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Kroatien: Was vor der Haustür liegt

Erstellt von Yutaka, 21.01.2008, 09:13 Uhr · 1 Antwort · 801 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Yutaka

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    Kroatien: Was vor der Haustür liegt

    Kroatien: Was vor der Haustür liegt

    Da die Gewinner: postkom-munistische Geschäftemacher, die Tourismusindustrie und ein Gutteil der Jungen. Dort die Verlierer: die Alten und die Bevölkerung in den ehemaligen Kriegsgebieten. Kroatien heute: Erkundungen im nahen Unbekannten.


    Was vor der Haustür liegt und Vertrautheit suggeriert, ist nicht selten Terra incognita. Womöglich weiß der gebildete Mensch hierzulande über die Geschichte Nepals oder Kaschmirs, des Iraks oder Mexikos mehr als über jenes Land, in das Jahr für Jahr Heerscharen von Sommerfrischlern und Meereshungrigen pilgern. Das lässt sich an einfachen Beispielen demonstrieren: Wer kennt hierzulande den Barockschriftsteller Ivan Gundulic, der ein unvollendetes Epos über den türkischen Sultan Osman II. hinterlassen hat – oder den repräsentativsten kroatischen Autor des 20. Jahrhunderts, Miroslav Krleca? Wer hat je den Namen von Janko PolicKamov oder Milko Valent gehört, den beiden bekanntesten Autoren der kroatischen „schwarzen Moderne“?


    Die erstaunliche politische, kulturelle, sprachliche und geschichtliche Unwissenheit steht in krassem Widerspruch zu den politischen Leidenschaften, die die postjugoslawischen Kriege hierzulande Anfang der 1990er-Jahre ausgelöst haben. Jugoslawien scheint nur eine Projektionsfläche für die eigenen Konflikte gewesen zu sein, wobei – etwa aus traditionell linker Sicht, wie sie Peter Handke mit konsequenter Absurdität vorführte – die Serben als die Linken, die Helden gegen die Nazis und die Erhalter des Cevapcici -Kommunismus galten, während den Kroaten die Rolle der Bösis, der Zerstörer, der Klerikalisten und der summarischen Faschisten zufiel, eine Zuschreibung, die dem negativen Zerrbild Österreichs im Gefolge der Anti-Heimat-Literatur auf verblüffende Weise ähnelt.



    Gegen derlei Vereinfachungen lassen sich unverdächtige literarische Zeugen wie Milo Dor und Manès Sperber aufrufen. Die Geschichte Jugoslawiens jenseits aller nationalistischen Legendenbildung war die verschwiegene Geschichte von Gewalttaten, von Terror und Gegenterror, von Reaktion und Revolution, von Zentralismus und Föderalismus – viel zu verschlungen, als dass sie in der simplen Unterscheidung von Tätern und Opfern aufginge.


    Der Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien unterlag, ähnlich wie der der Sowjetunion und der Tschechoslowakei, einer unheimlichen Eigenlogik und Automatik. In atemberaubender Anknüpfung an die Revolutionen von 1848 und die sich daran anschließenden Nationalbewegungen wurde das Phantasma eines homogenen Raumes – ein Volk, eine Sprache, eine Kultur mit fixen inneren und äußeren Grenzen – rücksichtslos in die Tat umgesetzt. Macht der Ungleichzeitigkeit: Während im Westen vom Ende des Nationalstaates und von der zunehmenden Bedeutungslosigkeit von territorialen Grenzen im Zeitalter von neuen Medien und marktkapitalistischer Globalisierung gesprochen wurde, lieferten sich die zerstrittenen Erben der postkommunistischen Vielvölkerstaaten erbitterte Kämpfe um jeden Zentimeter Boden.



    [h2]Wie ein ausgefranster U-Haken[/h2]


    An der höchst skurrilen Gestalt des kroatischen Territorialstaates, der wie ein ausgefranster U-Haken in die Balkan-Halbinsel hineinragt, lässt sich dessen bewegte Geschichte ablesen. In dieser Form hat Kroatien zuvor niemals existiert – weder als habsburgische Provinz noch zu Zeiten des Ustascha-Staates, der Bosnien und die Herzegowina umfasste, während beträchtliche Teile des heutigen Nationalstaates, Istrien, viele Inseln und Teile der dalmatinischen Küste zu Italien gehörten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte Kroatien zum maritimen Land schlechthin. Das kroatische Fernsehen beginnt seinen Sendealltag frühmorgens mit glücklichen Bildern des „Jadranska More“, mit Tauchern und Seglern. Was jahrhundertelang ein sprachlich unentwirrbares romanisch-slawisches Gemisch gewesen ist, wird heute Inbegriff des Kroatischen. Immerhin lässt sich zugunsten der kroatischen Politik sagen, dass dieses romanisch-italienische Element nicht einfach völlig verdrängt wird: So sind zum Beispiel in Pula alle Straßenschilder zweisprachig- das könnte ein gutes Beispiel für viele Regionen sein, die mit dem Fluch von Grenzfehden und Vertreibungen belastet sind.


