Eine Lanze für Mitteleuropa


"Mitteleuropa" als Motor der EU-Integration des Westbalkans und als Rezept gegen nationalistische und extremistische Tendenzen

Beim Europakongress in Wien wurde es als Auftrag an Österreich und seine Nachbarn formuliert.



Wien - Auch Schulklassen hatte man eingeladen, um den Eindruck einer elitären, abgehobenen Sache zu vermeiden. Anfangs saßen sie brav im hinteren Teil des Großen Redoutensaals der Hofburg. Dann wurden sie nach vorn gebeten, in den für die „hohen" Gäste reservierten Sektor, der sich nicht ganz gefüllt hatte. Auch eine Art europäischer Wiedervereinigung, und durchaus mit Symbolgehalt.


„1989 geteilt - 2009 geeint: Aufbruch in ein neues Europa". Der vom Wiener Außenministerium veranstaltete zweitägige Europakongress reiht sich in eine Fülle von Gedenkfeiern zum Mauerfall vor 20 Jahren. Aber die Organisatoren wollten ihm bewusst einen Zukunftsdrall geben. Und so ging es in der Diskussionsrunde mit Außenministern und Staatssekretären der „regionalen Partnerschaft" um eine neue Rolle Mitteleuropas innerhalb der EU. Außenminister Michael Spindelegger will die Partnerschaft mit neuem Leben erfüllen, wie er sagte. Dabei fiel auf, wie oft er das Wort Mitteleuropa verwendete, um gemeinsame Interessen dieser Länder innerhalb der EU herauszustreichen. Mitteleuropa verbinde „enger als das gemeinsame Band Europa".


Einig waren sich die Vertreter Ungarns, Polens, Tschechiens, der Slowakei und Sloweniens mit Spindelegger darin, dass die EU-Integration des Westbalkans (Ex-Jugoslawien und Albanien) in ihrem ureigensten Interesse ist.

Der polnische Europa-Staatssekretär Mikolaj Dowgielewicz sprach von einem „absoluten Schlüssel für die Glaubwürdigkeit der EU".
Für Spindelegger ist „Mitteleuropa als Gedanke auch eine gute Antwort auf nationalistische Tendenzen" als Folge der Krise. Dass hier akuter Handlungsbedarf besteht, unterstrich der ungarische Außenminister Péter Balázs. Ungarn und die Slowakei müssten sich angesichts zunehmender Aktivitäten von Extremisten sehr anstrengen, um ihre Probleme „auf der Basis gegenseitigen Respekts" zu lösen. Auch der slowakische Außenminister Miroslav Lajèák forderte von den politischen Führern „null Toleranz" gegenüber extremistischen Erscheinungen.


Eröffnet wurde der Kongress mit einer bewegenden Rede von Wladyslaw Bartoszewski: Als Vertreter einer Generation, „die alle Konsequenzen des Totalitarismus erlebt hat", wisse er, wie wichtig es sei, einer gemeinsamen Werte- und Friedensordnung anzugehören .
Bartoszewski nahm auch an der von Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid moderierten Kulturdebatte mit den Schriftstellern György Konrád (Ungarn) und Drago Janèar (Slowenien) sowie dem aus Kärnten gebürtigen Regisseur Martin Kušej teil. Kušej findet die Mitteleuropa-Idee „eine tolle Sache genau deshalb, weil sie nicht definierbar ist". Was schon vor dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs begonnen habe, setzte sich jetzt progressiv fort. Für Janèar war und bleibt die Mitteleuropa-Idee wichtig, weil sie keine Ideologie sei. Die historischen und kulturellen Gemeinsamkeiten bestünden weiter. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe, 29.5.2009)




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