanschtem Benzin zu senken. Das Hinterland ist übersät mit Baustellen: zwei- oder dreistöckige Wohnhäuser mit roten Ziegelmauern, geschwungenen Balkons, meist halb fertig und unverputzt, weshalb sie von weitem aussehen wie Rapunzelburgen aus Legosteinen.

    In diese Projekte fließt vor allem das Kapital der Auslandskosovaren, aber das ändert nichts an der ökonomischen Malaise. Die wird, soweit möglich, mittwochs um 13 Uhr im großen Kinosaal des UN-Hauptquartiers in Prishtina bekämpft, wo wöchentlich die Ergebnisse der jüngsten Privatisierungsrunde für kosovarische Betriebe bekannt gegeben werden. Kosovo Trust Agency heißt die hiesige Version einer Treuhandgesellschaft. Das Sagen hat hier Joachim Rücker, ehemals Bürgermeister in Sindelfingen, im Labyrinth der UN-Bürokratie zuständig für »Säule IV« – Wirtschaftsaufbau –, die die EU-Kommission finanziert.

    Mit Rücker zu reden wirkt – vor allem nach einem Besuch in Mitrovica – wie ein mildes Aufputschmittel. »Panik machen kann jeder«, sagt er und zählt auf, was das Kosovo zu bieten hat: Braunkohle-, Zink-, Blei- und Kupfervorkommen. Gerade hat sich der US-Konzern Phelps Dodge eine Lizenz für Probebohrungen besorgt. Außerdem ausbaufähige Winzereien, mehrere Bergbauunternehmen und bis zur Unabhängigkeit vielleicht auch eine finanz-und wirtschaftspolitisch ausgereiftere Regierung. Gerade hat sie an den Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Absichtserklärung für einen fiskalisch strengen Haushaltskurs abgegeben. »Das finanzpolitische Abitur«, sagt Rücker. Bei aller Skepsis gegenüber der Politik des IWF ist das eine gute Nachricht, wenn man sich die Budget-Politik kosovarischer Minister in den letzten Jahren ansieht.

    Und was ist mit der Korruption, über die so viele Kosovaren jammern? Rücker hebt ergeben die Hände. Soll heißen: nichts, was über die Gepflogenheiten auf dem Balkan hinausginge.

    Erst beim Thema Strom trübt sich seine Stimmung. Nach sieben Jahren Wiederaufbau gibt es weder eine durchgehende Versorgung noch eine akzeptable Zahlungsmoral. Viele Kosovo-Albaner haben für die Rechnung kein Geld, viele zapfen den Strom wie in alten Zeiten einfach ab, Kosovo-Serben wiederum zahlen aus politischen Gründen grundsätzlich nicht, weshalb er in ihren Gemeinden auch am häufigsten abgestellt wird. »Pay your bills and things will get better«, lautet Rückers schwäbisch-amerikanisches Mantra, wenn er mit dem kosovarischen Energieminister durch die Provinz zieht. »Zahlt eure Rechnungen, und die Lage wird sich bessern.«

    Werden die Dinge besser? Auf den Dörfern misst man den Fortschritt nicht in Investitionen. Weil keine kommen. Hier haben andere, unerhörte Umwälzungen stattgefunden. Shishman in der Gemeinde Gjakove, durch eine verschlammte Fahrrinne mit dem Rest der Welt verbunden, ist ein Dorf fast ohne Männer. Ihre Gesichter sind omnipräsent – auf den schwarzen Grabsteinen und den umkränzten Fotos in den Häusern. Die meisten Leichen hat man nach dem Abzug der Serben gefunden – auch die des Bauern Alim Jaha. Über 2000 Kosovo-Albaner gelten immer noch als vermisst, davon mehrere hundert aus der Gemeinde Gjakove. Der Schatten dieses Krieges hält sich.