    Der Vielvölkerstaat Jugoslawien, aus der Habsburgermonarchie hervorgegangen, war auch ein Erbe ihrer inneren Probleme. Die Staatsgründung begann mit einem Missverständnis: während nämlich der bereits existierende serbische Nationalstaat die Gründung Jugoslawiens als Ausweitung des Territoriums vor dem Hintergrund der eigenen Staatsidee begriff, was auch nicht selten einschloss, die Kroaten als katholische Serben zu betrachten. Für die Kroaten wiederum war dieser Staat die Neugründung eines Staates, der, wie die Monarchie, auf föderalen Prinzipien beruhen sollte. Argwöhnisch durch die jahrzehntelang erlittene ungarische Suprematie, sahen sie sich abermals mit einem mächtigeren Zentrum konfrontiert, dem gegenüber sie sich bäuerlich-peripher ausnahmen und in die Rolle des ewigen Zweiten gedrängt sahen. Lange vor dem Triumph der Ustascha war das erste Jugoslawien ein überaus fragiles Gebilde, so zerbrechlich und vordemokratisch wie die Erste Republik.


    In einem haben jene österreichischen Kritiker Kroatiens, die sich noch immer nicht mit dem nationalen Kleinstaat vor ihrer Haustür abgefunden haben und dem Vielvölkerstaat Jugoslawien nachtrauern, recht: Die kroatische Nationskonstruktion gründet sich – ähnlich wie jene der Slowakei – auf eine höchst bedenkliche Vorgeschichte, beruhten doch beide dieser kurzlebigen Nationalstaaten auf Regimen von Hitlers (und Mussolinis) Gnaden. In der Logik des postmodernen Nationalismus wurde eine eigentlich peinliche historische Situation affirmiert, die nun „organisch“ in eine Nationalgeschichte eingebettet ist, wie wir sie von nahezu allen europäischen Nationen kennen: mit der Fiktion, dass das „eigene“ Land immer schon existiert hat.


    Wie du siehst, hat mich keiner der Kriege umgebracht, und kein Gericht hat mich verurteilt“, sagt die Mama in Ivana Sajkos bösem Theaterstück „Europa“. Auch in Kroatien werden heute die Archive und Landkarten des kollektiven Gedächtnisses umgeschrieben, umgedeutet, umfrisiert. Was noch vor 20 Jahren obenauf lag, das ist entweder in den Orkus des Vergessens entrückt oder gerät in die Nähe des Kriminellen. Umgekehrt lässt sich so manches Verbrechen nunmehr als Widerstand gegen den Kommunismus interpretieren.

    Dass Tito, Name und Büsten, nicht zur Gänze im Museum des Vergessens gelandet ist, hat wohl hauptsächlich damit zu tun, dass sein Kroatentum zweifelsfrei feststeht und sich so eine wenn auch brüchige Kontinuität Kroatiens konstruieren lässt. Immerhin war Tito der Miterfinder des „Kroatischen Frühlings“ in den späten 1960er-Jahren, den er dann allerdings jäh stoppen ließ, als die Entwicklung seiner Kontrolle zu entgleiten drohte. Im Vergleich zu den krisengeschüttelten letzten Jahren des Vielvölkerstaates nehmen sich die 1970er-Jahre wirtschaftlich, kulturell und sogar politisch einigermaßen licht aus, aber eine kroatische Jugo-Nostalgie, Autorinnen wie Dubravka Ugresis und Slavenka Drakulis vielleicht ausgenommen, ist nicht in Sicht .


    Ach ja, die Sprache! An der Frage, ob das Serbische und das Kroatische zwei Sprachen oder zwei Versionen einer Sprache seien, sind sogar interuniversitäre Abkommen zerbrochen. Jedes der kroatischen Lehrbücher der vergangenen Jahre, die ich in die Hand genommen habe, beteuert mit Entschiedenheit, dass das Kroatische und das Serbische zwei verschiedene Sprache seien.

    [h2]Das „Was“, dreimal verschieden[/h2]


    So betont der Verfasser meines ersten Sprachlehrbuches, Stjepan Drilo, ganz stolz, dass er schon in der Ausgabe von 1973 auf die „Eigenständigkeit des Kroatischen“ hingewiesen und den Ausdruck „Serbokroatisch“ peinlich vermieden habe, der übrigens schon zu Zeiten der Habsburgermonarchie im Umlauf gewesen ist.


