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„Die Macht des Wortes versagt“

Erstellt von TigerS, 04.09.2006, 21:32 Uhr · 3 Antworten · 465 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von TigerS

    Registriert seit
    04.11.2005
    Beiträge
    7.474

    „Die Macht des Wortes versagt“

    „Die Macht des Wortes versagt“

    UN-Botschafter Wolfgang Petritsch über den Kosovo und die serbische Verantwortung


    Wolfgang Petritsch war Chefverhandler der Gespräche von Rambouillet – die 1999 zur NATO-Intervention in Serbien führten – und Hoher Repräsentant der internationalen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina von 1999 bis 20002. Heute arbeitet er als österreichischer UN-Botschafter in Genf. Georg Hoffmann-Ostenhof vom Nachrichtenmagazin „Profil“ bezeichnete den gebürtigen Kärntner einmal als den „seit Bruno Kreisky profiliertesten Außenpolitiker made in Austria“. Petritsch sieht eine gewisse Mitverantwortung der Serben in der Kosovofrage, „der sich die Menschen stellen müssen“ und richtet sich gegen eine ethnische Definition von Staaten am Balkan, wo – wie in Westeuropa – die ethnische Zugehörigkeit bloß ein Teil der persönlichen Identität sein sollte.

    Petritsch: „Musste viele Politiker entlassen“


    CHiLLi: Herr Petritsch, im Jahr 1999, während der Kosovo-Krise, waren sie Chefverhandler der EU. Kurz vor dem NATO-Bombardement waren Sie noch in Belgrad, um Slobodan Milosevic zur Annahme des Kompromissvorschlags zu bewegen. Er ließ sich nicht erweichen – und Sie reisten unverrichteter Dinge ab. Stunden später fielen die Bomben. Was ist das für ein Gefühl, wenn einem in letzter Instanz die Entscheidung darüber obliegt, ob es zu einem Bombenkrieg kommt oder nicht?
    Wolfgang Petritsch: Es ist ein sehr bedrückendes Gefühl, ein Gefühl der Ohmacht – man merkt, dass die Macht des Wortes und der Überzeugung versagt. Allerdings war das keine Entscheidung von mir, es war einfach das Ende der diplomatischen Straße, die hier erreicht wurde: Wenn die Bereitwilligkeit zu reden nicht mehr existiert – und das war bei Milosevic der Fall – dann gibt es keine Entscheidung, sondern der Prozess geht einfach auf die militärische Ebene über. Meine Kollegen und ich empfanden das als Niederlage. Wir waren nicht imstande, den abgebrochenen Dialog wieder aufzunehmen. Allerdings war der jugoslawischen Seite auch von Anfang an klargemacht worden, was die Konsequenzen des Scheiterns der Verhandlungen sein würden: Die NATO hatte ihre Act Order bereits ausgegeben. Im Oktober 1998 wurde dieser Automatismus, der die militärische Option vorsieht, etabliert – und unter diesem Damoklesschwert haben wir die Verhandlungen geführt.

    CHiLLi: Kürzlich hat Martti Ahtisaari, UN-Chefverhandler bei den Kosovo-Statusverhandlungen, von einer Kollektivschuld der Serben in der Kosovofrage gesprochen. Was halten Sie von solchen Aussagen?
    Wolfgang Petritsch: Er hat wohl gemeint, dass es eine gewisse Verantwortung des serbischen Volkes gibt. Hier muss man sehr genau unterscheiden: „Schuld“ ist eine moralische Kategorie, während „Verantwortung’“ mehr im rationalen Bereich liegt. Wenn es stimmt, dass Milosevic mehrmals vom serbischen Volk mit großer Mehrheit demokratisch gewählt worden ist, dann ist es klar, dass es hier eine gewisse Mitverantwortung gibt, der sich die Bürger Serbiens stellen müssen. Ob es klug ist, gerade in dieser Situation als Verhandler auf diese Verantwortung hinzuweisen, das möchte ich nicht kommentieren.

    CHiLLi: Aber die Serben werfen Herrn Ahtisaari vor, im moralisierenden Sinne von „Schuld“ gesprochen zu haben.
    Wolfgang Petritsch: Wenn das stimmt, dann ist das sicherlich von seiner Seite aufzuklären. Ich habe das eher so verstanden, wie ich das gerade interpretiert habe. Und tatsächlich ist es ja so, dass politische Prozesse Konsequenzen zeitigen – denken Sie nur an die territorialen Verluste Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