    Shpresa Jaha kam im Herbst 1999 mit ihrem Sohn und ihrer Tochter aus dem Flüchtlingslager in Albanien zurück, begrub ihren Mann, baute das halb verbrannte Haus und den Bienenstock wieder auf. Es war ein gewagter Schritt, denn Witwen zählen im ländlichen Kosovo nicht viel – schon gar nicht, wenn sie keine Söhne geboren haben. Viele wurden von der Familie des Mannes nach dem Krieg gar nicht mehr ins Haus gelassen, wurden zum zweiten Mal Vertriebene. In Shishman und den umliegenden Dörfern war diese archaische Tradition nicht mehr praktikabel. Zu viele Männer waren erschossen worden. Man brauchte die Frauen.

    In manchen Gegenden haben die Frauen die Regie übernommen

    20 Witwen aus der Gegend sind an diesem Tag in Shpresa Jahas kahles Haus zum »Imkerinnen-Lehrgang« gekommen – Alte mit runzeligen Walnussgesichtern, junge Bäuerinnen mit abgearbeiteten Händen, die eine Zigarette nach der anderen rauchen. Shpresa Jaha züchtet die besten Bienen in der Gegend, sie verkauft den besten Honig – acht Euro das Kilo. Das sollen die anderen nun lernen, um ihr Einkommen über die 62 Euro Witwenrente hinaus aufzubessern. »Den Futterkasten regelmäßig säubern«, sagt Shpresa Jaha, die mit ihren 32 Jahren aussieht wie 18. Nur die Augen sind alt. »Und die Bienenstöcke im Winter gut mit Zeitungspapier isolieren.« Jede ihrer Schülerinnen wird in ein paar Wochen mit einem halben Dutzend Bienen eine neue Karriere als Imkerin beginnen. In anderen Dörfern haben die Witwen Kühe oder einen Traktor für ein gemeinsames Landwirtschaftsprojekt bekommen. Initiiert wurde die Aktion von Medica Kosova, dem kosovarischen Ableger der deutschen Frauenorganisation Medica Mondiale, die seit Kriegsende in Gjakove eine stille Revolution angestiftet hat: Therapie für traumatisierte Frauen – egal, ob Albanerinnen, Serbinnen oder Roma – Gesundheitsdienst, Ausgabe von Verhütungsmitteln, Rechtsberatung für Witwen, die nun plötzlich über Eigentum, über Land, Vieh und Geräte verfügen.

    Und die Männer? Shpresa Jaha lächelt, öffnet die Tür zum Nebenraum, wo ihr Schwager den alten Dorfvorsteher zum Kaffee empfangen hat. Der Schwager liegt mit kaputtem Rücken auf einer Matratze, der Dorfvorsteher starrt mit leicht gerecktem Hals durch eine Sonnenbrille ins Leere. Er ist blind. Sie diskutieren über die bevorstehende Unabhängigkeit, mit der doch alles besser werden soll. Shpresa Jaha hätte auch ein paar konkrete Wünsche an die Unabhängigkeit: »Dass sie endlich die Straße teeren und wir fließend Wasser bekommen.« Und ein Zertifikat für ihren Honig, auf dem »Made in Kosova« stehen soll, damit man ihn auch jenseits der Grenze verkaufen kann. Wenn die Dinge nicht besser werden, wozu soll dann all das gut gewesen sein, sagt sie und deutet mit der Hand hinaus auf die Gräber.

  2. #2
    Rehana

    Ruinen des von Albanern zerstörten Roma-Viertels von Mitrovica (oben). Witwen albanischer Bauern, die von Serben erschossen wurden

    Fotos: Andrea Böhm

  3. #3

    Registriert seit
    12.03.2006
    Beiträge
    3.755
    toller BEitrag....danke, sehr interessant zu lesen

  4. #4
    Rehana
    Zitat Zitat von Revolut
    toller BEitrag....danke, sehr interessant zu lesen
    Keine Ursache

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