    Dabei ist der stolze junge kroatische Nationalstaat sprachlich keineswegs homogen, es gibt (von der istrianischen Sprachsituation, die durch den Einfluss des Italienischen geprägt ist, einmal ganz abgesehen) drei kroatische Sprachvarianten: kajkavisch (Zagreb und im Nordwesten), cakavisch (Istrien und nördliches Dalmatien) sowie ctokavisch (Slawonien und dalmatinisches Hinterland) – die Bezeichnungen leiten sich von den unterschiedlichen Wörtern für das Interrogativpronomen „Was“ ab.


    Zur Ironie der Geschichte gehört, dass das heutige Hochkroatisch mehr oder weniger auf dem Stokavischen beruht, das auch von Serben und Bosniern gesprochen wird. Dass sich gerade dieses durchsetzte, macht die These von den Separatsprachen Kroatisch und Serbisch besonders absurd. Ob sich die neuen nationalen Nachbarn jemals werden darauf verständigen können, dass sie verschiedene Versionen ein und derselben Sprache sprechen?

    [h2]Der Traum vom Lidl-Job[/h2]


    Es gibt viele Gewinner und viele Verlierer im neuen Staat: Die skrupellosen postkommunistischen Geschäftemacher, die Tourismusindustrie, die ehemaligen Kriegsherren, die Kriegsveteranen mit ihren Privilegien und ein Gutteil der jungen, gut ausgebildeten Generation gehören gewiss in die erste Kategorien, die älteren Menschen und die Bevölkerung in den ehemaligen Kriegsgebieten und an den Peripherien fallen in die zweite. Aber in Kroatien gibt es noch eine spezielle Gruppe von Verlierern: die Schriftsteller. Von einem „elementaren Unverständnis“ spricht Miljenko Jergovic, einer der renommiertesten Romanciers der jüngeren Generation. Ein kroatischer Autor, der heutzutage in Zagreb publiziert, ist vom Vertrieb bis zur medialen Präsenz auf einen Raum mit 4,5 Millionen Menschen beschränkt, während er früher von 30 Millionen Menschen wahrgenommen werden konnte.


    Momentan ist nicht viel los im Staate Kroatiens, und das ist nicht nur schlecht. Man lebt in zwei Zeiten, im Heute und irgendwann in den 1960er-Jahren. Nach dem Tod Tudjmans und dank eines kurzzeitigen sozialdemokratischen Intermezzos haben sich die demokratischen Strukturen unter konservativen Vorzeichen spürbar gefestigt. Die jungen Menschen, die ich als Gastprofessor in Zagreb unterrichtete, sprechen fließend Deutsch, sind nett und noch autoritätsfixiert, denken mehr ans Wochenende als an Krleza; dem historischen Pathos der Eltern, der unvermeidlichen Begleitmusik der Kriege, stehen sie einigermaßen verständnislos gegenüber. Sie träumen von einem gut bezahlten Job bei der Erste Bank oder bei Lidl und lernen Spanisch, Inbegriff leicht zugänglicher, erotisch getönter Freizeitkultur, weshalb das Spanische denn auch bald die alte Lingua franca der Region, das Deutsche, überflügeln wird.


    Ob Alt oder Jung: Der konsumistische Lebensstil, voran das neue Auto, ist geborgt, auf Pump und Plastikgeld gebaut. Konsumieren heißt bekanntlich vergessen: Das war es ja, was Mephistopheles Faust einzureden suchte. Glücklich ist, wer vergisst. Oder um noch einmal Miljenko Jergovic zu zitieren: „Der Krieg hat nichts erzeugt, der Krieg hat nur die Wirkungen verstärkt, die von selbst entstanden und bestanden.“


    Kapitalismus + Materialismus hat Kroatien erreicht, der westliche Lebenstil + Lebenssinn wird übernommen.Das alte vergessen.Die Gewinner sind die jungen Generationen die Verlierer die Menschen aus der alten vergessener Zeit.




  2. #2
    Avatar von Yutaka

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    Naja meine Mutter lebt ja in Kroatien, sie ist ein Person aus der alten jugoslawischer Zeit.Ihr gefällt Kroatien nicht mehr so

    Split zb. hat sich auch sehr verändert, im Sommer sagt Sie hocken die Menschen statt wie früher beisammen am Meer oder sonstwo nun in den hässlichen Shoppingzentren den ganzen Tag dumm herum.

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