    CHiLLi: Finden Sie es gut, dass man – wie im Fall der Kosovo-Statusverhandlungen – Gespräche führt, bei denen die Mehrzahl der möglichen Ausgänge von der internationalen Gemeinschaft von vorneherein abgelehnt werden? Wären ergebnisoffenere Verhandlungen nicht besser, um auch die Albaner mehr in die Pflicht nehmen?
    Wolfgang Petritsch: Alles, was zur NATO-Intervention geführt hat – die Aberkennung des kosovarischen Autonomiestatus innerhalb Jugoslawiens, die Vertreibung der Albaner et cetera – hat vollendete Fakten geschaffen: Die Pflicht des Staates, seine Bürger zu verteidigen, wurde von Milosevic und seinen Leuten ins Gegenteil pervertiert. Das hatte natürlich Konsequenzen: Jetzt die Albaner aufzufordern, in den serbischen Staat zurückzukehren, so als ob nichts gewesen wäre, ist sehr viel verlangt. Hier setzt das Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes an. Man darf dieses Selbstbestimmungsrecht – gerade in multi-ethnischen Gesellschaften – nicht verabsolutieren, sonst kommt es zu einem bewaffneten Konflikt wie in Bosnien. Aber beim Kosovo, wo sich neunzig Prozent der Bevölkerung absolut nicht vorstellen können, zu Serbien zurückzukehren, muss man auf dieses Selbstbestimmungsrecht Rücksicht nehmen: Das sind die Fakten, die die möglichen Verhandlungsausgänge sehr beschränken. In Rambouillet beispielsweise haben wir ergebnisoffene Verhandlungen geführt: Hätte Milosevic dort eingewilligt, dann wäre das natürlich für Serbien weit besser gewesen als alles, was danach der Fall war – aber das war eben vor dem Krieg.

    CHiLLi: Aber wenn man die westliche Medienberichterstattung verfolgt, dann hat man den Eindruck, als wäre nur ein intolerantes Regime durch ein anderes ersetzt worden. Als hätte es damals wie heute ein Regime gegeben, das sich ausschließlich über eine Volksgruppe definiert und keine Minderheitenrecht gelten lässt.
    Wolfgang Petritsch: Wenn es so wäre – und es gibt Tendenzen in diese Richtung – dann wäre das schlimm. Das darf nicht passieren. Es kann nicht die Herrschaft der serbischen Minderheit durch die Herrschaft der albanischen Mehrheit abgelöst werden. Was der Kosovo braucht, ist ein Qualitätssprung – von einem ethnisch definierten Staat zu einem Staat der Bürger. Ähnlich wie in Westeuropa sollte die ethnische Zugehörigkeit bloß ein Teil der persönlichen Identität sein – aber nicht der einzig Bestimmende und vor allem kein Ausschließungsgrund in einem Staatsverband. Im konkreten Fall geht es im Kosovo darum, die Region multi-ethnisch zu organisieren. Allerdings wird dieser sehr junge Staatsbildungsprozess im Kosovo sicher noch auf Jahre hinaus von der internationalen Gemeinschaft begleitet werden müssen.

    CHiLLi: Aber wie will man sicherstellen, dass sich ein unabhängiges Kosovo-Albanien tatsächlich in diese Richtung entwickelt – also zu einer Staatsbürgerlichkeit, die nicht mehr am ethnischen Prinzip hängt?
    Wolfgang Petritsch: Die internationale Gemeinschaft und insbesondere die EU wird im Kosovo beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft noch eine ganz wichtige Rolle spielen. Man kann das in gewisser Weise mit dem bosnischen Modell vergleichen, allerdings sehr spezifisch auf den Kosovo zugeschnitten.

    CHiLLi: Welchen Ausgang erwarten Sie sich von den Statusverhandlungen?
    Wolfgang Petritsch: Ich rechne damit, dass es irgendeine Form der Souveränität geben wird, aber keine volle Unabhängigkeit. Ein Teil der Souveränität wird von der internationalen Gemeinschaft übernommen werden, ähnlich wie das in Bosnien der Fall gewesen ist – damit Demokratisierung und die Wahrnehmung von Minderheitenrechten sichergestellt werden kann.

    CHiLLi: Also nicht die geringste völkerrechtliche Verbindung mit Serbien? Diese Unabhängigkeit wird einzig durch die internationale Gemeinschaft beschränkt sein?
    Wolfgang Petritsch: Richtig, diese Beschränkung wird wahrscheinlich durch ein UN-Mandat erfolgen. Außerdem – und das ist eine Ironie der Geschichte – streben ja sowohl Belgrad als auch Pristina eine Art von, ich nenne es „Wiedervereinigung“ an, nämlich unter dem Dach der Europäischen Union. In Brüssel wird man sich am selben Tisch wieder finden. Wenn alles gut geht …

    CHiLLi: Was sicher noch einige Zeit dauern wird …
    Wolfgang Petritsch: Ohne Zweifel. Aber vielleicht hat diese Ironie der Geschichte auf die extremistischen Kräfte eine ernüchternde Wirkung. Letzten Endes kann sich die EU nicht aus diesem Raum zurückziehen – wir leben hier als Nachbarn und das wird auch in Zukunft der Fall sein.

    Interview mit Wolfgang Petritsch weiterlesen ... „Musste viele Politiker entlassen“



    http://www.chilli.cc/index.php?nofra...62-1-390&from=

  2. #2

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    11.391
    wie sagte die serbische regierung:
    "mehr als Autonomie weniger als Groß-albanien!"

  3. #3
    Avatar von tron

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    167
    Was soll das hin und her lass bei der UNO in NEW YORK die Welt entscheiden!

    Diese duplomati nütz eh doch nix!

  4. #4
    Avatar von tron

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    31.08.2006
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    167
    Was wir albaner verlangen ist sowieso "klein Albanien".

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