Aus den Heldengeschichten unfertiger Staaten: Porträt eines Krieges namens "Angota" (alias Ante Gotovina), den der Zeichner Stic Cinik benutzt, um seine Geschichte des kroatischen Krieges zu erzählen.
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Vor hundert Jahren hatte in Wien die „Lustige Witwe“ Premiere, die Operette von Franz Léhar, in welcher der Gesandte eines sehr kleinen Landes beauftragt wird, in Paris eine vermögende Witwe zu heiraten, um die Staatsfinanzen zu retten.

Alles hängt von Graf Danilo ab; als er die steinreiche Dame in seinen Armen hält, steht das Schicksal seines Vaterlandes buchstäblich auf dem Spiel.

„Pontevedro“ klang indes verdächtig nach Montenegro, und der Zorn auf dem Balkan war groß. Man fühlte sich missverstanden, lächerlich gemacht, und so führte Lehárs Operette zu diplomatischen Verwicklungen.

Hundert Jahre später scheint sich nicht viel geändert zu haben: Noch immer lässt sich die Balkanregion als jener Teil Europas definieren, in dem es möglich ist, dass das Schicksal eines ganzen Staates in den Händen einer einzelnen Person liegt.

Aus dem stimmgewaltigen, letztlich harmlosen Verführer ist allerdings ein Verbrecher geworden, der vor das internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gestellt werden soll; Graf Danilo heißt inzwischen Ratko Mladic, Radovan Karadzic oder Ante Gotovina.

Und auf dem Balkan fühlt man sich genauso missverstanden und gekränkt wie vor hundert Jahren, weil die Kriegsverbrecher in den Augen der Bevölkerung Helden sind.

Eine ganze Nation als Geisel

Die Regierenden mögen diese Auffassung nicht immer teilen, aber trotzdem protestieren sie dagegen, dass die Aufnahme ihres Landes in die Europäische Union davon abhängig gemacht wird, was mit einer einzelnen Person geschieht oder nicht geschieht.

So hat ein General Mladic oder ein General Gotovina eine ganze Nation als Geisel genommen und, trotz all ihrer patriotischen Schwüre, bislang keine Bereitschaft gezeigt, sich für das Vaterland zu opfern wie einst Graf Danilo.

Dass das Verhältnis zwischen Europa und den betroffenen Balkanstaaten von Einzelpersonen bestimmt wird, kann man auch als Ausdruck westeuropäischer Arroganz interpretieren: Es heißt, jene Länder würden wie primitive, zweitklassige Staaten an der Peripherie des Kontinents behandelt.

Gewiss liegt ein Körnchen Wahrheit in dieser Kritik - auch was die Arroganz betrifft, hat sich seit Lehárs Tagen nicht viel geändert.

Dennoch ist da ein harter Kern unbequemer Tatsachen. Diese Staaten haben durch selbstverschuldete Kriege, durch ihr hartnäckiges Unvermögen, sich der modernen Welt anzupassen, und durch ihre Neigung, das Selbstmitleid der Selbsterforschung vorzuziehen, dramatisch an Bedeutung eingebüßt.

Sie sind von Armut, Kriminalität und Korruption heimgesucht, sie sind keine Rechtsstaaten im strengen Sinn, und sollten sie Anspruch auf intensive Aufmerksamkeit von westlicher Seite erheben, so würden sie in erster Linie als Sicherheitsproblem wahrgenommen.

„Mladic“ oder „Gotovina“ lassen sich als Etiketten für diesen Zustand betrachten, den man kaum verändern kann, ohne zuerst die Personen zu entfernen. Und doch gehören diese Staaten zu Europa; das gilt für Serbien, Albanien oder Makedonien genauso wie für Kroatien, und zwar viel mehr, als es jemals für die Türkei gegolten hat.

Nur der Lack ist europäisch

Aber Europa lässt sich nicht auf einen geographischen oder historischen Begriff reduzieren, nicht einmal auf kulturelle Gemeinsamkeiten.

Das Europa, um das es hier geht, hat weit mehr mit Rechtsstaatlichkeit zu tun, mit marktwirtschaftlichen und demokratischen Spielregeln, mit grundlegenden Werten und Institutionen einer Zivilgesellschaft und ihrer Fähigkeit zur Selbstreflexion.

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Ein Klasse Artikel in der SZ von heute