Kosovo:
Serben und Albaner kämpfen um Berlin des Balkan

Von unserem Korrespondenten HELMAR DUMBS (Die Presse) 06.12.2006

Auch sieben Jahre nach dem Krieg regiert in der geteilten Stadt Mitrovica die Angst. Ein Lokalaugenschein.



KOSOVSKA MITROVICA. Gemächlich steuert ein herrenloser Hund auf die Austerlitz-Brücke von Kosovska Mitrovica zu. Serbischer Nordteil? Albanischer Südteil? Für ihn spielt das keine Rolle. Für die etwa 120.000 Einwohner der Stadt, einer Art "Berlin des Balkan", ist die Brücke über den Fluss Ibar hingegen zu einem Symbol geworden: Zu einem Symbol der Trennung, nicht der Verbindung. Verkehrte Welt im Kosovo.



"Zu Fuß auf die andere Seite? Viel zu gefährlich", meint die serbische Trafikantin, der die Frage augenscheinlich absurd vorkommt. "Warum sollte ich, es gibt ja dort keine Serben mehr, in den Häusern wohnen jetzt Albaner."


Bis zum Krieg 1999 lebten im Süden laut OSZE 300 serbische Familien, alle mussten fliehen. Umgekehrt waren im Norden fast 50 Prozent Albaner. Die meisten flüchteten in den Süden der Stadt.

Und die Angst ist allgegenwärtig. Auch die einheimischen Mitarbeiter von UN und OSZE bestehen meist darauf, im geschützten Jeep über die Brücke gebracht zu werden: "Sonst wäre ich sicher nicht hier", sagt eine Serbin, die bei den "Internationals" im Süden arbeitet. Spiegelverkehrt die Stimmung bei den Albanern. Wer nicht muss, meidet die "gegnerische", sprich serbische Seite, jeder Kosovo-Serbe gilt als Agent Belgrads, als potenzielle Gefahrenquelle.


Ganz strikt ist die Teilung dennoch nicht: Plötzlich stolpert man im serbischen Norden über ein Denkmal der Kosovo-Rebellenarmee UÇK. Hier im bosnischen Viertel und in einigen Hochhäusern entlang des Ibar harren die letzten albanischen Familien von Nord-Mitrovica aus. In den serbischen Stadtkern würde sie nicht gehen, meint eine albanische Verkäuferin: "Da schlagen sie mich noch zusammen."


Über die Jahre hat sich die fixe Idee der Gefährdung zum Selbstläufer entwickelt. Übergriffe und Todesopfer gab es vor allem 1999 und 2000, unmittelbar nach dem Krieg. Heute ist es weitgehend ruhig. Die Probe aufs Exempel will dennoch kaum jemand machen.

Valdete Idrizi musste 1999 von Nord- nach Süd-Mitrovica fliehen. Zwei Jahre später wagte sich die Albanerin kurz zurück, wollte nach ihrer Wohnung sehen und einige Sachen holen. Da wurde sie von sechs Serbinnen attackiert: "Und die französischen Gendarmen sahen zu."


Valdete ließ sich aber nicht entmutigen und gründete die multiethnische NGO "Community Building Mitrovica" (CBM). Zunächst in getrennten Büros auf beiden Seiten des Ibar. Nach sechs Monaten trafen einander die albanischen und die serbischen Mitglieder zum ersten Mal auf neutralem Boden in den Niederlanden.

Mittlerweile gibt es nur mehr ein Büro: Ein lebhaftes Stimmengewirr von Serbisch und Albanisch durchdringt die Räume. Schon viel in einer Stadt, wo nicht einmal ein gemeinsamer Ausflug albanischer und serbischer Schüler möglich ist: "Wir hatten schon alles organisiert, aber im letzten Moment zogen die Eltern der serbischen Schüler die Erlaubnis zurück", erzählt die Österreicherin Sonja Grabner, die für die OSZE in Mitrovica arbeitet. Der Schuldirektor hatte gemeint, es sei zu gefährlich.


Dem Frauenzentrum von CBM konnten anfänglich nicht einmal anonyme Drohungen etwas anhaben: Rund 30 Frauen drängen sich auf kaum 20 Quadratmetern, die Stimmung ist bestens. Eine Oase der Normalität in der geteilten Stadt: "Wir Frauen machen doch nie die Probleme", lacht die Serbin Rada. "Wir reden hier über alles, nur nicht über Politik", fällt ihr die Albanerin Myrvete ins Wort.

"Als wir herkamen, hatten wir viele schöne Ideen, wie man die beiden Teile der Stadt zusammenführen kann", erzählt ein UN-Vertreter: "Aber die Albaner haben kaum ihre Hand ausgestreckt, die Serben gar nicht." Heuer, im Jahr der Status-Gespräche, habe sich das Klima sogar verschlechtert.


Bessern könnte es sich über gemeinsame Geschäftsinteressen, meint Kosovo-Serben-Führer Oliver Ivanovic: "Man müsste eine Art Handelszone einrichten, wo Serben und Albaner in Frieden Geschäfte abschließen können. Und zwar außerhalb des Zentrums, außerhalb der Aufmerksamkeit." Schon jetzt gibt es einige Serben, die bisweilen über die zweite Brücke in den Südteil hinüber huschen, weil sie dort einen billigeren Händler entdeckt haben. In den Worten eines lokalen Journalisten: "Multiethnische Gesellschaft? Ich glaube nur an multiethnisches Geld."

also ich denke wie beim text schon erwähnt wird das sobald den menschen besser geht und wachstum in aussicht steht die menschen ihre nationalen gefühle für "sich behalten" und diese nicht gegenseitig gebrauchen um den konflikt zu schürren.